MDMA und ich sind eins

Sommer

Es gibt et­was, das man noch nicht erzähl­te, weil man es ein biss­chen ver­drängt hat, oder weil man denkt, dass ir­gend­wann ge­nug vom Ra­ve ze­le­briert wur­de, im­mer die glei­che tech­noi­de Scheiße. Je­doch: Man ist hängen­ge­blie­ben, man kommt nicht mehr klar, man wird sich ewig wei­ter­fei­ern, wird de­li­rie­ren, wird ra­sen, wird to­ben, und auf einen Höhe­punkt kann man im ewig re­tar­die­ren­den Ge­tex­te von im­po­ten­ten In­ter­lek­tu­el­len lan­ge war­ten. Auf den Ab­sturz we­ni­ger. Hm. „Im­po­ten­ter In­tel­lek­tu­el­ler“ – ist das nicht dop­pelt ge­mop­pelt, ähn­lich wie „nar­ziss­ti­sche Kränkung“ oder „dum­mer Neh­scher“ oder „Fis­tel-Phil“? Egal.

Al­so. Fol­gen­des tu ich an­zu­sa­gen ha­ben: Ich be­sit­ze ’nen Fu­si­on-Ticket. Fu­si­on! Ver­stehs­te? Das Fes­ti­val! Ich hab ’nen Ticket! Na? Läuft, wa? Frags­te dir: Wie hat er das nur hin­be­kom­men, der Teu­fels­kerl? Wirs­te nicht glau­ben, aber ich habs mir ein­fach re­ser­viert, letz­tes Jahr im De­zem­ber schon. Mein ganz persönli­ches Weih­nachts­ge­schenk an mich selbst. Weil ich es mir wert bin. Die Fu­si­on! Der On­kel Ca­putt­nik war ein­fach schnell ge­nug bei der Re­gis­trie­rung, und weil ich so geil bin, hab ich das Ticket gleich per So­fortüber­wei­sung be­zahlt. Sieb­zig Eurönchen. Das is doch nischt für ’ne Ein­tritts­kar­te in den to­ta­len Ab­sturz, oder? Plus ’nen Zeh­ner Müll­pfand. Ich bin Müll, doch ihr seid dre­ckig. So stand es auf die­sem Shirt, das ich der ach­ten oder neun­ten Klas­se manch­mal auf­trug. Kennt noch wer WI­ZO? Oder Schleim Keim? Oder To­xo­plas­ma? (Man schweift ab, die Ge­dan­ken sind stark frag­men­tiert, ich hack was auf, ich zieh was, Speed rie­selt mir aus der Na­se.)

Je­den­falls, dumm nur, dass die mir mein Ticket dann nicht zu­stel­len konn­ten, we­gen Brief­kas­ten und so. Ja­ja. Carl, Ca­putt­nik und der Brief­kas­ten. Uns drei bei­de. Die ver­bin­det et­was Bi­zar­res, et­was Neu­ro­ti­sches, ei­ne Neh­scher à trois, oder wie das heißt. Ob das was mit Freud und dem lust­vol­len Zurück­hal­ten von Scheißerei zu tun hat, dass ich die­sen Brief­kas­ten nicht mehr lee­re? Und E-Mails nicht mehr ab­ru­fe? Nö. Wenn ich mal einen ab­sei­len muss, dann hält die Wurst kein Schließmus­kel der Welt zurück. Ost­kreuz, du weißt. Viel­leicht ist der Brief­kas­ten aber auch ein Sym­bol für mein in­tel­lek­tu­el­les Gefühls­le­ben (die In­ter­pre­ta­ti­on über­las­se ich zukünf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen in­ter­lek­tu­el­ler Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler). Wie dem auch sei. Je­den­falls ist der Brief­kas­ten ei­ner der großen Stress­fak­to­ren mei­ner Exis­tenz, nach Jens und Phil, nach Ma­mi und Pa­pi, nach Ca­putt­nik En­ter­pri­ses, nach dem zu klein ge­ra­te­nen Pil­le­mann.

Al­so. Weil der dum­me Brief­kas­ten mal wie­der ver­stopft war, ging mein Fu­si­on-Ticket zurück. Oder? Kann auch sein, dass es dar­an lag, dass ich die Tür nicht geöff­net hab, als die Brief­träge­rin we­gen des Ein­schrei­bens klin­gel­te. Die schi­cken die Tickets doch im­mer per Ein­schrei­ben, und wisst ja, ich öff­ne grundsätz­lich nur, wenn ich ver­ab­re­det bin, we­gen Klin­gel­trau­ma und so. Lan­ge Ge­schich­te, ver­bun­den mit star­kem Herz­ra­sen, mit viel Cor­ti­sol, sehr post­trau­ma­tisch.

Ich has­se Jens, ich has­se Phil. Ich has­se al­le. Ich bin sehr ab­ge­trennt, bin sehr ein­sam. Al­ter, bin ich ein Wrack? Yup, ich bin ein Wrack. Mit wem sprech ich ei­gent­lich ge­ra­de? Na mit dir selbst, du Voo­chel, mit dei­nem Spie­gel­bild. Mit dem man in the mir­ror. Kuck dich doch mal an. Voll die Au­gen­rin­ge, übels­te Tel­ler-Glüsen, wi­der­lich gel­be Zähne, lau­ter Pi­ckel­chen rund um die auf­ge­platz­ten Lip­pen. Ein aus­ge­prägtes Face of Mett.

Früher war ich sehr schön, früher war ich ein Do­ri­an Gray – die Ol­len stan­den auf mich, moch­ten mein hübsches ebenmäßiges Ge­sicht, den Schlaf­zim­mer­blick, die Som­mer­spros­sen. An­de­re wa­ren nei­disch auf mei­ne Schönheit. Vor al­lem des­halb fand ich mein dum­mes Ge­sicht ir­gend­wann selbst un­er­träglich. Als su­che man sich das aus, hübsch zu sein. Ich woll­te die­ses Ge­sicht des­halb im­mer ver­nich­ten. Heu­te tu ich es, heu­te hab ich mich dafür ent­schie­den, häss­lich zu sein, heu­te bin ich Carl Ca­putt­nik, bin Häss­wuchs von Be­ruf, bin Gol­lum auf Speed.

Quatsch. War nur Spaß. So schlecht seh ich gar nicht aus, für drei Ta­ge wach noch ganz passa­bel. Ich leg nach dem Fei­ern ex­tra im­mer ei­ne Gur­ken­mas­ke auf, schmier Feuch­tig­keit­s­creme in die Fres­se, spül die Ne­benhöhlen mit Salz­was­ser durch. Zurück zum The­ma Fu­si­on: Per Mail be­kam ich von den Hei­nis zu­ge­sagt, dass ich das Ticket je­der­zeit bei Vor­la­ge mei­nes Per­so­nal­aus­wei­ses ab­ho­len könne, di­rekt am Ein­lass. Das wäre dann kom­men­des Wo­chen­en­de, denn die­se Wo­che fin­det sie statt, die Fu­si­on. Rich­tig. Zur Er­in­ne­rung: Die Fu­si­on, das ist ei­ne Ver­an­stal­tung in Nord­deutsch­land, auf der man mit fünf­zig­tau­send an­de­ren ge­mein­sam das Tanz­bein schwingt und meh­re­re Ta­ge am Stück wach sein wird.

Pro­blem: Nun ist es ja mit mei­nem Per­so­nal­aus­weis so, dass da noch mei­ne al­te Adres­se drauf­steht. Al­so nicht die, mit der ich das Ticket gekäuft hat­te. Hab mich ja nie um­ge­mel­det, seit ich hier woh­ne, seit drei Jah­ren. Warum? (Ich hal­te dem Spie­gel­bild mein Han­dy ent­ge­gen.) Hier, ruf Kee­ner an. Ist un­ter „Kee­ner (Fest­netz)“ ab­ge­spei­chert. Ruf an, frag nach. Weil: Kee­ner weeßes.

Wie du siehst, es ist al­les sehr kom­pli­ziert. (Ich seuf­ze, sa­cke zu­sam­men, spring auf, ti­ge­re wei­ter durch die Woh­nung, grüble sehr schnell, tan­ze da­bei, ob­wohl gar kei­ne Mu­sik läuft.) Ob die mir trotz­dem mein Ticket am Ein­lass fei­er­lich über­rei­chen würden und mich Be­rufs­feie­rer rein­las­sen? Ich bin nicht si­cher. Mit der falschen Adres­se auf dem Aus­weis könn­te das Pro­blem­chen ge­ben. Könn­te. Könn­te ja mal an­ru­fen und de­nen die Sach­la­ge er­klären. Die sind da be­stimmt nicht so. Im­mer­hin hab ich kräftig be­zahlt für das Ticket, acht­zig Öcken, in­klu­si­ve zehn Öro Müll­pfand. Ich bin Müll, doch die Leu­te sind sehr dre­ckig. Jens ist sehr dre­ckig. Phil ist sehr dre­ckig. Al­le sind sehr dre­ckig. Nur ich, ich bin Müll und la­che nun sehr dre­ckig.

Ab­haun. (Mei­ne Faust don­nert auf den Schreib­tisch, ein lee­res Glas geht zu Bo­den, klirrt, split­tert, ich sprin­ge auf, er­schre­cke mich vor mir selbst.) Ich hab kein Bock auf die drecks Fu­si­on! Scheiß auf die Koh­le vom Ticket! Ver­stehs­te jetzt, wor­auf ich hin­aus will? Schön Kar­re mie­ten, Zelt be­sor­gen, Schlaf­sack, ’ne vernünf­ti­ge Men­ge an MD­MA, Speed, Wod­ka und Ta­bak, und dann auf nach Lärz, dem Ra­ve ei­ne vol­le Wo­che frönen. Ganz ge­pflegt. Ganz weit vor­ne. Ab­sturz über al­les bis­her Ge­we­se­ne hin­aus. Weit hin­aus. Al­so noch wei­ter als bis­her. Wei­ter als fünf Ta­ge wach, wei­ter als Speed­krümel vom Fußbo­den zu­sam­men­su­chen, wei­ter als der Ab­kack un­ter dem Ost­kreuz da­mals. Ganz weit. Ganz weit vor­ne.

Im­mer­hin wäre es mei­ne al­ler­ers­te Fu­si­on. Has­te rich­tich gehört, mein Gu­ter. Er war noch nie auf die­ser Fu­si­on in Lärz, der Herr Ca­putt­nik, das wär sein ers­tes Mal. Und ge­nau die­ses ers­te Mal fällt aus. We­gen is nich. Und aus ’nem wei­te­ren Grund: Die Leu­te sind auch dort. Neh­scher Jens, Phis­tel-Phil, di­ver­ser mensch­li­cher Ab­schaum, Pöbel. Seit die­ser Bim­bo neu­lich in mei­ner Bu­de stand, nur weil ichs ver­pennt hat­te, weil ich mal nicht ans Han­dy ging und er zufällig mei­nen Er­satz­schlüssel hat. Was ham die Vieh­cher sich ge­dacht? Dass ich zu Hau­se ver­reckt bin, weil ich nicht mit ih­nen steil­ge­he? Oh, der Carl, der geht mal ein Wo­chen­en­de nicht steil, is der krank? Der muss tot in sei­ner Woh­nung lie­gen. An­ders können wir uns das nicht er­klären, es ist so neb­lig in un­se­ren un­ge­bil­de­ten Köpf­chen. (Ein Ma­gen­ge­schwür ge­deiht prächtig.)

