2010: Odyssee in Nauen

Juli

Land­schaft ru­ckelt vor­bei, poröse Kie­fer knir­schen, druf­fe­ne Ne­an­der­ta­ler mah­len Din­kel­ber­rys zu Mehl, zu Pas­te, zu Pepp. Das Feu­er­zeug wird ent­deckt, al­le ju­beln, die Büchse der Pan­do­ra enthält reins­tes Am­phe­ta­min, DJ Zeus ket­tet MC Pro­me­theus auf den Ber­ge Hain, man po­pelt ihm die zir­r­ho­ti­sche Le­ber aus dem Leib, trock­net sie sorgfältig über der sta­bi­len Flam­me ei­nes Zip­po, zer­bröselt das schimm­li­ge Or­gan wie einen Klum­pen Stan­dard-Shit zu Staub und zup­pelt es auf dem en­gen Klo der Re­gio­nal­bahn in die Ne­benhöhlen. Ein Joint wird entzündet, Rauch zit­tert sich sei­nen Weg aus dem Zug­fens­ter, die­se Me­lo­die aus der War­stei­ner-Wer­bung ertönt, Al­so sprach Za­ra­thustra. Wir sind die fei­ern­den Über­menschen, wir sind übert­rie­ben druff, sind übert­rie­ben un­ter­wegs, sind ge­ne­rell übert­rie­ben, und der Film, den wir schie­ben, der heißt „2010: Odys­see in Nau­en“.

Mal im Ernst jetzt, mal ver­nümpf­tig for­mu­liert: Wir sind de­fi­ni­tiv im Fei­er­wahn, sind völlig naus, sind rumm wie dumm wie numm, und wir sit­zen in der Re­gio­nal­bahn Rich­tung Nau­en, düsen auf ein Fes­ti­val, auf die Na­ti­on of Gond­wa­na in Grüne­feld, so ein Kaff in Bran­den­burg. Wir sin­gen „Auf gehts, ab gehts, drei Ta­ge wach“, sin­gen, „Na­se voll, Pim­mel schrumpft, drei Ta­ge wach“, sin­gen „Tel­ler bis zum Un­ter­kie­fer, drei Ta­ge wach“.

Ich knuff Neh­scher Jens in die Sei­te. „Yo Al­ter. Stell dir vor, wir führen hier nicht auf die Na­ti­on, son­dern auf die Love­pa­ra­de.“ Führen. Während ich die­sen Kon­junk­tiv äußere, am Ra­de­ber­ger lut­sche, als wärs ein Schwanz, spreizt sich mein rech­ter klei­ner Fin­ger Rich­tung Mi­ke, die­sen Kum­pel von Jens, der mich neu­er­dings mit feins­tem Speed ver­sorgt. Töff, töff, töff die Ei­sen­bahn, wer will mit nach Duis­burg fahrn? Die Love­pa­ra­de in Duis­burg fin­det die­ses Jahr zeit­gleich zur Na­ti­on statt, al­so jetzt ge­ra­de. Man war noch nie auf ’ner Love­pa­ra­de, ge­schwei­ge denn auf ’nem Fes­ti­val, die Na­ti­on of Gond­wa­na soll das Trai­nings­camp für die Fu­si­on wer­den, die im nächs­ten Jahr an­steht. Es geht vor­an.

Neh­scher Jens ki­chert. „Zur Love­pa­ra­de? Dann müsst ich dir aber erst noch ein hübsches Vo­gel­nest auf dei­ne Glat­ze mo­del­lie­ren. Und dir ein Kleid­chen in Ne­on­far­ben kau­fen.“

LOL. Ich schau zu Mi­ke, der lolt auch, präsen­tiert ei­ne Rei­he ni­ko­tin­gel­ber Zähne. Lol­pa­ra­de. „Dit is jar nich so lu­stich, wa. Früher, als die noch in Ber­lin je­wesn war, war ick je­det Jahr da­bei un sah ooch so aus. Dit war im­mer dit Jeschäft det Jah­ret. Je­streck­tet Do­pe an dum­me Druf­fis ver­ti­ckert, manch­ma ooch een­fach Küchen­kräuter. Lief, wa! Aber risch­tisch!“ Sei­ne Au­gen fun­keln, leuch­ten die Au­gen­rin­ge hell aus, die Hände rei­ben sich warm, wahr­schein­lich läuft auch Sab­ber im Mund zu­sam­men, wird run­ter­ge­schluckt und an­sch­ließend ver­daut.

