Caputtnik Enterprises

Herbst

Auf­wa­chen Klei­ner, Carl­chen, mach die Knöppe off. Nur noch ’n biss­chen, bit­te bit­te. Ei­ne war­me Hand streicht zärt­lich über mei­ne Stirn. Nicht. Was? Warum nicht? Wo. Bin. Ich. Fra­ge­zei­chen. Ant­wort: zu Hau­se. Punkt. Wo sonst. Du Trot­tel. Cor­ti­sol, oder wie die Brühe heißt. Das fehlt jetzt. Na­tri­um und Ka­li­um. Was ist da­mit? Na Un­gleich­ge­wicht. Und Hack. Mei­ne Ge­dan­ken. Sehr ab­ge­hackt. Man will sein Hak, man ist ei­ne Hack­fres­se, der Ver­stand ist ein Pi­ckel, der wird jetzt aus­ge­quetscht, die In­ner­lich­keit spritzt auf den Zieh­spie­gel, man hackt sie auf, man zieht sie, das al­les im Halb­schlaf, end­lich ein Wurm­fort­satz, aber ein entzünde­ter.

Penn wei­ter Ca­putt­nik, ist doch mit­ten in der Nacht. Was hast du ge­sagt, schon halb acht? Nee, neun­zehn Uhr fümnzwan­zich. Schick mich nicht, wel­cher Tag ist denn heu­te? Sein Han­dy leuch­tet, an­geb­lich ist heu­te Mitt­woch. Bit­te was? Aber ist doch so dun­kel da draußen? Das kann nicht sein, seit wann schläft er denn nun, er kann sich nicht er­in­nern? Seit Mon­tag oder was? Reiße er sich zu­sam­men und rech­ne, Carl, boo­te er sei­nen Ver­stand. „Ver­stand“, LOL. Hab ich jetzt schon wie­der „LOL“ ge­dacht? Mett. Meth ist voll der Dreck, zum Glück gibt es Cry­stal hier in Ber­lin nir­gend­wo zu kau­fen, zu­min­dest nicht für mich. Wie­so „zum Glück“? Na so halt. Voo­chel. Sag lie­ber „Meff“, denn „Meth“ kann er nicht vernünf­tig aus­spre­chen, der Leg­asthe­ni­ker. Vernümpf­tig.

Al­ter Schwe­de, war das wie­der ein Wo­chen­en­de. Berg­hain, Butz­ke, Sui­ci­de, al­les durch, al­le durch, kei­ner kommt mehr klar. Vor al­lem du nicht, mein lie­ber Herr Carl „Ca­putt­nik“ Schmitz. Der größte Voo­chel im Ge­sangs­ver­ein, der kleins­te Piep­matz im Be­hin­di­lek­tu­el­len-Pfle­ge­heim. Und wie­der has­te kei­ne ab­ge­kriegt, du Lo­ser, und Phil hat min­des­tens zwei ge­pim­pert, und all dei­ne Pick-up-Kunst hat nischt ge­bracht, aber si­cher, du willst ja nur flir­ten, nix wei­ter, nix klar­ma­chen, we­gen Pepp­schnip­pi und so, wiss schon.

Den­ken an­de­re in sich drin ei­gent­lich auch im­mer so dia­lo­gisch? Die­se Stim­men in ei­nem, die al­les kom­men­tie­ren, einen als „Voo­chel“ benölen, als „Ka­stra­ten“ oder als „In­ter­lek­tu­el­len“. So Stim­men, die einen aus­la­chen, wenn ei­ner dum­me Sa­chen macht, die ei­nem ver­bal ei­ne scheu­ern, wenn ei­ner sich da­ne­ben be­nimmt. Man, du Spack, das ist dein Über-Ich, oder wie das heißt, das ist ganz nor­mal, das hat je­der in sich drin. Das ist der Chip, den man dir im­plan­tiert hat am Ost­kreuz, die­ser Chip, den man per Fern­seh­funk ak­ti­vie­ren kann. Und die Am­phe, die hat man übri­gens mit Na­no­bots ge­streckt. Wer ist das ei­gent­lich, die­ser „man“? Na die. Die In­ter­lek­tu­el­len, die Vernümpf­ti­gen, die Bru­der­schaft der Sto­bo­skop-Il­lu­mi­nier­ten. Die Ge­sell­schaft, die Ma­schi­ne, die Fir­ma. Die Fa­mi­lie. Du selbst, man.

Al­so los, du Psy­cher­lo­ge, be­weg dich, steh auf, die Ar­beit ruft. Gibt es was zu tun? Ja man, gibt es – Ca­putt­nik En­ter­pri­ses, und dein Stu­di­um, es gibt sehr, sehr viel zu tun. Wer fei­ert, der kann auch röbeln, der kann auch ler­nen. Ach, ach, ich kann gar nischt, ich möcht so ger­ne lie­gen blei­ben, zwei Me­ter tief un­ter der Er­de, will noch ein biss­chen schlum­mern, möchte ein­fach durch­schla­fen bis Sams­tag­abend, bis zur nächs­ten Par­ty. Die­ses Stu­di­um bre­che ich ab, das fickt mir nur den Ver­stand, die­ses Übert­rie­ben-Ich, man muss ihn ver­nich­ten, man rei­che mir ei­ne Li­ne Speed, rei­che mir das gülde­ne Zieh­be­steck, dann ste­he ich auch auf. Wie scha­de, dass ich die ge­lieb­te Am­phe nur auf Par­ty schnup­fe. Schnief.

Mitt­woch­abend, es be­ginnt nun of­fi­zi­ell der Werk­tag, schwe­re Glie­der kämp­fen sich aus dem Bett­chen in die Kälte und be­de­cken mich mit Trai­nings­ho­se, Strümp­fen, Pul­li. Ich schal­te den Rech­ner an, star­te ein Set von Mi­ra, es gibt elek­tro­ni­sche Tanz­mu­sik zum Wach­wer­den, es fol­gen Hy­po­to­nie, Hy­po­glykämie, Hyp­no­se. Man sieht Stern­chen und steu­ert über di­cke Staub­flo­cken durch den Flur, die Die­len knar­ren, Füße wie Eis­klum­pen klir­ren ge­gen lee­re Club-Ma­te-Fla­schen, man hält in­ne, horcht, ob je­mand im Trep­pen­haus vor der Tür steht, einen be­lauscht. Das Über­all-Ich. Der Türspi­on, das all­se­hen­de Au­ge. Nischt zu se­hen, nischt zu hören, und auch ziem­lich pa­ra­no­id von mir. Pass auf, Carl, un­ter dei­nem Bett gibts Ge­spens­ter, da lie­gen Frut­ten rum, die wol­len dich ver­na­schen, la­chen dann aber nur über dei­nen in­tel­lek­tu­el­len Piep­matz, du Sof­tie. Die tun dich rup­fen, du Voo­chel.

Ich kann nicht den­ken, den­ke aber darüber nach, ob ich Hun­ger hab, fühle nichts, spüre nichts. Hab ich? Kühl­schrank auf, nischt am Start, bis auf ’n Knöll­chen Alu­fo­lie da oben in der Tür. Ist da Speed drin? Nee, lei­der nicht, nur ’ne schimm­li­ge Zwie­bel. Wie kommt die da rein? Raff ich nicht. Der Schim­mel über Ber­lin-Fried­richs­hain, Wings of Ge­fei­er. Déjà-vu. Ich drück den Knopf an der Kühl­schranktür, Licht an, Licht aus, Stro­bo für Ar­me, ich über­le­ge, was ich jetzt ei­gent­lich ma­chen woll­te, der Ge­hirn­gu­lasch ist ei­ne Ko­kos­nuss, ich komm nicht ran, hab aber Hun­ger.

Hach ja … Jetzt schön ’ne Bahn rup­pen, wi­der den Hun­ger, wi­der die Un­lust, wi­der den Werk­tag. Dann tät ich auch wei­ter stu­die­ren. Die bal­lern sich doch auch al­le Rita­lin an der Uni, so­gar die Profs, wie man so hört und mit­be­kommt. Da kann ich doch auch ’ne Bahn außer­halb des Fahr­plans zup­peln, oder? Ab­fahrt. Nix Brea­king Bad. Es wird aus­sch­ließlich zum Fei­ern kon­su­miert, grundsätz­lich. Grund. Sätz­lich. Das sag ich nicht nur so, das mein ich auch so. Ver­stehs­te, mein Freund und Kup­fer­ste­cher? Kon­sum un­ter der Wo­che ist ta­bu. Prin­zi­pi­en braucht ein Mann mit Ei­ern, sonst gehts abwärts, gen Ab­kack, gen Psy­cho­se, gen Sui­zid. Ja­woll, gen Ozid, ent­lang der gel­ben Back­stein­straße, wo ist nur die­ser Dr. Oz mit sei­ner Vit­amin­sprit­ze? Das Lang­weil-Ich hat ge­spro­chen. Es meint: Die­se lie­der­li­che Ein­raum­woh­nung für 390 Eu­ro Warm­mie­te sym­bo­li­siert mei­ne In­ner­lich­keit, der zu­ge­kack­te Fried­richs­hain steht für die Yel­low Brick Road, Ber­lin für das Wun­der­land Oz. Ge­dan­ken­sprünge.

