Fümnzwanzich

Drei Jahre zuvor, August 2009

„Und wie wirkt das Zeug?“ Ich deu­te auf die Li­ne, die Phil quer über das Ge­sicht ei­nes Wehr­machts­sol­da­ten auf dem Co­ver der SPIE­GEL-Aus­ga­be 35/2009 mit ei­ner EC-Kar­te zu­recht­ge­scho­ben hat und mir ent­ge­genhält. Er grinst mich an, sein gol­de­ner Schnei­de­zahn fun­kelt, der auf sei­nen Hals täto­wier­te Schmet­ter­ling flat­tert nervös. Ich würd mich ja nie täto­wie­ren las­sen. Oder den SPIE­GEL le­sen. Oder so Zeug kon­su­mie­ren.

Hab selbst noch nie was „ge­zo­gen“, in letz­ter Zeit al­ler­dings Gerüchte ver­nom­men, dass die Leu­te jetzt ge­le­gent­lich Speed schnüffeln. Phil schon seit Jah­ren, so­weit ich weiß, der al­te Ra­ver, aber der hat das un­ter Kon­trol­le, denk ich mal. „Cry­stal-Phil“ hat­ten sie ihn früher ge­ru­fen, bis er in der Klap­se ge­lan­det war. Nee du. „Che­mo“, wie wir das Zeug nann­ten, da­mals, in un­se­rer Kif­fer-Cli­que. „Che­mo“, die zu­min­dest Neh­scher Jens und ich und die an­de­ren Chil­ler im­mer ver­ach­tet, als aso­zi­al ab­ge­lehnt, nie­mals an­gerührt hat­ten. Ganz klar, dass ich nicht ge­gen al­te Grundsätze ver­stoße, dass ich die Li­ne gleich zurück­wei­sen wer­de.

Phil zuckt auf mei­ne Fra­ge nach der Wir­kung sei­ne ha­ge­ren Schul­tern. „Macht ein­fach nur wach, biss­chen zapp­lig. Ide­al zum Fei­ern. Und zum Röbeln. Pro­le­ta­ri­er-Koks so­zu­sa­gen.“ Er lacht dre­ckig, Jens lacht mit, ob­wohl der gar nicht zu­gehört hat­te.

Ich zünd mir ’ne Kip­pe an, weh­re ab. „Dan­ke, aber hab heut schon drei türki­sche Kaf­fee ge­trun­ken. Bin, glaub ich, wach ge­nug, kein Bock auf Herz­kas­per. Du bist aber auch ’n Typ. Willst du mich in den Ab­grund stürzen und zum Druf­fi ma­chen, oder was?“

„Fuck, sor­ry, nich dran ge­dacht, dass du noch nie was ge­zo­gen hast, Großer. Soll das jetzt heißen, dass ich ’n Druf­fi bin, oder was?“

„Nee, mein Gu­ter, so war das nicht ge­meint. Aber du weißt doch, wie schnell ich von ’ner Bong ab­ka­cke. Oder auf Pil­zen. Wie soll das erst bei so ’nem Zeug wer­den?

„Mit Kif­fe kanns­te das nicht ver­glei­chen, Großer, das ist was ganz was an­de­res. Das is was für die Er­wach­se­nen. Na ja. Ich will dich ja zu nix zwin­gen und zu nix ver­lei­ten. Bes­ser is­ses, wa.“

„Cool. Kanns­te auch nicht. Und was ist das nun ge­nau? Am­phe­ta­min, oder was? Cry­stal, oder wie das heißt? Und wo ist der Un­ter­schied zu Koks? Oder ist das Koks?“

„Nee, Am­phe­ta­min is das nicht. Weiß auch nicht so ge­nau. Oder viel­leicht auch doch. Kein Plan. MD­MA is glaub ich Am­phe­ta­min, und Cry­stal is Meff. Ach, scheißegal. Haupt­sa­che, es bal­lert.“

Jens, der auf der Couch liegt, mischt sich ein: „Phil, erzähl doch kein Scheiß. Natürlich ist das Am­phe­ta­min. Am­phe. Was ’n sonst? Ec­sta­sy ist kein Am­phe­ta­min, das ist MD­MA.“

„Na ihr seid mir ’n paar Spe­zia­lis­ten. Habt ja rich­tig ’nen Plan von dem, was ihr euch so bal­lert.“ Ich muss la­chen. Würde mir nie was klin­ken, oh­ne zu wis­sen, was ge­nau das ist, was es für Ne­ben­wir­kun­gen ha­ben könn­te. Viel­leicht macht es ja schon nach dem ers­ten Mal abhängig. Während Phil dann die Li­ne geübt in sei­ne bei­den Na­senlöcher schnupft, hal­te ich dem Neh­scher mein Glas hin, stoße mit ihm an, fah­re fort: „Zu­min­dest Phil. Oder machst du das auch, Jens? Kann ich mir bei dir al­tem Chil­ler gar nicht vor­stel­len. Ich dach­te im­mer, Che­mo is für uns ta­bu.“

„Nee du, Di­cker, lass ma. Ich bin wach ge­nug. Speed ist doch die sinn­lo­ses­te Dro­ge über­haupt. Und Che­mo ta­bu, komm, wir sind doch kei­ne klei­nen Jungs mehr. Am Wo­chen­en­de geht das schon­ma klar. Hier, ich hab für mich Dip­pi da­bei.“ Er grinst, stellt das Wod­ka­g­las auf den Tisch, fum­melt in sei­ner Ho­sen­ta­sche, hält mir dann ein Zip­per­bag di­rekt vor die Na­se. Ich schie­le, er­ken­ne nix, zu­cke mit den Schul­tern, weiß nicht, was ich jetzt sa­gen soll. „Ein­fach nur rei­nes MD­MA“, sagt er mit leuch­ten­den Au­gen. „So Kris­tal­le. Aber kein Cry­stal oder so Dreck. Die Vor­stu­fe zu Pil­len qua­si, ab­so­lut rein. Le­cker. Klink ich mir aber erst nach­her, wenn wir im Club sind.“

Na mach mal, du Druf­fi, den­ke ich, un­ter­drücke mein Bedürf­nis, ihn zu fra­gen, wie das nun wirkt, was das mit ei­nem macht, wofür er das un­be­dingt braucht. Kann ich ja dann be­ob­ach­ten. Ich fühle mich nun sehr pro­vin­zi­ell, leh­ne mich zurück, schlag die Bei­ne über­ein­an­der. „Druf­fis“ nann­ten wir früher in der Hei­mat­stadt im­mer die­se dürren Op­fer mit pick­li­gen, ein­ge­fal­le­nen Ge­sich­tern und gamm­li­gen Zähnen, mit Pier­cings in Zun­ge, Au­gen­braue und Na­se. Stres­si­ge Leu­te, mit de­nen wir nichts zu tun ha­ben woll­ten, weil sie Che­mo kon­su­mier­ten, ein­fach zu an­ders als wir fried­li­chen Du­des wa­ren, viel zu ag­gres­siv, viel zu nervös, viel zu stres­sig und un­be­re­chen­bar. Die Orks. Während wir Hob­bits in gemütli­chen Run­den chill­ten, Bongs und Tüten und Tul­pen und Ka­wumms und Ei­mer rauch­ten, uns Auf­steh­kicks ga­ben oder Was­ser­pfei­fen aus Ko­kosnüssen bas­tel­ten, Bob Mar­ley & The Wai­lers hörten, fuh­ren die Druf­fis auf die Dörfer rund um un­se­re Stadt auf Tech­no-Par­tys, kon­su­mier­ten Che­mo, ver­fei­er­ten ih­re Körper zu stump­fer Bumm-bumm-Mu­sik von Jens Väth und Mo­ni­ka Krau­se, oder wie die heißen, fi­nan­zier­ten ih­re teu­ren syn­the­ti­schen Dro­gen als Dea­ler, mit­tels Fahr­r­ad­diebstählen, Ein­brüchen und Ab­zie­he­rei.

Jens und MD­MA al­so. Oder Ec­sta­sy, oder was das ist. Ich sa­ge nichts, nip­pe am Bier, rau­che. Zieht ihr halt eu­er Speed, fut­tert halt Pil­len. Ich finds ka­cke, aber ihr seid ja alt ge­nug.

„Und wo solls nu hin­ge­hen?“, frag ich. Ich war übri­gens schon länger nicht mehr dan­cen, zu­letzt vor paar Mo­na­ten in die­sem ominösen „Berg­hain“. Das war schon der­be, die an­de­ren hat­ten mich über­re­det. Muss man halt mal ge­macht ha­ben, wenn man in Ber­lin wohnt, hat­ten sie ge­sagt; dann hat­te ich es halt mal ge­macht. Da­vor nur im Club „Ma­ria“ und im „Club der Vi­si­onäre“, wo Jens mich ge­le­gent­lich mit hin­ge­schleppt hat­te, „um Ol­len klarzu­ma­chen“. Je­den­falls: „Ol­len“ ha­ben wir dort nie „klar­ge­macht“, wenn ich es recht er­in­ne­re, zu­min­dest ich nicht. Ich weiß noch, wie ich re­gelmäßig große Pro­ble­me hat­te, vom Club der Vi­si­onäre aus zurück nach Hau­se in den Fried­richs­hain zu krie­chen, weil ich Schwächling Whis­key-Co­la nicht ver­tra­ge, weil ich nie ge­nau weiß, wo mei­ne Gren­zen lie­gen. Ty­pisch. Des­we­gen lass ich auch bes­ser mei­ne Fin­ger von so Zeug, bei dem ich nicht si­cher bin, was es mit mir macht, ob ich da­von abstürze oder ob es mir nicht zu sehr ge­fal­len könn­te.

