Der Schimmel über Berlin

Juni 2011

Fei­ern­de Trom­pe­ten, Die Vöchel, Blaue Mo­schee. Ich stamp­fe zum Tech­no durch mei­ne Bu­de im Fried­richs­hain, stol­zie­re wie ein Pfau, schwe­be, tram­ple, stap­fe. Tro­cken­schwim­men vor dem Spie­gel am Klei­der­schrank, ich be­we­ge mich an­mu­tig und gna­den­los zu­gleich, wie der Tech­no Vi­king. Die Trom­pe­ten schal­lern, ih­re Me­lo­die, ih­re Mo­no­to­nie, der Bass, die Tu­ba, ich bin wahn­sin­nig, bin wach seit Ta­gen, bin Ca­putt­nik, geh ab wie Schrödin­gers Kat­ze, muss mich be­we­gen, muss ma­chen, muss tun. Die Vöchel sind auf Ecs­ta­sy, sie flie­gen im Schwarm, wol­len nach By­zanz, wol­len ins Berg­hain, wol­len in die blaue Muschí.

Dann ein DJ-Set von Ka­ne Roth, ganz weit vor­ne, mein Körper läuft heiß vom vie­len Tan­zen, ich ver­bren­ne Fett, ver­nich­te Hirn­zel­len. Es ist mit­ten in der Nacht, es ist Mai, viel­leicht auch schon Ju­ni, die Zeit ver­geht ra­send, sie wird in Beats ge­mes­sen. Ich bin auf Speed, mei­ne Missi­on lau­tet: Tu die­sen In­tel­lekt ver­nich­ten. Von un­ten klopft es, wahr­schein­lich bil­de ich mir das nur ein, lasst mich doch fei­ern, lie­be scheiß Nach­barn. Neu­lich hing ein Zet­tel an der Woh­nungstür, ich soll gefälligst die Mu­cke bei Nacht lei­ser ma­chen, der Zet­tel war ver­gif­tet, denn kurz dar­auf zwei Stun­den lang die Ma­gen­krämp­fe mei­nes Le­bens. Ich dreh die Lautstärke auf, mach mehr Bass, es klin­gelt plötz­lich, Herz­kas­per, Pa­ra­noia, das kom­plet­te Pro­gramm. Das sind die Bul­len, das muss Mi­ke sein, der will mich rol­len, wird mich ab­ziehn.

Es ist tatsächlich Mi­ke, der freund­li­che Land­arzt Dr. Mo­rell auf Haus­be­such, er stellt ein Re­zept aus, da­mit ich rasch ver­we­se wie der Führer. Mi­ke tritt ein, der fol­gen­de Dia­log ver­liert sei­ne Gänse­füßchen, wird pa­ra­phra­siert, was mich so­gleich an Ratz er­in­nert, we­gen rat­zie­ren, ver­stehs­te. Fra­ge­zei­chen. Nö. Na Ratz, wie ra­tio, wie ra­tio­pharm? Ach so. Nö.

Mi­ke je­den­falls so zu mir, als er hört, was für Mu­cke läuft: Ah, Ka­ne Roth, hatt ick dir dit Set nich neu­lich erst je­zeigt je­habt?

Ich so: Yep, sehr, sehr geil. Ziem­lich düster, kann man nicht im­mer hören, aber ich pumps mo­men­tan rauf und run­ter. Komm rein, mein Gu­ter, hau dir hin. Kaf­fee, Fra­ge­zei­chen.

Fra­ge­zei­chen? Mi­ke stellt sei­nen Ruck­sack ab, packt ein Mac­Book aus, haut sich auf die Couch. Hier At­ze, hab dir wat mit­je­bracht (sagt er). Er stellt ’ne Fla­sche Jägi auf den Tisch, sagt: Und natürlich noch wat zu zup­peln, wa.

SMH – Schnel­le Me­di­zi­ni­sche Hil­fe – die­ser Spi­der-Mi­ke weiß ein­fach, wor­an es mir man­gelt. SMH. Hat­te da der Va­ter nicht geröbelt, da­mals im Os­ten, als Kran­ken­wa­gen­fah­rer? Scheiße, man will auf kei­nen Fall wer­den, was sein Al­ter ist, auf gar kei­nen Fall.

Ich setz mich auch hin, dreh mir ’ne Kip­pe, fra­ge den Spin­ner Mi­ke was. Dop­pel­punkt. Al­ter, das Peppn, was du mir das letz­te Mal ge­ge­ben hast, sag ich, das war die Härte. Das hat mich fast um den Ver­stand ge­bracht. Ich se­he dann Zähne. Große, gel­be Zähne. Mi­ke grinst, sagt nichts. Ich boh­re, will es wis­sen: Oh­ne Scheiß man, ist da Crys­tal oder Ba­de­salz oder so was drin? Glas­scher­ben? Das hat­te auch ’ne ganz ko­mi­sche Be­schaf­fen­heit, flo­ckig ir­gend­wie, und beim Zie­hen hab ich im­mer das Gefühl, dass es di­rekt durch die Ne­benhöhlen in die Lun­ge bal­lert, weil es so luf­tig leicht ist. Gei­ler Stuff.

Mi­ke gießt mir vom Jägi ein, hält mir das Glas hin. Hier, zun Wohl. Hab dir noch mehr da­von mit­je­bracht, dach­te mir gleich, dass dir dit jefällt, mee­ne At­ze.