Seit al­le die­sen Sor­gen-Film schie­ben und mich ner­ven, als ob sie kei­ne ei­ge­nen Pro­ble­me hätten, und auf ’ne Art von mir er­war­ten, dass ich das Pro­blem­kind spie­le. Die­se co-abhängi­gen Kümme­rer. Seit­dem je­den­falls kann ich nicht mehr mit den Leu­ten. Ich has­se sie. Sie sol­len al­le ab­haun. (Ich schreie auf. Mei­ne Faust don­nert ge­gen die Wand, es gibt blu­ti­ge Rau­fa­ser­ta­pe­te, ich spüre nichts als Hass.) In mei­nem Her­zen schim­melt ei­ne nar­ziss­ti­sche Persönlich­keitsstörung, ich bin sehr ge­kränkt, sehr ent­frem­det, ich muss mein Ge­sicht, muss die an­de­ren, muss den (Kul­tur-)Kos­mos ver­nich­ten.

Ich at­me tief durch, hus­te tro­cken, leg mir noch ’ne Li­ne. Wor­auf ich ei­gent­lich hin­aus will. Seit ges­tern is ja die Fu­si­on eröff­net. Die Leu­te sind al­le schon dort. Nur ich und mein lie­ber Spi­der-Mi­ke sind bis­her hier­geblie­ben, in ol­le Ber­lin. Und vom Wet­ter hört man ja ganz üble Ge­schich­ten. Aber ganz, ganz üble. (Ich wed­le mit der blu­ti­gen Hand, als hätte ich sie mir ver­brannt, grin­se scha­den­froh.) Ganz Lärz ver­sinkt im Schlamm. Ganz Carl ver­sinkt in Hass. Er ist Müll, doch sie sind schlam­mig. Die gan­ze Fu­si­on fällt ins Was­ser, nur Re­gen und Schlamm, kein Som­mer, kei­ne Son­ne, kei­ne Love, kein Nischt. Kras­se Scheiße, oder? Gut, dass ich da nicht bin. Wo­bei: Dau­er­re­gen und Schlamm, kein Licht, kei­ne Lie­be, trifft das nicht auch auf mei­ne In­ner­lich­keit zu?

Warum erzähl ich das al­les in ei­ner sol­chen Ausführ­lich­keit? Ganz ein­fach: Weil ich auf Speed bin, auf dem Am­pher, schon seit vor­ges­tern. Haus­be­such vom net­ten Tier­arzt Dr. Mo­rell. Der übli­che Sprech­durch­fall, der mich je­des Mal plagt, nach­dem ich zu viel ge­zup­pelt hab. (Man streut sich ein we­nig vom Speed in die blu­ten­de Wun­de, leckt sie aus.) Al­ter. Wenns möglich wär, würd ich das Zeug drücken. Kann man Cry­stal nicht bal­lern? Oder Koks?

Hör zu, du dum­mer Span­ner, nu is­ses raus: Mor­gen fahr ich zur Fu­si­on. Ganz ge­nau, mor­gen, has­te rich­tig gehört. Nö, mein Ticket ver­gam­melt wei­ter­hin, auch wenn ichs viel­leicht am Ein­lass be­kom­men könn­te. Aber der gu­te Spi­der-Mi­ke, der hat zwei Sonn­tags­tickets in­klu­si­ve Hin­fahrt ge­bucht. Der kümmert sich we­nigs­tens um mein Wohl­er­ge­hen. Wir fah­ren al­so mor­gen Vor­mit­tag mit ’nem BASS­LI­NER vom Ost­bahn­hof aus los, ab nach Lärz. Ich könnt mich so fei­ern! Mach ich auch! Schön auf Kur, schön er­ho­len von dem gan­zen Quatsch hier, von Ca­putt­nik En­ter­pri­ses, von all dem Ärger. Den an­de­ren, die dort sind, den Leu­ten, den ha­ben wir nix da­von ver­ra­ten. Ich bin Über­ra­schungs­gast, ich wer­de mit ei­nem Schleif­chen um den Pim­mel aus dem Schlamm sprin­gen. Was die glot­zen wer­den! Wie die Ko­bold­ma­kis! Viel­leicht hilft das ja, um wie­der mit der Welt, mit den Leu­ten klar­zu­kom­men. Biss­chen Com­mu­ni­ty, biss­chen Love, biss­chen Harm­ony. Viel­leicht treff ich dort ja auch So­phia, die gei­le Sau.

Ficki­ficki? Ach ja, das Wet­ter, viel­leicht frags­te dich das auch ge­ra­de. Das ist halt so die Sa­che, ne. Das Wet­ter. Der Re­gen. Der Schlamm. Und der Schim­mel. Was will er ei­gent­lich auf ’nem Fes­ti­val im Som­mer, so ganz oh­ne Son­ne und nur mit Re­gen, der Kol­le­ge Ca­putt­nik? Ge­he er doch mor­gen schön ins Berg­hain oder in die Butz­ke oder we­nigs­tens in Sui­ci­de Cir­cus, da hätte er de­fi­ni­tiv ’ne gei­le Par­ty. Fres­se! Ich fahr mor­gen mit Mi­ke zur Fu­si­on, bas­ta. Und Zelt? Wo wills­te schla­fen? „Schla­fen“. Du Scherz­keks. Was das Wet­ter an­geht: Warts mal ab. Wet­ter­be­richt sagt für Sonn­tag und Mon­tag die ein­zi­gen zwei ak­zep­ta­blen Ta­ge vor­aus. Zwar kei­ne Son­ne, aber auch kein Re­gen. Al­so, auf nach Las Ve­gas. Auf nach Hass Ve­gas. Und wenn ich wie­der zurück bin, hör ich erst mal auf mit die­sem Speed, dross­le ich das Tem­po.

*

Sams­tag­nacht im Fried­richs­hain, es wum-mert der Tech-no, der Voo-chel fliegt wie-der, es spie-le-het de-her Hir-te auf sei-ne-her Scha-hal-mei (la la la la la la la la la la, la la la la la la la). Das Set heißt „Ar­ju­na Schiks li­ve at Queens­day“, ich geh in die Es­se, bin sehr blass, bin sehr schwach, der Blut­zucker­spie­gel ist nied­rig, per­ma­nen­ter Stress oxi­diert mei­ne Zel­len, Ra­di­ka­le wer­den frei­ge­setzt, at­ta­ckie­ren die DNS, es gibt Hun­ger­stoff­wech­sel, ich hab Mund­gul­li. Es dröhnen die Lie­der, der Re­gen kehrt wie­der, nun will der Jens uns grüßen, die klei­ne ver­raff­te Sau. Neu­lich sind mir an der Welt­zeit­uhr fast die Bei­ne ein­ge­knickt, es wur­de ihm schwarz vor Au­gen, im sel­ben Mo­ment steu­er­te ei­ne Grup­pe chan­ten­der Kris­hnas vor­bei, plötz­lich die­ses Glücks­gefühl, man hats dann ge­ra­de so bis nach Hau­se ge­schafft. Shuffle, shuffle, Psy­cho­se baue.

Die Fu­si­on steht an, ich tu jetzt al­so zu Hau­se im Fried­richs­hain vorglühen mit Mi­ke, wir trin­ken Wod­ka, Club Ma­te und Jäger­meis­ter, ich reiß mich natürlich zu­sam­men, si­mu­lie­re Nor­ma­lität.

„Mi­ke, wuss­test du ei­gent­lich, dass Sméagol nur so häss­lich wur­de, weils ihm an Son­nen­licht und dem­zu­fol­ge an Vit­amin D3 ge­man­gelt hat?“

Mi­ke surft auf Fa­ce­book Ol­len hin­ter­her, reißt ir­gend­wann sei­ne Auf­merk­sam­keit vom Mo­ni­tor und sagt: „Nee, wa. Erzähl, At­ze.“

Häh, erzählen? Was meint der? Ach ja, Sméagol, Vit­amin D3. „Na da gibts nischt zu erzählen. Kiek auf mein Fei­er­beu­tel, da stehts ge­schrie­ben: ‚Ich bin ein Licht­we­sen.‘ Wir sind Licht­we­sen, wir fut­tern buchstäblich Pho­to­nen. Al­le Ma­te­rie ent­steht aus Ster­nen, al­so sind auch wir Teil der Son­ne, nich wahr. Wir fres­sen Pflan­zen, die mit­tels Pho­to­syn­the­se Ener­gy pro­du­cen, wel­che wie­der­um un­se­re Zel­len an­heizt. Die Er­de ist re­la­tiv warm, es lebt hier al­les nur, weil die Son­ne un­se­ren Pla­ne­ten mit Licht ver­sorgt. Pho­to­elek­tri­scher Ef­fekt, du weißt, Keu­le? Wir sind Licht, wir sind Ener­gie, wir sind Wärme, ver­stehs­te? Wir sind aus Licht ge­macht … und so­mit ist auch Gol­lum aus Licht ge­macht … Wo­bei ich das mit dem D3-Man­gel noch nich so rich­tig glau­ben kann. Gol­lum hat ja sehr ger­ne Fisch ge­fut­tert, und Fisch enthält be­kann­ter­maßen biss­chen Vit­amin D3. Falls es aber wirk­lich D3-Man­gel war, heißt das auch, dass Gol­lum nicht durch den Ring häss­lich wur­de, al­so wie durch Am­phe­ta­min, son­dern durch Man­gel an Licht und Vit­amin. Hy­po­vit­ami­no­se D3.“

Spi­der-Mi­ke run­zelt sei­ne Stirn, surft wei­ter auf Fa­ce­book, er ver­steht mich natürlich nicht, be­sab­bert Duck­face-Pro­fi­le, hört nur mit hal­b­em Ohr zu: „Al­let klar, wa. Amph-Vit­ar­min D Dreie.“

„Weißte über­haupt, wo­zu das gut is, du Na­se?“

„Klar weeß ick dit. Ick bin doch nich dumm, du Voo­chel. Ick hab zwar nur Re­al­schu­le, aber dit im­mer­hin mit zwee Kom­ma vie­re, wa. Und außer­dem mee­ne fast fert­je Aus­bil­dung zun Me­tall­bau­er. Fach­rich­tung Kon­struk­ti­ons­tech­nik. Die hatt ick zwar nich fer­tig ma­chen können, wa, wie je­sacht, weil we­jen Be­trieb­splei­te, aber … ver­jiß mal nich die Brief­mar­ken, mee­ne At­ze.“ Er springt auf, ti­gert durch das Zim­mer, haut sich auf die Couch, schweigt, fängt an, fri­sches Speed zu­recht­zu­schie­ben.

