Delirieren, rasen, toben

Februar 2012

Ca­putt­nik, so lau­tet der Spitz­na­me des Voo­chels, ich selbst heiße Carl (mit C), ste­he mal wie­der übelst ne­ben mir, al­so ne­ben dem ka­strier­ten Voo­chel, und die Sa­che ist die, dass Ca­putt­nik einen ent­schei­den­den Vor­teil den Bürgern ge­genüber be­sitzt, einen Vor­teil, der es ihm ermögli­chen wird, sei­nen Ver­stand endgültig zu ver­nich­ten: und zwar 30 Gramm reins­tes Cry­stal Meth, „Ad­iu­men­tum“, wie die In­tel­lek­tu­el­len in ih­ren Sa­lons und Zir­keln das Stöff­chen hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand nen­nen. Die Be­hin­di­lek­tu­el­len. Wo­bei der lie­be Ca­putt­nik das so­eben noch ein­mal nach­ge­wo­gen hat, es sind ex­akt 25 Gramm. 25 Gramm Gold­stan­dard-N-Me­thyl­am­phe­ta­min, wo­von er sich ge­ra­de ein hübsches Kriställ­chen auf dem Spie­gel zerhäck­selt und zer­schmiert – es duf­tet so fein, so ele­gant nach Am­mo­ni­ak –, um es dann im Takt zum Gna­den­los-Sound von Mo­de­rats „A New Er­ror“ genüss­lich in die Ne­benhöhlen zu säugeln.

Ah, wie das im Näschen zeckt, le voochèl coupé, il est ra­vi, denkt der präten­tiöse, po­ly­glot­te Teil­zeit­mon­go, während ihm die Che­mo den Ra­chen abwärts in Rich­tung Ma­gen ätzt. „Видна бройлер по полёту! Es ist der Fluch dei­ner Love!“, schreit er verzückt, we­delt mit den Ar­men, fragt sich so­gleich, ob er das ge­ra­de nur ge­dacht oder tat­sächlich ge­schri­en hat. Dann wird es dem Ca­putt­nik woh­lig warm, Schweiß­per­len kul­lern sei­ne Schläfen hin­ab, man schleu­dert dem Lauch Nor­ad­re­na­lin, Ace­tyl­cho­lin und Do­pa­min in die blas­se Fres­se, um Körper­lich­keit und Ta­ten­drang kräftig an­zu­kur­beln, denn er muss wach blei­ben, er muss frei blei­ben. Vi­gi­lia pre­ti­um li­ber­ta­tis, denkt man sich, ge­nau das ist das Mot­to die­ser schlaf­lo­sen Ta­ge und Nächte.

Über 20 Gramm Meff. Ca­putt­nik tanzt durch sei­ne Woh­nung, die Ge­dan­ken ra­sen, er grübelt fröhlich. 25 Gramm, dafür hätte ein Voo­chel wie er, der von Dea­lern schon des Öfte­ren ab­ge­zo­gen wur­de, wohl fast zwei Tau­sen­der hin­ge­blättert. Hätte. Hätte er es nicht sti­bitzt, und zwar sei­nem ein­zi­gen Freund Ratz. Natürlich nur, um ihn zu schützen, nur zu Rat­zens Bes­tem, denn der gu­te Herr Prof. Dr. Ratz kommt mit sei­nem adi­u­men­ta­len Kon­sum noch we­ni­ger klar als Ca­putt­nik persönlich. Fahr­rad­ket­te. 25 Gramm, in Wor­ten fümnzwan­zich! Bei Ca­putt­niks Kon­sum­ge­wohn­hei­ten könn­te das trotz tägli­chem Ge­brauch und mit­hil­fe ge­le­gent­li­cher Stre­ckung mit gewöhn­li­chem Speed und Kof­fe­in­pul­ver (so­wie ei­ni­gen Po­wer­naps zwi­schen­durch) paar Mo­na­te rei­chen, in et­wa drei bis vier an der Zahl. Geil, geil, geil. Ca­putt­nik knab­bert sich an den Lip­pen rum – drei Mo­na­te durch­ge­hend so rich­tig schön druf­fen. Er tanzt zu „Kar­ted“ von Ste­phan Bar­nem am Spie­gel des Klei­der­schranks vor­bei, grinst sein Eben­bild an, ruft ihm laut „Moin­sen!“ zu, freut sich sehr.

Dann ver­dun­kelt sich sein gla­si­ger Blick, ei­ne Art Furcht schiebt sich wie ei­ne Ge­wit­ter­wol­ke jäh vor die meth­am­phe­ta­min­ba­sier­te Fröhlich­keit. Haupt­sa­che, al­le Welt lässt ihn in Frie­den, denkt er. Haupt­sa­che, die Leu­te, die so­ge­nann­ten „Freun­de“ las­sen ihn die kom­men­den Mo­na­te ganz mit sich al­lein, blei­ben in ih­ren Löchern, blei­ben dort, wo ih­re Kif­fe wächst, las­sen den lie­ben Ca­putt­nik in al­ler Ru­he sei­nen kris­tallösen Törn schie­ben.

Angst. Ca­putt­nik ima­gi­niert, wie die Bürger ihn stres­sen, ihn vom Tätig­s­ein ab­hal­ten, vom Pro­gram­mie­ren, vom Grübeln, ge­ne­rell vom Druf­fen­sein. Wie sie ihn ab­zie­hen, ihm sein ge­lieb­tes Ad­iu­men­tum steh­len, so­dass er schla­fen müss­te. Nee du, denkt er, Kon­takt mit den Bürgern, jetzt, das darf nicht sein. Al­le ab­haun. Fri­ends, Be­kann­te, Kun­den: Ab­haun. Das Fi­nanz­amt, die Bul­len, die In­kas­so-Rus­sen und das Amts­ge­richt Tem­pel­hof-Kreuz­berg: Ab­haun. Die Leu­te, al­so Neh­scher Jens, Spi­der-Mi­ke, Fis­tel-Phil und so­gar Ratz: Ab­haun. Die Fa­mi­lie. Al­le, al­le ab­haun. So­phia auch ab­haun? So­phia … Ich bin mir nicht si­cher.

Ca­putt­nik braucht jetzt sehr viel Ru­he, schnüffelt pa­nisch die nächs­te Li­ne vom Meff, zieht Gri­mas­sen, tanzt zu „Lo­ne­ly C“ von Soul Clap durch sei­ne dunkle Bu­de, Staub­flo­cken wir­beln mit ihm durch die ab­ge­stan­de­ne, ver­qualm­te Luft. Er über­legt fie­ber­haft, wie er sich die Welt während der nächs­ten zwei Mo­na­te, bes­ser noch für im­mer vom Hal­se hal­ten könn­te, schnup­pert dann un­ter sei­nen Ach­seln, der Ge­ruch ist süßsau­er, wi­der­lich und geil zu­gleich, man zieht wei­ter Gri­mas­sen, führt das Selbst­ge­spräch fort.

Au­tis­mus. Das ist die Lösung, denkt er. Ca­putt­nik löscht spon­tan sei­nen Fa­ce­book-Ac­count und an­de­re Pro­fi­le im Netz, macht sein Fest­netz­te­le­fon un­brauch­bar, fum­melt den Ak­ku aus dem Han­dy (zwei SMS, ei­ne von der Mut­ter, ei­ne von Neh­scher Jens, löscht er vor­her un­ge­le­sen). Dann er­klärt er fei­er­lich den E-Mail-Bank­rott, ver­nich­tet die Po­steingänge sei­ner E-Mail-Adres­sen. „Al­le ab­haun, al­le ab­haun“, singt er in den Ein­raum und ruppt die nächs­te Bahn. Ca­putt­nik will Ru­he, Ru­he, Ru­he, täuscht ein Bur­nout vor, hat die Schnau­ze voll von Leu­ten, die stören ihn nur in sei­ner Druff­ness, la­bern hin­ter sei­nem Rücken, wol­len im­mer ir­gend­was von ihm, hal­ten ihn ge­ne­rell da­von ab, sei­ne Frei­heit zu le­ben, das zu ma­chen, wor­auf er schon im­mer so rich­tig Bock hat­te, nämlich die Ver­nich­tung sei­nes in­tel­lek­tu­el­len Selbst mit­tels ra­di­ka­ler Druff­heit.