Und ob mir das gefällt. Hab ich das jetzt laut ge­sagt oder nur ge­dacht? Ich kauf was für 150 Eu­ro, dann wirds nicht wie­der so schnell al­le. Bei ei­ner sol­chen Qua­lität muss man zu­schla­gen, muss man auf Vor­rat kau­fen, wie Wasch­mit­tel in der 10-Ki­lo-Spar­pa­ckung. Kost acht Eu­ro das Gramm. Ki­lo-Preis? Schätzungs­wei­se drei Eu­ro pro Gramm. Ob ich nicht auch mal was ver­kau­fen will, hat er mich neu­lich ge­fragt, die­ser Spi­der-Mi­ke. Nischt is.

Ei­ne Stun­de später sind wir bei­de auf die­sem außer­gewöhn­lich gu­ten Speed und la­bern uns den Mund fus­se­lig. Die Anführungs­zei­chen sind wei­ter­hin nicht verfügbar, dafür gibt es Lo­gor­rhö, und es du­delt DJ Ko­ze sein Meis­ter­werk „Blu­me der Nacht“. Ich erzähle Sto­rys von Ol­len, mit de­nen ich was hat­te, von psy­che­de­li­schen Dro­gen, auf de­nen ich ab­gestürzt bin, Geschäfte, die ich einst tätig­te. Mi­ke staunt, weil ich auch mal ge­tickt ha­be, man ver­brüdert sich, pult die Ak­kus aus den Han­dys, man kann ja nie wis­sen. Knackt auch im­mer so ko­misch beim Te­le­fo­nie­ren. Nee Mi­ke, ich will nicht für dich ver­kau­fen. Ich erzähl vom Stress mit den Leu­ten, mit Phil und Jens, wie der­be mich nervt, dass die im­mer so einen auf be­sorgt ma­chen müssen, als ob sie kei­ne ei­ge­nen Pro­ble­me hätten. Dass die al­le ko­misch drauf sind in letz­ter Zeit, mich nur noch an­hand mei­ner Sta­tus­mel­dun­gen und Pro­fil­bil­der auf Fa­ce­book be­ur­tei­len. Fa­ce­book of Meth. Mi­ke ver­steht das, er kennt das, erzählt von Be­kann­ten, die ihn für ’nen „Jun­kie“ hal­ten, erzählt von sei­ner Fa­mi­lie, die Leu­te sind un­loya­le Hu­rensöhne, sagt er, die solln al­le ab­haun.

Dann die Sa­che mit dem Schim­mel. Mi­ke hat Schim­mel in sei­ner Bu­de. Ich leg zwei neue Bah­nen, frag ihn aus.

Na so Schim­mel, oben, an­ne De­cke, im Zim­mer, im Bad, sagt er.

Okay, is ja scheiße, sag ich, schon mit dem Ver­mie­ter ge­spro­chen? Mi­ke schüttelt den Kopf. Na mach mal. Auch we­gen der ein­ge­schla­ge­nen Fens­ter im Trep­pen­haus, ir­gend­wann fliegt da ’ne di­cke Scher­be noch auf je­mand run­ter, dann is­ses Ge­schrei aber groß. Goo­gle doch mal in dein Mac­Book, was du so für Rech­te hast als Mie­ter, was­de da so ma­chen kannst.

Mi­ke setzt sich ’ne Bril­le auf, goo­gelt, ist beschäftigt. Der hat ’ne Bril­le? Verrückt. Ich bin to­tal naus, bin seit über drei Ta­gen hell­wach, ich muss mich be­we­gen. Mei­ne Kie­fer mal­men, ich reiß die Au­gen weit auf, die Bei­ne wol­len tan­zen, die Lip­pen sind ma­xi­mal zer­kaut, ich feie­re Ge­sichts­fa­sching, rau­che, trin­ke Kaf­fee, grüble. Und? Mal schau­en. Die Sa­che ist die, do­zie­re ich, dass der Schim­mel so­ge­nann­te My­ko­to­xi­ne ab­son­dert, wenn er sich be­droht fühlt, wahr­schein­lich ei­ne Er­fin­dung von CIA und Monsan­to. Das ist nicht gut, mein Freund, die wol­len un­se­re Ge­dan­ken ver­ne­beln, mind con­trol auf ganz ho­hem Ni­veau, wie mit Chem­trails und HAARP. Spi­der-Mi­ke-To­xi­ne.

Der Schim­mel, er ver­brei­tet Furcht, ver­ur­sacht Schre­cken. Ka­ne Roth legt, I do not sleep, So­und­cloud, das Le­ben, mei­ne Na­se, al­les läuft. Ich tu fri­schen Kaf­fee brühen, tu Kip­pen rau­chen, tu Fa­ce­book. Neh­scher Jens chat­tet mich an, fragt, was ich am Wo­chen­en­de tu. Schim­meln, was sonst? Nee du, fei­ern natürlich. Komms­te mit? Klar, schönes Ding, Sams­tag steil­ge­hen, aber rich­tig, ab­ge­macht. Ich soll auch un­ter der Wo­che mal wie­der raus aus mei­ner Bu­de. Was ich den gan­zen Tag ma­che? Was gehts dich an? Bo­gaak! Ich soll mich nicht be­neh­men wie so’n Hühn­chen. Er käme sonst vor­bei und holt mich raus. Hat ja mei­nen Er­satz­schlüssel. Ich hör wohl nicht recht, ich ras­te aus, ich bin kein Hühn­chen, ich bin der Tech­no Vi­king. Ich fra­ge ihn: Al­ter, bist du be­scheu­ert oder was? Ich hol mir mei­nen Schlüssel wie­der ab, du Pen­ner. Aus­ru­fe­zei­chen, Aus­ru­fe­zei­chen, Eins, Aus­ru­fe­zei­chen. Der weiß doch ganz ge­nau, was das für ein Reiz­the­ma für mich ist, der Bim… äh … der Neh­scher.

Ich erzähls Mi­ke.

