Pietsch

Halb vier klingelt Telefon, unbekannte 030, jut, denk ich, da will endlich jemand die Couch, ein Problem weniger, ich stell den Schrauber beiseite und geh ran. „Couch …“, stammelt einer lautstark und offensichtlich betrunken, „… is die noch zu haben“. „Ja!“, schrei ich. „Komm rüber, kiek dir an!“ „Abber, abber …“, stottert er. „Kiek dir erst ma an, wennde willst, nimmste glei mit!“, schrei ich. „Abber trägste …?“ „Ja klar“, schrei ich. „Ick schlepp dir mit rübber! Wolf is mein Name! Wolf! Ick wohn Seitenflügel, janz hinten links! Seitenflügel! Wolf!“ „Weeß ick, weeß ick doch“, sagt er. „Hatte schon mal Paket bei dir abjeholt, weeßte. Na dann, bin gleich da.“ „Allet klar“, sag ich und weiß jetzt auch, wer’s is.

Keine Ahnung, wie er heißt. Pietsch will ich ihn mal nennen. Pietsch klingelt. Pietsch, wie immer im abgeranzten Blaumann, ist hart betrunken und keucht. „Moin“, schrei ich ihn an. Mit Leuten wie Pietsch muss man schnauzen, der ist kein zarter Hipster-Koofmich mit brüchiger Kopfstimme und brüchiger Seele, wie ich einst, als ich noch keine Schnauze hatte; der ist ein Pietsch, so ein richtiger Franz Biberkopf, und die Stimme kenn ich außerdem gut von seinen lautstarken, vormittäglichen Hinterhofjesprächen.

„Komm rin, kiek dir an det jute Stück. Sisste. Noch einwandfrei, paar Kratzer, jeht schon, wa.“ „Jut, echt jut, wie neu.“ Er keucht schwer, stützt sich auf seinen Knien ab, dünstet Spirituosen aus. Ich will gleich anpacken und rüberschleppen, alles muss schnell gehen in diesen Tagen. „Scheiß Treppen, ey“, schreit Pietsch. „Off jeden, dritter Stock, wa“, lache ich, frag ihn: „Kriegnwer das Ding rüber? Hinterhaus wohnste, wa!“ „Na klar kriegnwer dit rübber!“ Er glotzt einen Augenblick lang empört drein. „Aber die scheiß Treppen, ey“, schreit er wieder. „Ruh dich erst mal aus“, sag ich, deute auf die Couch, übrigens so een oller, schwarzer, lederner Zweisitzer, der nicht mehr in mein Leben passt.

Ich sitz Pietsch gegenüber, der schielt extrem, seine Glüsen sind nur halb geöffnet, vielleicht ist ein Auge tot, kein Plan. Das ganze Face ist ziemlich deformiert, demoliert mit Schnauzer, unter der Pornoleiste die gelb-schwarzen Zähne total verbogen, durchlöchert. Auf dem Kopf paar fettige Haare. Nee du. Pietsch ist weder zugezogen noch Hipster, Pietsch ist einhundert Prozent Berlin. Meine Bude stinkt nach Hartalk. Wär das hier Dostojewski, würde ich jetzt den guten Русский стандарт aus dem Eisfach holen; aber das hier ist nicht Dostojewski, das ist Berlin Alexanderplatz, und ich trinke schon seit Jahren keinen Russian Standard mehr.