„Leg mir mal bit­te ooch ’ne anständi­ge Li­ne, Keu­le. Ich weiß doch, du bist auf je­den Fall ein außer­gewöhn­lich schlau­er Kol­le­ge, des­we­gen erzähl ich dir das ja auch. Al­so, um auf das The­ma zurück­zu­kom­men. D3 ist qua­si das Licht­vit­amin. Man­che sa­gen auch, es tue ein Hor­mon sein.“

Mi­ke fällt mir ins Wort: „Sag ma bit­te nich ‚tue‘, At­ze, dit is sehr schlech­tet Deutsch, wa.“

Ich tu wei­ter­la­bern: „Al­so, es ist eher ein Hor­mon am Sein. Aber ob nun Hor­mon oder Vit­amin: Al­les nur Wörter, al­les nur Wörter, mein Freund der Son­ne. Das hatt ich dir ja neu­lich schon mal er­klärt. Der Körper braucht je­den­falls Son­nen­licht, um aus Cho­les­te­rin D3 zu kre­ie­ren. Des­we­gen ver­mu­te ich Fol­gen­des.“ Ich ver­stum­me, schau ihn an, war­te, bis er fra­gend zurück­schaut, um das Ge­schenk mei­ner strah­len­den Ge­dan­ken, mei­ner scharf­sin­ni­gen Theo­ri­en ent­ge­gen­zu­neh­men. Die War­stei­ner-Hym­ne er­klingt in mei­nem Kopf.

„Al­so, Ver­mu­tung: Viel­leicht hat sich Gol­lum auch ein­fach zu cho­les­te­rin­arm ernährt. Von Mar­ga­ri­ne und so ’nem Dreck. Kei­ne Ei­er, kei­ne tie­ri­schen Fet­te, kein Nischt. Gol­lum war ein ha­fer­flo­cken­fres­sen­der, ver­weich­lich­ter Ve­ga­ner. Ganz ein­deu­tig! Man er­kennt das an den gamm­li­gen Zähnen, an der de­pres­si­ven Ver­stim­mung, an der schlech­ten Körper­hal­tung. Je­den­falls. Horch zu. Das fer­ti­ge D3 tin­gelt dann durch die Zel­len und tut dort sehr viel Sa­chen ma­chen. Zum Bei­spiel Ge­ne an- und aus­schal­ten, wie ’n Licht­schal­ter. Da­mit aus dir kein zwei­ter Sméagol wird. Ver­stehs­te? Ist das nicht krass? Sag mal, ist das nicht hef­tig?“ Jetzt spring ich auf, schrei­te zum An­klei­de­spie­gel, schrei­te wie­der zurück zur Couch, nip­pe an mei­ner Club Ma­te, rülp­se laut.

„Zun Wohl! Hier, rupp erst ma ee­ne, du ol­le Profässor. Ick brooch keen Son­nen­licht nich, jibt nur Son­nen­brand. Ick hab der­be en­pfind­li­che Haut, wird im­mer glei rot, keen Bock off Krebs, du? Ozon­loch und so, va­stehs­te?“

Ozon­loch, den­ke ich. Stimmt. Da hat­te ich ja noch gar nicht dran ge­dacht! Al­ter. Ich blub­ber wei­ter: „Ozon ist gut, Keu­le. Da steckt ‚Oz‘ drin, ist dir das schon­ma auf­ge­fal­len? Ick freu mir wie der Zau­be­rer von Oz auf nach­her, auf die Fu­si­on, auf das Wun­der­land.“ Der Raab betätigt einen Knopf auf sei­nem Schreib­tisch, die­se grin­sen­de Un­ter­schich­ten-Ol­le ist zu se­hen: Da gibts ein fet­te, fet­te, fet­te Par­ty. Ich reib mir die Hände, sprin­ge wie­der auf, do­zie­re wei­ter. „Je­den­falls, du Höhlen­mensch. Man muss sich um sich kümmern, wenn man un­ter­wegs ist wie wir. Man will doch nicht aus­se­hen wie das Gol­lum. Amph-Vit­ami­ne al­lei­ne rei­chen nicht, um den Körper ju­ve­nil zu hal­ten, man muss ein An­ti-Aging-Pro­gramm auf­le­gen. Gur­ken­mas­ken und Heil­er­de. Na­sen­spülun­gen. Sa­lat. Mul­ti­vit­amin-Ta­blet­ten. Und Son­ne.“

„Ju­vi­nyl wat? Gur­ken­mas­ken … ir­jend­wie ooch biss­ken schwul, wa? Und Son­ne … zu viel von die Son­ne ist nich so je­sund, mee­ne At­ze, gloob et mir. Ick hab da mal ’ne Sen­dung auf Pro 7 je­sehn, Ja­li­leo oder so. So häss­li­cher Haut­krebs über­all am Wu­chern bei der ein’. Al­so ick für mein Fall, ick tu die Nacht be­vor­zu­gen. Al­so, ick be­vor­zu­ge die Nacht, mei­nick. Je­sund bleib ick trotz­dem, oder seh ick aus wie Druf­fi?“ Er schaut mich an, grinst, streicht sich über die Glat­ze.

Scheiße, jetzt raff ich. Spi­der-Mi­ke ist nicht nur nei­disch we­gen mei­nes ho­hen Bil­dungs­ni­ve­aus, der ist ge­nau­so nei­disch ob mei­ner hübschen Hack­fres­se, die noch nicht so ver­drogt aus­sieht wie sei­ne. Ich sag nichts, rup­pe mei­ne Bahn, hus­te.

Mi­ke lacht. „Na al­so. Du Dicht­we­sen. Du ol­le Dok­ter. Und, ju­ter Stuff, wa? Hab je­nug von ein­ste­cken für die Fu­si­on, al­so aus­rei­chend für uns. Vor allm hab ick aber rich­tich schöne Pilln da­bei, wa. Bes­te.“

„Geil. Ich has­se Pil­len, aber of­fe Fu­si­on mach ich mal ’ne Aus­nah­me.“ Der Rotz läuft mir den Hals run­ter, brennt wie Schwe­felsäure, ich häng breit­bei­nig in der Couch, at­me schwer. „Sag ma, dein Speed der­zeit, das ist das hef­tigs­te, was du je am Start hat­test. Ist da Cry­stal drin, oder die­se ko­mi­schen Ba­de­sal­ze? Das Zeug macht mich so stark und un­ver­wund­bar wie Sméagol sein Ring. Hab noch nie Cry­stal pro­biert, aber so krass stell ich mir das vor. Das ist doch schon nich mehr nor­mal, wie das schep­pert.“

„Dit frags­te aber jetz ooch je­det Ma, oder? Dit is, wie je­sacht, ein­fach sehr rein, nix Cry­stal. Wär doch Jeld­ver­schwen­dung, mit teu­re­ren Stuff zu ver­schnei­den. Dit is mei­ne Spe­zial­mi­schung, nur für uns. Kein Milch­zu­cker dran, kein nischt. Nur Peppn in qua­si phar­ma­zeu­ti­sche Qua­lität.“ Mi­ke grinst mich an, er ist of­fen­sicht­lich sehr stolz auf sein gu­tes Speed. Ich frag lie­ber nicht, wo das her­kommt, wo­mit es ge­mischt ist, warum es so flo­ckig ist, ob es rechts- oder links­dre­hend ist und warum es sich so der­be in die Alu­fo­lie ätzt.

„Du al­ter Schim­mel­pries­ter. Und du hast den Leu­ten auch nix da­von ver­ra­ten, dass ich mit­kom­me? Jens und Phil und so, mein ich?“

„Nee, At­ze, hab ick nich.“ Er glotzt empört, viel­leicht auf­grund mei­ner im­pli­zi­ten Verdächti­gung, dass er mit den Leu­ten hin­ter mei­nem Rücken über mich re­det, fährt dann fort: „Wann denn? Kenn die Vöchel doch eh kaum.“ Er zögert. „Aber du willst nich wis­sen, wie die manch­mal hin­ter dei­nem Rücken und so über dir lästern.“

Was? Ich ver­such, ru­hig zu blei­ben, tu so, als würde mir das nichts aus­ma­chen, zi­sche nur: „Die Fot­zen. Das kann doch nicht sein, wusst ichs doch. Was sa­gen­se denn?“

„Na ja, von we­gen klar­komm un so, hin und her, kee­ne Ah­nung. Ick persönlich halt mir ja aus sol­cher­lei Je­sprächen raus, weeßte doch. Uff mir is da Ver­lass, wa. Komm, At­ze, hier, zup­pel noch ee­ne. Feif uff die Hu­rensöhne.“

„Yup. Hängen­ge­blie­be­ne Hartspa­cken, ey. Mit dem Neh­scher war ich viel­leicht mal be­freun­det. Bis­ser neu­lich in mei­ne Bu­de stand, oh­ne zu klop­fen, oh­ne zu klin­geln. Jeg­li­chen Re­spekt ver­lo­ren, der klei­ne Wich­ser. Und mal von dir ab­ge­se­hen … hab ich ei­gent­lich nur einen ein­zi­gen Freund auf die­sem Pla­ne­ten, aber der is nicht in Ber­lin.“ Ich schwei­ge, Mi­ke sagt auch nichts, ich fahr nach ei­ner Wei­le fort: „Übelst der klu­ge Mensch. Kennste nicht, al­ter Freund von früher. Der stellt uns al­le in Schat­ten, was Wis­sen an­geht. Der wird Pro­fes­sor für Ge­schich­te oder Phi­lo­so­phie, bin mir si­cher. Und ’ne Aus­bil­dung hat­ter ooch, zum Gi­tar­ren­bau­er. Der spielt Gi­tar­re, du glaubst es nicht. Clas­si­cal Gas und so Zeug, und Bach, falls­de kennst. Ratz ist sein Na­me. Nimmt sonst kei­ner­lei Dro­gen, aber wenn wir uns tref­fen, gibts im­mer die kras­ses­ten Pilz-Trips. Man, Keu­le, ich könnt dir Sto­rys tel­len. Na ja. We­nig Kon­takt. Man sieht sich nur al­le Jah­re mal, aber dann ist im­mer gut.“

„Ach komm ey, erzähl nich. Wie soll man mit­ein­an­der be­freun­det sein, wenn man sich nur al­le Jah­re ma sieht? Häh? Er­klär mit dit ma bit­te.“

Ich sag nichts. Wir hängen ab, hängen un­se­ren Ge­dan­ken nach, blei­ben hängen, bis das Set von Ar­ju­na Schiks am En­de an­ge­kom­men ist. Ich lass die­sen gei­len Track lau­fen, „Un­der­wa­ter“ von Fu­si­on F & Co­me T, Mi­ke fei­ert ihn auch der­be, dann wie­der Ar­ju­na Schiks, „Hua Hun“.