Durch den Raum dröhnt „Re­pri­se“ von CO­MA, Ca­putt­nik tanzt wei­ter durch sei­ne Woh­nung, zieht die nächs­te Bahn Cry­stal, je­mand klopft von un­ten ge­gen die De­cke, schlaf­los im Krieg, der Führer hat es be­foh­len, al­le ha­ben sich Göring-Pil­len ge­pfif­fen, ha­ben von der gu­ten Pan­zer­scho­ki ge­nascht, man muss im­mer­zu wach­sam blei­ben. Wer ein­mal Gold­stan­dard-Cry­stal kon­su­miert hat, der ver­ach­tet herkömm­li­ches Am­phe­ta­min nur noch als Ho­moö­pa­thie für Hühn­chen. Bo­gaak! Ca­putt­nik dreht den Tech­no lei­se, vor­sichts­hal­ber, nicht, dass noch Bul­len we­gen Ru­hestörung an der Woh­nungstür po­chen. Oder Ratz.

Es klin­gelt. Herz­ra­sen. Ca­putt­nik löscht das Licht, fährt den Rech­ner run­ter, es klin­gelt noch ein­mal, er springt in sein Bett, streift sich zit­ternd die Ho­se, den Pull­over vom aus­ge­mer­gel­ten Leib, zieht die De­cke über den Kopf, hält die Luft an, stellt sich tot, es klin­gelt ein drit­tes Mal, ihr sollt doch ab­haun, al­le ab­haun, das Herz will sich nicht mehr be­ru­hi­gen, oxi­da­ti­ver Stress, ein Ma­gen­ge­schwür wird von frei­en Ra­di­ka­len gefüttert, Cor­ti­sol ka­ta­bo­li­siert den Ver­stand, trans­for­miert ihn in ki­ne­ti­sche und ther­mi­sche Ener­gie, es klin­gelt in den Oh­ren – aber an der Haustür bim­melt es kein vier­tes Mal, zum Glück. Ding-Dong, the klin­gel­bitch is dead. Ich at­me, ich dre­he durch. Man schleicht sich aus dem Bett, zieht sich lei­se wie­der an, legt ei­ne neue Bahn wi­der die Angst, die letz­te für heu­te, ver­spro­chen. Haupt­sa­che, die ver­damm­te Welt lässt einen in Ru­he.

Ei­ne Bahn, die es in sich hat! Pa­lim, pa­lim. Je­mand fängt an, ab­zu­spas­ten. Obs an der Rein­heit des Cry­stal Meths liegt, an der ho­hen Do­sis? Klar, denkt man sich, zuckt da­bei nervös wie ein Tou­ret­te-Kran­ker, ze­le­briert Ge­sichts­fa­sching. Und am Schla­f­ent­zug. Ca­putt­nik sitzt am Schreib­tisch, döst, starrt in die Rau­fa­ser-Ta­pe­te wie in den Star­field-Bild­schirm­scho­ner von Win­dows 3.1, er kann nicht mehr den­ken, ver­liert die Kon­trol­le über sei­nen Körper völlig, gibt ständig Geräusche wie ein Af­fe von sich, ziem­lich be­hin­dert, spas­tisch, au­tis­tisch. Das Se­ro­to­nin-Syn­drom währt ei­ne knap­pe Stun­de, dann kommt der Be­hin­di­lek­tu­el­le lang­sam wie­der zu sich, legt sei­nen erschöpf­ten Wirtskörper auf das So­fa, me­di­tiert zu den Klängen von Bachs Bran­den­bur­gi­schen, die von bi­n­au­ra­len Beats, von Al­pha­wel­len un­ter­malt wer­den, sei­ne Hirnhälf­ten syn­chro­ni­sie­ren, ihn er­fri­schen sol­len.

Schließlich steht er auf, gestärkt wie Mi­cha­el Jack­son nach ei­ner Ses­si­on im Sau­er­stoff­zelt, will die nächs­te Li­ne le­gen, will wei­ter Busi­ness ma­chen, „Ca­putt­nik En­ter­pri­ses“ ist sein Großpro­jekt, wird ihn reich ma­chen. Wo­bei … er hält mit­ten in der Be­we­gung in­ne, ba­lan­ciert auf ei­nem Bein, über­legt, kratzt sich an den Ro­si­nen. Nee man, denkt er. Das geht so nicht mehr. Das darf. So. Nicht. Wei­ter­ge­hen. Ca­putt­nik kann nicht mehr, hat grad erst den E-Mail-Bank­rott er­klärt, sich wei­ter in Au­tis­mus, in sein in­ne­res Klos­ter zurück­ge­zo­gen. Ar­bei­ten geht jetzt erst recht nicht mehr. Das Busi­ness, das Start-up muss in den Pa­pier­korb ver­scho­ben, muss endgültig gelöscht wer­den. Kei­ne Auf­träge mehr, kein Kun­denstress, nischt mehr schrei­ben, nischt mehr pro­gram­mie­ren, kein gar nischt.

Lasst doch den ar­men Jun­gen in Ru­he, seht ihr denn nicht, dass der nicht mehr kann, dass der nicht mehr will? Mensch Ca­putt­nik, du Voo­chel. Noch 24 Gramm vom kris­tallösen Meff ver­blei­bend. Was soll nur aus mir wer­den? Mit Ra­ve, mit Tech­no und Feie­rei hat das doch schon lan­ge nichts mehr zu tun.

*

Stress. Und Sor­gen. Ei­ne Sor­ge in Ge­stalt ei­nes dum­men, un­ge­bil­de­ten Bürgers sitzt nun vor dem lie­ben Ca­putt­nik, be­schwa­felt ihn mit der fis­te­li­gen Stim­me ei­nes Ka­stra­ten. Der Na­me der Sor­ge lau­tet „Phi­lip“, die Sor­ge ist am dürren Hals täto­wiert, ein blau­er Schmet­ter­ling sucht das Licht, würde ins Ge­sicht flat­tern, wärs da nicht so dun­kel, hätten nicht Be­rufs­feie­rei und Dro­gen die­se Hack­fres­se hübsch häss­lich mo­del­liert, ei­ne man­nig­fal­tig zer­furch­te, ver­knöcher­te, mod­ri­ge Mett­fres­se, aus der ein Gold­zahn be­droh­lich fun­kelt. Gold und Queck­sil­ber im Maul er­ge­ben übri­gens ’ne Bat­te­rie, ’nen anständi­gen Ra­dio­empfänger, denkt Ca­putt­nik. Voll die Go­eb­bels­schnau­ze, die­ser Phil. Oh­ne Zwei­fel ein Mind-Con­trol-Op­fer der CIA, so ein ty­pi­scher SPIE­GEL-Le­ser. Angst.

Es ist der Vor­mit­tag ei­nes Diens­tags, Fis­tel-Phil hat grad mit Ca­putt­nik zu­sam­men was vom Cry­stal Meth ge­zup­pelt, ist be­geis­tert von der un­gewöhn­lich ho­hen Qua­lität des Stöff­chens, schnorrt sich gleich ei­ne zwei­te Bahn, muss so­dann plap­pern. Mon­sieur Ca­putt­nik macht das Bes­te aus der Si­tua­ti­on. Ist er nicht so­gar froh darüber, sich die ein oder an­de­re Sor­ge von der Le­ber re­den zu können? Nicht, dass ich in mei­ner Al­lei­nig­keit noch verrückt wer­de, nicht, dass ich demnächst in ei­ner Ge­schlos­se­nen ge­ra­de gerückt wer­den muss, gar zum Bürger und Ver­brau­cher ge­normt wer­de, wie Phil da­mals. Cry­stal-Phil. Ich steh im­mer noch ne­ben mir, die Er­fah­rung ist außerkörper­lich, man reißt mich zu­sam­men.