Neu­lich die­se Do­ku über das technöse Ber­lin der 90er ge­se­hen. Was wär ich da gern da­bei ge­we­sen … Ca­putt­nik knab­bert Carl auf den Lip­pen rum, schwelgt in Nicht-Er­in­ne­run­gen, plötz­lich ertönt wie­der die­se kran­ke Me­lo­die über die Laut­spre­cher des Zug­ab­teils, „Wer recht in Freu­den wan­dern will“, ich sprin­ge auf und tan­ze da­zu, man fei­ert mich, wie ab er geht, al­le am Joh­len, ei­ne Durch­sa­ge wird dann getätigt: „Wir er­rei­chen jetzt den Bahn­hof Brie­se­lang.“ Brie­se­lang? Schnie­se­lang, Schwanz ist lang, ist steif, ei­ne stei­fe Bri­se möchte durch mei­ne Ne­benhöhlen we­hen, mei­ne Bei­ne sind sehr un­ru­hig, ich schau zu Mi­ke. „Al­ter, kennst du den al­ten Tre­sor ei­gent­lich?“

„Tre­sor? Wat is dit für ’ne Fra­ge! Na frei­lich, At­ze Peng. Da war ick doch die ers­ten Ma­le in mein Le­ben so rich­tig fei­ern. Mit alln Drum und Dran, wa. Dit warn Zeitn!“

Die Au­gen glänzen, man wär so gern da­bei­ge­we­sen, will al­les darüber wis­sen. „Erzähl!“

„Na wat willstn hören? Von die di­cke Ab­schluss­par­ty? Ta­je­lang. Da sin die Bar-Clo­sings lächer­lich da­je­jn, dit kanns­te aber wis­sen. Dit war Ab­sturz, aber risch­tisch. Da ham so­gar die Bulln mit­je­fei­ert. Oder war dit­te in Frank­furt je­wesn, al­set Omen zu­je­macht hattn? At­ze, ick weeß et ooch nich mehr so jenau, war off jedn Fall im­mer di­cke Sau­se, wa. Wer sich er­in­nern kann, war nich da­bei je­we­sen, so sieht dit aus.“

„Krass.“ Mi­ke is voll der Fei­er-Ve­teran. Love­pa­ra­de, Tre­sor, das al­te Ber­lin, der hat schon al­les mit­ge­nom­men, was mit­zu­neh­men geht. Auch dro­gen­tech­nisch, klar. Legt so­gar ge­le­gent­lich auf, als DJ Schim­mi oder so. Ich bin stolz, mit so ei­ner Keu­le als Ho­mie zur Na­ti­on fah­ren zu können. Apro­pos Ho­mie. Ich dreh mich zu Neh­scher Jens. „Sag ma, mein Gud­der. Is dir schon mal auf­ge­fal­len, was Hip-Hop ei­gent­lich für ei­ne ho­mo­se­xu­el­le Kul­tur is? Al­so Rap, mein ich?“

Jens run­zelt die Stirn. „Nee du. Wie­so ho­mo­se­xu­ell?“

„Na im­mer die­se Tex­te von we­gen ‚Ich fick dich und dei­ne Mud­der‘, ‚Fick mein Ge­hirn‘, ‚Lutsch mei­nen Schwanz‘ und hin und her. Ich glaub ja, dass die meis­ten Rap­per ver­kapp­te Schwup­pen sind und mit Rap ih­re un­ter­drück­te Schwul­heit aus­le­ben. So wie Ho­mo­pho­bie ge­ne­rell ein Aus­druck des­sen ist, dass man ei­gent­lich selbst biss­chen schwul ist, es nur nicht zu­ge­ben will.“

„Aha …“ Way­ne in­ter­es­sierts de­fi­ni­tiv mehr als Jens, die­sen Neh­scher. Der Homofürst fum­melt an sei­nem Han­dy rum, als wären es sei­ne Klöten. Es ist ver­bo­ten, mit den Pfo­ten an den Ho­den rum­zu­kno­ten. Weißte Be­scheid. Neh­scher Jens, der sitzt am Nil und lutscht an sei­nem lan­gen Stiel.

„So ähn­lich wie bei Bon­grau­chern, die sich mit ih­rer Bong nicht nur selbst stil­len, son­dern ge­wis­ser­maßen Schwanz­lut­schen si­mu­lie­ren“, sag ich, steck dann den Zei­ge­fin­ger in den Mund und drück ihn von in­nen ge­gen die Wan­ge, schieb ihn hin und her, als wär es ein Pe­nis. Dann schnipp ich mir ’ne Selbst­ge­dreh­te zwi­schen die Lip­pen und setz die Son­nen­bril­le auf, leh­ne mich zurück.