„Wir ma­chen heut ma in die Fümnzwan­zich.“

„Wo­hin?“

„In die Fümnzwan­zich, Di­cker. Bar25. Twen­ty-fi­ve. Twe­ny-fi­ve for li­fe. Wirs­te dann se­hen, lass dich über­ra­schen.“ Jens dreht die Mu­cke lau­ter, stu­pi­de Beats dröhnen aus den Bo­xen, stres­sen mei­ne von Liszt und Cho­pin und Mo­zart verwöhn­ten Oh­ren. Ich hab kei­ner­lei Bock dar­auf, tan­zen zu ge­hen, würde jetzt lie­ber pen­nen. Ist auch schon elf durch.

Außer­dem ist es mir, of­fen ge­stan­den, nach wie vor pein­lich, zu tan­zen – ich kann nicht tan­zen. Früher, so mit sech­zehn und sieb­zehn, stand ich auf den Hip-Hop-Par­tys fast im­mer nur am Rand, vor­sich­tig kopf­ni­ckend. Die Be­zie­hung zu mei­nem Körper ge­stal­te­te sich da­mals schon als schwie­rig, ein ein­zi­ger Krampf, die­ser Klum­pen aus ma­ge­rem Fleisch, der mei­ne See­le, mei­nen In­tel­lekt durch die sicht­ba­re Welt trans­por­tiert, der aber nicht tan­zen kann. Al­le mei­ne Leu­te hat­ten ge­tanzt, nur ich hab mich nie ge­traut. Na ja, und wenn man ein­mal an­ge­fan­gen hat­te, sich nicht zu trau­en, traut man sich erst recht beim nächs­ten Mal nicht. Der güns­ti­ge Au­gen­blick, in dem man sich un­be­merkt über­win­den kann, um da­zu­zu­gehören, zu den Lo­cke­ren, zu den Lässi­gen und Sty­lern, die­ser Au­gen­blick rückt mehr und mehr in die Fer­ne, je wei­ter die Zeit vor­an­schrei­tet. Ein­mal ei­ner, der am Rand steht, im­mer ei­ner, der am Rand steht. Wes­we­gen ich Dis­cos und Clubs – Bürger­an­samm­lun­gen ge­ne­rell – lie­ber mei­de, auch in Ber­lin. Aber na ja. Heu­te Nacht wirds schon ge­hen; noch biss­chen Red Bull süffeln, paar Bier­chen, paar Wod­ka, und dann Par­ty. Viel­leicht lern ich ja mal wie­der ei­ne ken­nen, um den Tren­nungs­schmerz end­lich zu über­win­den.

Während Phil raucht und Jens am Rech­ner nach Mu­cke sucht, die er uns zei­gen will, um sei­nen dol­len Ge­schmack un­ter Be­weis zu stel­len, ver­su­che ich, mich wei­ter für die Club­nacht zu mo­ti­vie­ren. Weil ir­gend­wie scheiß ich mich gleich ein, wie vor ei­nem Zahn­arzt­be­such, nur dass die Pra­xis dies­mal von ei­ner gan­zen Hor­de an Zahnärz­ten bevölkert wird, von Frau­en, von Männern, von Mischwe­sen, die al­le ir­gend­was von ei­nem wol­len, mit de­nen man mögli­cher­wei­se so­gar spre­chen muss. Fast je­der Bürger ist ein Zahn­arzt. Sol­len doch al­le ab­hau­en in ih­re Pra­xen, zu ih­ren Boh­rern und Amal­gam-Füllun­gen und Wur­zel­be­hand­lun­gen. Doch. Sie sind mir egal, die meis­ten Leu­te. Ich fühl mich wohl in mei­ner Ab­ge­trennt­heit, als Fremd­körper, hab mich ein­ge­rich­tet in mein Ein­zel­gänger­tum, hänge lie­ber in Bi­blio­the­ken ab, hab lie­ber mit den we­ni­gen Men­schen zu tun, die mei­ne Freun­de sind. Mit Ratz zum Bei­spiel.

Un­an­ge­nehm wird es in Ge­sell­schaft vor al­lem dann, wenn je­mand einen für schüchtern hält, einen dafür be­mit­lei­det oder so­gar aus­lacht, ei­nem Ratschläge ge­ben will. Wie das Jens und Phil manch­mal ma­chen. „Mach doch mal ein­fach so oder so, so musst du es ma­chen, ist doch ganz ein­fach, ist doch kein Pro­blem, was du nur im­mer hast“, sa­gen sie dir. Neh­scher Jens macht sich da gern einen Spaß draus, schubst mich in su­per pein­li­che Si­tua­tio­nen, in de­nen ich zu­grun­de ge­hen möchte vor Scham. Ich ver­ach­te ihn so sehr für sei­ne Re­spekt­lo­sig­keit – ein paar Mo­men­te später, manch­mal auch erst Ta­ge, bin ich meist aber doch ganz froh, dass er mich in so­zia­les Fahr­was­ser ge­schubst hat, wenn auch aus nie­de­ren nar­ziss­ti­schen Mo­ti­ven. Warum ei­gent­lich?

Na da. Ich woll­te mich doch mo­ti­vie­ren, grübel ich wei­ter. Okay. Sei er­wach­sen, mein Freund, sei Was­ser. Im­mer­hin ha­ben wir mitt­ler­wei­le 2009, und nicht mehr 1999. Sieh es mal aus Li­te­ra­ten-Per­spek­ti­ve: Heu­te Nacht tan­zen zu ge­hen, dich Step­pen­wolf zu so­zia­li­sie­ren, das heißt auch, Din­ge zu er­le­ben, Er­fah­run­gen zu ma­chen, über die du dann schrei­ben kannst. Ei­ne Feld­stu­die, ei­ne Be­ob­ach­tung in frei­er Wild­bahn. Ich, Carl Schmitz, der ewi­ge Phi­lo­so­phie­stu­dent, wer­de mich mit­ten rein ins Ber­li­ner Milljö be­ge­ben, wer­de neue Leu­te, neue bürger­li­che Exis­ten­zen, viel­leicht so­gar ein paar Men­schen ken­nen­ler­nen, ihr Ver­hal­ten als In­di­vi­du­en und in der Grup­pe be­ob­ach­ten und er­for­schen; dann über all das schrei­ben, und wenn es nur paar ins Mo­les­ki­ne no­tier­te Ge­dan­ken sind. Und so mach ich es! Ei­gent­lich freue ich mich schon drauf, bin plötz­lich ge­ra­de­zu er­regt, neu­gie­rig. Trin­ke mein Red Bull in ei­nem Zug aus, rülp­se schal­lend in den Raum, in die gei­le elek­tro­ni­sche Mu­sik, die nun aus den Bo­xen wum­mert.

„Prost“ ruft Jens und wirft hin­ter­her: „Du Sau!“

Dann hält mir Phil noch ein­mal den SPIE­GEL mit ei­ner fri­schen Li­ne drauf vor die Na­se. „Na? Jetzt?“

Jetzt oder nie! Tu es. Tu es für die Sa­che der Li­te­ra­tur. „Na los. Her da­mit. Has­te ’nen Schein?“ Phil grinst, hält mir den zu­sam­men­ge­roll­ten Zwan­ni hin, durch den er zu­vor schon ge­zo­gen hat­te. Ich zöge­re, ekel mich, dann er­greif ich das voll­ge­rotz­te Pa­pier.

„Nee Di­cker, mach das mal nicht“, geht der Neh­scher laut­stark da­zwi­schen, noch be­vor ich das Zeug kon­su­mie­ren kann, schnappt mir den Schein aus der Hand. „Phi­lip, du Typ, tu den mal nicht zu so was ver­lei­ten.“

„Keu­le, der is doch alt ge­nug. Lass den doch selbst ent­schei­den, was ihm gut tut und was nicht. Aber hast ja recht.“

Orr, wol­len die mir bei­de auf den Sack ge­hen, oder was? Ich has­se es, wenn Jens meint, be­stim­men zu können, was ich zu tun und zu las­sen hab. Im­mer die­ses Väter­li­che, Alt­klu­ge. Ich kann es ein­fach nicht er­tra­gen, wenn ei­ner mir ge­genüber sich als Au­to­rität auf­spielt, be­stim­men will, was ich ma­che. Ich has­se das. Wie die scheiß Pest. Nee, kein Hass, Hass ist ein viel zu star­kes Gefühl, als dass es von mir Be­sitz er­grei­fen könn­te, ich hab mei­ne Gefühle un­ter Kon­trol­le. Aber Ärger. Ärger steigt auf in mir, Ärger über Neh­scher Jens und sei­ne ewi­ge Bes­ser­wis­se­rei. Und Ärger über mich; darüber, dass ich im­mer noch ständig das ma­che, was er mir sagt. Ob­wohl ich stu­die­re und er nicht mehr, ob­wohl ich vor­ha­be, mein ei­ge­nes Busi­ness auf­zu­bau­en, während er sich durch Ber­lin jobbt. Ob­wohl ich ein­fach viel ge­bil­de­ter bin als er, bes­ser ver­die­ne und auch bes­ser aus­se­he. Der Voo­chel. Dies­mal set­ze ich mich durch. Ich muss mich end­lich eman­zi­pie­ren, muss mehr Al­pha sein, wenn mal was aus mir wer­den soll. Ich zieh den Scheiß jetzt; aber nur, um mich dem Neh­scher ge­genüber durch­zu­set­zen.

