Ragnarök

Anfang 2011

Sams­tag­abend, wir glühen vor, es müffelt nach Bong­was­ser, mein Wirtskörper fläzt auf dem zer­wichs­ten So­fa ei­ner Kif­fer-WG in Neukölln. Es han­delt sich um das Zim­mer ei­nes Nix-Raf­fers na­mens Jens, der sei­nen Le­bens­un­ter­halt mit ge­le­gent­li­chen Ga­stro-Jobs und Grasdea­le­rei auf un­ters­tem Le­vel be­strei­tet, der zu­frie­den ist, wenn er täglich sei­ne zwei Gramm Weed pöfen und am Wo­chen­en­de MD­MA bal­lern kann. Ich nenn die­sen Du­de lie­be­voll „Neh­scher Jens“, bin der ein­zi­ge, der ihn so nen­nen darf. Pop­pi­ge Mu­cke von Ko­letz­ki läuft, Jens fei­ert den, kei­ner weiß, warum. Viel­leicht des­halb, weil er selbst mäßig ta­lent­los ist, man ihm einen ge­wis­sen Stil aber nicht ab­spre­chen kann.

„Hast du ’n Kon­dom über, Al­ter? Ich hab kei­ne mehr. Al­le weg­je­bumst“, frag ich ihn. In Wahr­heit al­le we­go­na­niert, den­ke ich, denn mit ech­tem Sex ist schwie­rig, seit ich Sin­gle bin, al­so seit Jah­ren. Aber dafür geht man ja auch fei­ern, nicht wahr, nämlich um Schne­cken zu che­cken. Bin über­zeugt da­von, dass heu­te Nacht was lau­fen wird, mir krib­belt die se­xu­el­le Vor­freu­de in den Klöten, und ich bin auch sehr selbst­si­cher, hab so­zu­sa­gen Lat­te bis zur Plat­te, hänge breit­bei­nig im So­fa, lass ei­ne Kau­gum­mibla­se plat­zen.

Jen­sens schma­le, schwar­ze Au­gen blin­zeln an­ge­spannt, Mo­ni­tor­licht be­fla­ckert den dunklen Teint des Mu­lat­ten, sein rech­ter Zei­ge­fin­ger drischt auf ei­ne Ga­mer-Maus ein, er tötet di­gi­ta­le En­titäten, be­vor sie Ei­er le­gen. Es wird ir­gend­ein lang­wei­li­ges Stra­te­gie-Ga­me ge­spielt, Jens ist Ge­ne­ral in ei­ner Schlacht ge­gen Orks und nennt sei­ne vir­tu­el­le Iden­tität Raff­nix von Stauf­fen­berg. Der al­te Pa­zi­fist. (Wie kann man die­sen Stauf­fen­berg nur als Hel­den ver­eh­ren? Einen, der sei­ne Zie­le mit­tels At­ten­tat und Mord und Tot­schlag durch­set­zen woll­te? Was ei­ne ne­kro­phi­le, ver­que­re Welt. Die In­ter­lek­tu­el­len, al­so die CIA, die Il­lu­mi­na­ten, Monsan­to und an­de­re In­sti­tu­tio­nen der bürger­li­chen Welt, ha­ben anständig Ei­er in un­se­ren Hir­n­en ge­legt.)

„Jens? Keu­le! Hört er mich?“

„Was geht?“

„Has­te noch Gum­mis am Start, hab ich ge­fragt, für heu­te Abend, si­cher­heits­hal­ber, wisst schon. Hab ver­rafft, wel­che zu kau­fen.“

Sein Blick klebt am Bild­schirm, er nickt in mei­ne Rich­tung. „Da in der Do­se ne­ben der Bong, Di­cker.“

