Lektorat, Wissenschaftslektorat: Was ist das?

Den Beruf des Lektors allgemeingültig zu beschreiben und abzugrenzen von anderen Berufsgruppen, etwa von Redakteuren, ist gar nicht so einfach. Lesen Sie in diesem Artikel daher meine eigene Definition und erfahren Sie, wie ich persönlich bei einem „Lektorat“ vorgehe, was mich als Lektor auszeichnet.

Übersicht dieses Artikels

Wann ist ein Wissenschaftslektorat notwendig?

Klar, ein freiberuflicher Lektor will Ihnen seine Dienstleistung verkaufen und besteht daher in der Regel auf seine Meinung, jeder Text müsse zu 100 % fehlerfrei und in jeglicher Hinsicht sauber sein, und sowieso könne das nur ein professioneller Lektor oder Korrektor garantieren. Aber seien wir mal ehrlich: Sie werden mit ihrer Arbeit auch promovieren, nachdem sie sich auf eigene Faust durch die Formatierung mit Word gekämpft haben, Layout und Typografie schon „irgendwie“ hinhauen und Sie Ihre Doktorarbeit haben gegenlesen lassen durch einen Kollegen, der sich nach eigener Aussage mit Kommasetzung ganz gut auskennt …

Dennoch gibt es Umstände, durch die sich Unterstützung durch einen Profi empfiehlt und möglicherweise sogar bezahlt macht. Beispiele?

Überforderung, Prokrastination, Motivation

Ihnen wächst das Projekt Promotion einfach über den Kopf und Sie brauchen jemanden, der für Sie zumindest in Hinblick auf Text und Publikation Struktur schafft, Ihnen Sicherheit bietet und garantiert, dass Sie das alles in absehbarer Zeit hinter sich haben werden. Diese verflixte Promotion! Wenn Ihnen jemand sagt, was Sie als Nächstes tun sollten, hilft Ihnen das sicherlich dabei, wieder voranzukommen. Ein Lektor motiviert Sie und identifiziert Tätigkeiten, die Sie rasch und mit weniger Aufwand promovieren. Ein professioneller Lektor nimmt Ihnen die Angst davor, endlich fertig zu werden.

Zeitmangel

Sie wollen oder müssen Termine einhalten, haben noch Familie, mussten sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter verknechten. Die Möglichkeit, Ihr Geld gegen Zeit, gegen viele Stunden Word-Fummelei und unendliche Überarbeitungs-Sessions einzutauschen, kommt Ihnen gelegen. Nutzen Sie sie.

Publizieren lernen

Sie streben vielleicht eine akademische Karriere an und werden nach Ihrer Promotion weiterhin publizieren. Ein erfahrener Lektor führt Sie sicher durch den Publikationsprozess und zeigt Ihnen den ein oder anderen Kniff, mit dem Sie Ihre Texte in Zukunft mit wenig Aufwand deutlich besser gestalten können. Mit einem Lektor haben Sie jemanden an Ihrer Seite, der Ihnen Sicherheit vermittelt, während Sie zum ersten Mal publizieren und promovieren.

Reputationspflege

Falls Ihre Dissertation in Zukunft eine Rolle für Ihre Karriere spielen wird; falls Sie versuchen, ein Publikum zu gewinnen, das über Ihren Fachbereich hinaus reicht; falls Sie damit rechnen, dass Ihre Arbeit von mehr Menschen als nur Ihren Prüfern gelesen wird: Lassen Sie lektorieren, lassen Sie korrigieren. Nur so können Sie sicher sein, dass Ihre Dissertation kugelsicher ist.

Welche Aufgaben kann das Lektorat einer Doktorarbeit umfassen?

lektoratSo, wie das Schreiben Dienst am Leser ist, ist ein Lektorat Dienst am Autor. Ein moderner Lektor ist gewissermaßen ein Manager, der dafür sorgt, dass Ihre verdammte Promotion endlich eingereicht und dann publiziert wird, ob nun als klassisches Buch in einem Verlag, als E-Book für Kindle und iPad oder als Website. Ein Lektor geht dabei in der Regel immer eine enge Beziehung mit seinem Autor und dessen Schreibe ein; eine Aufgabe, die anstelle starrer Arbeitsabläufe sehr viel Kreativität, Geduld und Einfühlungsvermögen fordert.

Das macht die Arbeit eines Lektors aus: Die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Menschen, die zeitliche Beschränkung und Intensität dieser Zusammenarbeit. Die oft sehr interessanten Texte, die er zu lesen bekommt. Vor allem die vielen unterschiedlichen Geschichten und Persönlichkeiten, die hinter den Texten stehen.