Phil raucht Marl­bo­ro, lei­det un­ter fis­te­li­gem Sprech­durch­fall, es gibt Dia­log und zum Nach­tisch Gänsefüße mit Le­ber­pas­te­te. Das se­mi-be­freun­de­te Ge­schwür nippt an sei­ner Co­ca-Co­la light, ras­pelt Süßholz wie im­mer, äußert Fol­gen­des: „Schau ma, Carl, mein Großer. Wir wol­len dir doch nix Böses oder so. Jens nicht. Ich nicht. Mei­ne Gu­te nicht. Nie­mand. Auch dein Kum­pel Mi­ke nicht. Die Leu­te ma­chen sich ein­fach biss­chen Sor­gen um dich. Wir hams ja al­le in letz­ter Zeit leicht übert­rie­ben mit dem Ge­feie­re, sags­te doch selbst, oder? Oder? Hab ich ges­tern erst mit Jens drüber ge­quatscht.“

Er hält in­ne, Schaum und Sei­fen­bla­sen quel­len ihm aus der Fres­se, das Bücher­re­gal hin­ter ihm flim­mert, als stünde es in der Wüste Ne­va­da. Ca­putt­nik bricht der Schweiß aus, er ist der Bur­ning Man, schnei­det Gri­mas­sen, zündet sich auch ’ne Kip­pe an, sei­ne Op­tik sta­bi­li­siert sich. Die Bücher müssen bren­nen. Phil fa­selt wei­ter: „Der kommt ja fast gar nich mehr klar. Aber sags ihm nicht, is nur mein ganz persönli­cher Ein­druck.“

„Wer?“

„Na Jens. Ganz un­ter uns: Is mir bei dem lang­sam aber auch egal, du. Der hats eh ver­schis­sen mit sei­ner be­ruf­li­chen Zu­kunft und sei­nem so­zia­len Auf­stieg. Tut mir echt leid um das Po­ten­zi­al. Um das Hu­man­ka­pi­tal, so­zu­sa­gen. Aber du doch nicht, Großer! Du gehst kaum noch ans Te­le­fon, bist nicht mehr auf Fa­ce­book und so, rea­gierst nicht auf Nach­rich­ten, kommst nich ma mehr mit uns fei­ern. Mach uns doch nicht so ’nen Kum­mer, Großer. Dann dein Brief neu­lich nach der Fu­si­on. Al­ter. Al­ter!“ Phil zieht an sei­ner Kip­pe, drückt sie in den Aschen­be­cher, la­bert da­bei wei­ter: „Is ja ver­zie­hen, Schwamm drüber. Schlamm drüber.“ Er lacht hys­te­risch. „Na ja. Wir wun­dern uns halt nur. Is nicht bös ge­meint, echt nich, Großer. Wir pas­sen ein­fach nur auf­ein­an­der auf, okay? Hat­ten wir doch im­mer ge­sagt, oder? Oder? Hab ich dem Jens ges­tern auch ge­sagt.“ Er lässt von dem Stum­mel im Ascher ab, zündet sich die nächs­te von sei­nen Marl­bo­ros an, zieht gie­rig den Fil­ter heiß. „Der hat­te sich schon wie­der mit­ten in der Wo­che zwei or­dent­li­che Dipps ge­knallt.“

„Wer?“

„Na Jens, von dem ich die gan­ze Zeit quat­sche. Wer denn sonst? Du dippst doch nicht un­ter der Wo­che, oder? Na ja … Jetzt kack du mir mal bit­te nicht als Nächs­tes ab, Großer, mehr will ich doch gar nicht sa­gen. Mit wem soll ich denn sonst noch fei­ern ge­hen?“

Ca­putt­nik at­met durch, fi­xiert ei­ne Staub­flo­cke vor sei­nen Füßen, lächelt un­si­cher, zieht an sei­ner Flup­pe, stößt den Qualm seit­lich aus, nickt. Aus die­ser Si­tua­ti­on kann ich mich jetzt nur noch mit­tels Ver­stand, mit­tels Ein­sicht be­frei­en, denkt Carl, strei­chelt sich über die Stop­peln sei­ner Glat­ze, nu­schelt mit zu­sam­men­ge­press­ten Zähnen: „Ja, man. Hast ja recht. Ich weiß das an sich ja auch zu schätzen, okay? Aber glaub mir: Mit mir ist an sich al­les okay. Ich brauch eben manch­mal mei­ne Zeit nur für mich, um vor­an­zu­kom­men. Und ich geh halt ger­ne fei­ern, man. Du doch auch? Und be­ruf­lich läufts, das ist doch das Wich­tigs­te. Und ab und an zup­pel ich halt mal was, um ’nen Pro­jekt schnel­ler fer­tig zu be­kom­men, um länger am Stück pro­gram­mie­ren zu können und hin und her. Na und? Ca­putt­nik En­ter­pri­ses, du weißt. Das Busi­ness darf nicht still­ste­hen, der Cash muss flo­wen. Pepp hilft mir da­bei. Kennste doch. Machs­te doch auch. Und die an­dern ge­nau­so.“

Phil schielt auf den Zieh­spie­gel. „Ja, man, Großer. So­lan­ge man al­les auf die Rei­he be­kommt, klaro, kein Ding. Ich tanz ja auch pünkt­lich auf Ar­beit an, mach mei­ne Ver­träge, be­zahl Steu­ern, und wenn ich fei­ern ge­he, sag ich mir vor­her: Dann und dann ist Ab­fahrt, um ’ne fest­ge­leg­te Uhr­zeit geh ich de­fi­ni­tiv nach Hau­se, und bis da­hin kann ich ma­chen, was ich will. Speed zie­hen, fi­cken, Ke­ta, was auch im­mer. Her mit dem schönen Le­ben! Al­les kann, nix muss! Aber ich geh dann auch, wenn die Zeit um ist, de­fi­ni­tiv, und er­hol mich wie­der. Na und bei dir – ver­steh mich nicht falsch, Großer, is echt nicht böse ge­meint, Carl …“ Er hält dem Ca­putt­nik die Hände be­schwich­ti­gend ent­ge­gen, lacht, rümpft die Na­se, schnup­pert in den Raum. „Aber du lässt dich in letz­ter Zeit biss­chen ge­hen.“

Man springt auf, riecht de­mons­tra­tiv un­ter sei­nen Ach­seln. „Was? Du Honk! Hab ex­tra ge­duscht vor­hin, okay? Der Pull­over is paar Ta­ge nicht ge­wa­schen, geb ich ja zu. Aber ich lass mich doch nicht gehn! Von dem Zeuch hier kriegt man halt kras­se Schweißaus­brüche, wie von Kaf­fee. Du doch auch.“ Man deu­tet auf das Cry­stal, we­delt mit den Ar­men wie Ditt­sche, lacht, setzt sich wie­der hin, wischt den Spie­gel sau­ber.

Phil zündet sich ’ne Kip­pe an, schielt auf die Glut, quetscht den Fil­ter zwi­schen Zei­ge­fin­ger und Dau­men, bis kaum noch Rauch durch­kommt, bis er an der Flup­pe zut­schen muss. „Ja. Ich weiß doch. Legs­te mir auch noch ei­ne mit? Oder, nee … Komm lass mal, wir ham doch grad was ge­zo­gen. Großer. Ich muss nach­her noch auf Ar­beit.“

Ca­putt­nik zögert, schaut Phil an, lacht. „Na komm, die noch, und dann is Schluss. Dann mach ich auch ’n paar Ta­ge Pau­se, okay? Okay? Bis zum Wo­chen­en­de. Komm ich auch mal wie­der mit fei­ern. Kümmer mich hier vor­her biss­chen um mei­nen Scheiß. Dusch mich, ex­tra für dich. Räum auf. Fut­ter schön was. Leg mich schla­fen. Okay? Du musst ja kee­ne zie­hen.“

Phil lacht auch, freu­dig, ge­ra­de­zu er­regt, um nicht zu sa­gen hys­te­risch. „Wenn du ruppst, muss ich aber auch. Na los. Die letz­te für heu­te. Ganz weit vor­ne, ganz weit vor­ne.“