Ich selbst bin ja nicht so dick, mein Körper­fettan­teil liegt der­zeit bei et­wa fünf­zehn Pro­zent, ich bin so­gar sehr ek­to­morph, ein Hard­gai­ner mit pe­ni­bel de­fi­nier­ten Rip­pen, fah­re seit Mo­na­ten er­folg­reich statt der 5:2-Diät (5 Ta­ge schlem­men, 2 Ta­ge hun­gern) die Bar25-Diät (3 Ta­ge wach). Ich schieb die fet­ti­ge Pizzaschach­tel zur Sei­te, klau­be ein ab­ge­pack­tes Gum­mi aus der Do­se, such nach dem Ver­falls­da­tum – vor ’nem hal­b­en Jahr ab­ge­lau­fen, scheiß drauf, mei­nen Sper­mi­en würde eh auf hal­ber Stre­cke schlapp­ma­chen. „An­dro­gy­nes We­sen“, so nann­te mich Phil mal, ich hat­te das zufällig mit­be­kom­men, weil ich grad hin­ter dem Neh­scher stand, während der mit Phil am Chat­ten war. „Der Carl, das an­dro­gy­ne We­sen.“ Die­ser Dorn sitzt tief, aber Phil hat ja recht, der klei­ne Wich­ser. Recht ge­habt.

„Is zwar nicht ganz mei­ne Größe, aber dan­ke“, sag ich zu Jens.

„Träum wei­ter!“ Jens lacht, hackt mit 120 bpm auf Maus und Tas­ta­tur ein, flucht, wahr­schein­lich ha­ben die Vie­cher jetzt doch Ei­er ge­legt. Ca­putt­nik kämpft sich aus dem Ei, das Ei ist Carls Kopf, wer ge­bo­ren wer­den will, muss sei­nen In­tel­lekt ver­nich­ten, muss sei­nen Schwanz verlängern. Wo an­de­re Ker­le statt­li­che Ei­er ha­ben, bau­meln bei Carl zwei Ro­si­nen in nächs­ter Nähe zur Ro­set­te. Jens hat je­den­falls gut re­den an­ge­sichts des Fleisch-Prügels, den ihm Mut­ter Afri­ka mit auf den Pla­ne­ten ge­ge­ben hat. Ich hin­ge­gen ver­such schon seit Jah­ren mit­tels Jel­qing-Tech­ni­ken mei­nen Blut­pe­nis we­nigs­tens um ein paar Zen­ti­me­ter zu en­lar­gen – pas­siert ist bis­her nicht viel, außer dass der Pim­mel mitt­ler­wei­le einen ganz hübschen Links­drall hat.

„Nu hör ma auf mit Zo­cken und kümmer dich um dei­nen Be­such, du Nu­bi.“ In letz­ter Zeit nur noch am Ga­men, die­ser Herr Leh­mann, es nervt. Kif­fen, zo­cken, MD­MA, und dann Abstürze wie neu­lich im Are­na Club, wo er übri­gens grad so den Weg zurück nach Hau­se ge­rafft hat­te, biss­chen sau­er war, weil kei­ner von uns ihn ver­misst hat­te. Hat mir Phil erzählt. Weiß ich aber of­fi­zi­ell natürlich nicht.

„War­te, Di­cker, die Run­de is gleich vor­bei, dann bin ich am Start. Kannst ja schon mal zwei Bah­nen le­gen, Spie­gel und Peppn liegt al­les auf der Ab­la­ge un­term Tisch.“

„Bo­gaak!“

Während die Ste­reo­an­la­ge „At­ze­peng“ von Kalk­bren­ner du­delt, hack ich tro­ckenes Pepp zu Staub, schieb es mit mei­ner Kre­dit­kar­te zu zwei lan­gen Bah­nen zu­recht, steu­er da­nach in die ver­siff­te WG-Küche, brühe Käff­chen. Ir­gend­wann reißt der Neh­scher sich vom Mo­ni­tor los, packt sei­nen hell­schwar­zen Körper auf das So­fa und stopft den Kopf der ver­schman­de­ten Mons­ter-Bong bis zum An­schlag mit Mi­sche voll. Ab­haun. Vor oder auf Par­ty könn­te man nie kif­fen, vor al­lem nicht durch die Bong. Ge­ne­rell ist Kif­fen er­fah­rungs­gemäß übelst die Nix­raf­fer-Dro­ge. Ich steck mir ’ne Kip­pe zwi­schen die spröden Lip­pen, kneif ein Au­ge zu, zünde die Flup­pe an, zie­he, paf­fe, zie­he, fläz mich in einen Ses­sel, pus­te den Rauch zu Jens. Ich bin ’ne coo­le Sau, wea­re mei­ne sunglas­ses at night, nip­pe am türki­schen Kaf­fee, raff mich zu­sam­men.