„Ich bin alt ge­nug, du Spack. Lass mich doch selbst ent­schei­den, was mir gut tut und was nicht. Was willst du mir denn erzählen, so­lan­ge du dir selbst Che­mo rein­bal­lerst? Ich zieh das jetzt. Von ein­mal was zie­hen werd ich schon nicht ab­ka­cken. Dan­ke, Phil, mein Gu­ter.“ Ich roll mir ein neu­es Röhr­chen aus ’nem Fuf­fi zu­sam­men, den ich aus mei­ner Ho­sen­ta­sche fi­sche.

Jens bleibt hartnäckig. „Nein, Di­cker, ich mein das ernst. Hör mal bit­te auf mich. Es wird dir nicht gut­tun, oh­ne Scheiß. Kuck dir doch Phil an.“ Phil springt empört auf, setzt sich aber gleich wie­der hin, Jens be­schwich­tigt. „Ja, is ja gut, sor­ry. Du kommst klar da­mit. Aber du weißt, was ich mei­ne. Du kackst ab, von dem Zeug, Carl, Di­cker, oh­ne Scheiß, ich schwöre. Glaub mir das bit­te mal. Das wird dich schnel­ler fer­tig­ma­chen, als du dich ver­siehst. Hab ge­nug Leu­te da­von ab­spas­ten se­hen. Du kennst doch selbst die gan­zen Druf­fis, die früher im­mer so rum­gest­resst ha­ben. Kanns­te dich noch an Ste­ve und sei­nen Schlag­an­fall er­in­nern? Weil er ta­ge­lang wach und drauf ge­we­sen war? Das war we­gen Speed oder Cry­stal, das der sich so­gar ge­spritzt hat­te, an­geb­lich. Komm, hör mal bit­te auf mich und mach dir lie­ber noch ’nen Kaf­fee.“

Ich bin jetzt ganz auf­ge­regt, wie im­mer, wenn ich ver­su­che, über mei­nen in­tel­lek­tu­el­len Schat­ten zu sprin­gen und männ­lich zu sein. Neh­me mei­nen Mut zu­sam­men und sag dann mit zitt­ri­ger Stim­me: „Jetzt is aber mal gut. Be­la­ber mich mal nicht wie mein Va­ter. Du … du … Voo­chel. Ich zieh das jetzt und gut ist. Nur das ei­ne Mal, zum Aus­pro­bie­ren. Okay?“

Phil sagt nichts, ent­zieht sich dem Streit, starrt auf sein Han­dy. Jens kocht, das seh ich ihm an. Stim­mung. „Nerv. Dann mach doch. Aber ich habs dir ge­sagt. Bei dem ei­nem Mal wird es nicht blei­ben. Du Hühn­chen. Bo­gaaak!“

Bulls­hit. Schon mal was von Wil­lens­kraft gehört? Al­so ich will mich jetzt auf je­den Fall durch­set­zen. Ich leg den SPIE­GEL 35/2009 mit der Bahn auf den Couch­tisch, knie mich da­vor auf den Bo­den. Dann beug ich mich un­ge­lenk darüber. Das Speed riecht sehr scharf, wie das Am­mo­ni­ak, mit dem wir früher im Che­mie-Un­ter­richt ex­pe­ri­men­tiert hat­ten. Es ist tro­cken, sehr fein, von weißer Far­be mit ei­nem Stich gelb. Ich schnup­fe dann die Li­ne zur Hälf­te in mein rech­tes Na­sen­loch. Speed rie­selt aus der Na­se zurück auf die Zeit­schrift, auf die bren­nen­den Häuser, ich schnüffle wei­ter, halt die Luft an, bis ich aus­at­men muss und die Luft raus­pres­se, als hätte ich ge­ra­de ei­ne Bong ge­raucht. Wie un­ge­schickt. Per­ver­ser Ge­schmack. Phil lacht hys­te­risch, als bekäme ich ’ne Bier­bong ver­ab­reicht, knufft den Neh­scher, da­mit der mit­lacht. Ich zieh den Rest in das an­de­re Na­sen­loch (das hat­te ich so bei Phil be­ob­ach­tet), dies­mal schon et­was ge­konn­ter als beim ers­ten Mal. Bra­vo, lo­be ich mich selbst. Ich ler­ne ge­wohnt schnell. Dann reich ich Phil sei­ne Zeit­schrift, be­dan­ke mich mit na­sa­ler Stim­me, werf dem Neh­scher noch einen tri­um­phie­ren­den Blick zu. Fühle mich lässig, wie Charles Bu­kow­ski oder Tom Waits oder so, kip­pe des­we­gen noch ’nen dop­pel­ten Wod­ka hin­ter­her, zünd mir ’ne Kip­pe an, schlag die Bei­ne über­ein­an­der, wisch mit dem Zei­ge­fin­ger die Na­se ab. Ab so­fort wird zurück­ge­schos­sen.

Für einen Mo­ment fla­ckert dann die­se Scham auf, die einen er­greift, nach­dem man sich auf einen Por­no einen ge­keult hat. Egal. Schieb das Gefühl, schieb die­se ewi­ge Grübe­lei, schieb den In­tel­lekt bei­sei­te. Du gei­le Sau, Carl! Du gei­le, gei­le Sau. Du al­ter Ca­putt­nik. Nun schaun­wer­ma, was heu­te Nacht noch so pas­siert.

*

Ja, schaun­wer­ma, oder? Was nun pas­siert, ist Fol­gen­des: Es ist Nacht, es ist Ber­lin, es ist ei­ne Ein­lass­schlan­ge an ei­ner Mau­er, an der wir rum­ste­hen und war­ten, ir­gend­wo beim Ost­bahn­hof, wo auch der Club „Ma­ria“ in der Nähe ist (dort war ich hier in Ber­lin vor ei­ner gan­zen Wei­le das al­ler­ers­te Mal aus). Und die­ses „Berg­hain“ ist auch nicht so weit weg, wenn ich mich recht er­in­ne­re. Wie so oft bin ich den an­de­ren ein­fach hin­ter­her­ge­da­ckelt; biss­chen Tram fah­ren, biss­chen S-Bahn, biss­chen lau­fen – ich ver­lier in Ber­lin sehr schnell die Ori­en­tie­rung. Und schwind­lig ist mir auch.

Wir ste­hen al­so rum, Au­tos düsen vor­bei, Fla­schen klir­ren, Stim­men, La­chen, Krei­schen, Leu­te rau­chen, es ist sehr warm, es ist Som­mer, ich nip­pe an mei­nem Ra­de­ber­ger, scha­be mit dem Dau­men­na­gel die gol­de­ne Fo­lie am Fla­schen­hals ab, kaue auf ei­nem Kau­gum­mi der Mar­ke Air­wa­ves, auf je­den Fall merk ich ei­gent­lich nichts vom Speed, zum Glück, ziem­lich dumm von mir ge­we­sen, das zu zie­hen, zapp­lig bin ich, laut­star­ke Ge­dan­ken, ich quatsch mit Phil und Jens, wir ver­tra­gen uns wie­der, ich schau mich ständig um, knab­ber mir auf den Lip­pen rum, il­ler neu­gie­rig, was so für Leu­te in der Schlan­ge ste­hen, in der wir jetzt be­stimmt schon ei­ne hal­be Stun­de war­ten, die Schlan­ge Kun­da­li­ni, dann die Vor­ah­nung, so ein Déjà-vu-Gefühl, und al­le hier sind vergnügt, kon­takt­freu­dig, und ich, ich bin leicht an­ge­trun­ken, und ’ne coo­le Sau, weil ich Speed ge­snifft hab, das ers­te Mal im Le­ben (und das ein­zi­ge Mal natürlich). Punkt.