Wat ein As­si, die­ser Voo­chel, nennt sich Freund, wat nimmt der sich raus, nix schlim­mer als Man­gel an Re­spekt und Loya­lität.

Die Empörung ist groß, die Stim­mung ag­gres­siv, der Schim­mel schim­melt un­ter­des­sen mun­ter durch ei­ne Miets­ka­ser­ne in Ber­lin-Fried­richs­hain, durch un­se­re See­len.

Al­ter, der Schümmel, ick kann schon nich mehr rich­tich schlafn, ick wach je­de Nacht off mit Hus­ten, und klar den­ken kan­nick ooch nich mehr, wa.

Echt? Ich kann mich gar nicht er­in­nern, in dei­ner Bu­de Schim­mel­fle­cken ge­se­hen oder ge­ro­chen zu ha­ben, war doch vor­ges­tern erst da­ge­we­sen.

Doch, gloob et mir, die Spo­ren, die Ma­kro­to­xi­ne, wenn icks sa­che. Die Stim­me über­schlägt sich, Mi­ke ham­pelt um­her wie Ditt­sche, we­delt mit den Ar­men. Wenn icks sa­che, die Spo­ren, die drin­gen in­ne Lun­ge ein, lösen Al­ler­ji­en aus, ver­jif­ten dir lang­sam, aber si­cher.

Von un­ten klopft es wie­der ge­gen die De­cke, ich tram­pel zurück. Lass uns über­legt han­deln. Goo­gle mal, was sind denn nun dei­ne Rech­te, was kanns­te ma­chen als Ver­mie­ter, als Ver­brau­cher? Ich zieh ’ne di­cke Bahn. Hof­fent­lich ist das Pepp nicht auch ver­schim­melt.

Spun. Ich bin die­ser Ross, bin druff, steu­er mit Bleißfuß durchs Le­ben, bin im Mo­tel, pim­per ’ne Ol­le. Spi­der Mi­ke ver­sorgt mich mit fri­schem Stuff, der Koch stellt es her, er hockt in sei­nem Meth-La­bor, es bro­delt, es raucht, es blub­bert und dampft.

Der Schim­mel stinkt, ick halt dit nicht aus, Carl, so­gar mee­ne Kla­mot­ten stin­ken schon da­nach. Kann ick die nicht bei dir mal un­ter­stel­len?

Häh. Warum das denn, von so ’nem biss­chen Zeug an der Wand stin­ken doch nicht gleich die Kla­mot­ten, du Fre­ak. Und dei­ne Brief­mar­ken?

Nee du, lass man, die sin an­ne si­che­re Ort je­la­gert. Wills­te auch ’nen Kaf­fee? Hier, riech mal an mein Ka­pu.

Riecht ver­qualmt, aber schimm­lig. Fra­ge­zei­chen. Na bring die Kla­mot­ten halt vor­bei für ein paar Ta­ge, kein Pro­blem. Wenns hilft.

Ka­ne Roth geht ge­wal­tig nach vor­ne, von un­ten klopft es wie­der, die Nach­barn jam­mern auch, nun habt euch mal nicht so, macht mal ru­hig, wir sind druf­fen, ihr seid nei­disch, ihr Gift­mi­scher. Wir tun fri­sche Bähn­chen zup­peln, ich muss Käff­chen ma­chen, Kip­pen rau­chen, die Son­ne geht auf.

Mi­ke, mein Gu­ter, das Zeug is ein­fach die Härte.

Sag ick doch.

Kennste Spi­der-Mi­ke?

Klar, Spun, der Ti­cker, jei­ler Film, ick bin der durch­je­knall­te Koch, Mickey Rour­ke, ick hock rum und koch dit Meff.

Nö. Du bist Spi­der-Mi­ke, man. Oder Mi­ke, die Gur­ke. Spi­der-Mi­ke, va­stehs­te? Hör mal, in dem Stuff muss doch Crys­tal sein, so gut, wie das Zeug ist.

Ach quatsch, dit is ein­fach sehr sau­ber, ver­koof ick ooch nich an je­den, kommt nich je­der droff klar off so rei­nes Peppn.

Bal­lert mich weg, auf je­den Fall. La­ber­flash oh­ne Gänse­füße, verrückt. Sag mal, Spi­der-Mi­ke, mein Gu­ter, warum ver­kaufs­te ei­gent­lich das Zeuch? Ich mein, warum nicht ein­fach stress­frei Gras ver­ti­cken, Gras ist doch Kin­der­kram ge­gen syn­the­ti­sche Drugs, da find ich ja Zi­ga­ret­ten zu ver­kau­fen noch schlim­mer. Aber Speed? Was da manch­mal für fer­ti­ge Leu­te bei dir rumhängen, die wer­den schon rich­tig nervös, wenn sie mal paar Ta­ge kei­nen Stuff be­kom­men.

Ach wat, At­ze, ick ver­koofs halt, ick hab doch ooch ’ne Art Ver­ant­wor­tung mein Stamm­kun­den je­genüber, die er­wartn dit halt von mir. Was solln die sonst machn, wenn­se bei mir nix mehr kriegn? Und von dem biss­chen Hartz alleene, da kan­nick ooch nich von lebn. Und von nur Gras machs­te een­fach keen Jeschäft, weeßte doch ooch, wa.

Schlüssig. Na Haupt­sa­che, mei­ne ei­ge­ne Ver­sor­gung ist ge­si­chert.

Und bald die Brief­mar­ken, dann is eh Schluss, wa, dann hock ick in­ne Ka­ri­bik und lass mir die Ei­er krau­len. Mi­ke ver­stummt, träumt vor sich hin, springt dann auf. Aber wat mach ick nu bis da­hin mit die Schim­mel?