Voll der Psy­cho, ich. Während die einen in ih­ren Küchen das Meth am Ko­chen sind, be­trei­be ich aus­gie­big Psy­cho­lo­ge. Nämlich Küchen-Psy­cho­lo­gie, va­stehs­te? Na ja, na ja. Un­ter­des­sen er­klingt wie­der die­se gei­le Hym­ne, RB 18920 hält schließlich in Nau­en, wir steu­ern naus, war­ten ewig und sind völlig durch, als wir end­lich ’nen Platz im überfüll­ten Shutt­le­bus zum Fes­ti­val-Gelände be­kom­men. Die Te­le­tub­bies sind dann ir­gend­wann in Grüne­feld, sind auf der Na­ti­on of Gond­wa­na, sind im Fei­er­wahn, sind nur va­ge druff, bau­en Zel­te auf, be­rei­ten sich vor auf ’ne lan­ge Nacht, auf Par­ty, Ab­sturz, Feie­rei, Vöge­lei und Gedöns.

Am meis­ten freu ich mich auf Mo­ni­ka Kru­se, die le­gen wird, laut Ti­me­ta­ble nachts von drei bis sechs. Mo­ni, die ich noch nie li­ve ge­fei­ert hab, die mich an mei­ne Zeit im Omen in Frank­furt, im al­ten Tre­sor in Ber­lin, an die wil­de Ra­ve­rei auf der Love­pa­ra­de er­in­nert. Ach ja. Die gu­te, die al­te Zeit. Mo­ment, Ca­putt­nik: Du warst schon mal im Tre­sor und im Omen fei­ern? Auf der Love­pa­ra­de? Geil, Al­ter! Häh? Wer erzählt denn so ’ne Scheiße? Halt dein Maul, du Voo­chel, freu dich auf ei­ne Nacht und einen Tag Fes­ti­val in der bran­den­bur­gi­schen Pam­pa, in Grüne­feld, auf der Na­ti­on of Fei­er­wahna. Und nimm die Pfo­ten von den Klöten, du an­dro­gy­nes We­sen. Äh, das sind nicht mei­ne? What?

*

Es wird dun­kel, es wird Nacht, La­ser­kraft. 3D. Ich zi­tie­re mich selbst, feie­re mich und mei­ne ra­di­kal he­do­nis­ti­sche Exis­tenz, fei­er die Na­ti­on, bin selbst­verständ­lich schön drauf, und zwar auf Mikes übert­rie­ben rei­nem Speed, und natürlich auf dem Ego­trip mei­nes Le­bens. Al­ter, wenn ich über­le­ge, was ich vor ’nem Jahr noch für ’nen in­ter­lek­tu­el­len Hühn­chen-Film ge­scho­ben hab. Bo­gaaak! Von we­gen Stu­di­um bis zum ei­ge­nen Lehr­stuhl­gang, tun­tig über­ein­an­der­ge­schla­ge­ne Bei­ne, pa­the­ti­sche No­ti­zen im Mo­les­ki­ne, me­lan­cho­li­sche Al­lei­nig­keit, übelst präten­tiöses Step­pen­wolf-Ge­ha­be. Ganz trau­ri­ges Pi­ka­chu. Ne­ben­bei selbstständig ma­chen und Ick-AG up-star­ten, im­mer in Cord­s­ak­ko und Lack­schu­hen un­ter­wegs, Östro­gen-Ver­gif­tung, mit Wei­bern lie­ber ganz doll verständ­nis­voll re­den wol­len, statt sie ein­fach mal an­ge­mes­sen zu ban­gen. Ab­fahrt. Das Am­phe­ta­min hat mich ge­ret­tet, hat mich verkörper­licht, hat mich ge­sell­schaftsfähig und zum Man­ne ge­macht. Hat mein Herz ver­stei­nert. Was? Ach, nischt.

Ich kaue mir auf den Lip­pen rum, kaue, oh­ne was zu es­sen, reiß die Au­gen auf wie ein Ko­bold­ma­ki, rol­le sie hin und her. Ich lie­be Speed, ich lie­be Speed so sehr, ich lie­be das Speed ei­gent­lich noch mehr als mich selbst. Ich kann mir ein erfüll­tes Le­ben oh­ne Speed nicht mehr vor­stel­len, möchte nie wie­der oh­ne Speed sein. Ich möchte Ly­rik ver­fas­sen, Lie­bes­er­klärun­gen an das Am­phe­ta­min, an die Dro­ge mei­nes Le­bens. (Mach ich auch ständig, pos­te den Müll dann auf Fa­ce­book in un­se­rer Fei­er-Grup­pe, „Speed­ly­rik“ nen­ne ich die­se avant­gar­dis­ti­sche Text­sor­te, die an­dern tu­scheln schon, li­ken mich aber im­mer anständig in den Po­po, die­se Krie­cher. Al­le ab­haun. Al­le ab nach Nau­en.)