Sui­ci­de Wed­nes­day, du musst was fut­tern, zwing dich da­zu, dein Körper will le­ben. Si­cher? Die­se Ha­fer­flo­cken, sie wi­dern mich so sehr an. Glu­ten mor­gen. Ver­stehs­te? Glu­ten, mit Be­to­nung auf dem e. Wit­zig, oder? Glu­ten mor­gen. Na ja. Dann doch lie­ber erst ma Low-Carb mit­tels Kipp­chen und Käff­chen; den Kaf­fee brühs­te türkisch, kal­tes Was­ser da­zu, kanns­te gleich trin­ken, kein War­ten, kein Nischt, hop und rin, per­fekt Klee­ner – dass­de erscht ma or­dent­lich wach wirst, mei Gud­der. Die Ne­ben­nie­ren pro­du­zie­ren end­lich ein we­nig Cor­ti­sol und Ad­rena­lin, ich tu ’ne Kip­pe dre­hen, tu sie anzünden, tu sie rau­chen, tu Kaf­fee­satz schlürfen, Krümel spu­cken, rau­chen, nip­pen. Dip­pen? Ab­nip­peln. Al­le ab­haun.

Nun will ich den Körper du­schen, erst warm, dann kalt, oder mei­net­we­gen auch ein­fach nur warm, oh­ne kalt. Ach später, oder? Ich kann mich nicht ent­schei­den. Al­so doch paar Ha­fer­flo­cken we­nigs­tens mit Was­ser, da­mit ma was aus dir wird, mein Jung. Nö, doch nicht, dann müsst ich erst die Ro­si­nen rau­spi­cken, kein Bock drauf, kein Bock auf nischt. Hol­s­te dir nach­her ein­fach ’nen Döner und einen run­ter. Bis da­hin wird ge­raucht.

The­se Nr. 1: Man bal­lert sich Gras, Am­phe, Sho­re, hat aber ei­gent­lich Hun­ger. Im­mer, je­der. Oder Zi­ga­ret­ten. Hun­ger. Ver­stehs­te? Nö, ich hab grad voll den Ne­bel im Nüschel. Quod non es­set de­mons­tran­dum.

Doof, da­bei müsst ich doch nach­den­ken, und ar­bei­ten. Was mach ich heu­te? Ach, ich pro­kras­ti­nie­re erst mal, öff­ne Fa­ce­book, tue mein So­zi­al­le­ben vom Schreib­tisch aus ver­wal­ten. Es gibt ei­ne neue Kon­taktan­fra­ge, der Na­me des mei­ne Gunst be­an­tra­gen­den Pro­fils lau­tet „Da­nie­la Mar­ga­ri­ta“, wo­her kennste die? War die nicht mit Mia in der Bar beim Clo­sing? Das ist doch schon ewig her. Kann das nicht lie­ber So­phia sein? Egal. Ich tu bestäti­gen, das Pro­fil­bild ist sehr hübsch, was es so pos­tet mäßig in­ter­essant. Trotz­dem, we­nigs­tens ein klei­ner Licht­blick, der über die nun für im­mer ge­schlos­se­ne Bar25 hin­weg­tröstet. Ah, nicht dran den­ken, nicht dran den­ken! Was wollt ich grad noch mal ma­chen? Ach ja, Fa­ce­book, hel­lo world, Sta­tus ab­son­dern. Die Mond­lan­dung ist geglückt, es ist jetzt 19 Uhr 45. Zi­tat: „Moin­sen! Kipp­chen, Käff­chen, Kökschen xD“ Es lebt, es wird ge­li­ked, es hat einen so­zia­len Sta­tus, es liest ge­gen den Stream, die 147 Fri­ends sind am Fres­sen, am Li­ken, am Lästern, Fa­ce­book ist ein so­ge­nann­tes Klick­vieh­ge­he­ge. Man lehnt sich dann zurück in sei­nen Büro­stuhl, legt die Bei­ne auf den Tisch, ist sehr lust­los, sehr aus­ge­brannt, der Rücken schmerzt, die rech­te Hand na­vi­giert den schwa­chen Fo­kus durch das In­ter­net.

The­se Nr. 2: Ich hab voll das Bur­nout, mei­ne Ne­ben­nie­ren brau­chen viel Kaf­fee und Zi­ga­ret­ten, bes­ser noch Am­phe, um Cor­ti­sol und Ad­rena­lin zu pro­du­zie­ren. Es man­gelt auch an Do­pa­min so­wie Ace­tyl­cho­lin. La­me. Um in Gang zu kom­men, um mein Le­ben mo­ti­viert zu re­geln, müss­te ich ent­spre­chend mehr fei­ern, müss­te mehr vom Am­phe­ta­min kon­su­mie­ren.

Was mach ich denn nun aus die­ser an­ge­bro­che­nen, lang­wei­li­gen Wo­che? Es gibt so viel zu tun, es ist al­les so zäh, kei­ne Ah­nung, wo ich an­fan­gen soll­te. Ex­ma­tri­ku­la­ti­on? Wird Zeit. Weißte noch, das ei­ne Mal in Je­na? Pro­se­mi­nar Prak­ti­sche Phi­lo­so­phie, man sprach über die­sen Schlin­gel Pla­ton-So­kra­tes, über Ethik, die Fra­ge da­nach, was zu tun sei, wie man es rich­tig tue, Mo­ral­phi­lo­so­phie und das Gu­te und Schöne und Wah­re und hin und her. Man saß in die­sem Se­mi­nar­raum in der Zwätzen­gas­se, an den Wänden die Büsten der großen Idea­lis­ten Fich­te, Schel­ling und He­gel, um einen rum et­wa 20 Kom­mi­li­to­nen, die Nach­wuchs­phi­lo­so­phie­wis­sen­schaft­ler, vor­ne Herr Prof. Dr. Gott­fried Ga­bri­el, ein gu­ter, ein eh­ren­wer­ter Mann, ein Bürger, ein un­ter­halt­sa­mer Do­zent und väter­li­cher Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaft­ler. Plötz­lich geht die Tür auf, die­ser stadt­be­kann­te Ob­dach­lo­se stol­pert rein, nu­schelt was von paar Cent, es wird ge­bet­telt, es müffelt nach Schweiß und Schnaps. Al­les schweigt, ei­ne Kuckucks­uhr am Ti­cken, ei­ner räus­pert sich, ei­nem an­de­ren bricht der Ku­li, man schaut an­ge­strengt in sei­nen Text (Grie­chisch/Deutsch mit An­mer­kungs­ap­pa­rat). Kei­ner sagt was, kei­ner gibt was. Herr Prof. Dr. Ga­bri­el bit­tet den ob­dach­lo­sen Mitbürger dann freund­lich, das Pro­se­mi­nar nicht wei­ter zu stören, man täte hier grad fleißig stu­die­ren, und als der ar­me Dio­ge­nes raus ist, lacht Ga­bri­el er­leich­tert auf, der würde sich doch eh nur Al­ko­hol kau­fen, wenn man ihm was gäbe, was er ja übri­gens schon man­ches Mal ge­tan ha­be. Die Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaft­ler, die Phi­lo­lo­gen set­zen dann das Pro­se­mi­nar fort, dis­ku­tie­ren Pla­ton-So­kra­tes, es geht um Schei­ne, es geht um Cre­dits, das Stu­di­um ist mo­du­la­ri­siert.

Ich muss die­ses mo­dul-ari­sier­te, die­ses fa­schis­ti­sche Stu­di­um aus mei­nem Le­ben ope­rie­ren wie ein Ge­schwür, be­vor ich im aka­de­mi­schen La­za­rett mit den an­de­ren schwanz­lo­sen In­ter­lek­tu­el­len drauf­ge­he.