Schim­mel, Schim­mel, der Schim­mel über Ber­lin. Schimm­lig. Al­ter, ich weiß es doch auch nicht, schreib doch ein­fach mal an dei­nen Ver­mie­ter oder an die Haus­ver­wal­tung, oder ruf dort an nach­her.

Wie macht man dit, ick mach dit so seltn, Brie­fe zu schrei­ben.

Du wirst doch wohl noch ’nen Schrei­ben zu­stan­de be­kom­men, du Druf­fi. Jun­ge, Mi­ke, du bist doch kein An­al­pha­bet, auch ein Re­alschüler hat zu schrei­ben ge­lernt. Ja, ich helf dir, schreib du erst mal selbst, ich schau dann mal drüber.

Der Schim­mel, ein großes The­ma, schon seit Stun­den, und es gibt im­mer noch kei­ne Lösung, es nervt. Ka­ne Roth, wie ab sie geht, ich muss shuf­feln, muss tan­zen, muss fei­ern, draußen wirds im­mer hel­ler. Mi­ke, wie ab er geht, mit sei­ner Woh­nung, mit dem Schim­mel, mit den Brief­mar­ken, Mi­ke, schon mal über­legt, den Schim­mel selbst weg­zu­ma­chen?

Ja, schon je­g­oo­gelt, in­ne Apo­the­ke jibt et dafür ee­ne Art Pas­te.

Fein mein Gu­ter, dann kauf dir das doch.

Schim­mel-Ex, wa. Jibt et in die­se Apo­the­ke in Lich­ten­berg, na­mens APONEO. Frank­fur­ter Al­lee.

Warum nicht im Bau­markt?

Nee, Bau­markt jeht nich.

Warum geht Bau­markt nicht?

Na jeht halt nich, muss APONEO sein.

Raff ich nicht. So Zeug wird es doch wohl im Bau­markt ge­ben.

Nee.

Na gut, dann halt „APONEO“, Frank­fur­ter Al­lee. Lass mal dort­hin pil­gern. Ich komm auch mit, muss mal wie­der raus hier. Biss­chen lau­fen, biss­chen durch Out­world schni­cken, biss­chen durch den Kiez pa­trouil­lie­ren.

*

Fe­ar and Loa­thing: Vier Mann loofen durch Bärlin, zwei ver­dop­pel­te Druf­fis, zwei ver­d­ruf­fel­te Dop­pis mit mul­tipler Persönlich­keitsstörung so­wie sub­stan­zin­du­zier­ter Psy­cho­se. Wir sind auf großer Rei­se von Fried­richs­hain nach Lich­ten­berg, sind auf der Su­che nach der Apo­the­ke, auf der Su­che nach dem Wun­der­mit­tel ge­gen Schim­mel. In mei­nen Ne­benhöhlen, auf der Zun­ge und im Darm wu­chert der He­fe­pilz Can­di­da al­bi­cans, im Ge­hirn tum­meln sich Würmer der Gat­tung Spi­ro­me­tra man­so­ni – die Fir­ma Monsan­to, das Pro­jekt Mon­arch, der Mo­loch Ber­lin so­wie DJa­ne Mon­ya ha­ben gan­ze Ar­beit an mei­nem Körper ge­leis­tet. Ich bin ein Mond­kind, ein Mons­ter, ei­ne Mo­na­de, ein hoch­sen­si­bles Monch­hi­chi.

Der Schim­mel ver­brei­tet Furcht, er sorgt für Schre­cken, er ist das The­ma Num­mer eins, ich bin seit di­ver­sen Werk­ta­gen wach, mein Hirn ver­rot­tet, mehr woll­te ich doch gar nicht. Zum Au­gen­bli­cke dürft’ ick sa­gen: Ver­pei­le doch, du dum­mer Föhn. Viel­leicht kann man den Schim­mel mit ei­nem Föhn aus­trock­nen? Ich muss jetzt re­den, den­ken, re­dend den­ken; heiße Luft ent­weicht mir gleich wie ein lin­guis­ti­scher Furz. Man wa­bert die Frank­fur­ter Al­lee ent­lang, im­mer Rich­tung Lich­ten­berg, die Gänse­füßchen sind auch wie­der da­bei, wir sind wie Pe­ri­pa­te­ti­ker, man kann die Welt nur ge­hend, al­so ste­hend, ver­ste­hen. Al­les an­de­re wäre ver­ses­sen.

„Pass ma auf, mein Gu­ter, hör ma zu.“ Ich muss jetzt wie­der do­zie­ren, muss be­leh­ren, ich bin doch in­ter­lek­tu­ell. „Schim­mel. Was ist das ei­gent­lich? Der Schim­mel an sich qua­si.“ Dra­ma­ti­sche Pau­se, ein Rad­fah­rer heizt fron­tal auf uns zu, wir sprin­gen aus­ein­an­der. Es ist al­les sehr laut, ich muss schrei­en: „Ich sags dir. ‚Schim­mel‘ ist nur ein Wort. Al­so auch Schall­wel­le.“

„Wie meins­te dit?“ Mi­ke ist gest­resst, ge­hetzt, er will zu APONEO, er muss die Mükro­to­xi­ne bekämp­fen.

„Na was soll das sein, ‚der Schim­mel‘, zeig doch mal.“ Geht nicht. Klar du Spa­ten. Es ist ja auch ein Be­griff, ist ei­ne Idee, nur ein Wort. Ver­steh doch. Mi­ke glotzt ver­wirrt, be­schleu­nigt sei­nen Schritt, er weiß nicht, was ich mei­ne. Ein Un­wis­sen­der, der wird das nie be­grei­fen, wird nie pei­len, dass man den Kos­mos nicht mit­tels Spra­che ver­ste­hen oder er­klären kann, so wie man Was­ser nicht mit Stäbchen trin­ken kann. Auf der an­de­ren Sei­te ist der Kos­mos mögli­cher­wei­se auch nichts wei­ter als Pro­dukt der Spra­che, des Ver­stands, des λόγος. Ich ver­stehs doch selbst nicht, lass mir aber Mi­ke ge­genüber nichts an­mer­ken. Ich bin sehr klug.