Je­den­falls spa­cke ich in Grüne­feld auf dem Fes­ti­val­gelände der Na­ti­on of Gond­wa­na rum, mitt­ler­wei­le ist dun­kel, nur noch we­ni­ge Stun­den ver­blei­bend, dann ist Mo­ni­ka Kru­se am Start. Bis da­hin ver­kneif ich mir das MD­MA. Trieb­ver­zicht, La­tin Lover, Lat­te bis zur Plat­te. Ich strei­fe durch das Zelt­la­ger, wan­de­re über Wie­sen und Ber­ge und Täler wie Hei­di ihr Ste­cher, der Scheißnpe­ter, oder wie der heißt, lau­fe dann wie Je­sus him­self über Was­ser; Ge­dan­ken hängen mir in­des nach wie ein feuch­ter Furz. Wo war ich ge­ra­de? Ge­nau: Es ist dun­kel, es ist Nacht, La­ser­kraft. Leu­te hocken wie die Bo­no­bos vor ih­ren Zel­ten, chil­len und gril­len, die Gril­len zir­pen im Park, Kol­lek­tiv Turm­stras­se wum­mert durch mein Be­wusst­sein, Kol­lek­tiv Turm­stras­se ist de­fi­ni­tiv die Mu­sik die­ser Ta­ge, scha­de, dass die nicht auf­le­gen, ich lie­be das Kol­lek­tiv, war im­mer ein Ein­zelgänger.

Es ist som­mer­lich warm, ich trag mein Am­pelmänn­chen-T-Shirt auf, das knall­ro­te mit den grünen Rändern. Ist mir zwar zu klein und ich seh aus wie ’ne Press­wurst, aber das rafft Ca­putt­nik nicht. Die Theo­rie be­sagt ja, dass die­ses sehr spe­zi­el­le Shirt mei­nen Wie­der­er­ken­nungs­wert erhöht. Trag es mitt­ler­wei­le ei­gent­lich auf je­der Par­ty. Ich mach mich zur Mar­ke, will her­aus­ste­chen zwi­schen all den an­de­ren trieb­ge­steu­er­ten Vollidio­ten, ich bin an­derst als die an­de­ren, ich bin Carl mit C, man nennt mich Ca­putt­nik, ich bin vor al­lem auf Speed, ich woll­te doch ei­gent­lich ir­gend­was erzählen, kam vom The­ma ab, und vom in­ter­lek­tu­el­len, vom ver­nümpf­ti­gen, vom aka­de­mi­schen Le­bens­weg, steue­re nun ori­en­tie­rungs­los über die Yel­low Brick Road durch Oz-Hau­sen. Trot­tel.

Ach ja. Ich Häss­wuchs wa­be­re über das Fes­ti­val­gelände, vor­bei an den stin­ken­den DI­XI-Ka­bi­nen, vor de­nen Druf­fis Schlan­ge ste­hen wie in ei­ner Men­sa, die­se so­ge­nann­te Klo­ba­li­sie­rung schrei­tet hef­tig schnell vor­an. Fla­schen klir­ren, man lacht, man un­terhält sich, die Au­gen sind gla­sig, re­flek­tie­ren die Lich­ter der La­ser­an­la­ge. Druf­fis: Das sind di­ver­se Fei­er­menschen, so Hip­pies über dreißig, Al­ter­na­tiv­lin­ge, barfüßige Ker­le, un­ra­sier­te Frau­en, die ih­re Kin­der mit­ge­bracht ha­ben, aber auch die ein oder an­de­re hübsche Frut­te. Und Icke mit­ten­drin, schön druf­fen, schön auf Am­phe, kaut sich schön auf den Lip­pen rum, und trifft end­lich schön auf die­sen Mi­ke, den er die gan­ze Zeit ge­sucht hat.

„Das bis­te ja, du Fre­ak. Was geht?“

Mi­ke grinst breit, sei­ne Zähne blit­zen und blin­ken in rot und blau. „Na wat solln jehn, meen Ju­ter? Ick hab grad ’n al­ten Kum­pel jet­roffn, Bier­chen je­zup­pelt, hat mir noch ’n bissl Ke­ta für späta über­las­sen.“

Ke­ta? Broo­chick nich. „Ge­schmei­dig“, sag ich. „Wolln­wer uns mal das Dip­pi rein­fah­ren? Ich komm lang­sam in Fei­er­stim­mung. Kru­se legt si­cher auch bald.“

„Na dann, mee­ne At­ze.“

Man wa­bert zurück zum Zelt­la­ger, wo das MD­MA ge­bun­kert ist, uns ’ne phäno­me­na­le Nacht be­sche­ren wird, und mir den def­tigs­ten Kie­fer­klaus mei­ner ge­sam­ten Fei­er­zeit, durch den ich über­mor­gen mei­ne Fres­se nur noch paar Zen­ti­me­ter auf­be­kom­men wer­de, was mir aber auch erst auf dem Bo­xi im Bur­ge­r­amt beim Ver­such auf­fal­len wird, einen Bur­ger zu mamp­fen, wo­durch ich den Bur­ger dann mit Mes­ser und Ga­bel klein­sch­nib­beln muss, so Büff­chen wie früher von der Mut­ti, um die Stücke nach und nach in mich rein­zu­schie­ben und un­zer­kaut run­ter­zu­schlu­cken. Zwangs­ernährung. Es gibt nichts, was ich mehr ver­ach­te als die Bürger­lich­keit. Aber der Kie­fer­krampf liegt in­ne Zu­kunft, jetzt gibts erst ein­mal MD­MA für al­le, da­nach Mo­ni­ka Kru­se, die gei­le Sau.