Ein Lektorat kann aus einem ganzen Strauß an Aufgaben bestehen. Nicht jeden Task muss der Lektor selbst erledigen, häufig reicht es, wenn er ihn organisiert. Wie ein guter Manager kennt ein Lektor seine Grenzen und ist in der Lage, Aufgaben an diejenigen zu delegieren, die es besser können.

Im Folgenden einige Aufgabenbereiche, die ein Wissenschaftslektorat à la Wolf umfassen kann.

Korrektorat und Redigieren

Aufgabe des Korrektorats ist es, den Text zu verfeinern, zu veredeln, und zwar unter verschiedenen Gesichtspunkten wie Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung oder Schreibstil. Dazu gehört es auch, das Textbild einheitlich zu gestalten, an bestimmte Normen und Konventionen anzupassen.

Textkritik

Was viele Kollegen als Fachlektorat bezeichnen, ist für mich schlicht und ergreifend Textkritik, Textkritik nicht im Sinne der literaturwissenschaftlichen Methode, sondern im wörtlichen Sinne als Kritik Ihres Textes. Ich unterscheide daher auch nicht zwischen den Leistungen „Lektorat” und „Korrektorat”. Für eine Textkritik muss ein Lektor nicht zwangsläufig Fachkenntnisse wie der Autor selbst besitzen; häufig ist es sogar besser, wenig Vorwissen zum Fachgebiet zu haben, weil der Lektor den Text so mit den Augen eines Laien liest und es ihm leichtfällt, Kauderwelsch aufzuzeigen. Natürlich ist es für den Wissenschaftslektor auch wichtig, wissenschaftlich denken zu können. So kann er auf argumentative Mängel oder kognitive Verzerrungen hinweisen, die dem Promovenden vielleicht entgangen sind.

Arbeit am Layout

Neben dem Inhalt der wissenschaftlichen Arbeit sind Schriftbild und Gesamtstruktur wichtig, machen die Arbeit zugänglich und erleichtern dem Leser das Textverständnis. Eine Dissertation wird in der Regel als Buch publiziert und muss so besonderen typografischen Ansprüchen und Normen genügen. Leider wird die eigentlich künstlerische Arbeit eines guten Typografen oft auf bloße „Formatierung“ in Microsoft Word beschränkt; andererseits sind wissenschaftliche Arbeiten meist auch nicht so aufwändig zu setzen wie etwa Zeitschriften, weil sie überwiegend aus Fließtext bestehen; die Anpassung des Layouts einer Doktorarbeit kann daher auch ein Lektor oder Korrektor übernehmen.

Coaching & Training

Autoren und mit ihnen auch Doktoranden sind ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Ein guter Lektor ist in der Lage, auf jeden Autor individuell einzugehen, auch mal ein Tränchen zu trocknen und dem Autor insgesamt einen sicheren Raum für die Fertigstellung und Publikation seines Werkes zu bieten. Ein guter Lektor ist ein Kümmerer. Zusätzlich sollte er dem Doktoranden auch bei Bedarf Kenntnisse in der Überarbeitung und Publikation von Texten vermitteln und sich selbst so nach und nach entbehrlich machen.

 

Weitere mögliche Aufgabenbereiche eines Lektors: Recherche, die Abklärung von Rechten oder die Kommunikation mit Verlagen.

Worauf Sie bei der Wahl Ihres Lektors achten sollten 

„Lektor“ ist in Deutschland keine geschützte Berufszeichnung und kein Ausbildungsberuf, auch wenn es ein Handwerk ist, das auf Traditionen beruht und viel Geschick erfordert. Um an einen guten Lektor zu geraten, orientieren Sie sich an folgenden Punkten.

Leistungsumfang

Viele Kollegen bieten einen großen Umfang an Leistungen an; sie arbeiten als Texter, Korrektoren oder Berufsblogger an vielen Baustellen und für unterschiedlichste Auftraggeber gleichzeitig. Dagegen spricht aus meiner Sicht nichts, insbesondere bei Berufseinsteigern, die erst noch ihre Steckenpferde ausmachen müssen. Vorteil für Sie könnten auch geringere Kosten sein, wenn Sie einen Allrounder beauftragen. Falls Ihnen aber Qualität wichtiger ist als der Preis: Suchen Sie einen Spezialisten, der zwar vielleicht teurer ist, dafür aber Erfahrung, weniger Kunden und weniger Stress hat, und so bessere Arbeit liefern kann. Ihre Dissertation wird es Ihnen danken.