Jetzt war­ten wir be­stimmt schon ’ne drei­vier­tel Stun­de, aber die Zeit rast, weil ist ja doch ganz an­ge­nehm, hier rum­zu­ste­hen, mal wie­der Night­li­fe, mal wie­der aus­ge­hen, durch mei­nen Körper strömt ei­ne ge­wis­se Elek­tri­zität, ein un­ge­wohn­tes Krib­beln, ich wer­de darüber schrei­ben, wer­de klu­ge No­ti­zen in mein Mo­les­ki­ne krit­zeln, ich bin sehr in­tel­lek­tu­ell. Und tan­zen? Na ja, das Tan­zen krieg ich dann schon ir­gend­wie hin, oder ich find ’nen Weg, mich dar­um zu drücken. Beim Ge­dan­ken ans Tan­zen werd ich gleich wie­der müde, möchte mich auf der Stel­le hin­le­gen, ein­schla­fen, tot stel­len. Zur Not hau ich dann ein­fach heim­lich ab.

Wir war­ten al­so an ei­ner Mau­er, um in die­sen Club Fümn­zwan­zich rein­zu­kom­men, und mich quatscht ei­ne an, die mit ih­ren Leu­ten vor uns steht. Man kommt rasch in ein Ge­spräch über die Welt und hin und her, und ich find es aus­nahms­wei­se ganz an­ge­nehm, mit ei­ner Frem­den zu spre­chen – manch­mal hab ich so Mo­men­te, da fällt mir das doch er­staun­lich leicht, die­ser Small­talk. Da fühl ich mich re­gel­recht wohl da­bei. Fühl mich ganz lo­cker, ganz cool. Viel­leicht liegt es auch am Ge­genüber, denn die Klei­ne erzählt und erzählt, kaut mir mein rech­tes Ohr ab bis aufs Klein­hirn; sie in­ter­es­siert sich vor al­lem für sich selbst, ich geb der Nar­ziss­tin Stich­punk­te vor, sie plap­pert, tatscht mich ständig an, lacht, streicht mir ein­mal über den Kopf, flüstert in mein Ohr, um es im nächs­ten Mo­ment wei­ter ab­zu­kau­en. Bin mir nicht si­cher, ob die jetzt was von mir will oder ob sie ein­fach nur krass ex­tro­ver­tiert und ge­sel­lig ist.

Dann frag ich sie al­so, was sie so macht. Ar­bei­tet bei Axel Sprin­ger. Sagt sie und schweigt, war­tet mei­ne Re­ak­ti­on ab, rech­net wohl mit Stau­nen und Be­wun­de­rung. „Bei Sprin­ger?“, frag ich höflich er­staunt. „Echt jetzt? Ach, is ja in­ter­essant. Als was?“ Na als Me­di­en­ge­stal­te­rin, erzählt sie, nicht als Jour­na­lis­tin oder so. In der Ber­li­ner Re­dak­ti­on der BILD-Zei­tung. Wie sie das mit ih­ren Mo­ral­vors­tel­lun­gen ver­ein­ba­re, fra­ge ich. Ich mein, ich persönlich wag mich ja kaum, das Wort „Sprin­ger“ in den Mund zu neh­men, um de­nen auch ja kein Quänt­chen Auf­merk­sam­keit zu viel zu­teil wer­den zu las­sen. Denn Auf­merk­sam­keit ist al­les, was die wol­len, ganz gleich, ob in Form von Hass oder in Form von Lie­be. Man kann die­sen Ver­ein nur mit Igno­ranz und Gleich­gültig­keit bekämp­fen. Ja, sagt sie. Das wer­de sie natürlich oft ge­fragt, die Fra­ge nach der Mo­ral hat sie natürlich er­war­tet – na is halt ein­fach ei­ne tol­le At­mo dort, al­le sind wahn­sin­nig nett zu­ein­an­der, sehr kol­le­gi­al und so, gar nicht so schlimm, wie im­mer al­le be­haup­ten. Ganz im Ge­gen­teil. Echt? Stimmt. Warum auch nicht. Voll der phil­an­thro­pi­sche Kaf­fee­kranz, wenn mans be­denkt. Doch, wirk­lich, die ma­chen so viel für die klei­nen Leu­te, plap­pert sie wei­ter, selbst der Diek­mann, ganz toll, ein tol­ler Mann, ein su­per Chef. „Was, der Diek­mann?“, fra­ge ich er­staunt. „Der Kai Diek­mann? Zu dem hast du auch Kon­takt, oder was?“ Ja, hin und her, meint sie, al­les ist su­per dort, vor al­lem macht es sich so gut in der Vi­ta, Axel Sprin­ger als Ar­beit­ge­ber und so. Stimmt. Man pro­sti­tu­iert sich so nach oben in­ner­halb der Sprin­ger-AG, in­ner­halb der bürger­li­chen Ge­sell­schaft, macht Kar­rie­re, macht Mo­ney, trinkt Pro­sec­co, recht­fer­tigt sich. Al­les sehr krea­tiv, und die At­mo, die ist ein­fach su­per gut.

Auf je­den Fall nut­ze ich die nächst­bes­te Chan­ce, um mich von dem lücken­lo­sen Le­bens­lauf ab­zu­wen­den. Lang­wei­lig. Hab schon wie­der ver­ges­sen, wie sie über­haupt heißt. Sprin­ger. Das würde ich natürlich nie ma­chen. Mal ab­ge­se­hen da­von, dass ich es schon ver­ach­te, über­haupt nur ir­gend­wo ir­gend­wie an­ge­stellt zu sein, aber dann noch bei Sprin­ger? No way. Dann lie­ber ver­hun­gern. Tss.

Ich quatsch wei­ter mit Phil und Jens, wir stoßen an, Phil hält mir ’nen fet­ten Joint ent­ge­gen, oh­ne mich da­bei an­zu­schau­en. Ich will die Tüte ei­gent­lich re­flexar­tig wei­ter­wan­dern las­sen, tue dann aber über­ra­schend gie­rig dar­an sau­gen. Warum auch nicht? Dampft wie ei­ne Was­ser­pfei­fe, mun­det mir sehr. Ich hab die­sen un­gewöhn­lich star­ken Ni­ko­tin­hun­ger und nehm noch paar kräfti­ge Züge, be­vor ich das Ding wei­ter­rei­che. Wie sich zehn Mi­nu­ten später raus­stel­len wird, war mein Gesäugle et­was zu gie­rig.

Denn zehn Mi­nu­ten später bin ich nähm­lich ha­cke­dicht. Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich. Se­mi­ko­lon. Wer ab­kackt, wird an­ge­malt. Punkt. Ich wollt doch was erzählen? Nee, ich reiß mich schon zu­sam­men, jetzt nicht ab­ka­cken, aber es wird schwer. Biss­chen Herz­ra­sen, wie im­mer, wenn ich zu dicht bin, un­ter­schwel­li­ge Angst, ge­ne­rell die­se do­mi­nie­ren­de Un­ter­schwel­lig­­keit. Do­mi­nie­ren­de Un­ter­schwel­lig­keit? Was soll das sein? Ich höre Stim­men. Die Stim­men von Phil und Jens kann ich zwar gut hören, aber ich ver­steh den Sinn kaum, be­grei­fe nur lang­sam. Kann ih­nen nicht in die Au­gen schau­en. Ich bin so dicht. Voll der Ne­bel im Kopf. Ir­gend­wie ver­mi­schen sich die Din­ge sehr stark mit den vie­len, vie­len Hin­ter­grund­geräuschen zu ei­nem Brei: Fla­schen klir­ren, schon seit Stun­den, es wird ge­tu­schelt, ge­lacht, ge­kreischt, Au­tos fah­ren vor­bei, S-Bah­nen quiet­schen, Flug­zeu­ge düsen, Kran­ken­wa­gen, Po­li­zei, Feu­er­wehr, S-Bah­nen la­chen, Flug­zeu­ge klir­ren, Men­schen ex­plo­die­ren, Bom­ben fal­len und ihr schweigt. Dann wie­der die Vor­ah­nung, der Hauch ei­ner Psy­cho­se, der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land. Ber­lin über­for­dert mich.

Puh. Ich bin so breit. Ich sag das lei­se zu Phil und Jens, ach­te dar­auf, dass es kei­ner um uns her­um hört (hab nämlich das Gefühl, dass al­le zuhören und nur drauf war­ten, dass ich was sa­ge). Ich al­so zu den bei­den so: „Orr, ich bin so breit.“ Im nächs­ten Mo­ment frag ich mich, warum ich das jetzt ge­sagt hab. Rea­giert auch kei­ner drauf. Ir­gend­wie sag ich das im­mer, wenn ich sto­ned bin, und ich frag mich da­nach auch im­mer so­fort, warum ich das grad ge­sagt hab. Ich bin schon so’n Kauz. Den­ken die al­le jetzt be­stimmt von mir. Je­mand pus­tet mir Zi­ga­ret­ten­qualm ins Ge­sicht, ich muss hus­ten, hab auf ein­mal die­ses Krat­zen im Hals, die­se un­er­trägli­che Mundwüste. Erd­bee­ren sind ei­gent­lich Kar­tof­feln, fällt mir da ein, Süßkar­tof­feln so­zu­sa­gen. Jetzt Scho­ki, geil, oder Reis­brei mit Ap­fel­mus und Zimt und Zu­cker, hmm …