Pietsch erzählt mir jedenfalls von Hausverwaltung, Teilsanierung, Vollsanierung, ich denk dabei immerzu an Zahnsanierung. „Ick wohn erste!“, schreit er. „Erste! Die wollten, dass ick zweete ziehe, Tauschwohnung, wegen San… San… Sanierung.  Und du ziehst aus, oder wat?“ Ich nicke heftig, sein Blick wandert durch meine Bude. „Schonn wieder eener. Alle ziehnse aus.“ „Ick wohn ja nu ooch schon seit fümpf Jahrn hier“, schrei ich zurück. „Seit pfier oder fümpf Jahrn. Wird Zeit, wa!“ „Seit fümpf Jahrn schon?“ Er glotz mich erstaunt an. „Ick wohn da drüben seit siebnneunzich. Die wollten, dass ick eens höher ziehe, wejen Vollsan… Vollsan… Vollsanierung, verstehste. Nee, hab ick jesacht. Nee! Teilsan… Teilsan… Teilsanierung könnter machen, abber keen Voll…“ Seine Augen öffnen sich kurz und funkeln, er grinst, flüstert: „Oben drübber die Wohnung hattense jemacht, vollsaniert, und den ein Tach allet voller Pakete Fliesn. Und verjessen, abzuschießen.“ Er glotzt mich abwartend an, macht dann so eine einheimsende Geste. Ich nicke schnell, grinse, verstehe. Pietsch, wieder laut: „Dann hab ick den jesacht: Ihr könnt hier jern teilsanieren. Fliesn aber könnter von mir haben, jegen Baret, vasteht sich.“ Ich lache schallend ob Pietschens Chuzpe, ob der Rache des sogenannten kleinen Mannes, ob der Frechheit mit Gewure. Ich mag diesen Pietsch, ich mag ihn sehr. Ob er weiß, was „Chuzpe“ heißt? Wie man es schreibt, wie man es ausspricht? Auf jeden Fall könnte er’s googlen, weil das Päckchen, das er mal bei mir abgeholt hatte, war so ein Amazon-Päckchen. Ich lache also, und weil ich so lache, hellt sich auch sein Gesicht auf, im Rahmen des Möglichen. Wäre das hier Dostojewski, würde ich jetzt den Standard nachschenken und das leere Gläschen dann gegen die ungemalerte Wand pfeffern, auf die Hausverwaltung, auf olle Pietsch, auf Balin.

Er schnauzt jedenfalls immer weiter von Teilsanierung, Öfen, Schornsteinen und Gedöns, aber nach dem ersten betretenen Schweigen unseres Gesprächs steht er urplötzlich auf, ich steh auch auf und wir heben endlich den Zweisitzer an, um ihn aus der Wohnung zu wuchten. Pietsch kann auf jeden Fall zupacken, auch wenn er zwischendurch derart schwankt, dass ich denke, er rappelt gleich die „scheiß Treppen“ runter. Kurz darauf steht die Couch im Hinterhaus vor seiner Wohnungstür. Pietsch erzählt wieder von vorne seine Jeschichte, von wegen Teilsanierung, Vollsanierung, Wohnungsbaujesellschaft, lässt mich nicht zu Wort kommen, aber ihm reicht an Kommunikation, wie ich meine Fresse die ganze Zeit hin und her verziehe (staunend, heftig nickend, empört kopfschüttelnd).

„Rest krieg ick selbst rin“, meint er irgendwann, kramt nach seinem Schlüssel. Ich pack trotzdem noch mal mit an. Im Flur ist grauer Teppich verlegt, der Flur ist nicht größer als meiner; ein vergilbter Kühlschrank steht ganz hinten vor der Tür, die vermutlich ins Wohnzimmer führt, wie so eine Barrikade in sein ganz eigenes Stückchen Leben, wie so eine Mauer. Davor hockt eine kleine schwarze Katze und verschwindet gleich in das Zimmer. Wir wuchten die Couch, die kaum kleiner ist als der gesamte Flur, direkt unter den gleichen DDR-Sicherungskasten, den ich auch in der Bude habe, aus dem regelmäßig die scheiß Sicherungen fliegen, so Sicherungen, die man kaum noch zu kaufen kriegt. Vielleicht waren in dem Paket, das er damals abjeholt hatte, ja Sicherungen drin jewesen. Ich hab die Dinger auch immer über Amazon bestellt. Es müffelt nach Tabak, kaltem Rauch und Osten.

Ich reich ihm schließlich meine Pfote, er drückt sie unerwartet kraftlos. „Danke dir!“, schreit er. Und: „Zu so wat sacht mer doch nich nee, wa! Danke!“ Er nickt, schaut mir in die Augen, ich nicke auch. „Mach et jut, mein Juter!“, schnauz ich ihn an. „Lass dir nich unterkriegn, wa!“ Pietsch nickt noch einmal, und nachdem die Wohnungstür hinter mir geschlossen ist, denke ich: Dit is Berlin. Jenau dit is Berlin. Machstet jut, Berlin, und lass dir bloß nich unterkriegn.