Weiterhin: Ein guter Wissenschaftslektor wird Ihnen ein formales Angebot erstellen, das genau auf Ihre Doktorarbeit zugeschnitten ist, von dem er in der Regel nicht abweichen wird. Er sollte also gut kalkulieren und von vornherein seinen Arbeitsaufwand einschätzen können sowie Kalkulationsfehler nicht dem Klienten aufbürden. Angebot ist Angebot. Mischkalkulationen und Festpreise gehen bei derart individuellen Leistungen immer zulasten der Qualität der Arbeit – meine Erfahrung. Das Angebot enthält idealerweise auch eine exakte Leistungsbeschreibung.

Transparenz

Wie ein guter Arzt Ihnen immer genau erklären wird, was er tut, sollte ein guter Lektor keinen Zauber um Ihren Text und seine Arbeit veranstalten, sondern immer klar darlegen, was er wann, warum und wie macht oder unterlässt. Außerdem macht ein guter Lektor – wie auch ein guter Arzt – sich nach und nach möglichst überflüssig, indem er sein Wissen über die Gestalt von Texten an den Autor weitergibt. 

Wissensvermittlung

Aus der Transparenz ergibt sich ein weiterer Punkt, den ich für besonders wichtig halte. Eigentlich widerspricht er den Gesetzen des „Marktes“, weil unwissende Kunden oder Klienten mehr Milch geben, besser zu melken sind, sozusagen. Erstens aber sind Klienten keine Kühe. Und zweitens bedeutet die Preisgabe von arkanischem Wissen nicht zwangsläufig, weniger Geschäft zu machen. Win-win: Ein Lektor, der erklärt, wie ein Autor seine Arbeit auch ohne Lektor/Korrektor verbessern kann, zeigt immerhin, dass er weiß, was er tut. Sharing is caring.

Honorar

Die Sache mit dem Honorar ist heikel, insbesondere bei Freiberuflern wie mir, die ins Geschäft mit „Endverbrauchern“ kommen; Steuern, Versicherung, laufende Kosten, dazu noch die Erwartung vieler, möglichst billig billig Dienste geleistet zu bekommen. Freiberufler, die ihr Honorar zu niedrig ansetzen, kommen schnell in einen Teufelskreislauf, der durch den Zwang dominiert wird, sehr viele Kunden oder Klienten zu gewinnen, um überhaupt etwas zu verdienen; in der Regel leidet darunter die Qualität der Dienstleistung massiv. Auch hier spreche ich aus eigener Erfahrung. Zahlen Sie Ihren Lektor anständig, oder Sie werden möglicherweise doppelt zahlen.

Fachkenntnisse

Dass sich ein Lektor in Ihrem Fachgebiet bestens auskennt, halte ich für überflüssig. Zumal sie mit Ihrer Promotion ein Fachgebiet unter völlig neuen Aspekten erkunden sollten, to boldly go where no Professor and no Lektor has gone before. Ein entsprechend unbefangener Lektor hilft Ihnen, die Arbeit aus den Augen eines (relativen) Laien zu betrachten.

Auf der anderen Seite überblickt ein guter Wissenschaftslektor natürlich möglichst viele Gebiete der Wissenschaft und ist in der Lage, fachübergreifend zu denken; dort Impulse zu geben, wo der Doktorand gewissermaßen der Fachidiotie frönt und an seine Grenzen stößt.   

Stressresistenz und Geduld

Geduld und Stressresistenz, wichtige Punkte, die Sie leider vor Auftragserteilung nur schwer abklären können. Die Publikation einer umfangreichen Arbeit ist immer eine stressige Sache, insbesondere für Sie als Doktoranden. Ruhe bewahren, Überblick behalten ist daher oberste Devise des Wissenschaftslektors. Hier kommt auch die Sache mit dem Honorar ins Spiel – ein Lektor, der mit zu vielen Klienten gleichzeitig jongliert, programmiert seinen Burnout vor und wird Ihnen keine besondere Entlastung sein.

 

Sicher gibt es viele weitere Punkte, die Ihnen helfen können, einen Lektor einzuschätzen. Berufs- und Verlagserfahrung etwa, aber auch Kleinigkeiten, etwa wie er mit Kollegen umgeht, ob er selbst schreibend als Autor oder Blogger tätig ist oder wie er aussieht (Spaß :P). Lassen Sie sich letztendlich auch ein wenig von Ihrer Intuition leiten.

 

Abbildung oben: swamibu/Flickr, CC BY-NC 2.0