Wir spa­cken vor­bei am Ring­cen­ter, über­all Bürger, die wol­len uns schi­cken, die le­sen un­se­re Ge­dan­ken, die sind gest­resst, ren­nen auf Ar­beit, müssen ma­lo­chen. Die Frank­fur­ter Al­lee dröhnt, Au­tos rol­len und hu­pen, LKW don­nern, Fahr­rad­glo­cken, der Bo­den vi­briert, die U-Bahn rum­pelt un­ter un­se­ren Füßen, ei­ne la­dy in red stöckelt an mir vor­bei, lächelt verführe­risch, ich glotz der gei­len Ol­len hin­ter­her. Neh­scher Mor­pheus ver­passt mir ’nen Nacken­klat­scher, der al­te Neo­na­zi. They put the Vieh in Mor­pheus. Tierschützer wol­len uns stop­pen, wol­len sich ver­kau­fen, wol­len Ko­bold­ma­kis ret­ten, ich will ih­nen die Fret­te po­lie­ren. Punks und ih­re Tölen lun­gern un­ter der S-Bahn-Brücke, Münzen klim­pern, es wird ge­schnorrt, has­te mal ’n Eu­ro, nö. Ei­ne di­cke Zi­geu­ne­rin ver­kauft Blu­men­sträuße, man denkt an Tri­ni­ty und an das Ora­kel (und an So­phia). Γνῶθι σεαυτόν stand am Ein­gang des Ora­kels von Del­phi ge­schrie­ben, und Gnoc­chi di pa­ta­te und короткие ночи. Wir war­ten an ei­ner Fuß­gänger­am­pel, Ber­lin stinkt so der­be, die Hochhäuser kip­peln, mir schwin­delt, mir ist schlecht, heu­te ist ein gu­ter Tag zum Kot­zen, heu­te ist ein Würg­tag, die Bürger am Würgen, sie sind fleißige Wut-Würger, Würgaho­lics, die le­ben ei­ner ra­di­kal an­de­ren Würg­lich­keit als ich. Wa­be­re wei­ter durch die Ma­trix, mein Ca­putt­nik, und ver­giss nie die ol­len Grie­chen: Πέτρα που κυλάει, μούχλα δεν πιάνει.

Ich den­ke über die­sen Monsan­to-Schim­mel nach. Man sieht ihn wu­chern an den Wänden, man sieht die Woh­nung des Spi­der-Mi­ke vor der in­ne­ren Glüse, al­les über­zo­gen mit ei­ner pel­zi­gen Schicht, al­les grün und braun und feucht und ne­kro­phil le­ben­dig, die Luft ist sti­ckig. Da könn­te ich auch nicht mehr le­ben, nicht mehr schla­fen (würde ich le­ben, würde ich schla­fen). Ich be­te, dass Mi­ke die Spo­ren nicht mit zu mir nach Hau­se ge­bracht hat, sie dürfen sich nicht aus­brei­ten, sie son­dern My­ko­to­xi­ne ab, die tun das Den­ken ver­ne­beln, mir ist nun sehr blüme­rant zu­mu­te. „Wie blu­mig“, mein­te der Va­ter der ers­ten Freun­din zu mir, da­mals, als ich ihm erzähl­te, dass ich Phi­lo­so­phie stu­die­ren wer­de. Ich tu ihm nun be­wei­sen, dass ich auch an­ders kann, dass ich auch ra­ven und ver­nich­ten kann. APONEO, wo bist du nur, wir müssen drin­gend die­sen Schim­mel über Ber­lin bekämp­fen. Ich bin so drauf, ich bin so durch, ich bin der Pa­te Schim­mel­pries­ter.

Die Frank­fur­ter Al­lee ist sehr mächtig, die Wohnkäfi­ge kip­pen, wir sind sehr weit ge­lau­fen, et­wa 300 Me­ter, der Schim­mel wu­chert und wächst in ei­nem fort, man muss ihm end­lich Ein­halt ge­bie­ten. „Tschul­di­gung … Ken­nen Sie hier ei­ne Apo­the­ke mit Na­men APONEO?“ Mi­ke quatscht einen Rent­ner an, der sich auf Krücken durch den Lich­ten­ber­ger Vor­mit­tag kämpft. Apo wat? Nee, ob­wohl er vie­le Apo­the­ken hier ken­ne, aber von der ha­be er noch nie was jehört. Da­mals, im Kriech, der Föhrer, die Front, Schim­mel­grad, Preußen, man könnt euch Kin­das wat erzählen, ver­le­dern müsst man euch und dann ab ins Fei­er-La­ger! La­ger­fei­er? Fe­ri­en­la­ger? Hat der das jetzt wirk­lich ge­sagt oder hab ich mir das nur ein­ge­bil­det? Vie­len Dank, trotz­dem nett von Ih­nen. Was ist das für ein Rent­ner, der die Apo­the­ken in sei­nem Kiez nicht kennt? Wir wech­seln die Straßen­sei­te, die Straße ist sehr groß, ist mehr­spu­rig, ist gefähr­lich, Bus­se, LKW, PKW don­nern zum Fern­seh­turm und hin und her und kreuz und quer, sie wol­len uns töten, wol­len uns rol­len, ich zünd mir ’ne Kip­pe an.