Ach ja, die Gier. Während Ca­putt­nik ein paar Kris­tal­le auf dem Spie­gel zer­quetscht und zerhäck­selt, Phil ’nen übert­rie­ben di­cken Joint baut, wer­den Ge­dan­ken ge­dacht. All die Am­phe, die durch die Adern und Ka­pil­la­re des Druf­fis wan­dert, nötigt die Grübe­lei zu wil­den As­so­zia­tio­nen, auch zu dem ein oder an­de­ren Gefühl­chen. Ca­putt­nik un­ter­drückt sei­ne Ge­reizt­heit, über­legt, wie er der Si­tua­ti­on schnellst­möglich ent­kom­men kann. Er will nicht, dass die Leu­te sich Sor­gen ma­chen, er will ein­fach in al­ler Ru­he zup­peln, will dann druf­fen sein, wann es ihm passt, will ent­spannt pro­gram­mie­ren und sonst­wie vor sich hin ve­ge­tie­ren. Aber bit­te kei­ne Sor­gen, kei­ne Pseu­do-Zu­wen­dung und der gan­ze Scheiß. Die Leu­te len­ken nur von ih­ren ei­ge­nen drecks Pro­ble­men ab. Kei­ner von den Lo­sern ver­steht, dass Sor­gen al­les nur noch schlim­mer ma­chen, wie ’ne selbs­t­erfüllen­de Pro­phe­zei­ung. Die Leu­te raf­fen ein­fach nicht, dass sie ei­gent­lich wol­len, dass er, Ca­putt­nik der Große, ab­kackt. Sie wol­len ihn ent­mach­ten, ent­haup­ten, ent­man­nen. Ein­zig und al­lein die Leu­te ha­ben Schuld an der gan­zen Scheiße hier.

Ein drecks Dra­madrei­eck, denkt Ca­putt­nik, während Wut in ihm auf­steigt. Has­te dich kaum ver­se­hen, auf ein­mal bis­te in­ner­halb des Freun­des­krei­ses nicht mehr der „Ver­fol­ger“ oder der „Ret­ter“, son­dern das „Op­fer“, der­je­ni­ge, um den sich al­le kümmern müssen, auf den sie al­le ih­re Sor­gen und wei­sen Ratschläge, ih­re su­per Tipps und Hoff­nun­gen eja­ku­lie­ren. Mir nichts, dir nichts ist man der Lo­ser, über den sie im­mer ganz in­ten­siv re­den, wenn er ge­ra­de nicht da­bei ist. Über den sie lästern. Über des­sen Ta­ten sie sich ih­re Mäuler zer­reißen. Bei dem sie Ge­spräche un­ter­bre­chen, be­tre­ten schwei­gen, wenn er sich in die Run­de ge­sellt.

Nerv. Ca­putt­nik knirscht mit den Zähnen. Die­se Ver­lo­gen­heit kotzt ihn an. Aber na ja, na ja. Und Phil, denkt Ca­putt­nik, Fis­tel-Phil, die Sack­rat­te, der Ver­fol­ger, der scheiß Be­rufs­feie­rer mit sei­ner zer­knit­ter­ten Druf­fi­fres­se. Und Phil will al­so, dass ich jetzt einen auf Op­fer ma­che. Nur da­mit ihn selbst nie­mand mehr für das Op­fer hält, das er in Wirk­lich­keit ist. Nicht mit mir, nicht mit mir, Freund­chen, denkt Ca­putt­nik fürder­hin; in ei­ner ima­ginären Ja­ck­en­ta­sche ballt sich ei­ne ima­ginäre Hand zur Faust, ein Mes­ser schnappt auf, will schlit­zen, will al­le Sor­gen aus dem Le­ben des Ca­putt­nik rit­zen. Zwei Li­nes Cry­stal Meth sind ge­legt, aus den Bo­xen ertönt „La Fee Ver­te“ von Da­so, das Zim­mer ist dank stin­ken­der Marl­bo­ros aus Słubi­ce stark ver­ne­belt.

„Hier. Prost, mein Gu­ter.“ Ca­putt­nik reicht Phil den Zieh­spie­gel und ein Röhr­chen.

Der zieht genüss­lich sei­ne Bahn, gibt ihm dann die Uten­si­li­en zurück. „Sag mal …“, druckst Phil rum, „… wie viel has­te ei­gent­lich noch von dem kras­sen Zeug?“

Ca­putt­nik, der ge­ra­de zup­pelt, muss hus­ten, schnüffelt den Rest vor­sich­tig ins an­de­re Na­sen­loch, legt den Spie­gel bedächtig auf den Tisch, dippt die Res­te mit dem Zei­ge­fin­ger, schmeißt das Röhr­chen ne­ben den Pa­pier­korb. „Wie­so? Nich so viel. Paar Grämm­chen? Ich werd schon erst ma Pau­se ma­chen, kei­ne Angst, hab ich doch ge­sagt. Ver­spro­chen.“

Phil druckst wei­ter rum: „Nee, nich des­we­gen, al­so doch, klar, des­we­gen natürlich auch. Uns würde al­len schon ein Stein­chen vom Her­zen fal­len, echt jetzt, Großer. Aber ich mein … Na ja … kanns­te mir noch bis­sel was ab­drücken? Für nach­her auf Ar­beit mein ich, da­mit ich den Tag durch­ste­he, und fürs Wo­chen­en­de? Egal, was es kos­tet. Koh­le bring ich dir die Ta­ge vor­bei. Kannst auch biss­chen was von mei­nem Speed ha­ben, ist halt nur nicht so gut.“

Ach. Da­her weht der Wind al­so. Ca­putt­nik fum­melt in sei­ner Ta­bak­pa­ckung rum, sucht auf dem vermüll­ten Tisch nach dem Dreh­pa­pier, stößt ver­se­hent­lich mit dem Fuß ge­gen die Tisch­kan­te, steckt sich einen Fil­ter zwi­schen die Lip­pen, fängt an, sich ’ne neue Zich­te zu dre­hen. „Klar“, sagt er. „Na, ich hab nur paar Gramm, wenn über­haupt. Das bleibt aber un­ter uns, ver­stan­den? So 0,5 könnt ich dir ab­drücken. Okay? Viel mehr hab ich lei­der nicht. Is aber auch sau­teu­er, gell. Sor­ry, aber ich müss­te dir dafür sech­zig ab­knöpfen. So viel hab ich auch für den Scheiß be­zahlt … Is aber auch su­per­gut, merks­te ja sel­ber. Käme mir so­gar ganz recht, is­ses we­nigs­tens schnel­ler al­le. Kannst es dir ja mit bissl Speed stre­cken.“

Phil lacht, ist sicht­lich er­leich­tert, als hätte er grad dick einen ab­ge­seilt, zündet den Joint an, hält ihn dem Ca­putt­nik hin. „Schönes Ding, Großer. Klar, nehm ich ger­ne. Bes­ser als nischt. Bleibt un­ter uns, ver­spro­chen. Eh­ren­sa­che.“

Ja­ja, die Sor­gen. Die Bürger. Die Leu­te. Denkt Ca­putt­nik, während er für Phil 0,4 Gramm vom Ad­iu­men­tum ab­zwackt, natürlich oh­ne ihn wis­sen zu las­sen, wie viel von dem wert­vol­len Zeug er in Wirk­lich­keit im Kühl­schrank ge­bun­kert hat (nämlich noch mehr als zwan­zig Gramm). Ja­ja. Die Leu­te, die Keu­len, die Com­mu­ni­ty. So sind sie. Ma­chen sich Sor­gen und hier und da, ma­chen einen zum Op­fer in ih­rem scheiß Dra­madrei­eck, tun so, als sei man auf dem si­che­ren Weg abwärts in Rich­tung Jun­kie, benöti­ge drin­gend ih­re Hil­fe. Mei­den einen dann, weil sie an­geb­lich nicht mehr wis­sen, wie sie mit ei­nem um­ge­hen sol­len. Weil man plötz­lich als „schwie­rig“ gilt. Aber wenn sie selbst was brau­chen, denkt Ca­putt­nik, als er Phil das Zip­per­bag mit den paar Bröck­chen Cry­stal auf den Tisch wirft; wenn sie selbst was brau­chen: dann kom­men sie an­ge­kro­chen. Kom­men an­ge­kro­chen aus ih­ren Löchern wie dum­me, kon­di­tio­nier­te, gie­ri­ge scheiß Rat­ten.