„Sag ma, Keu­le Mi­ke. Wie läuft über­haupt mit dei­ner Fa­mi­lie? Wann has­te die das letz­te Mal ge­se­hen? Hast du ei­gent­lich Ge­schwis­ter? Hab ich dich noch nie ge­fragt, oder?“

„Keen Plan, At­ze. Nee, kee­ne Je­schwis­ter, nur die Mut­ter und den Al­ten. Lan­ge her, wa. Ick brooch die nich. Ick bin der miss­rat­ne Sohn in de­ren Oo­gen. Für die bin ick ’n Jun­kie. Ick brooch die nich, ver­stehs­te? Und die broo­chen mir nich.“ Mi­ke nippt an sei­nem Bier, dreht sich ’ne Zi­ga­ret­te. „Und du?“

„Kei­ne Ah­nung. Kaum Kon­takt.“

„Warum?“

Ich den­ke nach, Mi­ke reicht mir die Zi­ga­ret­te, die er grad ge­dreht hat, ich sag: „Ick will nich werdn, was mein Al­ter ist. Kennste? Von Scher­ben? Na ja. Die Fa­mi­lie stresst halt. Im­mer nur die ei­ne Fra­ge, was das Stu­di­um macht, wann ich hei­ra­te, warum ich so dünne bin, hin und ner. Nerv. Kein Bock auf Fa­mi­ly. Viel­leicht … Viel­leicht liegts auch dar­an … dass die El­tern sich wahr­schein­lich tren­nen. Ich hab da so’n Gefühl im Urin. Im­mer schlech­te Stim­mung. Ich weiß, ich bin alt ge­nug, aber ist ir­gend­wie trotz­dem ko­misch. Kei­ne Ah­nung, warum.“

Mi­ke sagt nichts, plötz­lich würgt sich ein Gefühl aus mei­nen Gedärmen nach oben, ich häng in der Couch, mein Kie­fer zit­tert, ich kämp­fe ge­gen Tränen, der Blick verwässert, ich dreh mich von Mi­ke weg, der grad neu­es Speed zu­recht­schiebt, hof­fe, dass er nicht mit­be­kommt, dass ich gleich flen­ne. Falls doch, verhält er sich sehr ka­me­rad­schaft­lich, tut so, als be­mer­ke er es nicht. Ich steh auf und steu­er ins Bad. Was ist denn los mit mir? Die Mut­ter. Es tut mir vor al­lem leid für die Mut­ter. Aber nicht jetzt, bit­te. Komm ma klar, Al­ter. Okay. Ich reiß mich zu­sam­men, wasch mir das Ge­sicht aus, geh Käff­chen ma­chen, und zwei fri­sche Jäger­meis­ter-Shots.

Dann ab­haun, auf die Fu­si­on. Das Wet­ter soll Sonn­tag und Mon­tag er­träglich wer­den, zwar oh­ne Son­ne, aber auch oh­ne Dau­er­re­gen, so sagt es der Wet­ter­be­richt für Lärz. Na al­so. Mein Ruck­sack ist ge­packt, aber nicht im­prägniert, man nimmt biss­chen schimm­li­ges Brot mit, an­ge­trock­ne­ten Käse von JA, zwo Li­ter-Fla­schen Ab­so­lut, zwo Pa­ckun­gen Ta­bak, Wech­sel­kla­mot­ten. Mehr braucht man nicht. Pepp natürlich noch. Re­gen­schirm hab ich nicht. Hast du ’nen Re­gen­schirm? Mi­ke hat auch kei­nen Re­gen­schirm. Kei­ner hat ’nen Re­gen­schirm. Re­gen­schir­me sind bürger­lich. Fje­den, Al­ter. Wird eh nicht reg­nen. Son­nen­cre­me? Wit­zig. Wie kom­men wir von dort ei­gent­lich wie­der zurück? Ab Mon­tag­mor­gen fah­ren Shutt­le­bus­se nach Neu­stre­litz, paar Dörfer wei­ter, dort gibts ’nen Bahn­hof. Sau­ber, siehts doch gut aus. Ab­fahrt.

*

Kaf­fee­fahrt. Ein Rei­se­bus der Fir­ma BASS­LI­NER befördert uns durch Bran­den­burg, trans­por­tiert uns durch Meck­len­burg-Vor­pom­mern, de­por­tiert uns nach Lärz. Der Führer heißt be­stimmt Günni, so ähn­lich wie der Do­nau­rumm­schiff­furz­par­ty­ka­pitän auf dem Te­ge­ler See da­mals. Er trägt ein Gold­kett­chen, die Haa­re sind vo­ku­hi­la, es gibt Heiz­de­cken zu kau­fen, reins­tes Ko­kain, Hand­gra­na­ten. Ich hab mir nichts vor­zu­wer­fen, Phil hat sei­ne Ische voll­ge­kotzt, ich bin ord­nungs­gemäß an­ge­schnallt, bin ka­striert. Wir sind Kom­mu­nis­ten, Ju­den, Aso­zia­le, ge­ne­ti­scher Ramsch zu­min­dest, man ver­frach­tet uns in das Fei­er-La­ger, es gibt dort si­cher viel zu tun, das Müll­pfand be­trägt zehn Eu­ro, wenn man zum Schluss einen vol­len Müll­beu­tel ab­gibt, be­kommt man den Zeh­ner wie­der.

Wir sind druffn, trin­ken die­sen Wod­ka der Mar­ke Ab­so­lut, tei­len ihn mit den In­sas­sen auf den Plätzen vor und hin­ter uns, Gum­mibärchen für al­le, die Luft ist warm und tro­cken, die Le­ber schmerzt, man kann die Bei­ne nicht be­we­gen. Wir sind auf Klas­sen­fahrt, wir sind die Schne­cken am Che­cken, wir rup­pen das Über-Pepp, wir be­we­gen un­se­re Kie­fer ma­nisch auf und ab und vor und zurück. Wir sind ei­ne gei­le Fei­er-Ge­mein­de, ei­ne Drei­er-Ge­mein­de, be­ste­hend aus Carl, aus Ca­putt­nik und aus Spi­der-Mi­ke. Ich sit­ze am Fens­ter.

In der Spar­kas­se am Ost­bahn­hof woll­te ich Geld ab­he­ben, aber es kam nischt aus dem gamm­li­gen Au­to­ma­ten. Die­se Rea­lität will mich vöcheln, doch mein Freund Mi­ke hat mir ’nen Hun­ni ge­lie­hen. Ich kümmer mich nach der Fu­si­on drum, um al­les, um den Brief­kas­ten, um das Fi­nanz­amt, um den gam­meln­den Weis­heits­zahn. Man darf sich nicht im­mer so vie­le Sor­gen ma­chen, ich ruf dann auch den Va­ter, die Mut­ter mal an. Es gibt ein Mut­ter­mal auf der lin­ken Arsch­ba­cke, auf den rech­ten Un­ter­arm hab ich mir übri­gens neu­lich einen Schmet­ter­ling und ei­ne 25 täto­wie­ren las­sen, so­wie den Schrift­zug „vi­gi­lia pre­ti­um li­ber­ta­tis“. Mei­ne Blut­grup­pe lau­tet AB, der Ko­bold­ma­ki-Fak­tor ist sehr po­si­tiv.

Land­schaft ru­ckelt vor­bei, das ist Meck-Pomm, das ist die Seen­plat­te, die­ser deut­sche Nor­den ist sehr karg, sehr sump­fig, sehr grau. Ich se­he kei­nen Re­gen, se­he nur di­cke, dunkle Wol­ken, hier und da tröpfelt es ge­gen die Fens­ter­schei­be des Bus­ses, aber Dau­er­re­gen exis­tiert nicht. Günni lässt KISS FM du­deln, er glaubt, das ge­fal­le den Pimp­fen, es läuft „In­som­nia“ von Faith­less, ich knab­ber mir auf den Lip­pen rum, mein Gott heißt Icka­rus, der Voo­chel kämpft sich aus dem Ei, das Ei ist die Welt, wer ge­bo­ren wer­den will, muss sei­nen Ver­stand zerstören. Die Flügel des Voo­chels sind ge­stutzt, Ab­sturz wie Icka­rus him­self.

Wer weiß, viel­leicht kommt ja im Lau­fe des Ta­ge noch die Son­ne durch. Lie­be, lie­be Son­ne, komm ein biss­chen run­ter, komm lie-ber Mi­ke und mach-e den Schim-mel wie-hi-der grün, Ve­ro­ni­ka, der Jens ist narf, die Vöchel sin­gen tra­la­la. Ich frag mich, ob wir die Leu­te dort tref­fen, und während ich mich dies fra­ge, wird mir schlecht, und ich hof­fe, dass nicht wir sie tref­fen, son­dern der Blitz. Man ver­drängt nun den Ge­dan­ken an Jens und Phil, denn man hat kei­nen Bock, auf dem win­zi­gen Klo in die­sem Rei­se­bus scheißen oder kot­zen ge­hen zu müssen.

Dann wer­den wir end­lich ein­ge­lie­fert. Fei­ern macht frei. Al­le im Bus ju­beln, ap­plau­die­ren dem Günni­ko­lo­gen. Draußen das Are­al ist rie­sig, es wer­den si­cher auch me­di­zi­ni­sche Ex­pe­ri­men­te an Ra­vern durch­geführt. Ich seh As­phalt, das Schuhläufer-Kom­man­do ist auf Meth­am­phe­ta­min, es flitzt die Schuh­prüfstre­cke ent­lang, ich bin wie­der drauf, hab Bock zu­zu­haun, erst ver­dau ich dich, dann ver­dau ich dei­ne Freun­din, schließlich gibt es Thürin­ger Brat­wurst mit Sempf und Brötchen. Bis­du­dep­pert, so flucht man in Wi­en, oder auch nicht, ich find Wi­en scheiße, ich hab Deutsch­land noch nie ver­las­sen, wie die­ser Be­hin­di­lek­tu­el­le Im­ma­nu­el Kant sein Preußen, heu­te aber wer­den Gren­zen über­schrit­ten. Man glotzt raus und staunt, es gibt Wohn­wa­gen, Müll und Pfützen, das muss die­ses Fu­si­on Fes­ti­val sein, das Fei­er-La­ger, von dem im­mer al­le re­den.

Ich setz die Son­nen­bril­le auf, wir stei­gen aus, das Kol­lek­tiv ver­ab­schie­det sich von Günni, dem al­ten Schlep­per, der Bus fährt wie­der ab, es gibt kein Zurück, es wird nun oh­ne Gna­de se­lek­tiert, es wer­den nur die Un­ver­nümpf­tigs­ten über­le­ben. Wir spa­cken zur Ein­lass­bu­de, zei­gen stolz die Sonn­tags­tickets, man ver­passt uns Bänd­chen, wir sind da­bei, wir sind drin, Je­dem das Sei­ne. Vor uns liegt die­se Blut­straße, der Weg durch Oz, nach Las Ve­gas, nach Eme­rald Ci­ty, man mar­schiert los, es ist die Yel­low Brick Road, bei­na­he scheint die Son­ne, man spürt Neu­gier, Angst vor dem Un­be­kann­ten, es krib­belt sehr, was er­war­tet uns wohl am En­de die­ser Wan­de­rung.

Re­gen. Die war­men Tränen der Mut­ti, sie weint bit­ter­lich, ich war sehr ge­mein zu ihr, hab über ih­re di­cken Bei­ne ge­lacht, der Va­ter scheu­ert mir ei­ne, ich muss mich oh­ne Frühstück ins Kin­der­zim­mer ver­krümeln. Die Er­de wird nass. Al­les be­ginnt mit ver­ein­zel­ten Trop­fen, die auf mei­nen kah­len Schädel nie­seln, Spi­der-Mi­ke grinst mich un­si­cher an, als sei­en die paar Trop­fen nur ein Scherz sei­ner­seits, ich setz mei­ne Ka­pu­ze auf, man mar­schiert wei­ter. Wir dackeln al­so durch die­se As­phalt-Wüste den an­de­ren hin­ter­her, man hört dump­fe Bässe aus der Fer­ne, aus dem Nie­sel wird ein Guss, es pras­selt dann di­cke Bla­sen auf den As­phalt. Ich rea­li­sie­re nur wi­der­wil­lig, dass es jäh und un­ver­hofft sehr stark reg­net.