Noch ei­ne Er­in­ne­rung, Dop­pel­punkt. Sit­ze in der Nie­der­sächsi­schen Staats- und Uni­ver­sitäts­bi­blio­thek in ei­ner ein­sa­men Ecke ganz weit oben, draußen in Göttin­gen schneit es. Zwi­schen all den Büchern, hin­ter de­nen ich mich ver­krie­che, ist mir sehr woh­lig, ist mir sehr warm. Ich ha­be einen Dich­ter, ha­be den Pla­ton, den­ke an Ril­ke, die Auf­zeich­nun­gen, die Leu­te im Le­se­saal, man spürt sie nicht, schreibt er, sie sind in den Büchern, manch­mal be­we­gen sie sich in den Blättern, wie Men­schen, die schla­fen und sich um­wen­den zwi­schen zwei Träum­en. Ich ar­bei­te an ei­nem Auf­satz, schrei­be über die ku­rio­se Dich­ter­kri­tik in der Po­li­teia, die For­de­rung des So­kra­tes, Dicht­kunst min­des­tens zu zen­sie­ren, aus pro­pa­gan­dis­ti­schen Gründen. Dis­ney war ein Sa­ta­nist, sei­ne Märchen sind mi­so­gy­ne Kack­scheiße, So­kra­tens Kri­tik ist aber nicht oh­ne, weil der Dich­ter an­geb­lich verrückt ist, entrückt, sei­ne Dich­tung der Welt der Ide­en noch fer­ner als die sicht­ba­re Welt. Der en­thu­sias­ti­sche Dich­ter muss ra­sen, de­li­rie­ren, to­ben, um gleich Her­mes den Göttern na­he zu sein, den Men­schen ih­re Bot­schaft zu verkünden. Ich schla­ge die Bei­ne über­ein­an­der, wun­de­re mich über die­se Iro­nie, über den sub­ti­len Hu­mor Pla­tons, der doch selbst ein Dich­ter war, des­sen Ide­en von ei­ner li­te­ra­ri­schen Fi­gur vor­ge­tra­gen wer­den. Die Bi­blio­thek schützt mich, nährt mich, es gibt In­ter­net, man muss sei­nen Lap­top mit­brin­gen, ei­ner zockt dort Tag und Nacht World of War­craft, er ist ganz blass, ganz dünn, ein Ja­pa­ner, der ist in Oz, un­der way auf der gel­ben Back­stein­straße. Ach, ich lie­be die Uni­ver­sität, ich lie­be das Stu­die­ren, ich lie­be das Ler­nen. Ich wer­de pro­mo­vie­ren, wer­de ha­bi­li­tie­ren, wer­de Phi­lo­soph und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und His­to­ri­ker, wer­de sehr bil­dungs­bürger­lich, sehr in­tel­lek­tu­ell sein, wer­de He­bräisch und Alt­grie­chisch und La­tein ler­nen, und Kopf­rech­nen mit Brüchen, man wird mich als Herr Prof. Dr. Carl Schmitz an­re­den, ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter, führen­der Ex­per­te und aus­ge­wie­se­ner Ken­ner sei­nes Fachs mit ei­nem über­durch­schnitt­lich ho­hen im­pact fac­tor. Und ich möchte Schrift­stel­ler sein, wie Pla­ton, möchte end­lich vom Gu­ten, vom Schönen und Wah­ren schrei­ben, wer­de ein poe­ta doc­tus sein, ei­ner der ganz Großen, wenn nicht der Größte.

Wo­bei. Er­in­ner dich doch nur an die Vor­le­sung zur Außen­po­li­tik der Römer, auch in Je­na, ex­tem­po­riert von PD Dr. Bar­ba­ra Kühnert, ei­ne sehr ge­bil­de­te Frau, ei­ne Aka­de­mi­ke­rin, die al­les über die Römer weiß, ei­ne Ge­lehr­te mit ei­nem Ge­sicht wie Pa­py­rus, und man fragt sich manch­mal, warum sie nie einen ei­ge­nen Lehr­stuhl be­kom­men hat, fragt sich, wie hart das wohl wer­den wird auf die­sem aka­de­mi­schen Kar­rie­re­weg, wo man doch schon im­mer so schüchtern in den Se­mi­na­ren rum­hockt, sich vor je­dem Re­fe­rat in die Ho­se stuhlt, Pro­se­mi­na­re oft ge­nug des­we­gen ab­ge­bro­chen hat, weil man Angst vorm Re­den, vor Mit­ar­beit, vor Kom­mi­li­to­nen hat, an ei­ner Krank­heit na­mens „Hy­po­am­phe­ta­mi­no­se“ lei­det. Wie soll man das nur schaf­fen bis zur Pro­fes­sur, fragt man sich, wenn es nicht ein­mal PD Dr. Bar­ba­ra Kühnert ge­schafft hat, die­se fos­si­lier­te Al­this­to­ri­ke­rin, die wirk­lich al­les über die Römer weiß, die pro­mo­viert und ha­bi­li­tiert wur­de. Man kommt dann je­den­falls auf das The­ma „Ge­schichts­wis­sen­schaft“ zu spre­chen, dis­ku­tiert über Leo­pold von Ran­ke, re­fe­riert über den His­to­ris­mus und den His­to­ri­ker, des­sen Auf­ga­be es sei, her­aus­zu­fin­den, wie es „ei­gent­lich ge­we­sen ist“. PD Dr. Bar­ba­ra Kühnert lacht dann ihr keh­li­ges La­chen: „Wenn wir ge­nau wüss­ten, was wirk­lich ge­we­sen ist“, meint sie, „wären wir hier doch al­le ar­beits­los.“

Ich wer­de die­ses Stu­di­um ab­bre­chen, ganz klar, wer­de es mit­samt dem In­tel­lekt von mei­nem Le­ben am­pu­tie­ren.

Und ich wer­de Geld ver­die­nen statt­des­sen. Rich­tig viel Geld. Man muss reich sein, muss Kar­rie­re ma­chen, dann ist al­les an­ders, dann ist al­les bes­ser, erst dann ist man ein Mann, erst dann be­kommt man sei­ne Ei­er zurück. Man, man, man, „Ca­putt­nik En­ter­pri­ses“, the next big thing, mein ei­ge­nes Start-up, das einen anständi­gen pas­si­ven Cas­h­flow er­zeugt, so­dass ich mich mit spätes­tens 35 zur Ru­he set­zen und schrei­ben kann. Ich bin schon auf ei­nem gu­ten Weg. Bin froh, dass ich kaum noch Auf­träge schie­ben muss – jetzt Kun­denstress, das gin­ge ja gar nicht.

Man tut die Stirn run­zeln, ein Ge­sicht ekelt, es ist mein Ge­sicht, es ist das som­mer­ge­spross­te, tro­ckene Ge­sicht Carls, in den Au­gen fla­ckert der Wahn, ich nehm die Bei­ne vom Schreib­tisch, leg sie dann gleich wie­der drauf, se­he Stern­chen, lut­sche auf dem Ku­li rum, der Rücken schmerzt. Kun­den aus der Hölle. Die Hölle, al­so die An­de­ren. Al­so das Fi­nanz­amt. Nein Carl! Tu nicht an die Steu­erer­klärung den­ken, lass erst mal ’ne Fol­ge Brea­king Bad il­lern, biss­chen pro­kras­ti­nie­ren, auf Mo­ti­va­ti­on war­ten, auf das Wo­chen­en­de, auf die nächs­te Par­ty. Noch ’nen schönen türki­schen Kaf­fee, der Blut­druck, er muss stei­gen, paar Zich­ten, biss­chen chil­len, janz je­fleecht, janz ent­spannt, janz je­schmei­dig. Ick bin Jes­se Pink­man. Lass dir Zeit bis zum Döner, je später am Abend es ist, de­sto bes­ser für dich, rennste we­nigs­tens we­ni­ger Leu­ten über den Weg da draußen, in Out­world. Mei­ne Na­se läuft. Ein Dreck, ich pum­pe Na­sen­spray rein, ich bin ein Xy­lo, stop­fe Zell­stoff nach, den ich in Tee­baumöl tun­ke, trin­ke töfte Ka­mil­len­tee.

Mir ist so un­end­lich lang­wei­lig, aber es hilft al­les nix, vor Fol­ge vier der ers­ten Staf­fel Brea­king Bad muss ich dann doch raus nach Mor­dor. Dusch dich erst mal, klei­ner Hob­bit, dann wirds leich­ter, putz dir die Zähne, auch das Loch dort ganz hin­ten. Aua! Drecks Weis­heitszähne. Der Zahn stirbt. Die Am­phe en­zieht dem Körper Cal­ci­um und Ma­gne­si­um, es man­gelt an Vit­amin K, man­gelt an Vit­amin D3, man­gelt aber auch an Amph-Vit­amin, man ist os­teo­porös, aus­ge­burnt, die Zähne wer­den brüchig. Phil mit sei­nem häss­li­chen Gold­zahn grinst ein hübsches Face of Meff in den Kos­mos, die War­stei­ner-Me­lo­die ertönt mal wie­der. Schnell, putz wie ein Teu­fel, sonst muss­te wei­ter über Wur­zel­be­hand­lun­gen und die nicht­vor­han­de­ne Kran­ken­ver­si­che­rung nach­den­ken, der Körper hält das schon noch ’ne Wei­le aus. Hun­ger.