*

Ekel. Wei­te­re hell­wa­che Stun­den ver­ge­hen, Phil hat sich zum Glück wie­der in sein Loch ver­zo­gen, wird sich hem­mungs­los be­kif­fen und im Meth­am­phe­ta­min­rausch sei­ne rat­ti­ge Ol­le be­gat­ten. Ich steh im­mer noch ne­ben mir, werd gleich mit Neh­scher Jens sky­pen, was dem Ca­putt­nik natürlich ähn­lich un­ge­le­gen kommt wie ver­schim­mel­tes Speed von Spi­der-Mi­ke. Der Tech­no-Rent­ner Ca­putt­nik sehnt sich sehr nach Ru­he, nach ei­nem ge­re­gel­ten Ta­ges- und Nach­ta­blauf, er möchte un­gestört sein Gold­stan­dard-Meff kon­su­mie­ren, möchte pro­gram­mie­ren, möchte ona­nie­ren, möchte stress­frei wach blei­ben und die Ver­nich­tung sei­nes In­tel­lekts vor­an­trei­ben.

Narf, denkt er, während er sein Bücher­re­gal ent­staubt, die Bücher in ih­re al­te Rei­hen­fol­ge sor­tiert, ganz ak­ku­rat, fast wie im Re­gal von Mae­stro Ratz. Ganz oben die ver­gam­mel­ten Wer­ke Pla­tons, Nietz­sches, Goe­thes, Do­sto­jew­skis; in der Mit­te Co­el­ho, Fromm und Gedöns; un­ten mo­dern Ste­phen King, Hei­deg­ger, Kant und ähn­li­cher Dreck. Ich zieh mei­ne klei­ne Suhr­kamp-Aus­ga­be vom „Step­pen­wolf“ raus, pus­te zärt­lich den Staub ab und steck sie wie­der zwi­schen die an­de­ren Bücher, blätte­re dann in „Ber­lin Alex­an­der­platz“, grin­se, und le­se schließlich aus den „Auf­zeich­nun­gen des Mal­te Lau­rids Brig­ge“ einen mei­ner Lieb­lingssätze laut, den mit dem „ewi­gen Weg“, dem „Flug dei­ner Lie­be“. Wo ist ei­gent­lich der Stil­ler hin? Dann reißt Ca­putt­nik aus Ca­net­tis „Blen­dung“ die Sei­te mit der Wid­mung der Ex-Freun­din raus, knüllt sie, wirft sie ne­ben den Pa­pier­korb. Ich scheiß auf die Bücher.

Narf, denkt Ca­putt­nik ein zwei­tes Mal. So­und­cloud spielt „Fool“ von Nu, er shuf­felt ein biss­chen durch den Staub sei­ner Ein­raum­woh­nung, ra­siert dann Carls Schädel kahl, stutzt den Bart auf Drei­ta­ge-Ni­veau, zieht sich einen fri­schen Hoo­die über, reißt die Gar­di­nen auf, um Licht in die Bu­de zu las­sen. Staub zit­tert durch Son­nen­strah­len, So­und­cloud du­delt An­dré Lo­de­mann, „Whe­re Are You Now“. Goe­the, dem Il­lu­mi­na­ten, war am En­de sei­nes Le­bens nach mehr Licht. Die­ses in­ter­lek­tu­el­le Gol­lum. Dann eben mit Neh­scher Jens sky­pen. Weißbrot Ca­putt­nik ist je­den­falls vor­be­rei­tet, stinkt auch nicht mehr nach Schweiß, hat sich so­gar die Zähne ge­putzt und einen Ka­mil­len­tee ge­kocht.

Ca­putt­nik der Ka­put­te, Ca­putt­nik der Große, Ca­putt­nik der Packo snifft dann noch ei­ne Bahn vom Ad­iu­men­tum, kippt den Ka­mil­len­tee an­sch­ließend in der Küche in die Spüle, setzt Was­ser für türki­schen Kaf­fee auf, dreht sich die nächs­te Kip­pe, über­legt, dass Vi­deo­te­le­fo­nie doch ein sehr ge­eig­ne­tes Werk­zeug ist, um so­zia­le „Ver­pflich­tun­gen“ ab­zuwürgen; viel ef­fi­zi­en­ter als die­ses ner­vi­ge „re­al li­fe“. We­ni­ger Stress, we­ni­ger Narf, we­ni­ger Al­les. Die Leu­te sind zu­frie­den, al­le sind glück­lich, ein schönes Ding. Sie sind al­le ab­ge­haun.

Der Neh­scher Jens, das halb­schwar­ze Et­was, das ein­mal so et­was wie ein Freund ge­we­sen war, ist dann auch on­li­ne. Sein Pro­fil­bild ist ein Pic, auf dem er mit frei­em Oberkörper lässig und biss­chen schwul po­siert, ein Fo­to, das et­wa vier Jah­re alt ist. Ca­putt­nik chat­tet das We­sen an, Zwin­kers­mi­leys und ROFLs wan­dern durch Glas­fa­ser­ka­bel, schließlich wird te­le­fo­niert. Man hat sich länger nicht ge­se­hen und bringt sich auf den neus­ten Stand der Ber­li­ner Din­ge.

„Wie gehts dir sonst so, Di­cker? Schalt ma dei­ne Cam ein“, for­dert der Jens den dürren, re­gel­recht aus­ge­mer­gel­ten Di­cken dann auf.

Der ge­horcht prompt, klickt sich durch die Ein­stel­lun­gen, hat die Web­cam vor­her ex­tra so aus­ge­rich­tet, dass im Hin­ter­grund nur das auf­geräum­te Bücher­re­gal zu se­hen ist. „Siehs­te mich? Schöne Sa­che.“ Brei­tes, ver­le­ge­nes Grin­sen. Zwi­schen „ver­le­gen“ und „ver­lo­gen“ ists auch nur ein schma­ler Grat, denkt Ca­putt­nik, ein Grat, der aus nur ei­nem ein­zel­nen Vo­kal be­steht. Wenn des Neh­schers Pro­fil­bild schon vier Jah­re alt ist, kann ich auch einen ge­pimp­ten Hin­ter­grund präsen­tie­ren, recht­fer­tigt Ca­putt­nik in Ge­dan­ken sein Vor­ge­hen.

„Bei dir siehts aber rich­tig or­dent­lich aus. Jun­ge, Jun­ge.“ Jens staunt, Ca­putt­nik schlürft sein Käff­chen, schielt über den Rand der Tas­se in den vermüll­ten Teil sei­nes Zim­mers, den Jens grad nicht se­hen kann, nickt. „Da hat mir Phil ja ganz an­de­re Sa­chen von dir erzählt, Di­cker.“

Ca­putt­nik hus­tet einen Schluck von sei­nem Kaf­fee auf die Die­len. Nerv. Ge­nau das hasst er so ma­xi­mal, die­ses Über­ein­an­der-Re­den und den gan­zen Dreck – ab­haun, wünscht er, während er sich mit ei­nem Ta­schen­tuch den Mund ab­wischt. Al­le ab­haun. Er lenkt dann vom The­ma ab. Seit der Sa­che nach dem Fu­si­on Fes­ti­val gibt es mit dem Neh­scher nicht mehr viel zu be­re­den. Ca­putt­nik ver­schließt Carls emo­tio­na­len Keusch­heitsgürtel, ver­schluckt den Schlüssel und schnei­det das The­ma „Mi­ke“ an.