Das Schim­mel­fahrts­kom­man­do muss jetzt mit der U-Bahn rei­sen, Mi­ke ist der Führer, Ca­putt­nik der Reichs­phi­lo­soph. Wir sind Mag­da­le­nen­straße, es müf­felt nach Me­tro, die Luft ist ab­ge­stan­den und schimm­lig, die sys­te­ma­ti­sche Be­zeich­nung für „Sa­rin“ lau­tet Me­thyl­fluor­phos­phonsäurei­so­pro­py­les­ter, Sa­rin ist ei­ne bei Zim­mer­tem­pe­ra­tur flüssi­ge, farb- und ge­ruch­lo­se, leicht­flüchti­ge Ver­bin­dung. Ner­ven­kampf­stof­fe wie Sa­rin sind be­reits in sehr klei­nen Men­gen tödlich. Ich kauf ’ne Fahr­kar­te, wir war­ten auf die U5, da kommt sie schon an­ge­don­nert, es gibt sie nicht, „die U5“ (an sich), wir stei­gen trotz­dem ein. Déjà-vécu.

Has­te nicht schon­ma je­sehn, da sit­zen­se in ei­ner überfüll­ten Bahn, ne­ben mir der lie­be Spi­der-Mi­ke, man ist ein­geschüchtert, man schweigt und be­ob­ach­tet die Bürger. Vor uns zwei Punks, die stin­ken nach Pat­schu­li, Schweiß und Bier. Durch das ver­schim­mel­te Paar hin­durch se­he ich in der nächs­ten Rei­he ei­ne sehr schöne Frau in schwar­zem Kleid, die la­dy in black, sie heißt be­stimmt Ma­ria Mag­da­le­na. Carl, mein Carl, du musst dich um sie kümmern, musst sie beschützen, die ist schwan­ger, im sieb­ten, ach­ten Mo­nat, ihr Bauch ist ei­ne Ku­gel, ei­ne Sei­fen­bla­se, ein Wun­der der Na­tur. Ich möchte auch wie­der zurück in einen Bauch krie­chen, möchte noch ein­mal ge­bo­ren wer­den, mei­ne Ge­burt muss schreck­lich ge­we­sen sein, sehr kalt, sehr laut, es war wohl mehr ein Ster­ben. Die U-Bahn hält, ein­stei­gen bit­te, zurück­blei­ben bit­te, die Fahrt geht wei­ter, die Bürger sind tatsächlich zurück­ge­blie­ben.

Es steu­ert nun ein be­sof­fe­ner Fett­sack mit AL­DI-Beu­teln vol­ler Fla­schen an mir vor­bei. Al­ter, was ein Pen­ner, der is so rich­tig voll, der kann sich kaum auf den Bei­nen hal­ten, die­ses Gol­lum. Plötz­lich stol­pert der Typ und don­nert der Länge nach in den Gang. Fla­schen klir­ren, die Bürger rau­nen, die U5 quietscht und kreischt, das Licht fla­ckert. Um ein Haar wär das AL­DI-Vieh auf die Schwan­ge­re ge­kracht, konn­te sich grad so fan­gen, streift sie nur am Arm. Krass. Die Frau im schwar­zen Kleid, Ma­ria Mag­da­le­na, die und ih­re Frucht, die ha­ben rich­tig Glück ge­habt, es ist nichts wei­ter pas­siert. Der Pen­ner rap­pelt sich auf, die U-Bahn rum­pelt, die Bürger blub­bern, fah­ren zur Ar­beit, fah­ren zum Amt, fah­ren zu APONEO, sind zurück­ge­blie­ben, sind zel­lulärer Son­dermüll.

Pau­se. Ich schie­be Op­tik. Das Ge­sicht der Schwan­ge­ren spie­gelt Angst, Ent­set­zen, Schock. Sie starrt die Be­glei­te­rin an, die ihr ge­genüber­sitzt. Die Mut­ter? Die Freun­din? Die Tan­te? Sie starrt mi­nu­ten­lang, dann kämpft sich ei­ne Träne aus ih­rem rech­ten Au­ge; lang­sam kul­lert sie die Wan­ge hin­un­ter, berührt die Lip­pe, löst sich auf. Gleich­zei­tig wum­mert ein Gefühl in mei­nem Ma­gen, es ru­mort, kriecht nach oben, quetscht sich durch den Hals, wan­dert in mein Ge­sicht. Mei­ne Au­gen wer­den feucht, mein Blick ver­schwimmt, ich schie­be Op­tik. Tränen­flüssig­keit. Tränen­flüssig­keit be­steht ne­ben Was­ser aus ver­schie­de­nen Pro­te­i­nen (un­ter an­de­rem Im­munglo­bu­li­ne), En­zy­men (un­ter an­de­rem Ly­so­zy­me), an­or­ga­ni­schen und stick­stoff­hal­ti­gen Sub­stan­zen, Koh­len­hy­dra­ten und de­ren Me­ta­bo­li­ten so­wie Koch­salz (0,9 g/l). Die che­mi­sche Zu­sam­men­set­zung ändert sich beim Wei­nen. Tränen­flüssig­keit hat ei­ne re­la­ti­ve Dich­te von 1,004–1,005. Der Bre­chungs­in­dex be­trägt 1,336–1,337. Die Vis­ko­sität liegt zwi­schen 1,26 und 1,32. Der Mit­tel­wert der Os­mo­la­lität liegt bei un­gefähr 320 mmol/kg. Der pH-Wert ist 7,4. Für wei­te­re In­for­ma­tio­nen vgl. Wi­ki­pe­dia.