*

Ich muss mich hin­le­gen. Das war schon wie­der der­be zu viel ge­dippt. Je­des Mal die glei­che Scheiße, im­mer tu ich das Drecks­zeug so über­do­sie­ren, dass es nicht putscht, son­dern run­ter­zieht. Der Stuff ist wie Do­pe, nur an­ders, die Wir­kung ist so abhängig vom Zu­stand mei­ner räudi­gen In­ner­lich­keit. Ach man. Des­we­gen ver­eh­re ich ja Am­phe so sehr. Da weiß man ein­fach, was man hat, da ist die Wir­kung be­kannt, man rennt al­len­falls aufs Klo und scheißt sich aus, weil es zu sehr mit Milch­zu­cker ge­streckt wur­de. Dafür ist man wach, eu­pho­risch, ’ne su­per­gei­le Sau, ein Ca­putt­nik, wie er im Bums­bu­che steht. Bei MD­MA hin­ge­gen ziehts mich im­mer wie­der run­ter, weil ich die Kriställ­chen nicht an­ge­mes­sen do­sie­ren kann. So wie jetzt. Wie dumm von mir, dass ich mir den Dreck trotz­dem ständig bal­lern tu. Man braucht kei­ne psy­che­de­li­schen Drugs, die­se In­ner­lich­keit ist psy­che­de­lisch ge­nug.

Die Le­ber schmerzt, sie möchte Gluta­thi­on pro­du­zie­ren, γ-L-Glutamyl-L-cy­stei­nyl­gly­cin, ein Tri­pep­tid, das of­fen­sicht­lich aus den Ami­no­säur­en Glutamin­säure, Cy­stein und Gly­cin ge­bil­det wird. Auf die­se Wei­se ver­sucht die Le­ber (alt­grie­chisch natürlich ἧπαρ) nun, das Blut zu ent­ros­ten. Lei­der man­gelt es dem aus­ge­mer­gel­ten Körper an zir­ku­lie­ren­dem Pro­te­in, er hat Skru­pel, noch mehr Mus­kel­mas­se ab­zu­bau­en, um fri­sche Ami­nosäur­en zu frei­zu­set­zen. Was nun? Das Blut ist sehr dick, Carls Herz­chen lei­det und muss kräftig pum­pen, um die Brühe durch den Wanst zu drücken, man at­met schwer, keucht wie ein Rent­ner. Der Rost, das ist oxi­da­ti­ver Stress, ver­ur­sacht durch Che­mi­ka­li­en wie MD­MA (3,4-Me­thy­len­di­oxy-N-me­thyl­am­phe­ta­min) und Am­phe­ta­min (α-Me­thyl­phe­ne­t­hyl­amin). Mein Zen­tral­ner­ven­sys­tem geht ab. Das Dip­pi möchte es ent­span­nen, das Pepp möchte es put­schen, man kann sich nicht ent­schei­den, flight oder flight, es ist al­les so schwie­rig, so neu­ro­tisch, was soll der Körper tun? Er schrumpft nun ein­fach den Pim­mel auf die Größe ei­ner Steck­na­del.

Ich leg mich auf die feuch­te Wie­se, leg mir ’ne Bahn Peppn, leg fast ein Ei, halt es aber noch ein­mal zurück, leck mir über die Lip­pen. Ich bin ein Le­gu­an, ei­ne Le­gie­rung aus Do­pe und Gras. Leb­haft nip­pe ich am Bier, mei­ne Nip­pel un­ter dem Am­pelmänn­chen-Shirt wer­den ganz steif, kühl ist es ge­wor­den; die Nip­pel, die wer­den mor­gen vom Ge­feie­re wie­der ganz auf­ge­rub­belt sein, ick freu mir schon. Hier gibts je­den­falls nur so räudi­ge 0,3er-Fla­schen ir­gend­ner Plörre für paar Eu­ro, um aufs Nip­pen zurück­zu­kom­men. Dip­pen? Hab ich schon, du Föhn. Das Gu­te am Pepp ist übri­gens auch, dass man sau­fen kann oh­ne En­de, man merkt kaum, dass man gleich­zei­tig be­trun­ken ist, hat übelst die ver­schwom­me­ne Op­tik. Und man kann nicht mehr tan­zen, tor­kelt ei­gent­lich nur, stol­pert Ol­len an. Je­den­falls bal­lert die Bahn mir wie­der anständig Ener­gie zurück in den ver­d­ruff­ten Körper, baut ein Ge­gen­ding zum MD­MA auf, tut aber auch den Kreis­lauf Ca­putt­niks so rich­tig der­be stres­sen. Egal.