„Sag mal, Keu­le Jens, mein Gu­ter. Has­te mal wie­der was von Spi­der-Mi­ke gehört? Seit der so am Rad ge­dreht hat, mein ich? Seit­dem nichts mehr von dem Fre­ak gehört. Würd ja gern ma wis­sen, was mit dem geht. Ich will nix kau­fen und so, man, ich tret ja kürzer, hatt ich ja ver­spro­chen. Nur so, aus Neu­gier und biss­chen Mit­leid. Ich hab doch sonst kei­nen Ti­cker mehr am Start … wiss­te wie? Zum Glück … Du hast nix von dem gehört, wa?“

„Nee, Di­cker. Kein Plan. Aber hab über drei Ecken ver­nom­men, dass der grad ’ne Kur ma­chen soll. Hab ich aber nur gehört, kei­ne Ah­nung, obs stimmt.“

„Ne Kur? Was denn für ’ne Kur? Hier in Ber­lin? Ent­zug oder was? Frei­wil­lig? Kei­ne Klap­se?“

„Kei­ne Ah­nung. Hab ich nur so gehört. Viel­leicht auch Klap­se. Wird ihm ja auf je­den Fall ganz gut­tun, wa? Dass der mal sein Le­ben wie­der auf die Rei­he kriegt. Auf Dau­er Speed ver­ti­cken und Hartz, das kann doch nicht gut­ge­hen, ich weiß ja nich. Der soll sich mal end­lich ’nen anständi­gen Job su­chen.“

„Du sagst es. Viel­leicht ham­se ihn ja auch we­gen sei­ner Brief­mar­ken­samm­lung ver­haf­tet.“ Wir gluck­sen und la­chen gleich­zei­tig, und für einen Mo­ment ist al­les wie früher, als wir noch di­cke be­freun­det ge­we­sen wa­ren, ich und Jens, das „un­zer­trenn­li­che“ tur­bo-ver­peil­te Duo, die gei­len Säue, die Ber­lin und die Frau­en hier ge­mein­sam er­kun­det, klar­ge­macht hat­ten.

Fick früher, denkt Ca­putt­nik, man braucht kei­nen, schon gar nicht so ver­lo­ge­nes Vieh wie Neh­scher Jens und Fis­tel-Phil und wie sie nicht al­le heißen. Spi­der-Mi­ke viel­leicht, als Quel­le für fri­sche Am­phe, das reicht an Ge­sell­schaft. Wenn man Leu­te um sich braucht, geht man fei­ern oder fährt Straßen­bahn oder glotzt Por­nos.

„Di­cker, das muss ich dir noch erzählen, Phil war doch neu­lich hier. Was der mir erzählt hat!“ Auf dem Bild­schirm blähen sich die Lip­pen von Neh­scher Jens auf wie Luft­bal­lons, Ca­putt­nik möchte sie mit ei­ner Na­del at­ta­ckie­ren, möchte sie zum Plat­zen brin­gen. Da dies nicht möglich ist, furzt er statt­des­sen, in­dem er sei­ne lin­ke Arsch­ba­cke leicht an­hebt; ei­ne Art Qua­ken kämpft sich hoch zum Mi­kro. Als „Fro­schen“ könn­te man die­sen Vor­gang auch be­zeich­nen. Gut, dass kein Quark hin­ter­her ge­schos­sen kommt. Der Jens mit sei­nen fet­ten Lip­pen sieht aus wie Ker­mit der Frosch, fin­det Ca­putt­nik. Ku­ri­os, denkt er. Neh­scher Jens sieht aus wie ein Ker­mit in braun, Fis­tel-Phil klingt wie Ker­mit der Frosch. Ca­putt­nik un­ter­drückt ein La­chen so­wie den nächs­ten Furz, räus­pert sich. Tol­le „Kum­pel“.

„Na erzähl. Was hat er denn nun wie­der an­ge­stellt, der Fis­tel-Voo­chel.“

„Tu den ma nich im­mer Fis­tel-Phil nen­nen, weißt doch so gut wie ich, dass der das über­haupt nicht lei­den kann. Na ja, je­den­falls, was er mir neu­lich erzählt hat. Weißte, wie sei­ne Ol­le ihn manch­mal nennt?“

„Nö. Phim­mel? Phil­lus? Philz­stift, in An­spie­lung auf sei­nen Pil­le­mann? Der hat doch be­stimmt im­mer noch kei­ne Sack­haa­re, oder?“

„Schnau­ze jetzt. Nee, Di­cker. Sie ruft ihn manch­mal lie­be­voll ‚mein Ad­di‘.“ Jens lacht, die Lip­pen bers­ten endgültig. Der hell­brau­ne Neh­scher Rumm­ba­ba.

„Ad­di? Und? Was soll das heißen? Ad­dipös oder was? Der be­steht doch nur aus durch­ge­fei­er­ter Haut und brösli­gen Kno­chen.“

„Na ‚Ad­di‘, man, raffs­te nicht, Di­cker? Von ‚Adolf‘. Er ist ihr Ad­di, sie sein Ev­chen.“

„Orr, Keu­le, is ja übelst krank, man. Erzähl mir doch nich so was. Jetzt raff icks. Würd mir nich wun­dern, wenn die sich auch ge­gen­sei­tig aus­peit­schen. Übel. Der Föhrer höchst­persönlich und sei­ne Ge­spie­lin. Und Spi­der-Mi­ke ist sein Dok­tor Mo­rell, oder was?“

„Auf je­den, Di­cker. Bleibt aber un­ter uns!“

„Klaro.“

Dann klin­gelt bei Jens ein Te­le­fon, der ent­schul­digt sich, schal­tet das Mi­kro stumm, ver­schwin­det aus dem Bild. Ein Glück. Ca­putt­nik spur­tet in die Küche, um das nächs­te türki­sche Käff­chen zu­zu­be­rei­ten, sein Brain schal­tet zurück in den Grübel-Mo­dus, das Cry­stal, das er vor zwei Stun­den kon­su­miert hat­te, ka­ta­ly­siert die Ge­dan­ken nach wie vor. Fri­sches Speed wär jetzt auch nett, so als Bei­mi­schung für das Cry­stal, da­mit es länger hält. Der Spi­der-Mi­ke … In­ne Klap­se … Die ar­me Sau, denkt Ca­putt­nik. Aber ei­gent­lich ver­dient, so wie der am Hohldre­hen war. Das war ja schon ge­mein­gefähr­lich. So rich­tig kann Ca­putt­nik die gan­ze Ge­schich­te aber noch nicht glau­ben. Er setzt sich auf den Küchen­tisch, run­zelt die Stirn, rührt im krüme­li­gen Kaf­fee, sin­niert, zieht Gri­mas­sen wie Louis de Funès. Von wem soll er zukünf­tig nur fri­sches Speed be­zie­hen?

Nun spritzt ein biss­chen Kaf­fee in sein rech­tes Au­ge, ei­ne Son­ne geht in ihm auf, ei­ne Er­leuch­tung tut sich er­eig­nen, die Glüsen wei­ten sich wie die ei­nes Ko­bold­ma­kis. Nicht Jo­hann Wolf­gang von Goe­the, son­dern Jo­hann Hein­rich Merck, der al­te Me­phi­sto, hat den Schil­ler er­mor­den las­sen, aus Ei­fer­sucht. Ca­putt­nik wischt das tränen­de Au­ge rot, no­tiert has­tig in sein Smart­pho­ne die­sen ge­nia­len Ge­dan­ken, der Ge­schichts­schrei­bung und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft nach­hal­tig ändern und Ratz be­ein­dru­cken wird. Has­tig des­halb, weil ei­ne wei­te­re Ein­sicht bezüglich der Leu­te sich den Weg an die Ober­fläche sei­nes ver­d­ruff­ten Be­wusst­seins bahnt: Viel­leicht … Viel­leicht aber ist das mit Spi­der-Mi­ke al­les … ge­plant und ge­schau­spie­lert. De­fi­ni­tiv! Von Jens und Phil und den gan­zen an­de­ren Leu­ten, auch von Mi­ke. Nein, von Ratz, ge­nau! Von Ratz, dem Meis­ter vom Stuhl! Um Mi­ke, den Speed-Dea­ler, aus Ca­putt­niks Le­ben ver­schwin­den zu las­sen. Um Ca­putt­nik vom Am­phe­ta­min run­ter­zu­brin­gen, ihn wie­der zur „Be­sin­nung“ zu brin­gen. Ca­putt­nik nippt am Kaf­fee, ver­brennt sich da­bei der­be die Fres­se. „Das is doch scheiße!“ schreit er, den Kaf­fee schüttet er in die Spüle. Und Merck ist auch ein paar Jah­re vor Schil­ler ab­ge­nip­pelt, der kanns gar nicht ge­we­sen sein. Oder er hat­te den Mord noch vor sei­nem ei­ge­nen Tod in die We­ge ge­lei­tet.