Stim­mung. Paar Mi­nu­ten später ti­ger ich durch das Zim­mer, schie­be zu Paul Kalk­bren­ners kom­mer­zi­el­lem Ber­lin-Cal­ling-Sound mei­ne schwar­zen Strümp­fe über gim­pel­braun ein­ge­trock­ne­te Bong­was­ser-Fle­cken auf der grau­en Aus­leg­wa­re, mei­ne schma­le Hüfte wippt da­bei wi­der die ge­schmei­di­gen Beats, mei­ne lan­gen dürren Fin­ger klat­schen im Takt ge­gen die aus­ge­wa­sche­ne Schlag­ho­se aus schwar­zem Cord, die mir zu eng ist. Ich dance mich warm für später, übe pein­li­che Moon­walk- und Shuffle-Mo­ves, ni­cke mei­nen tur­bo-ver­plan­ten Kopf, er­bre­che Ad­jek­ti­ve und Ad­ver­bi­en.

„Check mal das Li­neup im Horst. Wir tref­fen dann übri­gens Da­nie­la dort.“

„Da­nie­la?“ Jens wird so­fort hellhörig. „Hast du ’ne Ol­le klar­ge­macht, oder was? Has­te mir ja gar nich erzählt. Ni­ce Di­cker, wer is das, wie sieht die aus?“

„Nischt Ol­le, du Voo­chel. Sag nicht im­mer Ol­le, ich has­se die­ses Wort, das is so frau­en­ver­ach­tend. Da­nie­la hab ich in der 25 ken­nen­ge­lernt. Egal, wirst dann se­hen. Bringt be­stimmt auch hübsche Freun­din­nen mit. Lass ma rup­pen, noch ’nen klei­nen Wod­dich kip­pen und dann auf in Horst los­ma­chen und ein­fei­ern.“ Man la­bert mit die­sem so­ge­nann­ten Neh­scher Jens nur noch sel­ten über Frau­en­ge­schich­ten, es hat da in der Ver­gan­gen­heit Vorfälle ge­ge­ben, über die man sich nie aus­ge­spro­chen hat­te. Der Neh­scher weiß das ganz ge­nau, er hakt auch nicht wei­ter nach.

Je­den­falls, be­vor ich ein­pen­ne: Steil­ge­hen ist an­ge­sagt. Mal al­le Sor­gen schön ver­ges­sen, mal so rich­tig die von Exis­tenzangst und Bürger­lich­keit ge­schun­de­ne und aus­ge­burn­te See­le bau­meln las­sen. Mir ist, wie ge­sagt, lang­wei­lig, ich rei­che Jens den Zieh­spie­gel und einen ge­roll­ten Fünfer, Speed rie­selt mir aus der Na­se, speed kills, but be­au­ty lasts fo­re­ver, plötz­lich die Sma­shing Pump­kins im Kopf, die Mu­sik un­se­rer ver­pilz­ten Ju­gend, ei­nes Ta­ges werd ich ein Buch über die­se verrück­te Zeit schrei­ben, ich bin sehr hübsch, hübsch druf­fen, has­se mein Face, werd aber heu­te die­se Da­nie­la knut­schen, hab ex­tra Kau­gum­mis der Mar­ke Air­wa­ves ge­kauft.

„Sag mal, Di­cker“, meint Jens dann. „Ich muss ja noch mit dir schimp­fen. Was mir da der Phil schon wie­der über dich erzählt hat. Ziehst du jetzt auch im­mer un­ter der Wo­che zu Hau­se Pepp oder was?“

„Was? Was hat der Voo­chel erzählt? Häh? Bulls­hit. Hab mir vor paar Wo­chen mal test­wei­se zu Hau­se was in­ne Wo­che rein­ge­fah­ren, aber was is da schon da­bei. Woll­te nur wis­sen, wie das Zeug so wirkt, oh­ne die gan­zen Ein­drücke im Club drum rum und so. Rei­ne wis­sen­schaft­li­che Neu­gier. Muss­te auch mal pro­bie­ren.“