Ich lieg dann rum auf die­ser Lich­tung in Bran­den­burg, star­re mit mei­nen Ko­bold­ma­ki-Glüsen in den Ster­nen­him­mel, kau auf den Lip­pen, scheiß auf geil Mys­tik, scheiß auf Phi­lo­so­phie, scheiß auf den In­tel­lekt – Ca­putt­nik will scheiße fei­ern und geil scheißen, rich­tet sei­nen scheiß Wirtskörper Carl wie­der auf. Ich bin ei­ne scheiß gei­le Fei­er­ma­schi­ne. Aber kri­tisch! Von Wei­tem seh ich die schi­cke La­ser­an­la­ge, die die Pyo­nen auf­ge­baut ha­ben, al­le Far­ben strah­len gu­de Lau­ne in den Nacht­him­mel. Ich hör die Mu­cke, hör den Bass, hör die Crowd, weiß nicht, wer da grad legt, Jens Väth oder so. Ich rauch ei­ne, lass die Bahn noch ein paar Mi­nu­ten sich set­zen, und auch das MD­MA so­wie den Alk, und mach mich dann zum Floor, um end­lich mei­ne Fei­er-Nacht­schicht an­zu­tre­ten. Ma ku­cken, ob ich Jens und Mi­ke ir­gend­wo tref­fe. Und ir­gend­ne gei­le Ol­le natürlich, in die ich mich für die Nacht ver­knal­len kann.

*

So. Da bin ich. Ge­fei­er­ter Ca­putt­nik mel­det sich zum Dienst am Mud­der­land, an der Na­ti­on of Gond­wa­na. Schnell noch ein Bier käufeln, Fei­er­kip­pe in die Schnu­te ste­cken, ein ge­eig­ne­tes Plätz­chen su­chen, mei­ne öko­lo­gi­sche Fei­er­ni­sche für heu­te Nacht. Ich bin ein Köter, der es sich gemütlich macht, sich da­bei um die ei­ge­ne Ach­se dreht, nach sei­nem Schwanz schnappt, aus­la­dend gähnt und seufzt. Die Ver­an­stal­ter ha­ben ei­ne me­ter­ho­he Wand er­rich­tet, sie speit Feu­er und Ne­bel und Licht und Sound. Di­rekt vor die­se Wand po­si­tio­nie­re ich den Wirtskörper. Mit­ten­drin fei­ern ist nicht ganz so meins. Am Rand fühl ich mich wohl, man hat da mehr Platz zum Fei­ern, kann so­fort wie­der ab­hau­en, wenn es nicht gefällt, hat mehr vom Bass, hat mehr vom Spaß.

Häh? Na? Knick knack, zwin­ker zwin­ker, biss­chen ni­cken oder zwin­kern und hef­tig an der Hüfte klim­pern? Puh. Die Am­phe hat mich wie­der zurück auf den Bo­den der technösen Tat­sa­chen ge­holt, ich kann die Nacht­wa­che jetzt an­tre­ten, wer­de die Ten­denz zu Grübe­lei und Lo­gor­rhö in ki­ne­ti­sche Ener­gie trans­for­mie­ren und ge­schmei­dig ab­hot­ten. Schi­ckung. Der DJ, der ge­ra­de legt, tut sein Übri­ges.

Je­den­falls, als ich lang­sam an­fan­ge, mich in mein Ge­ham­pel rein­zu­stei­gern, ir­gend­ei­ne Klei­ne ne­ben mir an­tan­zen will, tut die Mu­sik ver­stum­men, es kommt zu ei­nem Co­itus in­ter­rup­tus elec­tro­mu­si­cus. Was geht? Ach so, Wacha­blöse, nun ist die Kru­se an der Rei­he, yes! Per­fekt ab­ge­passt. Ab­ge­spaßt. Ab­ge­spas­tet. Ab­ge­spaced. Fei­er­or­gas­mus, ick spür dir na­hen – hab al­ler­dings im­mer noch biss­chen Angst, dass das hier heut nischt mehr wird mit uns und ich mir wie­der mal sinn­los einen von der Pal­me we­deln muss.