Re­gen. Was soll ich nun fühlen? Ei­ne ag­gres­si­ve Wol­ke hängt ge­nau über uns, über Carl, über Ca­putt­nik, über mir und über dem lie­ben Spi­der-Mi­ke, sie peitscht wütend wie ein SS-Of­fi­zier auf uns ein, wir flu­chen, sprin­ten un­ter so einen Cam­ping-Pa­vil­lon, den je­mand mit­ten auf der Schuh­prüfstre­cke auf­ge­spannt hat, un­ter den sich auch un­se­re Mit­in­sas­sen flüchten, et­wa zwan­zig an der Zahl, zu vie­le für die­ses klei­ne Ver­deck, man muss drängeln, man muss kämp­fen, ei­ne so­zi­aldar­wi­nis­ti­sche Aus­le­se fin­det statt. 55000 würden da nie­mals drun­ter­pas­sen, Spi­der-Mi­ke und ich, wir ste­hen am Rand, Wa­ter­boar­ding, Läuse, Lach­gas. Re­gen ist jetzt ge­nug für al­le da, der Re­gen ist sehr feucht, die Feuch­tig­keit kriecht die Ho­se hin­auf, der Pim­mel schrum­pelt, schim­melt. Ich schau zu Spi­der-Mi­ke. Hof­fent­lich wird das gu­te Pepp nicht vom Re­gen at­ta­ckiert.

Re­gen. Al­so mit Re­gen hat nun wirk­lich kei­ner ge­rech­net. Was man auch dar­an er­ken­nen kann, dass kei­ner einen Re­gen­schirm bei sich hat. Was tun, was ma­chen, wo­hin? Ich weiß es nicht, Mi­ke weiß es nicht, viel­leicht weiß es ja Kee­ner. Ich möchte Kee­ner an­ru­fen, nur lei­der hat mein Han­dy hier kei­nen Emp­fang. Way­ne lacht hys­te­risch wie Fis­tel-Phil, Way­ne in­ter­es­sierts. Ich dreh mir ’ne Kip­pe, ei­ne Träne der Mut­ter lan­det dar­auf, der Ta­bak ist feucht, ist doch al­les scheiße, ich dreh mir noch ei­ne, rau­che, wir war­ten, viel­leicht hört es ja gleich wie­der auf mit die­sem Re­gen.

Noch nicht mal ’ne hal­be Stun­de auf der Fu­si­on, schon wärs wohl am bes­ten, wie­der ab­zu­haun. Nur lei­der gilt Fol­gen­des: Ab­haun is nich. Der Rei­se­bus ist weg, Günni lacht sich ins Fäust­chen, fährt nun durch Meck-Pomm, fährt durch Bran­den­burg, fährt zurück nach Ber­lin, denkt sich: Ihr bleibt, ihr wer­det fei­ern, wer­det eu­re ge­rech­te Stra­fe im Schlamm­la­ger ab­leis­ten, ge­mein­sam mit 55000 an­de­ren Tech­no-Chao­ten. Wann fährt die­ser Shutt­le­bus zum Bahn­hof ei­gent­lich? Mor­gen Vor­mit­tag. Was ha­ben wir jetzt? Heu­te Mit­tag.

Kin­der, es ist Wan­der­tag. Zieht euch Gum­mis­tie­fel und Re­gen­ca­pes an, tut die Brotbüchsen und eu­re Stul­len nicht ver­ges­sen. „Bem­men“ heißt das, nicht „Stul­len“, du räudi­ge Stim­me in mir drin. Und „tut“ tut man nicht sa­gen, das ist schlech­tes Deutsch. Und außer­dem hab ich kein fes­tes Schuh­werk, ich hab ne­gri­de adi­das Sam­ba, die vom vie­len Flit­zen über die Schuh­prüfstre­cke sehr löchrig sind – hat­te ich mir übri­gens in der Schönhau­ser in die­sem ADHS-Sto­re ge­kauft, schon ’ne Wei­le her. Hab ich schon die Sto­ry mit der Ol­len in der Bar25 und im Sui­ci­de Cir­cus erzählt? Nicht dran den­ken, nicht dran den­ken.

Weil es nicht mehr aufhört zu reg­nen, set­zen wir die Wan­de­rung fort, ren­nend. Ein­mal hat­te ich mir auf ’nem Wan­der­tag in die Ho­se ge­schis­sen, hab ver­sucht, es zu ver­ber­gen, bis ich wie­der zu Hau­se war, al­le hat­ten es ge­se­hen, hat­ten ge­lacht, und zu Hau­se im Trep­pen­haus klatsch­te mir der Nach­bar Herr Ran­zig zur Be­grüßung kräftig auf den Arsch.

Ir­gend­wann ist die Blut­straße zu En­de, es gibt über­all Zel­te, Wa­gen­bur­gen, Kraft­fahr­zeu­ge, an ei­ner Stel­le ist ein Au­to in ei­ne Pfütze ge­fal­len, oh­ne Scheiß, in ein rie­si­ges Schlag­loch. Man kann von dort aus wahr­schein­lich die Rei­se zum Mit­tel­punkt der Er­de an­tre­ten, wo Wal­ter Whi­te und Jes­se Pink­man ihr de­li­ka­tes Cry­stal Meth anrühren. Blue Sky heißt es, das ist Sym­bol für struk­tu­rier­tes, kris­tal­li­nes Was­ser, Sym­bol für Re­gen, Sym­bol für die Tränen der Mut­ter.

Dann sind wir bei den Han­gars. Über­all Ra­ver – Ra­ver in Gum­mis­tie­feln, nack­te Ra­ver, Ra­ver in Re­gen­ca­pes, Ra­ver in blau­en Mülltüten. Be­rufs­feie­rer und Schlecht­wet­ter-Ra­ver, al­le am De­li­rie­ren, am Ra­sen, am To­ben. Ei­ne Lo­ca­ti­on wie ein Brumm­krei­sel.

Schlamm. Ich bin noch nie durch so viel Schlamm ge­wa­tet wie hier auf der Fu­si­on, in mo­ther­fuck­ing Lärz. Spi­der-Mi­ke geht mir lang­sam auf den Sack, ich will ihn los­wer­den, ich will al­le und al­les los­wer­den, ich will al­lei­ne sein, brau­che Wärme. Wir ma­chen in den erst­bes­ten Han­gar, es läuft kein Tech­no, son­dern ir­gend­wel­che Gruf­ti-Mu­cke, wir set­zen uns wo hin, pa­cken das Pepp aus wie But­ter­bro­te, zie­hen ’ne Li­ne, Mi­ke wirft sich ’ne Pil­le, schenkt mir ei­ne, ich war­te noch.

Dann ste­hen wir auf ei­nem der Hügel, die Bli­cke schwei­fen über das La­ger, es gibt kein Ent­kom­men, wir ver­nich­ten uns hier frei­wil­lig. Mu­sik von links, von rechts, über­all schallt Bass und Me­lo­dei (la la la la la la la la la la, la la la la la la la), man hört Stim­men, sieht Ra­ver durch den Mo­rast wu­seln wie dres­sier­te, tan­zen­de Äff­chen. Es nie­selt. Die Füße sind nass. Die Ho­se ist durch­ge­weicht. Hin­ho­cken und Aus­ru­hen ist unmöglich, wir müssen in Be­we­gung blei­ben, sonst wird es kalt, wir müssen tan­zen, wir müssen schwo­fen wie die Doofen, frie­ren oben­rum und un­ten­rum. Ich setz al­so mei­ne Fei­er­bril­le auf, dance lust­los im Schlamm, schau dich an und schau dich um, das ist hier al­les sehr verrückt, kei­nem der An­we­sen­den macht die­ses Wet­ter was aus, Tag am Meer, sie fei­ern den Re­gen, sie fei­ern den Schlamm, sie fei­ern sich selbst. Okay, ich bin da­bei. Ich ver­suchs.

Tit­ten raus, Som­mer! Wir sind Fu­si­on, die Son­ne scheint mir aus dem Arsch, es man­gelt trotz­dem an Vit­amin D3, an Amph-Vit­amin we­ni­ger, der Kie­fer schmerzt, ist porös, mein Körper im Hun­ger­stoff­wech­sel. Die Rucksäcke ha­ben wir an ei­ner Gar­de­ro­be ab­ge­ge­ben. Wir stak­sen durch den Schlamm wie zwei Störche, su­chen die Leu­te, su­chen die Freu­de, steu­ern vor­bei an Wohn­wa­gen, ab­ge­sof­fe­nen Zel­ten, ver­schlamm­ten Ra­vern, nie­mand von den treu­lo­sen Wich­sern zu fin­den, kein Fis­tel-Phil, kein Neh­scher Jens, kei­ne So­phia, auch te­le­fo­nisch kei­ner er­reich­bar, kein Emp­fang. Ein Glück, die sind be­stimmt längst ab­ge­hau­en. In was für einen Sumpf bin ich hier nur hin­ein­ge­ra­ten.

Ein­mal sind der Va­ter und ich mit dem Mo­ped im Schlamm ste­cken ge­blie­ben, ir­gend­wo in der thürin­gi­schen Pam­pa auf ei­nem Acker; es ging we­der vor noch zurück, der Va­ter flucht, ich jam­me­re, der Va­ter schimpft, ver­sucht, die Sim­son aus dem Dreck zu hie­ven, ich heu­le, hab Angst, dass wir nie wie­der fort­kom­men, ich bin ein hoch­sen­si­bler Jun­ge, da reichts dem Va­ter, er brüllt mich zu­sam­men, schert mich zum Dei­wel.

Dann Spi­der-Mi­ke, der­be un­ter­wegs auf sei­ner Pil­le, der plötz­lich wie­der von sei­nen scheiß Brief­mar­ken la­bern muss, ich kann die hängen­ge­blie­be­ne Grütze nicht mehr hören, schon gar nicht mit­ten in die­ser ab­ge­fuck­ten ver­reg­ne­ten Mi­se­re, als gäbe es da im­mer noch nichts Wich­ti­ge­res als schwu­le Brief­mar­ken. Ich schrei ihn an, er soll end­lich mal sein ver­gam­mel­tes Maul hal­ten und statt­des­sen über­le­gen, wie wir hier wie­der weg­kom­men, im­mer­hin hat er uns das al­les ein­ge­brockt, er bleibt ste­hen, ick häss­li­cher Lackaf­fe soll mir bit­te ma schön ins Knie fi­cken, ich lauf statt­des­sen wei­ter, end­lich ist er weg, end­lich bin ich al­lein, al­lein un­ter 55000 an­de­ren Ein­sa­men. Al­le ab­haun.

*

Фузион. Am Him­mel kein Mond, kei­ne Wol­ken, paar Ster­ne fun­keln, die Nacht flim­mert. Ich schwe­be in mei­ner Fil­ter­bla­se, höre Pink Floyd, der Mond hat kei­ne dunkle Sei­te, the lu­na­tic is in my head, you can say you to me. Ich bin ein moon­child, wer­de al­le dreißig Jah­re rein­kar­niert, die CIA hat mein Erb­gut ma­ni­pu­liert, Mon­arch-Pro­jekt­lei­ter Ca­putt­nik kon­trol­liert mein mind. Ich lie­be die Ge­stir­ne, hab voll das Papp­maul, die Pil­le drückt aufs Hef­tigs­te. Ein­gehüllt in mei­ne Fil­ter­bla­se, hocke ich al­lein in der Wild­nis auf ei­ner Lich­tung bei La­ger­feu­er, glot­ze in den Ster­nen­him­mel. Die Fil­ter­bla­se ist aus Be­ton, sie bröckelt, ich hack sie auf, ich zieh sie.