Play. Die U5 rum­pelt und don­nert und quietscht, hält dann, wir sind Fried­richs­fel­de, Mi­ke zupft mich am Ärmel, raus hier, zurück­blei­ben bit­te. Wir müssen jetzt APONEO. „Hast du das auch grad mit­be­kom­men?“, frag ich ihn. Was ich mei­ne? Er di­ri­giert uns Rich­tung Aus­gang, es geht jetzt wie­der an die Erd­ober­fläche, Sméagol zeigt dem Hob­bit den Weg. Ich wi­sche un­auffällig mei­ne feuch­ten Li­der tro­cken. „Mit der Schwan­ge­ren und dem Ty­pen, der fast auf sie drauf gestürzt wäre. Der hat be­stimmt an die hun­dert Ki­lo ge­wo­gen. Al­ter.“ Mi­ke schüttelt den Kopf, hats nicht ge­peilt, ist zurück­ge­blie­ben, viel­leicht hab ich mir das auch nur ein­ge­bil­det, die Frank­fur­ter Al­lee wird mich wie­der er­den, ich bin hy­per­sen­si­bel, Mi­ke ist hy­pe­rak­tiv, wir hüpfen fröhlich durch Ber­lin-Lich­ten­berg.

Draußen su­chen wir wei­ter nach der Schim­mel-Apo­the­ke, nischt zu fin­den. Wo is das Ding nur, APONEO, wo bist du? Gro­tesk, die­ser Schim­mel, was ma­chen wir hier ei­gent­lich? Al­ter? Über­leg mal, wie ab­surd das al­les ist. Ren­nen von hier nach da und vor und zurück, und dann? Na ent­schim­meln. Die Psy­cho­lo­gie des Schim­mels, Haupt­werk von Ge­org Schim­mel, ei­ner von die­sen ver­gam­mel­ten Fun­gi­lek­tu­el­len.

S-Bahn­hof Lich­ten­berg fin­den wir die Apo­the­ke end­lich. End­lich. Mi­ke macht al­lein rein, kommt nach ei­ner Wei­le wie­der raus. Und?

„Schümmel-Ex be­stellt, ick kann et 14 Uhr ab­holn. Hättick übri­gens in je­de and­re Apo­the­ke ooch be­stelln könn, wa.“

„Du Druf­fi, Al­ter, sind wir ver­rafft, und dafür ren­nen wir hier Stun­den durch die Pam­pa.“ Ich knuff ihn, wir la­chen, zünden uns Flup­pen an. „Dann zeig mir jetzt mal den Schim­mel in dei­ner Bu­de, ich will mir selbst ’n Bild von der La­ge ma­chen.“ Ernst­haft, ich muss mir das jetzt mal an­gu­cken. Kann ich gleich fri­sches Speed kau­fen. Ach nee, hatt ich ja schon, scha­de.

Wir wa­bern den gan­zen Weg zurück nach Fried­richs­hain, rau­chen, ich hab Sprech­durch­fall, muss das Gefühl von vor­hin weg­la­bern, wie man das als In­tel­lek­tu­el­ler so macht. Mi­ke hört eh nicht zu, mei­ne Bei­ne sind schon ganz steif vom vie­len Lau­fen, schmer­zen so selt­sam, plat­zen fast. Dann ste­hen wir in sei­ner Bu­de.

„Und?“

Er deu­tet nach oben. „Na dort zun Bei­spiel, kieks­te, siehs­te dit Je­schmad­der da?“

Häh? Ich geh durch die Woh­nung und in­spi­zie­re al­les sehr ge­nau. Ich seh da kei­nen Schim­mel, nir­gend­wo, rie­che auch nichts. Die Ta­pe­te ist halt hier und da ge­wellt und ver­dreckt und wirft Schat­ten, ganz nor­mal. „Nor­mal, Al­ter.“ Du hast ’nen Schat­ten.

„Doch, doch, wen­nicks sa­ge. Hier und da und über­all, siehs­te dit denn nich?“

Nee du, kein Schim­mel, kein nix. Du bist pa­ra­no­id, du hast zu viel ge­ruppt, du Voo­chel. Dein Schümmel-Ex kanns­te dir in die Mus­rie­fe schmie­ren. Ich mach nach Hau­se. Geh du mal schön um 14 Uhr zu APONEO. Der will mich doch schi­cken, die­ser dum­me Jun­kie.

*

Fäul­nis über Ber­lin, ich kanns nicht mehr hören, das ist ja noch schlim­mer als die ver­gam­mel­ten Brief­mar­ken. APONEO, die Schwan­ge­re, mei­ne Tränchen, was soll das al­les, die vie­len Ein­drücke flir­ren mir im Schädel. Ich muss jetzt schla­fen, bin wach seit vier, seit fünf Jah­ren, frei­tags geht der Pöbel fei­ern, mor­gen ist Sams­tag, dann geh ich ra­ven mit Jens und Phil und Da­ve. (Da­ve? Wer ist die­ser Da­ve?) Al­le zu­sam­men, al­le ge­eint, one love, one harm­ony. Erst in den Horst, dann Sonn­tag­abend Rit­ter Butz­ke, „Ho­mes­weetho­me Pfingst-Ses­si­on“ auf vier Floors, Sa­scha Brae­mer, Ni­coné, Ni­co Sto­jan, Brit­ta Ar­nold, Mar­cus Mein­hardt – bei dem Li­neup krieg ich ’nen Ständer, es riecht nun streng nach Nil­lenkäse. Mein Smeg­ma über Ber­lin.