Jens zieht lang­sam, re­gel­recht genüss­lich ei­ne Hälf­te sei­ner Li­ne in ein Na­sen­loch, die an­de­re in das an­de­re, hus­tet dann. „Du Fre­ak Al­ter. Mach das mal nicht, das ist nicht gut.“

Ich sa­ge nichts, ko­che nur mein Süpp­chen aus Wut, Wut, Wut. Ich has­se die­se ewi­ge, egois­ti­sche Sor­ge der an­de­ren um mein Wohl. Die­ses Ge­blub­ber hin­ter dem Rücken. Kei­nem kanns­te mehr ver­trau­en, selbst dei­nen so­ge­nann­ten Freun­den ge­genüber muss­te heut­zu­ta­ge wohlüber­leg­te, pres­semäßige State­ments ab­ge­ben, weil die eh je­de Scheiße wei­ter­trat­schen, weil die sich ein­fach mal so rich­tig in ih­re Knie fi­cken sol­len, die Vie­cher. Und über­haupt: Worüber soll ei­ner schrei­ben, wenn er nichts er­lebt, wenn er nicht al­les aus­kos­tet und über Gren­zen geht, die an­de­re nicht zu über­schrei­ten wa­gen. Häh? Die Hühn­chen. Ich mach hier nur mei­nen Job als ab­ge­hen­der In­ter­lek­tu­el­ler, als an­ge­hen­der Künst­ler!

„Nicht gut, nicht gut“, sag ich. „Bo­gaak. Hier, kipp dir ’nen Wod­dich hin­ter­her. Prost! Hab al­les un­ter Kon­trol­le. Pepp un­ter der Wo­che, musst du mal tes­ten. Du glaubst nicht, was ich al­les ge­schafft hab in zwei Ta­gen. So viel wie sonst nur in zwei Mo­na­ten. Oder du in zwei Jah­ren. Hab erst mal die Bu­de ge­wie­nert, von vor­ne bis hin­ten. So viel Staub has­te in dein Le­ben noch nich ge­sehn. Hab mei­ne MP3s neu sor­tiert, übelst ak­ku­rat. Und sol­che Sa­chen.“

Jens, der al­te Nix-Raf­fer, tut sei­nen Kopf schütteln, tut die Stirn run­zeln, tut be­tont be­sorgt und altväter­lich da­her­glot­zen, würde nie­mals so ei­ne kras­se Un­ter­neh­mung wie Ca­putt­nik En­ter­pri­ses auf die Rei­he krie­gen, soll al­so mal schön die Fret­te hal­ten, der Du­de. Macht er auch, stopft sich dann noch ’ne Bong. Sein Feu­er­zeug kla­ckert und kli­ckert, Mi­schung glüht und knis­tert, es säugelt, es blub­bert, es bro­delt. Der Bauch ei­ner über­di­men­sio­na­len Nu­ckel­fla­sche füllt sich lang­sam mit weißem Ne­bel, der Rauch ver­dich­tet sich mehr und mehr, der Rauch wird gelb­lich und schwer, der Rauch enthält THC und Ni­ko­tin und Teer. Kennste Fler? Nö, nur Way­ne. Way­ne in­ter­es­sierts, Way­nes Fin­ger lässt ab vom Kick­loch, der Un­ter­druck gibt nach, das Gas schnellt durch den Schlund, durch den Ra­chen, in die Lun­ge. Ein Gas­aus­tausch fin­det statt. Di­ver­se Sub­stan­zen don­nern über Blut-Au­to­bah­nen, ei­ne gan­ze Di­vi­si­on THC stürmt schwer be­waff­net die Schran­ke zum Hirn und er­obert neu­en bio­che­mi­schen Le­bens­raum. Re­zep­to­ren in Zen­tral­afri­ka wer­den be­setzt, die Re­gie­rung der Ver­nunft wird gestürzt und durch das Re­gime der Dro­gen­ma­fia er­setzt. Was soll ich sa­gen, ich bin ein­fach zu durch, um anständi­ge Me­ta­phern zu er­sin­nen. Buf­fa­lo Sol­dier. Es bal­lert, es schal­lert, es hal­lert. Jens steht auf, hält da­bei die Luft an, läuft ’ne Run­de durch das Zim­mer, wirft sich dann wie­der in die Couch. Ein Wölk­chen Qualm wird gleich­sam raus­ge­furzt. Jens das Tier, es he­chelt, man nennt es auch Flash Gor­don, es packt sich keu­chend vor den Rech­ner und zockt wei­ter. Al­tes Ka­muf­fel.