Man staunt über die Welt, schaut die Din­ge, das rätsel­haf­te kos­mi­sche Spek­ta­kel. Was hat es mit Si­ri­us auf sich, mit dem Stern von Bet­le­hem, den Do­gon? Die Welt, wie ist sie wirk­lich, was blie­be von ihr übrig, könn­te ich nicht rie­chen, hören, fühlen, den­ken? Die Welt ist mein Wil­le, mei­ne Vor­stel­lung, mei­ne Ver­numpft setzt sie zu­sam­men, ver­zerrt sie, ich ir­re durch ein Spie­gel­ka­bi­nett, hab ver­ges­sen, was ich wirk­lich bin, bal­le­re wild um mich, ra­se, de­li­rie­re, to­be.

Oh­ne die Oh­ren, oh­ne Au­gen und Hirn gibt es kei­ne Zu­kunft, kei­ne Ver­gan­gen­heit, da gibt es nur das Hier und Jetzt, das Sein, das Wer­den. Den Fo­kus. Oh­ne mei­ne Vor­stel­lung gibt es kei­ne Zeit, da gibts nur Pho­to­nen und Elek­tro­nen und Be­we­gung. In Wirk­lich­keit ist nichts am Sein tun, statt­des­sen al­les am Wer­den, al­les am Fließen, al­so doch nur am Sein. Das ewi­ge Nischt. Die Un­end­lich­keit ist das All und hat kei­ne Ur­sa­che, hat kei­nen Gott. „Gott“ ist nichts wei­ter als ein Wort, und vor dem Wort war nach dem Wort war λόγος, al­so Ein­sicht, al­so Ener­gie, al­so Fo­kus, und der λόγος schuf sich Gott, das Wort. Gott ist ein Zei­ger, ein Sym­bol, sein krüpp­li­ger Zei­ge­fin­ger deu­tet in den Nacht­him­mel, auf das Wer­den, auf dich, sein Na­me ist E.T., er möchte nach Hau­se te­le­fo­nie­ren, in Lärz hat es nur lei­der kei­nen Emp­fang. Gott zeigt mir den Mit­tel­fin­ger.

Ich träume mir nun ein neu­es Le­ben ins Wer­den, tau­sche Ur­sa­che und Wir­kung, ima­gi­nie­re jetzt al­les vom En­de her; ich bin dreißig, st­er­be, wer­de ge­bo­ren, bin der neue Mensch, das Herz klopft va­ria­bel, es denkt und fühlt zu­gleich, ist eins mit dem Wanst, mit den Klöten und dem Nüschel, der Ner­vus va­gus ver­setzt mich in einen pa­ra­sym­pa­thi­schen Zu­stand, ich bin sehr ent­spannt, bin angst­frei, muss gleich ka­cken, bin glück­lich. Ich ernähre mich glu­ten­frei, trin­ke kris­tal­li­nes Was­ser, me­di­tie­re täglich, sprin­te. Ich bin ein ope­rie­ren­der The­tan, bin cle­ar, bin primär, bin binär, bin er­leuch­tet, bin ein Licht­we­sen, bin ich wie du wie euch wie uns. Ich bin Swim, bin so­meo­ne who is me.

Ec­sta­sy, Fu­si­on, mit­ten in der Nacht, kein Re­gen. Das Was­ser in mei­nen Zel­len ist für einen Mo­ment struk­tu­riert, die Mit­ochon­dri­en son­dern wie­der Elek­tro­nen ab, Blut wir­belt durch mei­ne Adern, ich hocke auf ei­ner Bank hin­ter dem Bach­stel­zen-Floor, den­ke darüber nach, ob man Ec­sta­sy mit x schreibt, und falls ja, warum. Ist doch al­les Un­sinn, mit die­ser Schrift, mit die­sem In­tel­lekt und den Wörtern.

Die Pil­le, die mir der Psych­ia­ter Dr. Mo­rell ver­schrie­ben hat, ist mächtig, sie drückt, ich muss sit­zen, muss war­ten, muss wei­ter das Wer­den be­trach­ten, wer­de un­ter­des­sen von Oxy­to­cin ge­flu­tet. MD­MA braucht die­sen dum­men Ra­ve nicht, kann un­an­ge­nehm wer­den, wenn die Welt und der Kon­su­ment nicht har­mo­nie­ren. Set und Set­ting. Set wie Seth wie Sa­tan, der Kain hat sei­nen Bru­der Abel er­schla­gen, der Voo­chel kämpft sich aus der Fil­ter­bla­se, die Fil­ter­bla­se ist aus Be­ton, wer ge­bo­ren wer­den will, muss sei­nen Ver­stand ver­nich­ten. Der Chor singt: Ακόμη δε βγήκε απ’ τ’ αυγό.

Mein Ma­gen ist leer und flau, er ist per­mea­bel, da­her die vie­len All­er­gi­en, da­her der Ne­bel im Kopf, da­her das Bur­nout. Die Bei­ne sind wab­be­lig und zit­tern sanft, mei­ne Le­ber kämpft ge­gen die Ver­gif­tung an. Ich bin ei­ne Amöbe, bin schwach, möchte lie­gen und mit dem Kos­mos dif­fun­die­ren – al­lein mei­ne Haut ver­hin­dert dies. Die Mundwüste wächst, mei­ne Kie­fer schmer­zen, ich kaue auf den Lip­pen rum, star­re wei­ter in die Nacht. Ein Herz klopft, steht un­ter Strom, pumpt Blut durch mei­ne Adern, spannt ein ma­gne­ti­sches Feld um mei­nen Körper, et­was hat mei­ne Blut-Hirn-Schran­ke durch­bro­chen, Re­zep­to­ren wer­den be­setzt, En­zy­me blo­ckiert.

Ich fra­ge mich, was den Fun­ken Elek­tri­zität er­zeugt hat, der das Herz zu sei­nem ers­ten Schlag ani­miert hat­te, da­mals, in Mut­terns war­mem Leib.

Be­wusst­sein ist Elek­tri­zität. Es gibt kei­ne „In­ner­lich­keit“ an sich, al­les ist ir­gend­wie im­mer schon drin, wie bei ei­ner Ma­trjosch­ka. Was bin ich? Was wäre übrig von mir oh­ne all die Ge­dan­ken, oh­ne Ein­drücke und Er­in­ne­run­gen? Nichts wäre da, nichts als Körper, Zel­len, DNS. Fra­ge­zei­chen. Ist nicht die DNS das ei­gent­li­che Le­be­we­sen, und ich, der Körper, bin nur ihr Fahr­zeug, ein Ele­ment, wie das Was­ser für den Fisch? Oder sind es die Bak­te­ri­en in mei­nem Darm, die mich über den Pla­ne­ten na­vi­gie­ren? Ist „Ich“ der Körper? Die Ge­dan­ken? Oder ist die Elek­tri­zität das Ei­gent­li­che? Mein Körper ihr Empfänger? So soll es sein: Ich bin ein Teil der Son­ne, bin Wärme, bin Licht, bin so­wohl Wel­le als auch Teil­chen, bin die Son­ne. Al­les ist aus Ster­nen­staub ent­stan­den, aus Hit­ze, aus dem Ur­knall, und ich bin ein Teil von all­dem. Nein, es gibt kei­ne Tei­le, wir sind al­le eins. Ma­mi und ich sind eins. Fu­si­on.

Ich bin jetzt glück­lich, möchte ku­scheln, möchte die­se Vor­stel­lung, möchte die Lie­be mit al­len tei­len, frag mich, wo Mi­ke ist, wo So­phia ist, wo Jens ist, wo Phil ist. Freun­de, Fa­mi­lie, Men­schen: Wo seid ihr?

Je­mand setzt sich ne­ben mich auf die Bank, ich lächle in den Kul­tur­kos­mos. Der Typ mieft nach AXE, knufft mich in die Sei­te. „Hast du was zu kif­fen?“

„Was? Nee, sor­ry, Al­ter“, sag ich. „Aber soll ich dir was ver­ra­ten? Es ist sinn­los, das hier al­les durch Den­ken und Spra­che ver­ste­hen zu wol­len. Unmöglich.“

Er sagt nichts, wir schwei­gen, ich lau­sche dem Tin­ni­tus, schaue dann zum Bach­stel­zen-Floor, elek­tro­ni­sche Mu­sik dringt gedämpft in mein Be­wusst­sein. Schat­ten tan­zen, La­ser fun­keln bunt durch die Bäume, ei­ne Bier­fah­ne ok­ku­piert mei­ne Na­se.

„Na komm ey, klar hast du was.“

Was meint der Spack? „Nein man, ich hab nichts. Frag je­mand an­ders.“

Er knufft mich. „Du willsts doch nur nich zu­ge­ben, du Schlin­gel. Komm, rücks raus.“

Ich mus­te­re ihn, setz mei­ne Ka­pu­ze auf. „Was willst du von mir?“

Er grinst, kla­ckert mit sei­nem Zun­gen­pier­cing ge­gen die Schnei­dezähne. „Na was zu kif­fen, hab ich doch ge­sagt.“

Das MD­MA drückt, ich will chil­len, will ein­fach mei­ne Ru­he, dreh mich weg und sag nichts. Manch­mal in­kar­niert sich das Uni­ver­sum in übert­rie­ben dümm­li­che Ge­stalt, zu­ge­ge­ben.

Sein El­len­bo­gen stößt ge­gen mei­nen Ober­arm. „Na, was is? Kif­fen? Komm, mach mal.“

Nerv, den­ke ich, so ein dum­mer Dorf­proll, hat dem nie­mand bei­ge­bracht, wie man sich auf Par­ty anständig verhält? Will der mir ’nen Film drücken, oder was? Ich mach ’ne An­sa­ge, zisch ihn an: „Jun­ge, ab­haun. Lass mir mei­ne Ru­he und ver­zieh dich nach Apol­da, du Voo­chel.“

„Häh? Apol­da?“

Dann steht Spi­der-Mi­ke plötz­lich vor uns, grinst. „Jibt et Pro­blem­chen?“

Der Typ zögert, meint dann aber nur „Nee, nee, al­les schön“ und dampft end­lich ab.

Ich freu mich, dass Mi­ke wie­der da ist, ent­schul­di­ge mich bei ihm we­gen mei­nes Aus­ras­ters am Nach­mit­tag, er ent­schul­digt sich auch, wofür auch im­mer, wir zie­hen ’ne Li­ne, pei­len auf den Bach­stel­zen-Floor, wol­len steil­ge­hen im Schlamm, es reg­net nicht, es ist ei­ne schöne Nacht, die Son­ne scheint mir auf den Mi­kro­pe­nis.

*

Mon­tag­mor­gen, Lärz Popärz, al­les ist grau, schlam­mig und kalt, we­nigs­tens reg­net es nicht. Über­all liegt Müll rum, über­all die­se fer­ti­gen, blas­sen Leu­te, die Be­rufs­feie­rer, die nicht nach Hau­se wol­len, die kein Zu­hau­se ha­ben. Res­te­fi­cken, wie die Prolls aus Apol­le so was nen­nen. Aproll­da. Fu­si­on ist auch nicht bes­ser als je­de räudi­ge Tech­no­fe­te in Berls­tedt. Ich setz mei­ne Fei­er­bril­le auf, da­mit ich das Elend nicht mit an­se­hen muss, zieh mir die Ka­pu­ze über den Kopf. Wir hängen an der Hangarbühne ab, trin­ken Bier, be­ob­ach­ten die plan­los im Schlamm her­umspa­cken­den Op­fer.