Ich will nicht schla­fen. Aber ich muss. Aber ich kann nicht, weil mich sonst Clowns ea­ten würden. Lu­sche. Mein Bei­ne schmer­zen, sind steif, ich setz mich aufs Bett, zieh die Jeans aus, streif die zerlöcher­ten Strümp­fe von den Füßen. O Schreck, o Graus. Die Su­per­maus. Was ist das? LOL? Nein, kein Schim­mel­pilz. Mei­ne Füße sind di­cke Klum­pen, auf­ge­quol­len, auf­ge­dun­sen wie die Füße von Oma Rei­ber, die­ser 120-Ki­lo-Adi­po­si­tas-Pa­ti­en­tin. Weeßte noch, da­mals zu Zi­vi-Zei­ten? Wie konn­te das pas­sie­ren? Des­we­gen fühlt sich das die gan­ze Zeit so steif, so schmerz­haft an. Carl, mein Carl, mach bloß kein Scheiß, ich bin nicht kran­ken­ver­si­chert. Die Füße, sie tun ver­rot­ten, ich muss goo­glen, muss her­aus­fin­den, was mit ih­nen ist. Carl, mach dich mal lo­cker, trink Lin­den­blüten­tee mit Lin­den­blüten­ho­nig. Ich hab ein­fach zu viel ge­ses­sen, mich zu we­nig be­wegt in letz­ter Zeit, mei­ne en­ge Hips­ter-Jeans schnei­det mir das Blut im Un­ter­leib ab. Ka­stra­ti­ons­angst. Klump­fuß wie Go­eb­bels, das al­te Na­zi­vieh. Viel­leicht ist es auch ein dia­be­ti­scher Fuß oder ein Rau­cher­bein? Angst! Leg dich hin, pack die Bei­ne auf ein Kis­sen, schlaf, mor­gen sind sie wie­der nor­mal, dei­ne Füßchen, mor­gen wird ge­tanzt. Ich will nicht schla­fen, ich bin noch nicht müde, ich bin sehr nin­ge­lig. Du musst, kei­ne Dis­kus­si­on, schla­fen ist ge­sund.

Man schläft in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten ein. Ra­sen­der Schmerz im Bein weckt einen wie­der auf, es ist dus­ter, wo bin ich, ich bin ein Krampf, lieg auf den Die­len, wie komm ich da hin, ich win­de mich, scheu­er über den Fußbo­den, um­klam­mer das rech­te Bein, ich kann es nicht be­we­gen, kann es nicht ent­kramp­fen, voll der Ra­ve, voll am Ra­sen. Ich stöhne und ächze, tan­ze wie ein Fisch im Tro­ckenen, kämp­fe mi­nu­ten­lang, Tränchen kul­lern. Tränen­flüssig­keit be­steht ne­ben Was­ser aus ver­schie­de­nen Pro­te­i­nen (un­ter an­de­rem Im­munglo­bu­li­ne), En­zy­men (un­ter an­de­rem Ly­so­zy­me), an­or­ga­ni­schen und stick­stoff­hal­ti­gen Sub­stan­zen, Koh­len­hy­dra­ten … „Fres­se“, schreie ich und heu­le. Ganz lang­sam ent­spannt sich das Bein. Erschöpfung.

Ich leg mich hin, schlaf so­fort wie­der ein.

Dann das Han­dy, seit Ewig­kei­ten klin­gelt es, ich blin­zel end­lich drauf, es ist ein Uhr fümnzwan­zich, Sonn­tag, ick raffs nicht, ist nun Sonn­tag oder Mon­tag oder Sams­tag, oder was? Warum klin­gelt das scheiß Han­dy die gan­ze Zeit, es klin­gelt mich in den Wahn­sinn, ich will doch ein­fach nur in Ru­he pen­nen. Ich schalt es aus, was ewig dau­ert, weil ich so hart ver­peilt bin, dreh mich um, schlaf so­fort wie­der ein.

Dann weckt mich die sehr ag­gres­si­ve Woh­nungs­klin­gel, ich ras­te aus, das ist doch be­stimmt ein fuck­ing Alb­traum, scheiße, draußen ist hell, es wird Sams­tag sein, oder is­ses Sonn­tag, leck mich, fickt euch, wer ist das. Ich tu mir das Kis­sen über die Oh­ren pres­sen, tu weiter­schla­fen, träume von der la­dy in black, träume von Monsan­to, die ope­rie­ren mir ’nen Chip in den Kopf, oh­ne Nar­ko­se, die El­tern sind plötz­lich weg, ha­ben mich al­lein­ge­las­sen, ich wei­ne, dann das Geräusch ei­nes Schlüssels, der sich im Schloss der Woh­nungstür dreht, Carl, mein Klee­ner, die El­tern, sie kom­men wie­der nach Hau­se, es ist al­les gut, schlaf wei­ter, sh­hh …

Was? Auf ein­mal steht Neh­scher Jens vor mir. Was macht der hier? Wie kommt der hier rein? Ich reiß mich hoch, reiß die ver­kleb­ten Au­gen auf. Macht der jetzt Ernst mit sei­ner Schlüssel-Ak­ti­on? „Al­ter, bist du be­scheu­ert? Ab­haun!“ Mei­ne Stim­me über­schlägt sich, ich hör Tu­scheln von draußen, ’ne Fis­tel­stim­me und ’ne Ol­le, wen hat der Wich­ser denn noch mit­ge­bracht? „Ver­zieh dich, so­fort!“ Ich mein das ernst! Jens duckt sich, stam­melt ir­gend­was. „Ab­haun du Spast, du hast se wohl nicht mehr al­le.“ Ich bin jetzt so wütend, dass ich gar nicht weiß, wie ich noch rea­gie­ren soll, schrei ihn wei­ter an, schrei al­le an, schrei die Welt an. Jens auf Ze­hen­spit­zen rückwärts raus, schließt die Tür hin­ter sich, ganz vor­sich­tig. Hass. Mei­ne Faust don­nert ge­gen die Wand, es fließt ros­ti­ges Blut. Schlaf wei­ter, Pa­te Schim­mel­pries­ter. Ab­sturz, endgültig. Endgültig. Endgültig, endgültig, endgültig.

 

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