Im nächs­ten Mo­ment hab ich die letz­ten Ge­dan­ken schon wie­der ver­ges­sen, frag mich, worüber ich grad nach­ge­dacht hab, werd wei­ter ver­ge­wohl­wursch­telt von all den Sin­nes­ein­drücken, die kaum ge­fil­tert auf mich ein­pras­seln, ein Don­ner­wet­ter an As­so­zia­tio­nen ver­ur­sa­chen. Hof­fent­lich spricht mich jetzt nie­mand an. Die Zeit ver­geht quälend lang­sam. Ich will auf die Arm­band­uhr schau­en, hab aber gar kei­ne. Nie ei­ne ge­habt. Doch. Mit sie­ben oder so. Ich fand Uh­ren ’ne lan­ge Zeit mei­ner Kind­heit übelst fas­zi­nie­rend. Ein­mal hab ich stun­den­lang ganz ver­zwei­felt nach mei­ner Uhr ge­sucht, die blaue, die ich zur Schul­einfüh­rung ge­schenkt be­kom­men hat­te. Vier­te Klas­se war das. Die Uhr war die gan­ze Zeit am Arm un­ter dem Ärmel ge­we­sen. Fällt mir nur grad so ein. Ich kra­me da­her ver­le­gen mein Han­dy raus, über­le­ge, was ich ei­gent­lich jetzt mit dem Ding woll­te, aus­schal­ten wahr­schein­lich, da­mit nicht je­mand aus­ge­rech­net jetzt an­ruft, denn auf ei­nem ernst­haf­ten Ge­spräch würde ich in dem Zu­stand nur schwer klar­kom­men. Al­ter. Stell dir vor, dei­ne Mut­ter täte jetzt an­ru­fen, oder die Ex-Freun­din. Al­ter! Gut, dass ich das Ding aus­ge­macht hab. Hab ich es auch wirk­lich aus­ge­schal­tet? Ja. Gut.

Ich bin so breit. Ich weiß nicht, wie ich ste­hen soll, wo ich mei­ne Hände hin­tun soll, wo­hin ich schau­en soll, was ich sa­gen soll. Es ist al­les ei­ne ein­zi­ge Qual. Hof­fent­lich sind wir bald drin, ich würd jetzt so gern was trin­ken, Was­ser oder so, wie­der run­ter­kom­men, klei­nes biss­chen al­lein sein, Vit­amin C zu mir neh­men, in Em­bryo­nal­hal­tung dar­auf war­ten, dass es vor­bei geht. Dann noch tan­zen? In die­sem be­kiff­ten Zu­stand? Angst. Ei­ne ge­wis­se Frau Pa­nik boxt mir in die Ei­er, es ist die schwar­ze Ma­dleen aus der 3a, ich will wei­nen. Orr, ich kann grad gar nischt mehr, so breit, wie ich bin. Hab das Gefühl, dass al­le mich be­ob­ach­ten, mer­ken, dass ich sehr breit bin; ich reiß mich zu­sam­men, kon­zen­trie­re all mei­ne Kraft dar­auf, nor­mal zu wir­ken, mir nix an­mer­ken zu las­sen, schieb einen Ja­mes-Bond-Film.

Dann sind wir end­lich am Ein­lass. Ich sag ein­fach gar nix, schau nur zu Bo­den, die­se Stan­dard­tak­tik, früh geübt während mei­ner ver­kiff­ten Ju­gend, weil ich mich ir­gend­wann über­haupt nicht mehr ge­traut hat­te, den „Er­wach­se­nen“ in die Au­gen zu schau­en, da­mit sie nicht an den mil­chig-ro­ten Glüsen er­ken­nen, dass ich „zu­ge­dröhnt“ bin. Ge­nau die­ses nervöse Fee­ling jetzt in die­sem Mo­ment – dann ste­hen wir schon vor ei­nem Tickethäuschen. Ich schau rein, ver­such zu raf­fen, was ich jetzt ble­chen muss, die da drin sieht lus­tig aus, to­tal auf­ge­don­nert, so ein Schulmädchen mit Zöpfen, wie ei­nem schlech­ten Ani­me ent­sprun­gen, übels­te Aschen­be­cher­bril­le, ich un­ter­drücke be­stimmt zehn Se­kun­den lang ein Ki­chern, hof­fent­lich kriegts die Frut­te nicht mit. Ich leg ihr dann al­so Koh­le hin, mei­ne Fin­ger zit­tern, ich ver­such krampf­haft, cool zu wir­ken. Hätt ich mal nicht so derb am Joint ge­nu­ckelt. Man, man, man. Ich bin so breit.

Dann fragt das ab­strak­te We­sen laut und la­chend in un­se­re Run­de: „Ihr seid auch al­le schön lo­cker? Ja?“ Das dröhnt in mei­nen Oh­ren, hallt lan­ge nach, ich wer­de rot, was sagt man denn da? Wir ni­cken, be­ja­hen ih­re Fra­ge, ganz schüchtern, wie drei klei­ne Bu­ben, zu­min­dest ich tue so rea­gie­ren, was die an­de­ren sa­gen oder ma­chen, krieg ich über­haupt nicht mit, und natürlich ver­kack ich es mit ei­ner vernünf­ti­gen Ant­wort, spre­che wie im­mer zu lei­se. „Häh?“, ruft sie mir mit ih­rer übert­rie­ben hei­se­ren Stim­me ent­ge­gen, die­se Verrück­te, und lacht. Lacht mich aus. „Ent­spannt euch Jungs, und viel Spaß.“ Sie zwin­kert durch ih­re Aschen­be­cher­bril­le, stem­pelt mir dann auf den rech­ten Un­ter­arm das Clublo­go, ei­ne 25. Al­les klar! Das ist al­so die „Fümnzwan­zich“. Dann bin ich ja mal ent­spannt.

*

Al­ter, bin ich breit. Ich sags noch mal zu Jens: „Ich bin so breit.“

Er schaut mich kurz an, meint nur: „Schön für dich, Di­cker. Dann Prost, und auf ’ne gu­te Nacht.“

Okay, so breit bin ich jetzt auch nicht mehr, geht wie­der. Da sind wir al­so, in die­ser Bar25. Hat was vom Club der Vi­si­onäre: Open-Air, nah ans Was­ser ge­baut, man legt elek­tro­ni­sche Mu­sik, es gibt ei­ne bun­te Crowd, sie steht ge­sel­lig rum, sitzt, trinkt, raucht, lacht, quatscht. Nor­mal. Halt die Jah­res­ver­samm­lung der Bun­des­ver­ei­ni­gung deut­scher Tech­no-Zahn­ärz­te.

„Ich schau mich mal um, Di­cker.“

„War­te, nich so schnell, Al­ter. Ich komm mit.“ Ir­gend­wie ty­pisch, den­ke ich, während wir über das geräumi­ge Club­gelände steu­ern. Neh­scher Jens lässt mich ständig al­lei­ne rum­ste­hen, ga­belt mich dann nach ei­ner Wei­le wie­der auf, will im­mer be­stim­men, wos als Nächs­tes hin­geht, was wir tun oder las­sen, und ich, ich war­te ent­we­der oder ma­che hin­ter ihm her, als sein Anhäng­sel, als sein ganz persönli­cher Wurm­fort­satz. Carl, der Wurm­furz­satz, der fur­zen­de Re­gen­wurm. Die­ser Neh­scher wurmt ihn. Mit Phil, der al­ten Fis­tel, macht der das nie. Bin mir nicht si­cher, ob mich die­ses Ge­ha­be nicht noch un­si­che­rer wer­den lässt, ver­plan­ter, als ich es oh­ne ihn wäre, oh­ne Neh­scher Jens, die­sen übert­rie­ben ex­tro­ver­tier­ten Körper­menschen. Voo­chel.

Auf je­den Fall net­ter Club, den­ke ich. Geht schon. Muss ja, an­ge­sichts der zehn Öcken Ein­tritt. Prop­pen­voll, aber ganz wit­zig. Bunt aus­ge­leuch­tet, nett ge­stal­te­te De­ko, wie auf den Goa-Par­tys früher, wo es im­mer die­se le­ga­len Na­tur­dro­gen ge­ge­ben hat­te, kein Speed, kein Ec­sta­sy, statt­des­sen „Ka­va Ka­va“, „Gua­ra­na“ und so wir­kungs­lo­ses Zeug. Ich steu­er wei­ter durch den Club, der mir trotz al­ler Bunt­heit eher nach He­ro­in und Ko­kain als nach Gua­ra­na aus­sieht. Es gibt einen Schup­pen, in dem ein DJ auf­legt, Dis­co­ku­geln glit­zern auf tan­zen­de Leu­te, es wird ge­johlt, ge­pfif­fen, ge­stampft. Voll die pri­mi­ti­ven Men­schen. Mit­ten­drin ei­ner im Roll­stuhl, der sich von der Crowd fei­ern lässt. Ju­bel, Tru­bel, Ju­te­beu­tel. Leu­te ste­hen an ei­ner Bar, nip­pen an klei­nen Bier­fla­schen, an­de­re lümmeln auf ver­siff­ten So­fas, knut­schen, pen­nen. Ich schau von draußen rein, be­ob­ach­te die Leu­te beim Tan­zen, frag mich wie­der, wie die das nur der­art un­bekümmert ma­chen können, warum de­nen das nicht pein­lich ist, warum die so selbst­si­cher in ih­ren Körpern sind und ich es in mei­nem nicht bin. Ob­wohl ich so klug bin. Ich bin müde. Hin­ter mir platscht es, ei­ner ist ins Was­ser ge­sprun­gen, in die dunkle, ver­gim­pel­te Spree. Der Jum­per. Na ja. Ins­ge­samt aber ganz net­te At­mo in die­ser Fümnzwan­zich. So ist es si­cher auch in den Großraumbüros von Axel Jum­per – al­les ganz awe­so­me, man nutzt Soft­wa­re-Pro­duk­te von Ad­o­be auf Rech­nern der Fir­ma Ap­p­le, täglich wer­den Mee­tings und Brie­fings ver­an­stal­tet, Zahn­wur­zeln wer­den be­han­delt.