Steht Ca­putt­nik dann im dunklen Flur vor der Haustür und lauscht, ob je­mand im Trep­pen­haus ist. Licht brennt, das sieht man durch den Türspi­on, die­ses Ho­rus­au­ge. Ich halt die Luft an, ver­har­re, al­les still. Das Licht geht aus. Ent­spann dich. Jun­ge, bist du ver­peilt. Nie­mand un­ter­wegs, al­so schnell, raus, ver­giss dei­nen Schlüssel nicht, Au­gen zu und durch, vor­bei am Brief­kas­ten, den ich schon seit Mo­na­ten nicht mehr ge­lehrt hab, und ab in die schützen­de Dun­kel­heit der Kiez-Nacht. Ca­putt­nik auf ge­hei­mer Missi­on. Wie spät ist es? Halb eins schon, dann dreht sich im Döner­la­den hof­fent­lich noch der gamm­li­ge Spieß. Al­les ganz sei­dig, al­les ganz ge­schmei­dig.

*

Ich ver­rat jetzt mal was: Im­puls­kon­trol­le kann ich. Döner hab ich spon­tan ver­scho­ben auf später, den Hun­ger werd ich vor­erst auf ei­ne an­de­re Art und Wei­se stil­len, auf ei­ne ganz spe­zi­el­le. Hab da je­man­den an­ge­ru­fen. Einen, der wie ich tagsüber in der Re­gel (nicht) schläft, nachts hin­ge­gen sehr ak­tiv ist. Einen, der an­geb­lich mal neun Ta­ge am Stück wach ge­we­sen ist. Neun Ta­ge!

Ich schnick­se al­so statt zur Döner­bu­de ge­ra­de durch ein ver­gam­mel­tes Tor in den düste­ren Hin­ter­hof und rein in den Sei­ten­flügel hin­ten links, wo Mi­ke, der Dea­ler, wohnt. „Spi­der-Mi­ke“ will ich ihn mal nen­nen, wie die­sen Fre­ak in dem Road­mo­vie „Spun“. Das Trep­pen­haus, es wen­delt, es ist eng, es müffelt, es schim­melt. Licht dämmert und fla­ckert. An den bröck­li­gen Wänden hängt aus­ge­bli­che­ne und zer­fetz­te Blümchen­ta­pe­te aus DDR-Zei­ten, von den Woh­nungstüren blättert die Far­be, hin­ter ei­ner da­von wohnt of­fen­sicht­lich ei­ne Fa­mi­lie Nguy­en, an­de­ren Türen feh­len die Na­mens­schil­der. Die Trep­pe knarrt, das mor­sche Geländer fass ich bes­ser nicht an, Gim­pel, Krätze, Mo­der. Zwei­te Eta­ge ist das Fens­ter zum Hin­ter­hof ein­ge­schla­gen, Glass­plit­ter zit­tern be­droh­lich im kal­ten Wind der Ber­li­ner Nacht. Dit is Bärlin, dit is Milljö, und zwar gleich bei dem Voo­chel um­de Ecke, mit­ten im Fried­richs­hain. Ick bin wie Zil­le, dit gloobt dir kee­ner, wat de hier für ’ne varrück­te Zeit er­le­ben tust, wa.

Man klin­gelt und klopft, der Türspi­on ver­dun­kelt sich kurz, es rummst und schep­pert, die Tür öff­net sich quiet­schend, Spi­der-Mi­ke grinst mich an. „Komms­te rin, At­ze.“ Kif­fi­ge Luft schlägt mir ent­ge­gen, ich tre­te ein, Mi­ke schiebt von in­nen einen fet­ten Rie­gel quer über die Woh­nungstür, der ist neu.

„Al­ter, bist du pa­ra­no­id ge­wor­den, oder was?“ Ich la­che und muss an mei­ne Zeit als Gras-Dea­ler den­ken, wie ich ein­mal anständig ab­ge­zo­gen wor­den war von den Rus­sen, sie mich gleich­sam ka­striert hat­ten. Seit­dem hab ich mich nie wie­der si­cher in mei­nen Woh­nun­gen gefühlt, seit­dem Pa­nik, wenn es klin­gelt, seit­dem Herz­ra­sen, wenn ich mich er­in­ne­re, so wie jetzt. Prämen­stru­al oder post­trau­ma­tisch, oder wie das heißt. An­de­rer­seits wäre ich oh­ne die Scheiße wohl nicht so in­ter­lek­tu­ell ge­wor­den, so klug, so ge­bil­det, so stu­diert und ver­nümpf­tig, wie ich es heu­te bin (be­zie­hungs­wei­se vor der Feie­rei noch ge­we­sen war). Wär das nicht was, worüber ich schrei­ben könn­te, mei­ne Zeit als qua­si klein­kri­mi­nel­ler Kif­fer?

Die­ser Mi­ke hat rich­tig hef­ti­ge Au­gen­rin­ge und eit­ri­ge Pi­ckel an den Schläfen, er lacht verschämt, die Zähne sind groß, schief und sehr gelb, er streicht sich über den Kopf, sein Fuß stößt ver­se­hent­lich ge­gen die Tür. „Nee, si­cher is si­cher, At­ze. Hatt ick letz­te Wo­che erst ein­je­baut, man kann doch nie wis­sen, wa.“

Kann ich ver­ste­hen. Vor dem Ramm­bock der Bul­len wird der Rie­gel die Tür al­ler­dings auch nicht schützen.

„Bier­chen?“

Ich ni­cke, schau mich um. Hat ein biss­chen um­geräumt, seit ich das letz­te Mal da war. Ein­raum mit Hoch­bett, dar­un­ter ein Wand­re­gal mit hau­fen­wei­se Vi­nyl, di­rekt da­vor ein Pult mit Plat­ten­tel­lern und Mac­Book. Große Bo­xen in al­le vier Ecken ver­teilt. Vor den Fens­tern di­cke Vorhänge. Vermüll­ter Couch­tisch, lee­re Bier­fla­schen, be­nutz­te Ziehröhr­chen, Gras- und Ta­bak­krümel.

Mi­ke öff­net ein Ber­li­ner per Feu­er­zeug und drückt es mir in die Hand, kramt dann in sei­ner Plat­ten­samm­lung, ge­schmei­digs­ter Te­cho don­nert durch die Bu­de. Er stellt ’ne klei­ne Kris­tall­scha­le auf den Couch­tisch, geht raus und kommt gleich wie­der rein, in der Hand ein Ge­frier­beu­tel vol­ler Zeug, vol­ler Speed, boah, be­stimmt ein hal­b­es Ki­lo, ich bin schwer be­ein­druckt, ich will ha­ben, ich will rup­pen, das Was­ser läuft mir im Mund zu­sam­men, mein Hirn an­ti­zi­piert einen Törn. Per Esslöffel schau­felt die­ser Spi­der-Mi­ke einen fet­ten Bat­zen feuch­ter Am­phe raus und schmiert ihn in die Scha­le. Al­ter, wie das nach Am­mo­ni­ak duf­tet. Gier. Ca­putt­niks Au­gen leuch­ten, da staunt der Ko­bold­ma­ki. Jetzt was rup­pen, so außer­clubmäßig? Ich tue so, als würde ich darüber nach­den­ken, tref­fe dann ei­ne spon­ta­ne Ent­schei­dung. Na gut. Heu­te werd ich mal ’ne Aus­nah­me ma­chen, heut werd ich mal pro­bie­ren, obs was bringt, werk­tags zu zup­peln, al­so wer­k­nachts, und nur heu­te, ganz aus­nahms­wei­se, ver­spro­chen.

„Du hast aber or­dent­lich was am Start. Mu­tig, Al­ter. Ei­gent­lich zieh ich ja un­ter der Wo­che nichts.“

Mi­ke hält mir den Löffel hin. „Ach komm, At­ze Peng. Sa­gen­se doch al­le. Hier, wills­te ab­schlab­bern?“

Ich muss la­chen. „Ab­haun! Ich bin doch nicht le­bensmüde.“

„Al­let schon er­lebt, At­ze, al­let schon er­lebt. Kol­le­che von mir mal je­macht. Der is ab­je­jang wie Schmidts Kat­ze.“

„Wie, echt? Schmidts Kat­ze ist jut. Und? Jun­ge, der muss ja übert­rie­ben druff ge­we­sen sein.“ Ich schaue zu, wie Mi­ke einen Teil der Pas­te in der Scha­le dick auf­schmiert, mit ei­nem schwar­zen Kärt­chen im Wech­sel zer­hackt und wie­der glatt­schmiert, wie früher die Mut­ti in der Küche, wenn sie Teig für den Ge­burts­tags­ku­chen an­ge­rich­tet hat. Ich möchte jetzt doch den Löffel ab­schle­cken. Er hält mir dann die Scha­le und ’nen ge­roll­ten Fünfer hin. Ich rup­pe mei­ne Bahn. Ach du Scheiße. Fuck man, das don­nert, aber so rich­tig. Mir zer­fetzts gleich mei­ne Na­se, ich reiß mei­nen Schädel zurück, stöhne auf und hus­te, zie­he laut den Rotz hoch.