Dann ist es 23 Uhr 35, wir bal­lern al­so noch was vom Bau­ar­bei­ter­koks, süffeln Wod­ka mit Co­la und bre­chen end­lich auf Rich­tung Par­ty. Ich wa­ge kaum, mir aus­zu­ma­len, was pas­siert, soll­te es beim Da­te zum Äußers­ten kom­men und ich krie­ge vor Auf­re­gung kei­nen hoch. Angst.

*

Sams­tag­nacht im Horst Krz­brg, Da­te-Vor­stu­fe. Tan­zen kann ich mitt­ler­wei­le auf je­den Fall gut, ganz klar, weil ich ein­fach ’ne gei­le Sau bin und im­mer schön vor dem An­klei­de­spie­gel zu Hau­se geübt hab. Man ist die schöns­te Prin­zes­sin auf dem Dan­ce­floor, man tut sich ge­schmei­dig wie ei­ne ver­bal­ler­te Bal­le­ri­na be­we­gen, es ist ei­nem schnup­pe, wie das aus­sieht, wenn man gleich­sam spas­tisch ham­pelt und tanzt und stram­pelt und zap­pelt. Ich fühle die elek­tro­ni­sche Mu­sik, spüre den Bass, die Beats, tu für ein paar Mi­nu­ten mal nicht grübeln, spa­cke ein­fach rum, bin ein Voll­hirst mit o. I’m a sla­ve to the rhythm, ich grapsch mir in den Schritt wie Mi­cha­el Jack­son, muss ki­chern, hab wie­der die Kon­trol­le über mein mind ver­lo­ren. Das ist Ra­ve: mit den an­de­ren Tech­nau­ten im Rhyth­mus ver­schmel­zen, sein Ego dem Fei­er-Kol­lek­tiv zu über­las­sen und auf der Wel­le der Ge­mein­schaft zu sur­fen, zu ra­sen, zu to­ben. Freu­de, Freu­de ist al­les, was zählt, mein Fei­er­fin­ger zeigt und droht und we­delt, wir jauch­zen, wir lächeln, die Dio­ny­si­en pro­zes­sie­ren durch Kreuz­berg, Ficki­ficki.

Herr Süss & Herr Sau­er le­gen, es sind die DJs der gu­ten Lau­ne. Die DJs sind die Ho­he­pries­ter, wir sind ih­re Schäfchen, sind wie Lem­min­ge, fei­ern uns ins Nir­va­na. Ne­ben mir tanzt Jens ziem­lich mi­ni­mal und mit halb ge­schlos­se­nen Au­gen, zieht voll die Fei­er­schnu­te. Vor mir die­se Da­nie­la, ihr rech­tes Schul­ter­blatt ist täto­wiert, ’ne Ro­se und biss­chen Ver­zie­rung, ich werd verrückt, ich lie­be täto­wier­te Frau­en, so Typ Sui­ci­de Girl. Ih­re glänzen­den schwar­zen Haa­re sind zu ei­nem Zopf zu­sam­men­ge­bun­den, we­deln vor mir hin und her wie die Möhre vor ei­nem Klep­per, ihr Hals ist frei­ge­legt, mei­ne Lip­pen möchten ihn strei­cheln, ih­re weib­li­chen Hüften wip­pen auf und ab, nach links, nach rechts. Ich werd ganz un­ru­hig, muss nun einen kühlen Kopf be­wah­ren, bin sehr hyp­no­ti­zed, jetzt bloß nicht grübeln. Jens ne­ben mir fängt an, zu joh­len, Zu­cker für den DJ, ich joh­le mit, wir ma­chen uns ge­mein­sam zum Af­fen, sind übelst druffn. Syn­chro­ner Fei­er­or­gas­mus.