So muss es sein, denkt Ca­putt­nik. Ir­gend­wie passt das al­les zu­sam­men. Qua­si ei­ne Ver­schwörung des Freun­des­krei­ses ge­gen ihn, ge­gen Ca­putt­nik den Großen. Freun­des­kreis natürlich in Gänsefüßchen, weil die Fi­cker hal­ten ihn, den König Ca­putt­nik, doch eh für verrückt, für ka­putt. Tru­man Show, oder was läuft hier? Die­se Arschlöcher. Hat­ten sich so ge­dacht: Wir müssen den Ca­putt­nik ret­ten, der Spi­der-Mi­ke, der tut dem gar nicht gut, der soll vortäuschen, er dre­he durch, da­mit der Ca­putt­nik zu sei­nem ein­zi­gen Am­phe-Dea­ler von sich aus jeg­li­chen Kon­takt ab­bricht. Da­mit der Quar­tals­feie­rer mal wie­der von sei­nem ho­hen Rotz, von der Feie­rei run­ter­kommt. Fehlt nur noch die ver­steck­te Ka­me­ra. Ca­putt­nik schaut sich pa­nisch um.

Nicht mit mir, denkt er, während fri­sche Wut in ihm auf­steigt. Die­se ver­schis­se­nen Gut­men­schen, denkt er wei­ter, wie er sie hasst. Stop. Has­sen? Man, das wa­ren mal mei­ne Freun­de … „Schnau­ze“, schreit Ca­putt­nik in die Küche. Scheiße. Hat­te er ei­gent­lich das Mi­kro am Rech­ner stumm ge­stellt? Man be­ru­higt sich un­ter großer An­stren­gung, steu­ert rüber. Auf dem schmie­ri­gen Bild­schirm sind wie­der Neh­scher Jen­sens Dol­ly-Bus­ter-Lip­pen zu se­hen, das Mi­kro­fon ist zum Glück stumm ge­schal­tet.

Die Hack­fres­se Jens plap­pert wei­ter: „Sag mal, Di­cker. Übernächs­te Wo­che will ich in mei­nen Dreißigs­ten rein­fei­ern. Würd mich übelst freu­en, wenn du auch kämst, und die an­de­ren auch. Wir wol­len dann al­le ins Berg­hain. Das möcht ich mir von dir als Ge­burts­tags­ge­schenk wünschen, dass wir uns ma wie­der se­hen, auf ein, zwei Bier­chen oder so. Komms­te mit? Auf die al­ten Zei­ten? Biss­chen fei­ern?“

Stimmt, Jens hat demnächst Ge­burts­tag, denkt Ca­putt­nik, über­legt gleich­zei­tig, wie er drum­rum kommt, um Ge­sell­schaft, ums Berg­hain, um die Leu­te und den gan­zen so­zia­len Scheiß, denkt dann an die Ver­schwörung. Sein Hirn rast, fin­det auf die Schnel­le kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge da­nach, wie die­ser Ge­burts­tag in die gan­ze In­tri­ge ein­ge­bet­tet sein könn­te, sagt mit nach in­nen ge­rich­te­tem Blick und me­cha­ni­scher Stim­me: „Klar. Den­ke schon. Is ja im­mer­hin dein Dreißigs­ter, Keu­le, wenn du dir das wünschst. Hör ma. Ich muss jetzt ma wei­ter­ma­chen. Wir quat­schen in den nächs­ten Ta­gen noch ma.“

„Al­les klar. Hau rein. Freu mich! Pass auf dich auf, Di­cker. Echt jetzt. Bis da­hin! Ach so. Und die Sa­che mit dem Brief: Ver­ge­ben und ver­ges­sen, okay?“

„Cool. Von mei­ner Sei­te aus auch. Dann bis demnächst.“ Ver­ge­ben und Ver­ges­sen? Natürlich ist nichts ver­ge­ben und ver­ges­sen.

„Ach so. Eins noch, fast ver­ges­sen, was Erns­tes, Di­cker. Da­nie­la soll sich das Le­ben ge­nom­men ha­ben, hab ich gehört.“

„Da­nie­la? Die Da­nie­la? Was? Warum denn das?“

„Kei­ne Ah­nung. Hab ich …“ Im Hin­ter­grund das Geräusch ei­ner Klin­gel. „Oh, sor­ry, Di­cker, muss dann mal, wir quat­schen später drüber. Machs gut!“

Da­nie­la? Wer war das noch mal? War das nicht die­se Gebärma­schi­ne? Man will es nicht wis­sen. Je­den­falls end­lich Ru­he. Und Hass. Der Voo­chel legt sich ’ne fri­sche Bahn Cry­stal, zündet ’ne Kip­pe an, denkt wei­ter über die Ver­schwörung nach, während das Zeug ihm lang­sam den Ra­chen run­terläuft, sei­ne Wir­kung ent­fal­tet, den Wirtskörper wie­der warm­bal­lert. Dann löscht Ca­putt­nik der Di­cke sei­nen Sky­pe-Ac­count.

*

Pa­nik. Ich seh mich im­mer noch von außen, es klin­gelt schon wie­der, das Herz rast. Nicht so schlimm, lass es hämmern, lass den oxi­da­ti­ven Stress, lass das Ad­rena­lin in Ru­he sich im Körper aus­brei­ten, der hält das auch noch aus. Das muss Phil sein, ver­mu­tet Ca­putt­nik, Phil, die­ses pseu­do-in­tel­lek­tu­el­le Ge­schwür, das die Koh­le fürs Cry­stal vor­bei­bringt, hof­fent­lich schnell wie­der ab­haut, Ca­putt­nik sei­ne er­sehn­te Ru­he lässt. Ca­putt­nik betätigt den Sum­mer, oh­ne die Ge­gen­sprech­an­la­ge zu nut­zen, packt sich wie­der vor den Rech­ner, star­tet ein DJ-Set na­mens „Thrills and Chills“ von Alex Mes­h­kov. Es klopft an der Woh­nungstür. „Komm rein, Phil“, ruft Ca­putt­nik. Dann ste­hen auf ein­mal Mae­stro Ratz und Spi­der-Mi­ke vor ihm. Was? Ca­putt­nik springt auf.

„Ratz! Welch ho­her Be­such! Moin, schönes Ding! Mi­ke, wo kommst du denn auf ein­ma her? Ich dach­te, du bist in … im Kran­ken­haus? Ihr kennt euch? Häh?“ Ei­ne Ver­wir­rung tut die Ge­dan­ken in Ca­putt­niks Schäddel ver­wir­beln, man bräuch­te jetzt ein paar Bah­nen fri­sches Ad­iu­men­tum, um mehr Struk­tur in die An­ge­le­gen­heit zu brin­gen. Lei­der reicht dafür die Zeit nicht. Ca­putt­nik hält al­so die Hand zum Ab­klat­schen hin, doch kei­ner der bei­den rea­giert dar­auf. Man tut einen un­si­che­ren Schritt zurück, stößt mit dem Rücken an sei­nen Büro­stuhl, denkt an Shi­ning, die­se Sze­ne, in der die Zwil­lingsmädchen un­ver­mit­telt in ei­nem Gang des Over­look-Ho­tels ste­hen, sich die Händ­chen hal­ten. Die bei­den sa­gen im­mer noch nichts, schau­en den Voo­chel ein­fach nur an. Es wird ihm nun sehr schlecht.

Dann aber sit­zen sie al­le ge­mein­sam in Ca­putt­niks Bu­de, die Droogs sind end­lich wie­der ver­eint, sie süffeln Jäger­meis­ter und Mo­lo­ko Plus, hören Lud­wig vans Neun­te, qual­men Selbst­ge­dreh­te, zup­peln aus­ge­las­sen vom le­cker Meff, das Ca­putt­nik der Sanf­te großzügig spen­diert. Die Stim­mung ist gran­di­os, man lacht, man erzählt Scho­ten, klopft sich auf die Schen­kel, holt den Ab­so­lut Vod­ka aus dem Ge­frier­fach, stößt an auf Ber­lin, auf das Le­ben, auf die Ol­len, die Feie­rei, die Freund­schaft. Es ist al­les wie früher.