Mi­ke grinst mich an. „Zeckt schön in­ne Na­se, wa. So mus­set sein.“

Ge­nau so. Bam! Am­phe­ta­min flu­tet mei­ne In­ner­lich­keit, es läuft den Ra­chen run­ter, läuft in den Ma­gen, läuft ins Ge­hirn, das muss al­les ge­flas­ht wer­den, aber rich­tig. Su­per Flu. Schweiß bricht aus, nebst ei­ner Psy­cho­se, der Kopf wird heiß, die Au­gen tränen, das Näschen läuft, puh, die Bahn war kräftig, war sehr würzig, ist von sanft schimm­li­gem Ge­schmack im Ab­gang durch den Ra­chen. Ich denk an Train­s­pot­ting, an die Sze­ne, in der Mark nach ei­nem gol­di­gen Schuss den Tep­pich hin­un­ter sinkt, ganz se­lig, sa­cke in die Couch, man man man, das läuft. Döblin, Ril­ke, Do­sto­jew­ski, Mo­zart, Wolferl, der Druf­fi! KV 466, ich werd verrückt, der ers­te Satz, der macht mich ganz kir­re, den hab ich früher im­mer gehört. Mein Schädel wird von Er­in­ne­run­gen, Vor­stel­lun­gen und Ide­en ge­schwemmt, Ca­putt­nik En­ter­pri­ses wer­den an­lau­fen, der Reich­tum, das Geld wird fließen wie Blut und Kaf­fee, wie Rotz, nichts kann mich noch auf­hal­ten. Kras­ser Tech­no wum­mert aus den Bo­xen, mei­ne Bei­ne zit­tern im Takt, wol­len ra­ven, wol­len ra­sen, wol­len to­ben. Ich de­li­rie­re.

Noch ein Zieh­geräusch, Mi­ke fährt sich sei­ne Bahn rein, den hauts ge­nau­so in die Couch. Spi­der-Mi­ke, wie der aus­sieht mit dem kahl­ra­sier­ten Schädel, mit den ein­ge­fal­le­nen, dunklen Au­gen, den Wan­gen, über de­ren Kno­chen sich blas­se Haut wie ol­les Per­ga­ment spannt. Das Grin­sen, die­se rie­si­gen, gel­ben Zähne. Dia­bo­lisch, ein Dr. Mo­rell, der mir ge­ra­de ein hübsches Giftspritz­chen ver­passt hat.

„Und, ju­tet Zeug, wa.“ Mi­ke reißt sich aus der Couch und sucht die nächs­te Plat­te raus, im­mer in Be­we­gung blei­ben, im­mer ma­chen, im­mer tun. De­fi­ni­tiv gu­ter Stuff. Bes­te. Hal­lo Welt, why so se­rious, ick bin end­lich da, kauf gleich was für hun­dert, das wird ei­ne sehr, sehr pro­duk­ti­ve Wo­che.

„Mi­ke. Kennste Dr. Mo­rell?“

„Dr. Who? Wer soll dit sein? Bis­te krank oder wat, muss­te zun Arzt, has­te dir Süffe­lis ein­je­fang?“

„Nee, bin doch der­zeit über­haupt nicht ver­si­chert. Die­ser Mo­rell war Adolfs Leib­arzt, hat den Föhrer sys­te­ma­tisch ver­gif­tet, mit Am­phe und Vit­ami­nen ver­sorgt, mit Amph-Vit­ami­nen so­zu­sa­gen. Egal. Was geht ei­gent­lich am Wo­chen­en­de und Sil­ves­ter? Ich werd die Wo­che jetzt mal rich­tig ran­klot­zen. Ca­putt­nik En­ter­pri­ses. Kann ich am Wo­chen­en­de dann schön aus­ge­las­sen durch­fei­ern.“

„Ja, Wo­chen­en­de kie­knwer ma, Sil­ves­ter nix je­plant. Und wat is Ca­putt­nik En­ter­pri­ses? Star Trek oder wat?“

„Nicht Star Trek, mein Start-up, man. Ich bin doch selbstständig. Ich will rich­tig Koh­le ma­chen, aber so rich­tig. Auf dem le­ga­len Weg, natürlich. Ver­stehs­te. Ich will mit 35 spätes­tens aus­ge­sorgt ham. Ver­stehs­te?“

„Ver­steh ick, At­ze Peng. Sehr jut so­gar.“ Mi­ke grinst, kramt aus ei­ner Kis­te un­ter dem Hoch­bett ein über­di­men­sio­nal großes Buch her­vor, hält es mir ent­ge­gen. „Kiek ma hier.“

„Was ist das?“ Ich schlag es auf. „Brief­mar­ken? Häh? Was geht ’n mit dir, Al­ter? Zeig mir doch mal bit­te nicht dei­ne Brief­mar­ken­samm­lung.“

„Na kiek ma, die hier.“ Er streift sich so weiße Stoff­hand­schu­he über die Pfo­ten, blättert, deu­tet auf ir­gend­ei­ne der säuber­lich ein­ge­leg­ten Mar­ken, sieht nach Deut­sches Reich aus. „Die is min­des­tens zwo Mil­le wert. Hab ick im Netz raus­je­fun­den. Kein Stem­pel droff, nischt, ein­wand­frei er­hal­ten. Wie fast al­le an­dern Mar­ken in dem Büchlein hier.“

„Raff ich nich. Wo has­te die her, was wills­te da­mit?“ Er schnappt mir das Buch vom Schoß, hat wohl Schiss, dass ich es klau­en oder ka­putt­ma­chen könn­te.

„Man. Ick hab noch fümf and­re von sol­che Bücher. Nich hier, mach dir mal kee­ne Hoff­nun­gen, al­le in sich­ren Bun­kern. Bin doch nich be­kloppt. Ham­wer letz­tes Jahr von wem er­jat­tert, der war je­stor­ben, mit 85 oder so, Schlach­an­fall, man konn­te oh­ne Off­wand in die Bu­de rin, hat­te woh kee­ne An­jehörign je­habt, und un­ter an­derm ham­wer in die Bu­de die jan­zen Brief­mar­ken ab­je­staubt. Und ’ne Pa­let­te Über­ra­schungs­ei­er, ooch mit Samm­ler­wert. Lan­ge Je­schich­te, wenn­de weeßt, wat ick mee­ne. Dacht erst, dit wär Schrott. Brief­mar­ken, voll der Scheiß, wa. Aber soll ick dir wat ver­ra­ten? Ick hab mal über­schla­gen und fleißisch re­scher­schiert. Wen­net looft, ver­koof ick die al­le für … für hun­dert Mil­le. Va­stehs­te?“

„Hun­dert­tau­send? Okay. Und an wen wills­te die ver­kau­fen? EBay?“

„Hun­dert Mil­le, Al­ter, über­leg dir dit mal.“ Er springt auf, we­delt ganz auf­ge­regt mit den Ar­men wie Ditt­sche, sei­ne Stim­me über­schlägt sich. „Hun­dert Mil­le, Al­ter, dit macht mir reich! Dit macht mir reich!“ Er er­schreckt sich vor sich selbst, ver­stummt, haut sich in die Couch, schiebt neue Bah­nen zu­recht, wippt sei­nen Körper da­bei apa­thisch vor und zurück. „Ma kie­kn, ma kie­kn“, sagt er dann. „Da is een­mal in Jahr so Auk­ti­on, da werd ick die ver­che­ckern. Hab ick al­let schon aus­je­kund­schaf­tet. Da­nach hab ick aus­je­sorgt, ver­stehs­te? Da­nach kann mir dit Amt mal, da­nach wird al­let schön. Komm, ick jeb dir noch ’ne Bahn aus, mee­ne At­ze.“

Mi­ke der Phil­ate­list, was für ein Fre­ak, ich hau mir weg, hau mir dann noch ’ne Li­ne von die­sem kras­sen Speed, hau dann rein, bin übelst druffn; die­ser Spi­der-Mi­ke ist mir ir­gend­wie zu krass, erzählt nur noch von sei­nen Brief­mar­ken. Ich muss heim, es gibt sehr viel zu tun, ich bin ma­xi­mal druff, ma­xi­mal mo­ti­viert, es wer­den nun die ers­ten hun­dert­tau­send ver­dient, Ca­putt­nik En­ter­pri­ses ist der Na­me der Ick-AG, es wird fort­an gar nicht mehr ge­schla­fen, auch nicht mehr stu­diert, nur noch geröbelt, nur noch ge­fei­ert.