Es gibt wei­ter­hin einen Fo­to­au­to­ma­ten, so’n Hips­ter-Au­to­mat, der ständig blitzt und ver­gilb­te Pass­fo­tos pro­du­ziert, für zwei Öcken. Männer mit Ober­lip­penbärten, Täto­wie­run­gen und Mützen, so­wie Frau­en mit blas­sen Ge­sich­tern, rot ge­schmink­ten Lip­pen und Zau­berstäben in der Hand ste­hen vor dem Au­to­ma­ten, war­ten, la­chen, trin­ken aus ih­ren klei­nen Bier­fla­schen, glit­zern rum. Bei mei­nem Sti­no-Aus­se­hen (dun­kelblaue, en­ge Jeans, schwar­ze adi­das Sam­ba, oliv­grünes Shirt Größe S mit ei­nem ro­ten Stern drauf, schwar­ze Ka­pu­zen­ja­cke in M darüber) kann ich mo­disch mit all den tren­di­gen Leu­ten hier nicht mit­hal­ten. Wie­der die­ses Fremdkörper-Fee­ling. Kom­fort­zo­ne geht ir­gend­wie an­ders. Kom­furz­zo­ne. Ich möchte einen zie­hen las­sen, aber hin­ter mir ste­hen wel­che, ich halt ihn zurück, es grum­melt im Ma­gen, dann schleicht er sich doch, ver­mischt sich mit dem Ge­ruch von Deo, Schweiß, Al­ko­hol und Kif­fe.

Außer­dem gibt es noch ei­ne Bar, di­rekt ne­ben dem Fo­to­au­to­ma­ten. Be­wir­ten tut ein We­sen, das be­stimmt 1,90 groß ist, ein Hoch­zeits­kleid trägt, mit Schlei­er über dem Ge­sicht so­wie weißen Hand­schu­hen. Cra­zy. Und natürlich sehr stress­frei, sehr ent­spannt, sehr lo­cker und selbst­be­wusst, wie man das hier halt sein muss. Ge­genüber bau­melt ein Pärchen apa­thisch in ei­ner fet­ten Schau­kel, die in einen hübsch aus­ge­leuch­te­ten Baum ge­spannt ist. Voll auf Dro­ge. Dann steu­ert ei­ne vor­bei, die ih­re In­ne­rei­en in schwarz-rot la­ckier­tes Le­der ge­zwängt hat; durch ein Me­ga­fon plärrt sie in die Men­ge, fragt, ob wir auch al­le „ent­spannt“ sei­en. Pein­lich. Und stres­sig. Ich dreh mich um, ver­such, sie nicht an­zu­schau­en, nicht, dass die noch auf mich auf­merk­sam wird, mich an­quatscht, mich als „un­lo­cker“ und als Sti­no lächer­lich macht vor al­len an­de­ren. Je­mand rem­pelt mich ver­se­hent­lich an, ent­schul­digt sich.

Ich will mir neu­es Bier kau­fen, aber die Braut an der Bar be­dient al­le, nur nicht mich. Ich lass mir nichts an­mer­ken, rau­che, tu so, als woll­te ich gar nichts be­stel­len, geb dann auf und such nach Jens. Phil hab ich auch schon ’ne Wei­le nicht mehr ge­se­hen, den al­ten Frut­tenkönig. Na da. Fümnzwan­zich. Pff. Könn­wer jetzt wie­der gehn? Ich nip­pe an der lee­ren Bier­fla­sche, je­mand grapscht mei­ne Schul­ter, ich zu­cke zu­sam­men, es ist Jens.

„Und, Di­cker? Gefällts dir?“

„Da bis­te ja. Geht schon.“ Ich halt ihm mein Bier ent­ge­gen, Stößchen, nu­ckel dann die let­zen Trop­fen raus, hof­fe, dass kei­ner mit­be­kommt, dass die Fla­sche ei­gent­lich leer ist.

„Das hier ist übri­gens So­phia. Al­te Kom­mi­li­to­nin von mir.“

Ei­ne sehr blon­de, sehr ge­lock­te Mähne steht ne­ben Jens, das zu­gehöri­ge Ge­sicht glit­zert und grinst mich an. Tag­chen. Ich bin der Carl. Mit C. Und hin und her. Das übli­che Pro­blem, wenn man nicht weiß, ob man jetzt die Hand gibt oder Küss­chen oder gleich um­ar­men. Ich ver­such es mit al­len drei Möglich­kei­ten, wer­de rot. Wie­der die­se Un­si­cher­heit. Ich bin Carl der Käfer, lie­ge auf dem Rücken, zap­pel mit den Bein­chen, al­le ste­hen um mich rum, feu­ern mich an, la­chen mich aus.

„Komm, ich zeig dir mal was“, meint Jens.

Der Neh­scher zieht mich hin­ter sich her, dann sit­zen wir zu dritt in ei­nem Beicht­stuhl. Ein Beicht­stuhl! Ich hau mich weg. Das ist mal ’ne wit­zi­ge De­ko-Idee, den­ke ich, frag mich, wo die das Teil her­ha­ben. Aus der Ka­bi­ne ne­ben uns Geräusche, Jens pocht an die Holzwand. „Ru­he da drüben, ihr Be­rufs­feie­rer!“, ruft er. Be­rufs­feie­rer! Man lacht, auch die­se So­phie ki­chert – oder So­phia, oder wie sie heißt –, ih­re Mähne zit­tert.

Dann fum­melt Jens das Tütchen mit Ec­sta­sy-Pul­ver, das er mir vor­hin ge­zeigt hat­te, aus sei­nem Schuh, be­deckt die Kup­pe sei­nes klei­nen Fin­gers mit dem Zeug, leckt sie ab, hält So­phia das Tütchen hin, sie macht es ihm nach. Fußpilz. Er hält mir das Zeug hin, ich weh­re natürlich ab. „Dan­ke, Al­ter. Lass ma.“

„Warum nicht? Pro­bier doch mal, Di­cker.“ Er knufft mich, leckt sei­nen klei­nen Fin­ger an, dippt in die Tüte, hält ihn mir vor die Na­se.

Nee. „Nee, dan­ke, ich bin im­mer noch biss­chen breit von der Tüte am Ein­lass.“ Wie er mich beim Vorglühen vor­hin noch drin­gend da­von ab­hal­ten woll­te, Phils Speed zu zie­hen. Aber jetzt ist ja ’ne „Ol­le“ da­bei, jetzt muss man cool sein. Um mich dies­mal durch­zu­set­zen, um die­sen Kampf noch ein­mal zu ge­win­nen, muss ich das Zeug jetzt un­be­dingt ab­leh­nen. Dann hätte ich nämlich heu­te gleich zwei­mal mei­ne der­be Männ­lich­keit un­ter Be­weis ge­stellt und mein Selbst­wert­gefühl si­gni­fi­kant ge­stei­gert. Ich gei­le Sau!

„Von der Tüte, von der Tüte“, äfft Jens mich nach. Wir sind doch hier nicht im Kin­der­gar­ten. Bo­gaak.“ Ich werd rot, er lacht, fragt dann So­phia: „Soll­te ru­hig mal ’nen Dipp neh­men, der Carl, oder? Tut nicht weh, und macht un­se­ren schüchter­nen Klee­nen mal biss­chen lo­cker, wa?“

Sie stimmt ihm zu: „Na komm, Carl. Carl mit C. Sei kein Frosch, sei kein Fisch, sei kein Spiel­ver­der­ber. Einen für die Ma­ma!“

Orr, die Pen­ner. Ich will aber nicht, ich bin doch kein Druf­fi. Wie wirkt das Zeug über­haupt? „Na los, her da­mit.“ Krass bit­ter die Che­mo, brennt hef­tig auf der Zun­ge. Ich ver­zieh die Vi­sa­ge zu ei­ner Gri­mas­se, Jens hält mir sei­ne Fla­sche hin, ich spül mit Bier nach, es ist voll­bracht, dip­pi dip­pi.