Je­mand möchte den Mo­tor ei­nes ben­zin­be­trie­be­nen Ra­senmähers star­ten, zerrt noch und nöcher an der Reißlei­ne, der Fun­ke tut nicht zünden, der Gerät säuft im­mer wie­der ab. Der Gerät wird nie müde, der Gerät schläft nie ein. Ich bin der Gerät, bin der Ra­senmäher-Mann, ich bin del Ham­melmöldel, zie­he mei­ne Au­gen mit den Fin­gern nach außen. Ca­putt­nik ist ein Chi­ne­se, Jens ist ein Neh­scher, ich bin ein Ras­sist, aber ein net­ter. Ching, chang, chong, mein Herz ist aus Be­ton. Wo sind die ei­gent­lich, die­ser Mi­ke, Neh­scher Jens, all die an­de­ren Leu­te, mit de­nen ich hier vor Ort bin? Ach schnup­pe, Fei­ern tut eh je­der ganz für sich al­lein.

Al­so: Kurz mu­si­ka­li­sche Stil­le, die Bäume rau­schen, die Crowd raunt, Lich­ter fun­keln bunt in die Nacht, die Ma­schi­ne hin­ter mir zischt und rum­pelt, Ne­bel wa­bert über die zer­tram­pel­te Wie­se, ver­mischt sich mit dem Reif der Nacht. Über die Fei­ern­den hin­weg seh ich Kru­sens Fri­sur, den Kru­se-Fro, ich den­ke an So­phia, es er­klingt wie­der die­ser pompöse War­stei­ner-Sound von Strauss, man wird un­ge­dul­dig.

Und dann geht es tatsächlich end­lich los; aber weißte schon das Neues­te? Der Arsch, der hat zwei Fäus­te (und ei­ne Fis­tel na­mens Phil). Nee, im Ernst jetzt, ich fass es nicht. Die Kru­se macht doch tatsächlich einen auf Hein Väth und fängt an, durch ein Mi­kro zu la­bern. Das ist ja noch schlim­mer als Vo­cal-Tracks!? Has­te das schon mal er­lebt? Sven­pa­nel, Mal­lor­ca, Ibi­za, je­mand ver­passt mir ’ne Bier­bong, di­rekt rein mit dem Gesöff in den Po­po, wir sind ei­ne gei­le, gei­le Fei­er­ge­mein­de, all about gu­de Lau­ne, Leu­te, se mes­sa­ge is Feie­rei, Al­der. Track-ID? Fres­se! Nischt mit gu­de Lau­ne. Aus­ru­fe­zei­chen Eins Aus­ru­fe­zei­chen. Wie Pan­ne ist das denn?

Es gibt nun ei­ne ver­nich­ten­de akus­ti­sche Rück­kopp­lung, die­ser Au­dio-Ef­fekt, durch den das Si­gnal ei­nes Schall­empfängers über die Laut­spre­cher wie­der­ge­ge­ben und noch mal als Schall emp­fan­gen wird, wo­durch das er­neut emp­fan­ge­ne Si­gnal wie­der aus­ge­ge­ben wird, so­dass al­les sehr laut, sehr schrill quietscht und pfeift. Yor. Die Crowd stöhnt, hält sich die Oh­ren, Trom­mel­fel­le reißen sanft, Ohro­pax sau­gen sich wie Tam­pons voll mit Blut, man wird un­ru­hig, der Fro spricht al­so in ein Mi­kro­fon: „Ei­gent­lich mach ich das ja nie, beim Auf­le­gen An­sa­gen zu ma­chen.“

Sags­te. Und warum dann jetzt? Willst du mir das Fes­ti­val ver­sau­en, oder was? Voll die voll­pro­fes­sio­nel­le DJa­ne. Voll­pfos­ten-Ol­le. So was hat Icke ja noch nie er­lebt, kann Icke ja gleich zum Frei­tag­abend im Q-DORF ab­hot­ten ge­hen. Der Ra­senmäher ver­reckt endgültig, man muss sich auf­re­gen, man hat kei­nen Bock auf Rea­lität, Rea­lität ist bürger­lich, Rea­lität ist ei­ne ein­zi­ge Scheiße, man geht doch nicht fei­ern, um sich Rea­lität zu drücken. Nee du. Man geht fei­ern, um sich zu ver­krie­chen, mit Ta­schen­lam­pe, ei­ner hübschen Ta­fel Pan­zer­scho­ko­la­de und ’nem gu­ten Buch un­ter ei­ner kusch­li­gen, technösen Bett­de­cke. Nur oh­ne Bücher, weil Bücher sind in­tel­lek­tu­el­ler, kei­mi­ger Rotz. Je­den­falls will man ei­ne bes­se­re Welt, ei­ne Welt, in der sich al­le lieb ha­ben, ei­ne Welt, in der mein Schwanz groß ge­nug ist, und ei­ne Welt, in der ei­ne DJa­ne kei­ne An­sa­gen macht, son­dern ein­fach auf­legt, hin­ter ih­rem Sound ver­schwin­det. Ich will doch auch nicht sehn, wie Gott das gan­ze scheiß Uni­ver­sum vor der Im­plo­si­on be­wahrt wie der Zau­be­rer von Oz hin­ter sei­nem Vor­hang; ich will ein­fach kos­misch fei­ern. Oz­misch. Os­mo­se. Böse Möse. Böse Möse. Böse Möse.