*

Das Döner­fleisch ist durch und durch, es wird ge­brut­zelt und ge­schnip­pelt und gewürzt, wird in Fla­den­brot ge­stopft, wird gar­niert mit Knob­lauch­soße, Rot­kohl, Zwie­bel und To­ma­te. Wei­ter­hin: Das Fleisch war einst Rind oder Ham­mel, ist si­cher we­der ko­scher noch halāl, ist mir egāl. Das Ge­samt­kunst­werk Döner wird im Fol­gen­den von klo­bi­gen Pfo­ten mit dre­cki­gen Fin­ger­nägeln in Alu­fo­lie ge­wi­ckelt und in­klu­si­ve kei­mi­ger Ser­vi­et­te in die Plas­tiktüte ge­stopft. Die Uhr­zeit be­trägt zwei Uhr und elf Mi­nu­ten, et­wa 150 Gramm Gam­mel­fleisch tre­ten nun die Rei­se in Ca­putt­niks Ma­gen an. Le­cker Tee vom Ekeldöner in der Pe­ters­bur­ger, macht zwo fuff­zich, mein Freund und Kup­fer­ste­cher. No­vo­li­ne am Blin­ken, Pie­pen, War­ten, spiel mit mir, nee, nicht mit mir, ist nicht mein Ding du, such dir ’n paar süchti­ge Ka­nacken, der Jack­pot ist das Pepp in mei­ner Ho­sen­ta­sche. Ein Bild­schirm fla­ckert ton­los, auf DMAX wird gean­gelt, wer­den stolz von fi­schen­den Mu­tan­ten mu­tier­te Fi­sche präsen­tiert. Ich tu Klein­geld aus der Arsch­ta­sche pu­len und gleich mal ju­cken, die ol­le Mus­rie­fe wird ver­ziert von Ding­le­ber­rys, die wie Weih­nachts­ku­geln an den Arsch­haa­ren bau­meln. Hin­ter der The­ke die­ser Rumäne oder Po­le, ein Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund mit fet­ti­gen, strähni­gen Haa­ren, der Nacht für Nacht am Dönern ist. Was für ein Schlächter, kiek mich Lauch da­ge­gen doch mal an. Bo­gaak! Ich hab ’nen Min­der­wer­tig­keits­kom­plex dank Mi­kro­pe­nis, und außer­dem erhöhten Blut­druck um die Zeit. Mei­ne Stim­me ist sehr keh­lig, sehr zitt­rig – an­de­rer­seits bin ich ma­xi­mal druf­fen, bin übelst cool. Zwei fünf­zick, ick be­zah­le, al­let klar, bis bald, und tschüss. „Und tschüss“, Flas­h­back 90er Jah­re, ich ra­se im Man­ta durch mein Le­ben, höre aus­ge­lei­er­te Mix­ta­pes von Sven Väth, ver­lier die Kon­trol­le, der Tra­bi kommt von der Straße ab, go, Voo­chel, go, die Straße ist gelb ge­pflas­tert, ich will nicht wer­den, was mein Al­ter ist, will nicht alt wer­den, bin bald dreißig.

Dann steh ich vor dem Brief­kas­ten, und weil ich so der­be un­ter­wegs bin, so vol­ler Ta­ten­drang und Am­phe­ta­min, tu ich die­sen kur­zer­hand öff­nen, das ers­te Mal seit Mo­na­ten. Ta­da.wav ertönt, Brie­fe seuf­zen, sa­cken er­leich­tert zu­sam­men, flat­tern mir ent­ge­gen, ich sor­tier die Wer­bung aus und stopf den Rest zum Döner, bin ganz nervös, muss scheißen, ren­ne die knar­ren­den Trep­pen hoch, an der Woh­nungstür über dem Spi­on das Fo­to von Sven Mar­quardt, ich pack den Beu­tel in den Klei­der­schrank un­ter einen Berg Kla­mot­ten, wie ein Pau­sen­brot, das man nicht ge­ges­sen hat und hin­ter dem Schrank ver­steckt. Ich war das nicht, Swim wars.

Chord.wav er­klingt, ich sei­le vor Auf­re­gung erst ein­mal anständig einen ab, be­vor ich mich an den mitt­ler­wei­le kal­ten Döner­ku­chen ma­che, die nächs­te Fol­ge Brea­king Bad rein­fah­re. Ich bin ein Kon­su­ment, bin so stolz auf mich, kaue eif­rig je­den Bis­sen be­stimmt fümnzwan­zich Mal, die­ser Hei­sen­berg ist sehr smart, was so ein Tu­mor doch be­wir­ken kann, mein In­tel­lekt ist ein Ge­schwür, der Brief­kas­ten end­lich wie­der leer, ich bin Jes­se Pink­man, nein: Ich bin Swim, bin so­meo­ne who isn’t me. Hef­tig.wav.

Das fri­sche Pepp von Spi­der-Mi­ke la­gert nun im Kühl­schrank, frisst sich durch die Alu­fo­lie, es stammt wahr­schein­lich nicht aus Tsche­chi­en, es ist kein Per­vi­tin, aber es liegt in Form ei­ner Pas­te vor und duf­tet nach ver­gam­mel­tem Fisch. Es wird sich um ei­ne Mi­schung aus Am­phe­ta­min­ba­se und Am­phe­ta­min­salz han­deln, die Sum­men­for­mel lau­tet C9H13N, es dreht nach rechts, es dreht nach links, es dreht im Schädel. Swim hebt es auf fürs Wo­chen­en­de, Swim ist druffn, okay, er hebt es auf fürs Wo­chen­en­de, weil er druffn ist, okay, okay, At­ze Swim, was ist nur los mit dir, Wo­chen­en­de hin und her, denk an den Brief­kas­ten, denk an dein Start-up. Okay, denkt Swim, ich zieh noch was, aus­nahms­wei­se, denkt er, mal schau­en, was dann pas­siert. Oder nee, lie­ber nicht, das wär grenzüber­schrei­tend.

Ca­putt­nik En­ter­pri­ses. Weil die Sa­che ist die, oh­ne Fleiß kein Pri­se, so läuft das in der bürger­li­chen Welt, der Döner kommt doch auch nicht von al­lei­ne in die Tüte, und in an­de­re Länder, zum Bei­spiel in Afri­ka oder in Rumäni­en, da ham­se gar nix, kein Späti, kein Döner, kein Nischt, da könn­wer hier noch froh sein, dass­wer we­nigs­tens ar­bei­ten könn für un­ser Fraß. Denn Ar­beit macht dit Le­ben süß, mein Ju­ter, so süß wie Ma­schi­nenöl – Swim macht den gan­zen Tag nur Sa­chen, die er gar nicht ma­chen will. Gloob ick nich, nee nee nee du, eher brennt die BVG. Ick bin hier oben noch janz dicht, der Spaß is mir zu teu­er, von mir kriegs­te nischt. Sing es, laut. Los, trau dich, Swim, nimm die Klamp­fe zur Hand, hau in die Sei­ten, du Eu­mel. „Aber man will nich werdn, was der Al­te is!“ Mensch Mei­er, du ol­le Ölsar­di­ne, ir­gend­je­mand steht auf dei­nem rech­ten großen Zeh. Raffs­te das nicht, oder was? „Swim will nich werdn, was sein Al­ter is!“

Swim ver­stummt, hofft, dass die Nach­barn sein Ge­jau­le nicht gehört ha­ben, stellt die Klamp­fe wie­der in ih­ren Ständer. Swim fragt sich nun, ob er nicht doch noch ein klei­nes Bähn­chen zup­peln soll­te? Nur ein klei­nes?

Tem­po, Swim, troll dich zum Kühl­schrank, hack das Zeug auf, zieh noch was, be­vor es je­mand merkt, be­vor die Im­puls­kon­trol­le wie­der ein­setzt. Früher der Schrank mit den Süßig­kei­ten, ir­gend­wann fand man den Schlüssel, den die El­tern ver­steckt hat­ten, be­dien­te sich vor­sich­tig, paar Gum­mibärchen, biss­chen Pan­zer­scho­ko­la­de, nom nom nom. Ei­ne Zeit lang im Kin­der­gar­ten aus dem Schrank im­mer Bon­bons ge­mopst, nach­mit­tags, kurz vor dem Ab­ho­len, wenn nie­mand im Raum war, den Stoff dann im Kin­der­zim­mer in ei­ner hübschen bun­ten Me­tall­do­se ver­steckt und vor dem Schla­fen­ge­hen: nom nom nom. Bis Swim ein­mal von der Kin­dergärt­ne­rin Frau Zwing­mann beim Sti­bit­zen er­wi­scht wur­de. Sie petz­te es der Ma­ma, es gab die Auf­la­ge, dass Swim die Sa­che zu Hau­se dem Pa­pa beich­ten muss. Angst. Wie wird der Pa­pi rea­gie­ren? Gibt es Ohr­fei­gen? Schimp­fe? Haus­ar­rest? Da­heim erzählt Swim dann dem Pa­pi im Bei­sein der Mut­ter von sei­ner Tat, duckt sich, weint reu­ig. Der Pa­pa je­doch sagt nichts, macht nichts, ist enttäuscht, was schlim­mer als je­de Ohr­fei­ge ist. Aber letzt­end­lich ist so ein Bon­bon ja auch nicht aus Cry­stal Meth.