„Ja fein! Hat­ter fein ge­macht, der Klei­ne. Und jetzt noch ’n Bäuer­chen!“

Jens und die­se So­phia schau­en mich er­war­tungs­voll an, ich rülp­se al­so schal­lend in Rich­tung der Ka­bi­ne ne­ben uns, klopf an die Holzwand, ru­fe mit sächsi­schem Dia­lekt „Ru­he do drübn, ihr Be­rufs­fei­o­ror“, al­le fei­ern sich, fei­ern mich, Amen.

*

Lie­be. Und tan­zen. Ich tan­ze seit Stun­den im Holz­schup­pen die­ser Bar25. Ich tan­ze? Seit Stun­den? Auf je­den Al­ter, ich tan­ze! Ich bin to­tal ver­zau­bert, to­tal im Flow, tan­ze wie ein Äff­chen, ich bin ein Licht­we­sen, schwe­be über den Floor mit all den an­de­ren Licht­we­sen hier. „Ich bin ein Licht­we­sen. Du auch!“ – je­mand hat mir einen dun­kelblau­en Ju­te­beu­tel ge­schenkt, auf dem das in di­cken weißen Let­tern ge­schrie­ben steht. Ich lie­be die­sen Ju­te­beu­tel. Ein Fei­er­beu­tel so­zu­sa­gen. Und ich lie­be es, zu tan­zen. Ich lie­be all die Licht­we­sen und tan­zen­den Äff­chen hier um mich her­um.

Zu­erst ist das Tan­zen ko­misch, mein Körper spas­tisch wie im­mer, ich weiß wie­der nicht, wann ich nun wel­ches Bein he­ben soll, wann und wie die Ar­me, wo­hin ich ku­cken muss und hin und her. Ich tan­ze al­so ein­fach à la Kris Kross, po­ge ein biss­chen, tre­te Leu­ten auf die Füße oder knuf­fe und rem­ple sie ver­se­hent­lich an. Dann be­schließe ich je­doch, mei­ne Auf­merk­sam­keit aus die­ser ver­grübel­ten In­ner­lich­keit hin­aus in die Welt zu ver­la­gern, auf die Men­schen um mich her­um. Ich über­win­de für einen Mo­ment mei­nen Nar­ziss­mus, lass mich ein­fach ge­hen, bin end­lich ent­spannt. Es funzt, ich fur­ze, ich zer­fließe. So viel Love, so schön das al­les, so schön, wie wir al­le ge­mein­sam am Fei­ern sind, wie gleich wir al­le sind, wie ge­schlechts­los: ei­ne Art Schwarm. Zau­ber­haft. Ein Schwarm aus Äff­chen und Licht­we­sen und El­fen und Te­le­tub­bies. Ei­gent­lich ist mir egal, ob ich mich spa­ckig be­we­ge oder nicht; wenn, dann be­we­gen wir uns al­le spa­ckig. Die Ge­mein­sam­keit, der Ra­ve, die Love, das ist es, was zählt.

Dann wan­dert mei­ne Auf­merk­sam­keit wei­ter zur Mu­sik, zum Bass und zum Beat, der mir wie ein kol­lek­ti­ver Herz­schlag er­scheint, sehr me­lo­disch, sehr dra­ma­tisch, sehr rhyth­misch, ein­fach schön. Und so be­ginnt mein Körper, mit mei­nem Ver­stand, mit mei­nem Gefühl zu fu­sio­nie­ren, aus rei­ner Freu­de zu tan­zen, mit der Mu­sik und der Licht­we­sen-Crowd zu re­so­nie­ren, mit den Men­schen zu ver­schmel­zen. Flow ist das, Is­tig­keit, Syn­chro­ni­zität, mei­ne Wie­der­ver­ein­igung mit mei­nem Körper und der Welt. Ein­fach schön hier. Ich bin an­ge­kom­men, bin in der Fümnzwan­zich, bin die Fümnzwan­zich, be­we­ge mei­ne Ar­me nun si­nus­wel­len­förmig. Et­was hat mich in die­sen Club ge­bo­ren. Ich möchte wei­nen, seuf­ze vor Glück.

Zwi­schen­durch er­bli­cke ich im­mer mal Jens und Phil, ent­we­der an der Bar oder auch in der Men­ge, bei­de wie ich am Grin­sen, mit halb ge­schlos­se­nen Au­gen über den Floor schla­ckernd, die Love, den Ra­ve ge­nau­so ge­nießend. Wie schön die­se Exis­tenz doch sein kann. Hach. Mein Zu­stand hat was von ei­nem gu­ten Pilz­trip, nur dass auf ein­mal selbst Frem­de mir so ver­traut sind, wie es auf ei­nem Pilz­trip die engs­ten Freun­de nur sein können. Ich möchte sie al­le knud­deln, die nied­li­chen Glücksbärchis. Ge­nau das muss die­ses „Ur­ver­trau­en“ sein, von dem ich schon viel ge­le­sen und gehört hab; bis jetzt hab ich nie be­grif­fen, was ge­nau das sein soll, die­ses Ur­ver­trau­en. Bis jetzt. So fühlt es sich al­so an, wenn man ganz in sich und in der Welt ruht, wenn man bei sich ist, wenn al­les har­mo­nisch ist, vol­ler Love, vol­ler Flow, oh­ne Grübe­lei. So soll es im­mer sein. „Ist es nicht schön hier?“, frag ich ständig die Licht­we­sen und Äff­chen und Glücksbärchis und Te­le­tub­bies, die vor oder ne­ben mir tan­zen. Ja, hier ist es schön.

Ich lächle und tan­ze al­so seit Stun­den in re­gel­rech­ter Verzückung, spüre dann, dass ich aus­trock­ne, steu­er zur Bar, kauf mir ein Ber­li­ner, treff dort So­phia, der ich ein Bier aus­ge­be, wir stoßen an, lächeln, sie ist auch drauf, al­le sind drauf, das Bier kommt in klei­nen 0,3ern da­her, man nu­ckelt an den Fläschchen, sitzt ir­gend­wann an der Spree, die Son­ne geht auf, es ist som­mer­lich warm, al­les leuch­tet gol­den, be­son­ders So­phi­as Haa­re, über­all hocken Leu­te in Grüpp­chen rum und un­ter­hal­ten sich lei­se, man­che schla­fen, an­de­re schau­keln, es riecht nach La­ger­feu­er und Piz­za, man hört gedämpft die Beats aus dem Tanz­schup­pen, das Jauch­zen und Joh­len des tan­zen­den Schwarms, wir dre­hen Zi­ga­ret­ten mit dünnen Fil­tern, rau­chen, las­sen die Bei­ne, las­sen die Seel­chen bau­meln, quat­schen, pri­ckeln­de Schau­er lau­fen mir ständig über Kopf und Hals und Nacken und Klöten. Al­les ist schön.

„Ach. Du schreibst?“, fra­ge ich So­phia kurz dar­auf. Na schönes Ding, den­ke ich. Schönes Ding. Ich schau sie an, sie ist sehr schlank, fast dünn, scheint sich di­rekt aus den 80ern in die Bar25 ge­be­amt ha­ben, ein Ein­druck, den ihr Klei­dungs­stil pro­vo­ziert: oran­ge­far­be­ne Blu­se, en­ge Jeans­ja­cke mit Schul­ter­pols­tern, su­per­kur­ze Ho­se. Die­se blon­de Mähne, bei der ich mir nicht si­cher bin, ob sie dau­er­ge­wellt ist oder echt. Ich ent­schei­de mich für echt und stell mir dann vor, wie sie mit Glat­ze aussähe. Be­stimmt auch gut. (Ich stell mir ger­ne vor, wie Leu­te, be­son­ders Frau­en, mit Glat­ze aus­se­hen, das schickt mich im­mer anständig.) Je­den­falls mag ich So­phi­as Stil, ich mag es ein­fach, wenn Frau­en einen ori­gi­nel­len Ge­schmack ha­ben, und da­zu noch we­nig bis gar nicht ge­schminkt sind. Ich lun­ze an mir run­ter. Blaue Jeans, Adi­das-Snea­ker, aus­ge­wa­sche­nes Stern-T-Shirt. Klei­ner Schnie­del. Na ja, na ja.

Sie schreibt al­so, die­se So­phia. Ihr Par­fum riecht süßlich, blu­mig, er­dig, fruch­tig. Ih­re Brüste sind klein, aber nicht zu klein, und sie spricht ein so sau­be­res Hoch­deutsch, dass man beim bes­ten Wil­len nicht er­ken­nen kann, wo­her sie kommt. Ob sie ih­re Ta­ge hat? Die Stim­me klingt auf je­den Fall sexy und ent­spannt. Was ihr Al­ter an­geht: Sie ist ver­mut­lich zwi­schen 25 und 30, al­so in mei­nem Al­ter, al­so gebärfähig. Orr Jun­ge, denk ich dann, was schieb ich nur für Kopf­ki­no, das ist doch nicht nor­mal. Hach, es ist so schön hier. Der nächs­te Schau­er rat­tert mir die Wir­belsäule hin­un­ter, es krib­belt so sehr auf der Kopf­haut. Übri­gens: Das in die deut­sche Spra­che ein­gebürger­te Fremd­wort Pol­lu­ti­on ist vom la­tei­ni­schen Wort pol­lue­re für „be­fle­cken“, „be­schmut­zen“, „ver­un­rei­ni­gen“ ab­ge­lei­tet und die im deut­schen Sprach­raum ver­wen­de­te me­di­zi­ni­sche Fach­be­zeich­nung für einen un­willkürli­chen Sa­men­er­guss. Fällt mir nur grad so ein.