Ratz erzählt stolz sei­ne neus­ten be­ruf­li­chen Er­fol­ge, be­rich­tet von sei­ner Dok­to­ran­den­stel­le an der Uni Leip­zig, der fast fer­ti­gen Dis­ser­ta­ti­on zur ana­len Fi­xie­rung in Hei­deg­gers Af­ter­phi­lo­so­phie, die vie­len Stu­den­tin­nen, wel­che er ständig klar­macht, demnächst dann als Dr. Ratz, der künf­ti­ge Meis­ter vom Lehr­stuhl. Ca­putt­nik und Spi­der-Mi­ke be­wun­dern und lo­ben ihn, be­fra­gen ihn neu­gie­rig über die Ge­heim­nis­se sei­nes be­ruf­li­chen Er­folgs, sei­ne vie­len Ol­len, sei­ne Frei­mau­rer-Lo­ge, sei­nen über­durch­schnitt­lich ho­hen IQ.

Man stößt an, ruppt die nächs­ten Bähn­chen, und Spi­der-Mi­ke erzählt von ei­nem großen De­al, den er jüngst getätigt hat, ein fet­ter De­al mit Gras und Am­phe, feins­ter Stuff, den er si­cher von Ams­ter­dam nach Ber­lin ver­frach­tet hat­te, was ihm dann einen Bat­zen grüner Schei­ne ein­brach­te. Nicht zu ver­ges­sen die Brief­mar­ken, die er bald über ein Auk­ti­ons­haus ver­kau­fen wird, die ihm min­des­tens hun­dert Mil­le ein­brin­gen wer­den. Die Brief­mar­ken! Hun­dert Mil­le! Ratz und Ca­putt­nik be­stau­nen das, be­wun­dern den Mut, den die­ser Hau­de­gen Spi­der-Mi­ke je­des Mal auf­bringt für sei­ne re­gelmäßig größeren, kom­ple­xe­ren Geschäfte, wünschen ihm, dass er bald aus­ge­sorgt hat, sich zur Ru­he set­zen kann, al­le teil­ha­ben las­sen wird an sei­nem Reich­tum, rau­schen­de Ses­si­ons aus­rich­tet. Man pros­tet mit­tels Jäger­meis­ter und Club Ma­te, lacht aus­ge­las­sen, al­les ist schön.

Dann kur­belt Ca­putt­nik sich ei­ne neue Flup­pe, schenkt den Droogs noch ein Schlück­chen vom gu­ten Ab­so­lut nach, fängt an, von der Men­ge an reins­tem Cry­stal Meth zu schwärmen, die in sei­nem Kühl­schrank la­gert, erzählt, auf welch wun­der­sa­me, die­bi­sche Art und Wei­se das Meff in sei­nen Be­sitz ge­langt ist. Während er sich die Kip­pe anzündet, kippt die Stim­mung der ge­sel­li­gen Run­de, un­er­war­tet, oh­ne er­sicht­li­chen An­lass. Plötz­lich schwei­gen Mi­ke und Ratz wie­der, man hört ei­ne Kuckucks­uhr schwerfällig ti­cken, bis der Kuckuck drei­mal krächzt. Dann don­nert Mi­ke sein Wod­ka-Glas mit sol­cher Kraft auf den Zieh­spie­gel mit dem Cry­stal, dass er in vier glei­che Scher­ben zer­bricht; so­dass Ca­putt­nik hef­tig erschrickt, das Knacken des Gla­ses lan­ge noch in sei­nem druf­fe­nen Schädel nach­hallt, die Split­ter sein Herz löchern. Nun springt Ratz auf, Ca­putt­nik duckt sich, be­deckt sei­nen Nüschel mit den Ar­men, während Ratz Carls ed­le Kon­zert­gi­tar­re schnappt und sie wuch­tig fünf Mal ge­gen die Wand don­nert, so­dass die Sai­ten reißen, der Hals bricht, der voll­mas­si­ve Kor­pus aus Ma­ha­go­ni zer­split­tert und der Gi­tar­re letz­te Klänge sich durch den Raum in Ca­putt­niks Be­wusst­sein krei­schend quälen. Ich selbst sprin­ge zum Bücher­re­gal, reiß es aus der Ver­an­ke­rung, schwerfällig kippt es in den Raum. Die Droogs schütten ge­mein­sam den gu­ten Ab­so­lut Vod­ka und et­was Ben­zin über die Bücher, sie joh­len und tan­zen, dann brennt es end­lich.

Se­kun­den­schlaf.

„Auf­ma­chen, Po­li­zei!“ Es klopft und klin­gelt, Ca­putt­nik schreckt auf, hat da grad je­mand „Po­li­zei“ ge­ru­fen oder hat er das nur ge­träumt? Er dreht sich hek­tisch um, Spi­der-Mi­ke und Ratz, wo sind sie hin? Au­gen wer­den ge­rie­ben, die Ge­sell­schaft ist weg, und die Gi­tar­re, die Bücher, die ste­hen an ih­ren Plätzen, un­ver­sehrt. Häh? Was ist hier los? „Po­li­zei! Herr Ca­putt­nik, sind Sie zu Hau­se?“ Klin­geln! Herz­ra­sen! Angst! Scheiße, Ca­putt­nik springt auf, hat er doch rich­tig gehört, scheiße, was hat das zu be­deu­ten, ha­ben ihm Mae­stro Ratz und Spi­der-Mi­ke und Fis­tel-Phil und Neh­scher Jens jetzt die Bul­len auf den Hals ge­hetzt? Es klin­gelt noch ein­mal. Das ist kein Traum, oder? Ca­putt­nik wird übel, er scheißt sich fast ein, Ge­dan­ken sind der­be am Ra­sen, scan­nen mögli­che Lösun­gen. Fens­ter? Nein. Um­brin­gen? Such ei­ne bes­se­re Lösung. Da, schnapp dir die Tüte mit dem gan­zen Cry­stal, Ca­putt­nik, schnell, ab ins Klo da­mit, schnel­ler, es klin­gelt und klopft noch ein­mal. „Bürger Ca­putt­nik, wir wis­sen, dass Sie da sind.“ Vom Türschloss her knacken­de Geräusche, et­was bohrt, ha­ben die ’nen Schlüssel­dienst da­bei? „Ca­putt­nik my de­ar, are you the­re? Are you druf­fen, are you pa­ra­no­id? He­re’s John­ny!“ Je­mand don­nert jetzt mit ei­nem Ramm­bock oder mit ei­ner Axt ge­gen die Tür. Schnell, schnell, schnell, hau die gan­ze Am­phe ins Klo, spül, stopf nach, weg da­mit, Ca­putt­nik. Zieh dich aus, schnell, los, Kla­mot­ten run­ter, sperr die Badtür ab, Ca­putt­nik, die kom­men und ho­len dich, mach schnel­ler, die ste­cken dich in den Knast oder in die Klap­se oder in ein KZ, miss­brau­chen dich für me­di­zi­ni­sche Ver­su­che, ver­ge­wal­ti­gen dich, quälen dich.

Ca­putt­nik der Große, Ca­putt­nik der Di­cke, Ca­putt­nik der Spas­ti hockt dann nackt in der Dusch­ka­bi­ne, bib­bert und wim­mert vor Angst wie ein Fer­kel auf der Schlacht­bank, kal­tes Was­ser tröpfelt auf ihn hin­ab, sein Pe­nis schrum­pelt. Das Herz rast so der­be, es bricht aber­mals ent­zwei, wes­we­gen er auf­springt, einen In­farkt, einen Schlag­an­fall, ei­ne Lun­gen­em­bo­lie si­mu­liert. Be­vor er aus­rutscht und sich das Ge­nick bricht, be­vor der Schädel wie ei­ne Wal­nuss knackt und glib­be­ri­ger Ver­stand sich über die Flie­sen ver­teilt, tanzt Ca­putt­nik wild durch das Bad, er de­li­riert, er rast, er tobt. Al­les, nur nicht still­ste­hen, al­les, nur den Schmerz, nur die Angst nicht spüren – ja Carl, jetzt hast du es end­lich ver­stan­den: Das ist Ra­ve.

 

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