Astro­nau­ten­frühstück, es gibt nun Amph-Vit­ami­ne in Pul­ver­form. Hal­le­ju­la! Auf Hirn­do­ping hat schon der Führer ge­schwo­ren, mit zit­tern­den Pfo­ten auf ’ne für sich selbst si­gnier­te Aus­ga­be von „Mein Amph“. Wo bleibt nur die­ser Mo­rell mit sei­nem Vit­amin-Spritz­chen? Der ver­ma­le­dei­te Dop­pel­agent! Ich muss doch neu­en Le­bens­raum im Os­ten er­obern, muss Ca­putt­nik En­ter­pri­ses im Sys­tem in­stal­lie­ren! Mein Na­me lau­tet Prof. Dr. Carl Ca­putt­nik, ich bin pro­mo­vier­ter Scha­ma­ne und hei­le AD­HS, dia­gno­s­ti­ziert mit­tels ICD-Fümnzwan­zich. Wie ich die Schul­me­di­zin ver­ach­te, ich bin der Schim­mel­pries­ter, ich bin ein Sieg-Heil-Prak­ti­ker, mach mich doch nur lus­tig über die­sen dum­men, fas­zi­nie­ren­den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, über dum­me, lang­wei­li­ge Aka­de­mi­ker-Spas­ten und ih­re schein­hei­li­ge po­li­ti­sche Kor­rekt­heit.

Es rauscht nun, mein ZNS flu­tet so­wohl No­rad­rena­lin als auch Do­pa­min in ei­nem Verhält­nis von et­wa 3,5 zu 1 in das Sys­tem, gleich­zei­tig wird die Wie­der­auf­nah­me ge­wis­ser Sub­stan­zen ge­hemmt und so die ex­tra­zel­luläre Kon­zen­tra­ti­on der Bo­tenstöff­chen erhöht. Ein ka­put­ter Sym­pa­thi­kus ju­belt, er sym­pa­thi­siert mit Ca­putt­nik, stei­gert Carls Blut­druck. Se­mi­ko­lon. Das Herz­chen gerät aus dem Takt, tut bib­bern, ar­bei­ten und pum­pen, al­les sehr ge­ring va­ria­bel, sehr stres­sig. In Wirk­lich­keit je­doch wird das Blut nicht durch die Adern ge­pumpt, son­dern spi­ralförmig ge­so­gen, aber das nur am Ran­de.

Je­den­falls: Hal­le­lu­ja, das bal­lert so schön, dar­auf muss ich erst mal ei­ne quar­zen. Ra­bim­mel, ra­bam­mel, ra­bumm. Die Bäume sind die Scham­haa­re der Er­de, ich möchte jetzt je­den ein­zel­nen raus­zup­fen, die­sen Pla­ne­ten gleich­sam epi­lie­ren. Mei­ne Zähne knir­schen, die Pu­pil­len wei­ten sich auf Teller­größe, man reißt die Au­gen auf bis zum An­schlag, glotzt da­her wie ein Ko­bold­ma­ki. Schweiß tropft mir von der Stirn. Al­ter, wie das hämmert, hi­hi, der­be.

WTF, ich hab noch nie zu Hau­se werk­tags was ge­ruppt, Swim wars, man kann ja ma aus­pro­bie­ren, man muss ja wis­sen, was Kon­su­ment Swim Wo­chen­en­de für Wo­chen­en­de im Club so be­den­ken­los in sich rein säugelt. Ich bin Hei­sen­berg, ich bin wiss­be­gie­rig, ich bin schiss­be­gie­rig, so ’ne Bahn führt bes­ser ab als je­de Mor­gen­ziga­ret­te, ich hock auf dem Klo, muss einen ab­sei­len, bin der Sei­ler Ver­pei­ler, mein Dünn­darm ist mit mehr als 105 Bak­te­ri­en pro Gramm Stuhl be­sie­delt.

Und nun Kon­zen­tra­ti­on bit­te: Ich werd jetzt erst mal ’ne Run­de röbeln, das schlech­te Ge­wis­sen ab­ar­bei­ten. Al­ter, bin ich druff. Wo kommt denn die­ser Schwall an Ge­dan­ken und Ide­en auf ein­mal her? Mein Kopf ist ein Schwallkörper, ich muss jetzt was schrei­ben, ich muss la­bern, muss mei­ner Freu­de Aus­druck ver­lei­hen, muss mei­ne Eu­pho­rie sha­ren, fang an zu tip­pen, wer­de einen Sta­tus ab­son­dern, mein nächs­tes epi­sches Pos­ting auf Fa­ce­book. Speed­ly­rik. Es kla­ckern die Tas­ten, was schreibst du denn da? Ver­trägst du et­wa die gu­te Am­phe nicht. Fra­ge. Ich hau mich weg. War ’n biss­chen zu viel, die Bahn, wa? So gu­tes Pepp, das muss man erst mal abkönnen. Auf Fa­ce­book wird der Scheiß je­den­falls nicht veröffent­licht. Doch!!!! Ich kli­cke auf „Ab­sen­den“, grin­se, rei­be mir die Hände warm, rei­be mir den Schritt, zünd ’ne Flup­pe an, bin sehr stolz auf mich. Ei­nes Ta­ges wer­de ich die ge­sam­mel­ten Pos­tings der letz­ten Mo­na­te als Buch veröffent­li­chen, nur um dann in tun­ti­gem Ton­fall sa­gen zu können: „I’m a poet. I’m pu­blis­hed.“

Swim hat ei­ne Tat ge­tan. Swim hat sei­ne Prin­zi­pi­en kur­zer­hand über den Hau­fen ge­wor­fen, um mit Tellerglüsen über den Tel­ler­rand zu glot­zen. Er hat ei­ne selbst ge­setz­te Re­gel zwie­fach miss­ach­tet und das Am­phe­ta­min mit dem Werk­tag kom­bi­niert. Swim darf das, Swim braucht das, Swim muss ei­ne Er­fah­rung sam­meln, wird schon se­hen, was er da­von hat.

Schnitt. Okay mein Freund … Jetzt reiß dich mal bit­te zu­sam­men, mach dir noch ’n Käff­chen, und dreh mal bit­te den Tech­no ab, der macht dich ja ganz me­schug­ge, und dei­ne Nach­barn erst. Bran­den­bur­gi­sche Kon­zer­te, das ist ’ne Strei­chel­ein­heit für dei­nen Neo­cor­tex, das wird der So­undtrack die­ser Nacht.

Ver­schnauf­pau­se, Kon­zen­tra­ti­on bit­te. Wer­de der Flut an Ge­dan­ken in dei­nem Hirn Herr. Was gibt es jetzt al­les zu tun? Sprich es laut aus: „Was gibt es jetzt al­les zu tun?“ Nimm dir einen großen Zet­tel so­wie dei­nen sil­ber­nen Füll­fe­der­hal­ter und schreib es mit königs­blau­er Tin­te auf: Was soll ich tun? Nein, schreib: Was wer­de ich tun? Zieh einen Kreis drum, un­ter­streich dop­pelt, mit Schwung. Ich kleck­se Tin­te ge­gen die Wand, it­zo, de­ro­we­gen bin ich Lu­ther auf der Wart­burg und verfälsche die Bi­bel. Am An­fang war der Stoff, am Amph-fang war die Ver­numpft, am Am­fang war die War­stei­ner-Me­lo­dei – wart, auf die­sen Berg will ich mei­ne Burg bau­en. Was? Warum nicht? Häh? Way­ne! Kennste Way­ne? Nee, wer is das? Na Way­ne! Way­ne in­ter­es­sierts.

Carl, Jun­ge, bit­te nicht ab­schwei­fen. Mach ’ne To-do-Lis­te. To do: Kaf­fee ko­chen. Ge­nau, erst mal Käff­chen. Da­nach: Mails che­cken, Woh­nung aufräum­en, Kran­ken­ver­si­che­rung und Steu­erer­klärung. Igno­rie­re den flau­en Ma­gen, das ist nur Blut­zucker­hun­ger, kon­zen­trier dich. Was musst du al­les für die Steu­erer­klärung tun? Um­mel­den. Du musst dich end­lich um­mel­den, ge­nau. Schon zwei Jah­re oh­ne amt­li­che Um­mel­dung, das wird teu­er. Das kannst du nicht jetzt so­fort ma­chen, aber schreib es auf, das ist der ers­te Schritt. Was noch? Stu­di­um. Ex­ma­tri­ku­lie­ren oder wei­ter­ma­chen, das ist hier die Fra­ge. Was wäre, wenn? Ich tu mich ex­ma­tri­ku­lie­ren las­sen, so ein­fach ist das, spon­ta­ne Ent­schei­dung aus dem mit Bak­te­ri­en über­be­sie­del­ten Bauch her­aus. Ich has­se die­se aka­de­mi­sche, in­ter­lek­tu­el­le, ver­weich­lich­te, nutz­lo­se, ne­kro­phi­le Scheiße.