Dann steht so’n Heinz vor mir, Kopf größer als ich, Ober­lip­pen­bart, Pi­ckel­fres­se. Mit ihm ’ne Ol­le mit strähni­gen Haa­ren, die ich ir­gend­wo­her ken­ne. Kal­le und Con­ny Ka­putt.

„Moin.“ Er pros­tet mir zu.

„Moin.“ Ich schau kurz zu Mi­ke, der das Eti­kett von sei­ner Bier­fla­sche pult.

„Gibs­te mei­ner Schwes­ter ’n Bier aus?“

Häh? Ich glotz die Klei­ne an, sie nickt und lacht. Jetzt weiß ich, wo­her ich das Un­ge­tier ken­ne: Die ist mir im Sui­ci­de Cir­cus oder im Mor­lox schon paar Mal über den Weg ge­lau­fen, hat mich an­ge­tanzt. Voll fer­tig, voll ver­kokst, voll strähni­ge Haa­re. Ich schütt­le den Kopf und schieb mir mit dem Mit­tel­fin­ger die Fei­er­bril­le zu­recht. „Nee du. Gib du ihr doch mal ’nen Bier aus, wenns schon dei­ne Schwes­ter ist.“

„Mach mal. Komm.“

Will der mich ver­ar­schen? Sind hier nur Stres­ser un­ter­wegs? „Nein man, gib ihr doch was von dei­nem Bier ab. Kal­le.“ Ich sa­ge das sehr verächt­lich, deu­te auf sei­ne Fla­sche, dreh mich weg und nip­pe an mei­nem Bier.

„Kal­le? Ich will aber, dass du ihr ’nen Bier aus­gibst. Sie würde sich sehr freu­en, wirk­lich.“

Will die mich an­ma­chen und schickt da­zu ih­ren Kum­pel vor? Wol­len die mich schi­cken? Ich schau die Klei­ne noch mal an, sie grinst.

Der Typ quatscht wei­ter, deu­tet auf Mi­ke. „Und dein Freund hier?“

„Das ist Spi­der-Mi­ke. Der ist seit zwei Wo­chen wie­der ausn Knast raus.“

Mi­ke nu­ckelt des­in­ter­es­siert an sei­nem Bier, kiekt die Vöchel nicht mal an. „Tach! Erzähl doch keen Stuss“, sagt er nur.

Der Typ bleibt hartnäckig: „Bier aus­ge­ben?“

Jetzt werd ich un­ru­hig. „Hier, lass uns mal bit­te in Ru­he chil­len. Kal­le.“

„Ger­ne. Wenn du mei­ner Schwes­ter ’nen Bier aus­gibst. Ol­le.“

Mir schwillt der Kamm, ich bin nicht si­cher, was die wol­len, was die ge­schmis­sen ha­ben, viel­leicht sind sie auf Ti­li­din. Ich reiß mich al­so zu­sam­men, lass mir jetzt kei­ne Un­si­cher­heit, kei­ne Schwäche an­mer­ken, kämpf an ge­gen mei­nen Wutständer, rich­te mich auf, nehm die Son­nen­bril­le ab und star­re dem Laf­fo in die Au­gen, bil­de mir nun ein, sehr mas­ku­lin zu wir­ken. Je­mand du­delt auf ei­ner Mund­har­mo­ni­ka die Me­lo­die aus „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ich knur­re ihn an: „Ab­haun. Lass uns in Ru­he.“ Dann set­ze ich mei­ne Son­nen­bril­le wie­der auf.

Con­ny Ka­putt wird nervös, knufft ih­ren Kum­pel, lacht und pros­tet mir zu. Bit­te was? Die hat ja tatsächlich selbst ’nen Bier am Start. Die wol­len uns doch ver­scheißern.

Ich leh­ne mich zurück, als woll­te ich mei­nen Oberkörper son­nen, kann Ol­len mit strähni­gen, un­ge­sun­den Haa­ren ja über­haupt nicht aus­ste­hen. „Ver­zieht euch. Ich sags nicht noch ein­mal.“

Der Typ glotzt Mi­ke und mich dumm an, pros­tet sei­ner ver­koks­ten Ische zu, bei­de la­chen hys­te­risch, wie ab­ge­spro­chen, wie scheiß Bon­nie & Cly­de, nur in prol­lig und häss­lich, führen zehn Se­kun­den lang ir­gend­ei­nen ko­mi­schen Tanz vor und pfei­fen end­lich ab.

Ich ver­stehs nicht. Mi­ke schaut mich an, grinst. „Komm, lass end­lich weg hier, mitt­ler­wei­le fährt be­stimmt wie­der ’n Shutt­le­bus zum Bahn­hof.“

Im­mer die­se Wahr­neh­mungs­ver­schie­bung auf Speed, die­se ab­rup­ten Schnit­te. Als Nächs­tes ist nämlich Mi­ke ver­schwun­den, pin­keln, oder er hat ir­gend­je­man­den ge­trof­fen, den er kennt, kei­ne Ah­nung. Ich nutz die Chan­ce je­den­falls, um al­lein ab­zu­hau­en, hol mir mei­nen Ruck­sack von der Gar­de­ro­be, schlei­che über die Lan­de­bahn durch den Schlamm, die Pfützen und den Müll in Rich­tung Aus­gang. Was weiß ich, warum, aber ich hab kein Bock mehr auf Spi­der-Mi­ke, hab kein Bock auf nie­mand, muss jetzt ei­ne pol­ni­sche Ab­fahrt voll­zie­hen. Mi­ke kommt auch oh­ne mich klar.

Das war al­so die­se Fu­si­on. Wie lan­ge bin ich jetzt auf den Bei­nen, nass und druffn? Jetzt schön in Bus ku­scheln, ’ne Run­de schla­fen, dann ab in Zug und zurück nach Hau­se. Von wo fährt denn die­ser Shutt­le­bus? Ich seh ’nen In­fo­stand, aber kei­ne Leu­te am Start, nicht mal mehr Ein­las­ser, frag mich, wo die al­le hin sind. Die Wärter ha­ben de­ser­tiert, die In­haf­tier­ten re­vol­tie­ren, GIs ste­hen vor den To­ren, Ar­beit macht high. Ich ste­he ir­gend­wo auf dem pri­son pla­net Er­de rum, be­ob­ach­te, was an­de­re ma­chen, die of­fen­sicht­lich auch auf ’nen Bus war­ten. Trau mich nicht, ir­gend­je­man­den an­zu­la­bern und zu fra­gen, wie es wei­ter­geht. An die­sem In­fo­stand hängt ein Zet­tel, wenn ich den rich­tig in­ter­pre­tie­re, kommt erst um zehn der nächs­te Bus. Scheiße, um zehn. In vier Stun­den? Nee du. Ich geh nicht noch mal zurück da rein, auf kei­nen Fall, das ist aus­ge­schlos­sen. Okay, ich war­te ab, nur noch paar Minütchen.

Ei­ne Grup­pe Ra­ver läuft ir­gend­wann los, die Land­straße ent­lang, die wol­len wohl zum Bahn­hof, zwei Dörfer wei­ter. Ich schau in die an­de­re Rich­tung, dort ste­hen Bul­len und fil­zen je­des ein­zel­ne Au­to, wel­ches das Gelände verlässt. Scheiße. Jetzt Bul­lenstress, das wär das Sah­nehäub­chen auf dem Berg Ka­cke, der die Fu­si­on 2011 so­wie mein Li­fe sym­bo­li­siert. Biss­chen Pepp hab ich auch noch in­ne Ta­sche.

Ich fum­mel mein Han­dy aus der Ho­se, viel­leicht hab ich hier wie­der Emp­fang, kann mich von Goo­gle Maps durch die Pam­pa na­vi­gie­ren las­sen. Der Ak­ku ist endgültig leer. Okay, ich lauf de­nen ein­fach nach, wir wer­den schon ir­gend­wo raus­kom­men. Neu­stre­litz heißt das Kaff mit dem Bahn­hof.

Lau­fen. Wenn es et­was gibt, was mich im­mer vom Wahn­sinn ab­hal­ten konn­te, dann ist das Lau­fen. Stu­pi­des Lau­fen, al­so Ge­hen, und zwar Land­straßen ent­lang, durch Fel­der und Wälder, bei Tag, bei Nacht, im Som­mer, im Win­ter. Ein­fach ge­ra­de­aus, egal wo­hin, Haupt­sa­che lau­fen. Von da­her ist mir schnurz, wie weit es bis nach Neu­sprall­nitz ist. Al­so, es wäre mir egal, wenn nicht die Bei­ne schon so schmer­zen würden vom vie­len Rum­ge­steue­re durch Schlamm und Blut und Scheiße. Ich sags mal auf rus­sisch: Дурная голова ногам покоя не даёт. Ich hab seit Sonn­tag­früh kei­ne hal­be Stun­de am Stück ge­ses­sen, bin durchnässt, hab Hun­ger, kann Kopf­rech­nen mit Brüchen.

Hun­ger? Schmerz? Zum Glück ist ge­gen Hun­ger und Schmerz ein Kraut ge­wach­sen, sei­ne Sum­men­for­mel lau­tet C9H13N, es wird gezüchtet in Er­len­meyer­kol­ben, und zufällig, ganz zufällig, ha­be ich noch et­was von die­sem Wun­der­mit­tel in mei­ner Ho­sen­ta­sche. Dr. Mo­rell ist der Er­len­meyer­kol­benkönig, er zieht sein Spritz­chen auf, es gibt nun Pan­zer­scho­ki in­tra­venös. Klei­ner Peit­scher fürn Weg – jetzt al­so im­mer der Na­se nach, mein Hänschen klein. (Die Me­lo­die der Gum­mibären-Ban­de ertönt.)

Und dann kommt der Re­gen zurück, plötz­lich, un­er­war­tet. Ab-er Mut-ter wei-net sehr, hat ja nun kein Häns-chen mehr – da be-sinnt sich das Kind, zieht ’ne Bahn ge-schwind … Ich lat­sche durch die na­tio­nal be­frei­te Pam­pa von Meck­len­burg-Vor­pom­mern, es duf­tet nach Kuh­scheiße und Kom­post und frisch gemähtem Ra­sen, al­le Stun­de fährt mal ein Trak­tor vor­bei, Bus­se gibt es nicht. Kei­ne Ah­nung, wie weit es noch bis zu dem ver­wichs­ten Bahn­hof ist, ich bin schon durch das zwei­te Dorf, Kack­hau­sen, oder wie das heißt, bin seit ei­ner Stun­de am Lau­fen, hab ’nen Pepp­schnip­pi, bin übelst drauf.