So­phia sagt dann: „Ja. Hab ich doch vor­hin schon mal ge­sagt. Hörst nicht im­mer so ge­nau zu, oder?“ Sie zwin­kert.

Was hat­te ich sie grad noch mal ge­fragt? Ach ja, schrei­ben. Ob sie ge­merkt hat, dass ich ihr in den Aus­schnitt ge­lunzt hab? Ich hab das voll nicht un­ter Kon­trol­le, Al­ter.

„Hör mal. Das vor­hin mit dem MD­MA im Beicht­stuhl mit dei­nem Kum­pel Jens, ich wollt dich da zu nichts drängen. Wollt ei­gent­lich nur mal tes­ten, wie du rea­gierst.“

„Und? Wie hab ich rea­giert? Al­so ich mei­ne, was sagt mei­ne Re­ak­ti­on über mich aus?“ Mein Blick ver­wan­delt sich in einen Schlaf­zim­mer­blick, ich bin ’ne gei­le Sau, hab heut Speed und MD­MA kon­su­miert, das ers­te Mal.

Sie sagt mir nicht, wie ich rea­giert hab, fährt fort: „Al­so je­den­falls, wenn dus wirk­lich wis­sen willst, ich schreib ge­ra­de an ’nem Ro­man, The­ma Tech­no und Ra­ve, mal ein­fach aus­ge­drückt. So Rich­tung Trash. Hab vor ein paar Mo­na­ten mei­nen ers­ten Au­to­ren­ver­trag un­ter­schrie­ben und muss demnächst end­lich Text lie­fern.“

Wow, den­ke ich. Ich träume schon ewig da­von, zu schrei­ben, Ro­ma­ne oder was­weißich, aber ir­gend­wie geht es noch nicht, der Traum liegt im­mer in der Zu­kunft. Viel­leicht ist mein Le­ben ein­fach nicht auf­re­gend ge­nug, um darüber zu schrei­ben. Aber über Tech­no schrei­ben? Trash? Nee du, das wäre ja gar nicht mein Stil. Ich würde de­fi­ni­tiv was Sinn­vol­les, was Tief­sin­ni­ges, was Phi­lo­so­phi­sches schrei­ben wol­len, was Großes, et­was, das mich un­s­terb­lich macht. Nur was?

„Wow! Glück­wunsch!“, sa­ge ich zu ihr. „Ich träum ja schon ewig da­von, zu schrei­ben, Ro­ma­ne oder so, aber ir­gend­wie geht es noch nicht, der Traum liegt im­mer in der Zu­kunft.“

„Na ja“, sagt sie. „Ist jetzt nichts Be­son­de­res, Hoch­tra­ben­des oder so. Ei­gent­lich so ziem­lich tra­shig, wie ge­sagt. Kommt ziem­lich oft das Wort ‚Mu­schi‘ drin vor.“

Ich werd übelst rot, la­che an­ge­strengt. Mu­schi? Ich geh nicht wei­ter drauf ein, stot­te­re dann: „Tra­shig … Ach, so wie die­ses ‚Ra­ve‘ von Rai­ner Götz, oder wie der heißt? Gehts da nicht auch um Tech­no, Berg­hain und so?“

Ih­re Stirn legt sich in Fal­ten, die Mähne zit­tert, sie schaut mich an, als hätte ich was Falsches ge­sagt, macht dann ei­ne rie­si­ge Bla­se mit ih­rem Kau­gum­mi, lässt sie plat­zen, wirft einen Kie­sel­stein nach mir, ich du­cke mich spas­tisch. Hab ich was Falsches ge­sagt?

„Nee, Al­ter. Ganz an­ders. Al­so, auf je­den Fall re­cher­chie­re ich grad qua­si noch. Wenn du weißt, was ich mei­ne.“

Ich ni­cke, weiß aber nicht, was sie meint. Und so alt bin ich nun auch wie­der nicht.

„Des­we­gen bin ich auch hier. An­sons­ten will ich das ir­gend­wie mit dem Ab­sur­den, mit Ca­mus und so wei­ter ver­knüpfen, al­so biss­chen phi­lo­so­phisch soll es schon wer­den. Na mal schaun, ich will da aber jetzt auch noch nicht so drüber re­den.“

Sie schweigt, un­ter­drückt ein Gähnen, ich ni­cke wei­ter, hab noch nie Ca­mus ge­le­sen, schwei­ge auch, über­le­ge, dass sie auf mich sehr klar wirkt, selbst­si­cher, fo­kus­siert. De­ter­mi­niert ir­gend­wie. Oh­ne die­sen Stress, den fleisch­ge­wor­de­ne Kar­rie­ren manch­mal stolz vor sich her­tra­gen wie ei­ne Schwan­ger­schaft, wie die­se Sprin­ger-Baue­rin vor­hin zum Bei­spiel. So­phia fragt mich dann, ob ich auch schrei­be, was ich schrei­be und was ich sonst so tu.

Na ja. Dies und das, stam­mel ich. So rich­tig schrei­ben, wie ge­sagt, später dann mal, in paar Jah­ren, mit 35 oder so spätes­tens, viel­leicht auch später, viel­leicht auch früher, mal schau­en. Dafür als Tex­ter und so am Ar­bei­ten, pro­gram­mie­ren, im­mer viel am Tun, dies und das halt, viel­leicht ei­ge­nes Start-up gründen. Ir­gend­wann schreib ich auf je­den Fall so rich­tig, das weiß ich ge­nau. Ich war­te noch auf den rich­ti­gen Zeit­punkt. Außer­dem kann ich La­tein und Alt­grie­chisch (und Kopf­rech­nen mit Brüchen) und hab mir selbst bei­ge­bracht, Gi­tar­re zu spie­len. Ler­ne der­zeit Rus­sisch, we­gen Do­sto­jew­ski. Was sa­gen? Nee … So auf Zu­ruf kann ich das nicht … Na gut … Al­so … Кто хочет много спать, тому надо мало знать. Oder um­ge­dreht. Ir­gend­was mit we­nig schla­fen. Ich lern halt noch. Les aber auch grad Goe­thes Wil­helm Meis­ter. Ich lie­be Goe­the. Du auch?

So­phia hört mir schon gar nicht mehr zu, nickt, trinkt ihr Bier aus, steht dann auf, wo­bei sie sich an mir abstützt, um hoch­zu­kom­men, sagt, dass sie uns neu­es Bier holt. Okay, ich war­te. Und war­te. Sie kommt nicht wie­der, lässt mich sit­zen und war­ten. Scha­de, hätte ger­ne noch ge­wusst, was sie stu­diert, wel­cher Ver­lag, und wer weiß, viel­leicht hätte sich ja auch noch biss­chen mehr er­ge­ben. Mu­schi. Wo­bei sie eh nicht ganz mei­nem Beu­te­sche­ma ent­spricht, wenn ichs recht be­den­ke, auch wenn sie gut aus­sieht. Hab ich was Falsches ge­sagt?

So lie­ge ich dann al­so noch in der Son­ne an der Spree rum, ge­nieße all die Schönheit, ge­nieße die­sen wun­der­vol­len Ort und mei­ne wun­der­ba­re Exis­tenz, be­ob­ach­te die glück­li­chen Licht­we­sen und Äff­chen, be­ob­ach­te den Ra­ve, be­ob­ach­te mei­ne In­ner­lich­keit, fühle mich so schön, bin ganz durch­flu­tet von Love. Ich spüre mich als Körper, bin so si­cher, so ent­spannt, so kon­trol­lier­bar, so kom­for­ta­bel, übelst im Flow. Döse dann ein biss­chen, oh­ne da­bei zu grübeln, bis mich Phil und Jens ab­ho­len. Ganz lieb, ganz zu­trau­lich sind sie, wie Te­le­tub­bies, wir ma­chen nach Hau­se zu Jens, wo es noch ei­ne „Af­ter­hour“ gibt, wie sie es nen­nen, wo ich noch ein paar Stun­den ganz wun­der­bar, ganz in­nig, ganz in­tim, ganz auf­ge­regt mit den bei­den quat­sche, wie ich schon lan­ge nicht mehr mit Freun­den ge­quatscht ha­be, wir hören Mu­sik von „Dir­ty Doe­ring“, dem DJ, der auf­ge­legt hat­te, und dann, be­vor ich mich zu Hau­se mit all die­sen im Kopf flir­ren­den Ein­drücken aus der Fümnzwan­zich ins Bett ma­che, nicht schla­fen kann, be­schließe ich natürlich, dass ich es de­fi­ni­tiv bei der einen Er­fah­rung be­las­sen wer­de. Mit die­ser Che­mo, al­so mit die­sem kras­sen MD­MA und mit die­sem kras­sen Speed, mei­ne ich.

 

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