Dann: Kon­ten prüfen. Fra­ge: Wo­von leb ich ei­gent­lich seit ei­nem Jahr? Mensch, ir­gend­wann spuckt der Au­to­mat mal kei­ne Koh­le mehr aus. What? Da ist ein fünf­stel­li­ger Be­trag auf mei­nem Kon­to? Al­ter! Wo kommt der her? At­ze Peng, dit looft bei dir. Aus­rei­chend Wag­nis­ka­pi­tal für Ca­putt­nik En­ter­pri­ses.

Wei­ter. Fa­mi­lie. Sprich es aus: „Fa­mi­lie.“ Was ist mit Fa­mi­lie, was gibt es da zu tun? Ver­giss das, egal, wei­ter, nimm dir einen neu­en Zet­tel und sor­tie­re al­les noch ein­mal. Was hängt wo­von ab? Mach ein Or­ga­ni­gramm draus. Um­mel­dung, dann Steu­er­er­klärung, dann Ver­si­che­rung, dann Zahn­arzt. Dann glück­lich sein, Fa­mi­lie gründen, Kin­der ma­chen, Au­to kau­fen, Kar­rie­re durch­star­ten, Haus bau­en. Baum pflan­zen. Al­ter, wie der­be das auf­ein­an­der auf­baut. Fi­cken, ey. Wie soll man das al­les bewälti­gen? Komm, fang ein­fach an, ir­gend­wo.

Sor­gen. Für so ein bürger­li­ches Le­ben, da brauchts schon je­de Men­ge Am­phe­ta­min, da­mit das was wer­den kann. Trau­ri­ger Smi­ley.

Okay, zurück zum An­fang. Der un­ters­te Teil der Wir­kungs­ket­te. Ich brühe mir ein Käff­chen: In die Küche mit dir, troll dich in rhyth­mi­schen Be­we­gun­gen zum 1. Satz des 2. Bran­den­bur­gi­schen Kon­zer­tes. Ich bin Mo­zart, ich bin verrückt, ich bin Ca­putt­nik, ich bin entzückt, bin ein Druf­fi, aber ein ganz lie­ber. Ich schau mich um, die Küche sieht aus wie Scheißndreck. So­lan­ge das Was­ser noch nicht kocht, kann ich schon mal die Spülma­schi­ne ausräum­en. Und den Gim­pel vom Herd krat­zen.

Jun­ge Jun­ge, bin ich un­ter­wegs auf dem Peppn, hab ich ein schlech­tes Ge­wis­sen, aber ich mach es wie­der gut, in­dem ich hier erst mal so rich­tig anständig aufräume. Wohlfühlen muss der Bürger sich in sei­nem Nest. Ich tu al­so Dreckwäsche sor­tie­ren, stopf sie in die Wasch­ma­schi­ne, kom­bi­nie­re war­mes Was­ser in ei­ner Schüssel mit Es­sig­rei­ni­ger, scheue­re die Ober­flächen in der Küche ab. Und das Bad gleich mit, wenn ich ein­mal da­bei bin. An die Badtür kle­be ich einen Zet­tel mit der Auf­schrift „Bad Fümnzwan­zich“. Ich schrub­be nun Klo und Du­sche und die Wasch­be­cken, Al­ter, sieht das aus, Dreck, Gim­pel, Schmod­der, übelst aso­zi­al. Das Be­cken in der Küche war ganz braun vom vie­len Kaf­fee­satz, nun blitzt es wie­der.

Jun­ge Jun­ge, lang­sam läuft mir der Schweiß von dem gan­zen Ge­wie­ne­re. Sa­rah Wie­ner. Sahra Wa­gen­knecht, mit H nach dem A. Hoch auf dem blau­en Wa­gen. Ich zieh mei­nen Hoo­die aus, sehr an­stren­gend, die­se Haus­ar­beit, sehr ab­ge­hackt, mei­ne Sätze. Macht aber auch Spaß, so druff, die­se Haus­ar­beit mein ich. Gleich noch zwan­zig Lie­gestütze hin­ter­her, ich schaff lei­der nur fümpf. Am­phe ist die idea­le Haus­frau­en-Dro­ge, mit Emp­feh­lung von die­sem Dr. Go­eb­bels höchst­persönlich! Ki­lo­wei­se Staub­flo­cken, ich saug sie auf, ich tu Wäsche aufhängen, tu die Spülma­schi­ne ausräum­en, tu den Ge­schirr­schrank sor­tie­ren, was ’ne Freu­de, ich pack den Dampfrei­ni­ger aus, lass ihn heißlau­fen und wisch erst mal den Bo­den. Wis­hing Bad, brea­king Flur, wish you we­re he­re. Je­der Gang macht schlank. Zim­mer gleich mit­ge­nom­men, dann has­tes hin­ter dir. Was? Und zieh die Schu­he aus, wenn du über den nas­sen Bo­den läufst. Ist gleich wie­der tro­cken.

Jun­ge, wen in­ter­es­siert die­se Scheiße hier ei­gent­lich?

Egal. Blit­ze­blank, die gan­ze Bu­de. Al­ter, geil. Has­te gut ge­macht. So viel al­so zu den Amph-Vit­ami­nen. Mein Amph. Zum 4. Mal beim 1. Bran­den­bur­gi­schen Kon­zert an­ge­langt mitt­ler­wei­le, Kin­der, wie die Zeit ver­geht. Puh. Ich strei­che das Käff­chen auf der To-do-Lis­te durch, ha­ke den Punkt „Aufräum­en“ ab, kri­ckel ein hübsches Ha­ken­kreuz da­zu. Ich bin so ver­nümpf­tig. Und hab Hun­ger. Hun­ger? Quark! Schreib den nächs­ten Kaf­fee auf die Lis­te und ar­bei­te die­sen Punkt ab. So ists rich­tig, mach Kaf­fee, und zwar türkisch, du Ha­ken­na­se, du Ara­ber, du Ju­de. Ja­woll mein Föhrer! Kaf­fee tra­ge ich mir gleich als wie­der­keh­ren­de Auf­ga­be ein. Das Was­ser kocht, zwei gehäuf­te Teelöffel wer­den ge­brüht, gerührt, ge­trun­ken. Krümel­ka­nacke.

Ich rau­che nun ein Zi­ga­rett­chen, draußen wirds hell, ein neu­er Werk­tag bricht an. Was mach ich jetzt? Mails? Hm. Okay, scheiß auf die Mails der letz­ten Mo­na­te. Ich lad den di­gi­ta­len Ab­fall ein­fach run­ter, hun­der­te un­ge­le­se­ne Mails, ab da­mit ins Ar­chiv. Ab heu­te wird wie­der je­de Mail ge­le­sen und be­ant­wor­tet. Ver­stan­den? Ja­woll ja!

Ge­schmei­dig, Al­ter, ich hab rich­tig was ge­schafft. Na ja, Steu­er, Ver­si­che­rung und der gan­ze Käse, das mach ich ’n an­de­res Mal. Ex­ma­tri­ku­la­ti­on wird au­to­ma­tisch er­fol­gen, weil ich den Se­mes­ter­bei­trag nicht be­zah­le. Mei­ne Woh­nung ist nun sehr sau­ber, sehr sor­tiert. Das hat al­les großen Spaß ge­macht, und ich bin im­mer noch vol­ler Ta­ten­drang, bin im­mer noch nicht müde. Warum nicht ein­fach noch ’ne klei­ne Bahn zup­peln, ’ne Run­de chil­len? Chil­len, klar, wiss schon. Chil­len auf Pepp. Mach mal. Vögeln wär jetzt aber auch nicht schlecht.

Mei­ne Fin­ger trom­meln auf den Schreib­tisch, ich über­le­ge kurz, spring dann zum Kühl­schrank, hack was auf, zieh was, fahr mir die zwei­te Staf­fel Brea­king Bad rein, sor­tie­re mei­ne iTu­nes-Bi­blio­thek, set­ze mei­nen Rech­ner neu auf, pla­ne mein Le­ben, mei­ne gi­gan­ti­sche Kar­rie­re als CEO und Foun­der von Ca­putt­nik En­ter­pri­ses, tan­ze biss­chen, such stun­den­lang auf Fa­ce­book nach dem Pro­fil die­ser So­phia, oh­ne es zu fin­den, flir­te dafür mit Da­nie­la, bin zwei, drei Ta­ge wach, bin nun auf Pepp kon­di­tio­niert. Hei­sen­bergs Tu­mor schrumpft, Spi­der-Mi­ke beäugt sei­ne Brief­mar­ken durch ei­ne Lu­pe, Käfer Carl liegt auf dem Am­phe­ta­min-Pan­zer, stram­pelt sich einen ab, das Schick­sal nimmt einen ex­po­nen­ti­ell be­schleu­nig­ten Lauf.

 

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