Zwi­schen ein und zwei Uhr in der Nacht von Sams­tag zu Sonn­tag ist es am schöns­ten im Horst. Dann ist der klei­ne Floor bre­chend voll, je­der hat sei­nen hal­b­en Qua­drat­me­ter zum Fei­ern, die Bässe hämmern, al­le druff, al­le wol­len nur das Ei­ne, wol­len be­din­gungs­lo­se Love. Die meis­ten hier glühen vor und ge­hen später erst rich­tig ab­hot­ten in ’nen größeren La­den, in die Butz­ke, ins Berg­hain oder in die Bar25. Trieb­teil­chen wir­beln einst­wei­len durch den Fei­er-Ne­bel, die Frau­en­quo­te ist okay, letz­tes Mal hab ich mit ei­ner der süßen Bar­kee­pe­rin­nen ge­flir­tet, heu­te aber nur Glüsen übrig für Da­nie­la. Ich mag den Horst, mag Kreuz­berg, stups Da­nie­la beim Tan­zen mit der Hüfte an.

Dann muss ich drin­gend Kip­pen kau­fen. Ein Pärchen im Chil­lout-Be­reich tauscht einen Dipp ge­gen John Player’s, bit­te­res MD­MA zer­geht mir auf der Zun­ge, ich spüls run­ter mit Ber­li­ner, stoße mit den bei­den an. Da­nie­la setzt sich zu mir, die klei­ne Dan­cing Queen. „Na?“, schrei ich ihr ins Ohr, grins sie an. Sie zuckt nur mit ih­ren hübschen Schul­tern, lächelt, ich steh auf und zieh sie sanft an ei­ner Hand hin­ter mir her durch die Fei­er-Meu­te auf den Hof, dort ist es zwar kalt, aber ein biss­chen ru­hi­ger und gänse­haut­kom­pa­ti­bel. Das Dip­pi drückt, ich rau­che Ket­te, knet­sche Kau­gum­mi, es gibt Small­talk so­wie stei­fe Nip­pel.

Was machst du so, was mach ich so. Fra­ge­zei­chen. Was man so macht. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, ein Mäuschen doch be­stimmt auch. Die Hob­bys sind Schwim­men, Schrei­ben, Ma­len, und wir es­sen gern Döner. Du Quatsch­kopf. Nun sag schon, wie hat ers mit der Re­li­gi­on? Re­li­gi­on? Lie­bes Püppi, man ist ein Gno­s­ti­ker, ein In­ter­lek­tu­el­ler, der De­mi­urg heißt Ab­ra­xas, man kämpft sich seit Jah­ren mühsam aus dem Ei, das Dot­ter be­steht zu 48 Pro­zent aus Was­ser und zu 33 Pro­zent aus Fett, wei­ter­hin aus für die mensch­li­che Ernährung hoch­wer­ti­gen Pro­te­i­nen, Mi­ne­ral­stof­fen (Cal­ci­um, Phos­phor, Ei­sen) und Vit­ami­nen (A, B und E). Der An­teil an Cho­les­te­rin ist be­deu­tend, die Aus­wir­kung auf den mensch­li­chen Or­ga­nis­mus aber um­strit­ten; der Be­stand­teil Le­ci­thin hilft als Emul­ga­tor bei der Her­stel­lung von Emul­sio­nen wie Ma­yon­nai­se, Holländi­scher Sau­ce, Süßspei­se, Cre­me und Spei­se­eis. Die Quel­le jeg­li­cher γνῶσις ist für den ge­mei­nen ver­bim­mel­ten Aka­de­mi­ker die Wi­ki­pe­dia.