Die Kröse mit u und ih­re Re­de zur La­ge der Na­ti­on of Gond­wa­na, sie blub­bert den nächs­ten Satz in das Mi­kro: „Aber ich komm grad di­rekt von der Love­pa­ra­de in Duis­burg, wo ich vor­hin auf­ge­legt hab.“ Schön, Mo­ni. Dann düs doch wie­der per Ea­sy­jet ab und leg wei­ter vor den Vo­gel­nest-Lo­sern auf. Aber la­ber uns hier nicht zu.

„Und ich war da­bei bei der Mas­sen­pa­nik, als die ers­ten zu To­de ge­tram­pelt wur­de, hab grad auf­ge­legt.“

Rück­kopp­lung Teil zwei, die Crowd krächzt und knarrt und stöhnt und raunt. Mas­sen­pa­nik? To­te? Love­pa­ra­de? Wo ist der Zu­sam­men­hang? Rafft Icke nich. Sor­ry, aber das passt grad gar nicht in un­ser Mind­set; wir se­hen hier kei­ne to­ten Ra­ver, wir se­hen nur Love, se­hen uns selbst durch gla­si­ge Au­gen, die Lich­ter tun RGB glit­zern, der Ne­bel ist am Wal­len, gei­le Ol­len aus dei­ner Fei­er­ni­sche wol­len von dir ver­ge­wohl­wursch­telt wer­den. Ich seh hier kei­ne Pa­nik. Du? Nee, wa. Viel­leicht meint sie ja „Mas­sen­par­ty“, man hat sich nur verhört? Ich schau zu der Klei­nen ne­ben mir, roll die Au­gen, sie legt ih­re Stirn in Fal­ten, lacht. Fi­cken? Schul­ter­zu­cken.

„Hab über­legt, ob ich jetzt hier bes­ser nicht auf­le­gen soll­te, hab mich dann aber dafür ent­schie­den. Die To­ten hätten es wahr­schein­lich so ge­wollt. Ge­den­ken wir hier­mit den Op­fern und ih­ren An­gehöri­gen, heu­te Nacht.“ Gu­te Ent­schei­dung. Die Crowd johlt. Al­les Op­fer. „Die Par­ty muss wei­ter­ge­hen!“ Ge­nau! Die Par­ty muss wei­ter­ge­hen! Scheiß doch auf die Love­pa­ra­de! Was in­ter­es­siert mich, was dort vor sich geht, was für Voll­honks dort ir­gend­was nicht ge­ba­cken be­kom­men ha­ben. Al­so. Los. Mo­ni. Auf­le­gen!

Dann star­tet sie durch mit ih­rem Set, der Ra­senmäher rat­tert los, und was soll man sa­gen: Das ist das in­ten­sivs­te Set, auf dem Ca­putt­nik bis da­to am Fei­ern war. Mo­ni­ka Kru­se ist ein Si­re­ne, die Odys­see in Nau­en nimmt ein glück­li­ches En­de, Ec­sta­sy, Speed und mei­ne Li­bi­do hei­zen mich ma­xi­mal auf, tun mich up­pern, tun mich dow­nern, ich zer­fließe im Ra­ve, ver­schmel­ze mit der Crowd, kom­me ab vom rech­ten Weg, schwe­be von dan­nen und ver­flüchti­ge mich wie ein Furz in der At­mo­sphäre. Ich tan­ze, tu nur noch tan­zen, tan­zen, tan­zen, die Welt zuckt durch den Ne­bel, ne­ben mir die­se Klei­ne und ih­re schönen brau­nen Haa­re, ich bin ein Am­pelmänn­chen, ein Te­le­tub­by, ein Ko­bold­ma­ki, ich muss ge­nießen, muss fließen, muss mei­nen Swag er­gießen, halt die Fei­er­kip­pe in der Hand, tu den Fei­er­fin­ger steil nach oben stre­cken, lass die Füßchen shuf­feln, joh­le, quie­ke, jauch­ze. Ca­putt­nik ist am Ab­ge­hen, wie er noch nie am Ab­ge­hen war. Der Zau­be­rer von Oz hockt in der Ma­schi­ne hin­ter mir, er ist fleißig am Kur­beln und am Ma­chen und am Tun, er möchte, dass es uns gut­geht, er möchte, dass wir ra­ven: al­so ra­sen, de­li­rie­ren, to­ben. Ein Hum­bug! Mo­ni, du gei­le Sau, ich will ein Kind von dir!

 

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