Und dann der Re­gen, wie ge­sagt. Aber so rich­tig. Platz­re­gen, Dau­er­re­gen, Star­kre­gen, As­si­re­gen. Re­gens­burg. Re­gie­rung. HAARP. Der Re­gen regt mich auf (und macht doof). Plötz­lich die­ser Ohr­wurm, WI­ZO, Herrénhand­ta­sche: Ich bin nicht auf­zu­hal­ten / Auch nicht mit dem Ge­walt  Geh doch al­lein nach Hau­se / Ich sag heut ga­ran­tiert nix mehr / Zu viel ge­sagt, zu we­nig ge­schla­fen / Schlaf ist un­ge­sund … La­la­la­la … Das Wan­dern ist des Müllers Lust, das Wa-han-dorn. Dann Cha­os Z: Ich will euch nicht ver­stehn / Denn ihr geht ge­wiss den falschen Weg / Eu­re Ord­nung ist ver­kehrt / Be­nutzt mich nicht als eu­ern Pfand / Ich bin Müll, doch ihr seid dre­ckig … Nanananana­na …

Re­gen al­so. Über­all rie­si­ge Pfützen, nix und nir­gend­wo was zum Un­ter­stel­len. Die Grup­pe vor mir ist schon lan­ge nicht mehr zu se­hen, ich ver­lauf mich, lauf zurück, bis ein Schild mir sagt, dass ich doch rich­tig war, al­so wie­der zurück, wei­ter. Ein AL­DI hat geöff­net, ich has­se AL­DI, Re­gen­schir­me sind aus, Mülltüten sind mir zu pein­lich. Der Re­gen reg­net, ir­gend­wann ist al­les scheißegal, so­wie­so ist al­les scheißegal, mir ist al­les ril­le, ich lauf ein­fach wei­ter, im­mer wei­ter, der wird schon kom­men, der Bahn­hof. Stun­den ver­ge­hen, ich bin klatschnass, mir ist al­les scheißegal, wie ge­sagt, schnup­pe, soll die Mut­ter doch heu­len.

Nim­bo­stra­tus. Mit An­bruch der fünf­ten oder sechs­ten Stun­de steh ich end­lich vorm Bahn­hof in Neu­striff­litz, oder wie das Drecks­kaff heißt. Hätt ich vor­her ge­wusst, dass ich be­stimmt dreißig Ki­lo­me­ter lat­schen muss, ich wär frei­wil­lig zurück in das Ver­nich­tungs­la­ger Fu­si­on I. Es reg­net im­mer noch, aber ich bin an ei­nem Bahn­hof. Geil. In ei­ner Stun­de kommt ’n Zug, ein­mal um­stei­gen, in drei Stun­den bin ich in Ber­lin. An­de­rer­seits ist ’ne Stun­de war­ten schon ganz schön krass. Mei­ne Kla­mot­ten trie­fen, mei­ne Kim­me juckt. Ich hab Hun­ger, mir ist kalt, ich will zurück nach Bu­chen­wald, ich zieh noch ’ne Li­ne, bin ganz al­lein. Ich ver­re­cke, mor­gen gibts ne fet­te, fet­te, fet­te Lun­gen­entzündung. Ach was, es wird über­lebt, der Wirtskörper ist sehr re­si­li­ent.

Dann fährt der Zug ein, früher als er­war­tet, Al­ter, ich bin so glück­lich, kann mir grad so die Fahr­kar­te leis­ten, schlaf so­fort ein, bin ir­gend­wann in Ber­lin.

*

Nie wie­der Fu­si­on Fes­ti­val, nie wie­der Tech­no. Es ist Mon­tag­abend, ich bin end­lich zu Hau­se, bin im­mer noch wach, hänge am Schreib­tisch, kann mich kaum be­we­gen. Vom vie­len Ste­hen, Tan­zen und Lau­fen sind die Bei­ne steif, der Mus­kel­ka­ter ist un­er­träglich, ich hab Pip­pi in den Au­gen, lei­de. Man muss schla­fen. Fres­se, hier tut kei­ner schla­fen!!!! Es ertönt nun „Is­land“ von Da­payk & Pad­berg fe­at. Caro, (der Nôze-Re­mix). If the­re’s pain, in­cre­a­se the do­se. Kor­rekt, Al­der, das is mal ’ne An­sa­ge! Ich in­cre­a­se die Do­sis, grin­se dia­bo­lisch, schlu­cke zwei Pa­ra­ce­ta­mol, zieh ’ne ex­tra fet­te Bahn Speed, das hilft, ich bin wie­der da, bin wie­der ganz der al­te Ra­bau­ke. Ich spüre nichts, fühle nichts, den­ke nichts, höre nur „Mo­ving Day“ von Da­vid Au­gust, bin ver­bim­melt. Ich geh mit mei­ner La­ter­ne, ra­bim­mel, ra­bam­mel, ra­bumm.

Dann te­le­fo­nie­re ich kurz mit Mi­ke, der sich ent­schul­digt, dass er ein­fach ab­ge­hau­en ist. Hat mir nich mehr je­fundn, hat ’ne Kum­pel jet­rof­fen, DJ Narf oder DJ Nörf oder so, der ihn ins Au­to mit­je­nomm hat. Man sieht sich die Ta­ge. Dei­ne Mud­der sieht man, die sitzt nämlich bei AL­DI an der Kas­se und syn­the­ti­siert Am­phe­ta­min durch Kon­den­sa­ti­on von 1-Phe­nyl-2-pro­pa­non mit Am­mo­ni­ak und an­sch­ließender Re­duk­ti­on.

Stun­den ver­ge­hen, ich weiß nicht, wie oder warum. Ich häng ab, ona­nie­re, tan­ze, räum die Woh­nung auf, sur­fe auf Fa­ce­book, ände­re mein Pro­fil­bild zu die­sem Vo­gel­nest-Ra­ver aus dem Tu­ten­cha­mun-Vi­deo von HGich.T, bin am Tun und Ma­chen, kann nicht schla­fen. Ich hab kein Pro­blem, ja? Ich bin schi­zo­phren, ja? Ich bin das Sys­tem, ja? Ich spa­zi­er durch den Kiez, Geld kommt auf ein­mal wie­der aus dem Spar­kas­sen-Au­to­ma­ten, geil, ein ein­zi­ges Glückss­piel, das Le­ben in Ber­lin, dann ist auf ein­mal Frei­tag. Frei­tag? Eben war noch Mon­tag. Die Schnit­te wer­den im­mer un­be­re­chen­ba­rer. Eben noch Fu­si­on. Und nu? Schla­fen? Nö. Ich komm auf der Fu­si­on nicht klar, ich komm gar nicht mehr klar, bin aber nicht erkältet, nur der La­ger­kol­ler. Was soll ich jetzt ma­chen? Mich um­brin­gen?

Ich hocke am Schreib­tisch, hämmer die Tas­ta­tur ge­gen die Wand, ent­span­ne mich nicht, vor mir die­se oran­ge­far­be­ne Re­clam-Aus­ga­be „Epi­kur – Brie­fe, Sprüche, Werk­frag­men­te“, die ISBN lau­tet 3-15-009984-6, Quer­sum­me 9. Af­ter­phi­lo­so­phie, Grie­chisch/Deutsch. Sei­te 67, Zi­tat: „Gren­ze der Größe der Lu­st­emp­fin­dun­gen ist die Auf­he­bung al­les Schmer­zen­den.“ Kom­men­tar: If the­re’s pain, in­cre­a­se the do­se, sag ich mal. Sei­te 81, Zi­tat: „Bei den meis­ten Men­schen äußert sich die Ru­he betäubt, die Be­we­gung ra­send.“ Kom­men­tar: Ra­send, de­li­rie­rend, to­bend, sag ich mal. Sei­te 93, Zi­tat: „Unersätt­lich ist nicht der Bauch, wie die Mas­se be­haup­tet, son­dern die trüge­ri­sche Mei­nung vom un­be­grenz­ten Fas­sungs­vermögen des Bau­ches.“ Kom­men­tar: Ei­ne Scheiße. Sag ich mal. Ficki­ficki? Oder an­ders und bil­dungsbürger­lich mit Plut­arch aus­ge­drückt: Οὐ γὰρ ὡς ἀγγεῖον ὁ νοῦς ἀποπληρώσεως ἀλλ᾽ ὑπεκκαύματος μόνον ὥσπερ ὕλη δεῖται, ὁρμὴν ἐμποιοῦντος εὑρετικὴν καὶ ὄρεξιν ἐπὶ τὴν ἀλήθειαν.

Ir­gend­wann ist mein Brenn­holz al­le, Mi­ke ist nicht er­reich­bar. Ich bin unersätt­lich, durchwühle den Pa­pier­korb, in­spi­zie­re den Fußbo­den auf run­ter­ge­fal­le­ne Krümel, krat­ze die letz­ten Res­te von den Rändern des Zieh­spie­gels, le­cke die Ver­pa­ckungs­fo­lie und Zip­per­bags ab, die ich vor­sorg­lich ge­sam­melt hab. Puh. Noch ein stau­bi­ges Gramm zu­sam­men­ge­kom­men, man kann al­so noch paar Stun­den wach blei­ben. Ich zieh ’ne Li­ne, tan­ze fünf Mi­nu­ten lang wie Kal­le und Con­ny Ka­putt zu „Left“ von Hem­mann durch die Woh­nung, bin ganz außer Atem.

Bin dann außer­dem übert­rie­ben ag­gres­siv, sur­fe auf Fa­ce­book. Jens und Phil pos­ten ir­gend­wel­che Scheiße, mir reicht jetzt al­les, Hass, Hass, Hass, die Pro­fil­bil­der be­we­gen sich wie ani­mier­te GIFs, die Zim­mer­luft flim­mert, ich stoß Lau­te wie ein Äff­chen aus, er­schreck mich bei je­dem Geräusch im Trep­pen­haus und im Hin­ter­hof zu To­de, zer­krat­ze ma­nisch die Haut an Ar­men und Bei­nen (wahr­schein­lich in der Hoff­nung, so schnel­ler mit dem Uni­ver­sum zu dif­fun­die­ren), mach zwi­schen­durch im­mer wie­der Kopf­stand, rau­che, trin­ke Kaf­fee und Club Ma­te.

Swim schreibt dann ’nen Ab­schieds­brief an Neh­scher Jens und Fis­tel-Phil. Swim hat die Fa­xen di­cke, ist außer sich, ist so­meo­ne who isn’t Carl, er will die Leu­te nie wie­der se­hen. Er muss jetzt al­les sa­gen, muss sei­ner bit­te­ren Enttäuschung Aus­druck ver­lei­hen. Kei­ner kommt mehr klar. Swim schreibt und schreibt und schreibt, er schwimmt durch Pfützen und Schlamm auf der Fu­si­on, ersäuft in sei­ner In­ner­lich­keit, swim­ming circles, man schreibt im­mer wei­ter, sehr im­pul­siv, ge­nia­le Sätze, wie man meint, Sätze mit dem Präzi­si­ons­ge­wehr, Sätze, die nicht nur ver­let­zen wer­den, son­dern töten. Swim feilt Wi­der­ha­ken in je­den ein­zel­nen Ab­satz, er muss kränken, er muss rächen, er muss nach­hal­tig ver­nich­ten.

Dann pos­tet Swim die fünf Sei­ten ge­ball­te Scheiße auf Fa­ce­book als No­tiz, und zwar so, dass sie nur Jens und Phil und paar an­de­re Leu­te le­sen können. Später wer­den die Un­ter­menschen das Schrei­ben ver­mut­lich als „Ab­rech­nung“ be­zeich­nen, weil sie es in ih­rer Be­schränkt­heit natürlich nicht ver­ste­hen. Dann leg ich mich ins Bett, schla­fe den zu­frie­de­nen Schlaf des Selbst­ge­rech­ten, des Gut­men­schen. Ca­putt­nik und Swim sind eins.

 

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