Mein Arm ruht hin­ter Da­nie­la auf der Couch, wir berühren uns beim Spre­chen im­mer wie­der wie zufällig, ich spüre ih­re Haa­re auf mei­ner Gänse­haut, bring sie zum La­chen, das durch­blu­tet ih­ren Un­ter­leib, ich den­ke da­bei wei­ter nach, wie nun vor­zu­ge­hen sei. Ki­no es­ca­la­ti­on. Der Klang ih­rer Stim­me ist sexy … aber sie sächselt. Ich mei­ne, ich bin selbst so ein Thürin­ger Dorf­proll, mein Dia­lekt war al­so das Ers­te, was ich ab­ge­legt hab, als ich mich aus der Pro­vinz ver­duf­tet ha­be und ins be­schau­er­li­che Ber­lin rüber­ge­macht bin. Ver­d­ruff­tet. Bild ich mir ein. Gä? Nor. Sie kommt je­den­falls aus Chem­nitz, zum Glück sächselt sie nur ein biss­chen, so­dass es fast schon wie­der nied­lich ist. Nu gloar! Nur freilüsch! Ich hör drüber hin­weg, schraub mei­ne An­sprüche run­ter, bin ein Spar­gel-Tar­zan, kann ja nicht ewig Sin­gle blei­ben, hab Schiss da­vor, kei­nen hoch­zu­krie­gen, zu früh zu kom­men, in der Kis­te zu ver­sa­gen, aus­ge­lacht und verständ­nis­voll über den Kopf ge­strei­chelt zu wer­den. „Is doch nit sor schlimm, kann dor jedm mo bos­si­ern, al­so isch fands ooch so schee­ne“, hin und her. Hör auf zu grübeln, du Broi­ler, was hat sie grad ge­sagt?

„… das mal, selbstständig wer­den und al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter, hat mich viel Über­win­dung ge­kos­tet.“

Ich ni­cke, zie­he ver­son­nen an mei­ner Flup­pe.

Mo­ment. Ich spu­le mein Kurz­zeit­gedächt­nis um ein paar Se­kun­den zurück, re­kon­stru­ie­re ih­re let­zen Sätze.

Mut­ter?

Hat sie das grad wirk­lich ge­sagt, „Mut­ter“ und „al­lein­er­zie­hend“? Ach Carl. Ach, ach, ach. Sie hat be­stimmt je­mand an­de­res ge­meint, ih­re bes­te Freun­din oder so. Nee man, Al­ter, die ist ’ne Mut­ter. Bürger-Alarm! Kind, Fa­mi­lie, Ehe, Ver­ant­wor­tung, Ver­skla­vung, All­tag, Be­ruf und Kar­rie­re, Bor­dell­be­su­che, Gedöns. Das Ge­gen­teil von Feie­rei. Und nun? La­ber ir­gend­was, lass dir die Über­ra­schung nicht an­mer­ken.

„Ach, du hast ’n Kind?“, sag ich. „Krass.“

Mein Arm hin­ter ihr auf der Couch zieht sich in­stink­tiv ein paar De­zi­me­ter zurück, Ki­no de­es­ca­la­ti­on, mei­ne Ge­dan­ken ra­sen, ich muss den Abend, muss mein Le­ben neu ta­rie­ren.

„Ja“, sagt sie. „Hab ich das noch nicht ge­sagt? Schon lan­ge, mein Sohn ist mitt­ler­wei­le acht. Ich teil mir das Sor­ge­recht mit dem Va­ter.“

SNA­FU, sag ich mal. Ich schal­te ent­spre­chend mein Trieb­werk ab, dis­so­zi­ie­re ein biss­chen, re­de sehr nor­mal, anständig und ver­nümpf­tig wei­ter: „Krass. Ist be­stimmt nicht ein­fach, oder? Mei­ne Schwes­ter hat ja auch grad erst ’n Kind be­kom­men, Jun­ge, voll nied­lich, seit­dem bin ich On­kel, sie ist aber ver­hei­ra­tet und so, al­les ganz or­dent­lich und bürger­lich.“

Da­nie­la nickt, wir schwei­gen, rau­chen, ne­ben uns knut­schen zwei Ker­le.

„Komm, wir ge­hen wie­der dan­cen. Mal nach Jens schau­en.“

Die Omi hat im­mer ge­sagt, ich hätte zwei Sei­ten, ei­ne lie­be und ei­ne böse. Wenn ich bo­ckig war, wuch­sen mir di­cke fet­te Hörn­chen aus der Stirn, die sie gar nicht moch­te, die Oma. Sie tat dann, als zöge sie mir un­ter großem Kraft­auf­wand die ima­ginären Hörn­chen vom Kopf und schmiss sie weit, weit weg. Meist muss­te der klei­ne Carl dann verschämt la­chen und war wie­der lieb. Jetzt, im Horst Krz­brg, ist da nie­mand, der mir die Hörn­chen von der Stirn flext. Ich mach al­so ab aufs Klo, streif mir das Ca­putt­nik-Kostüm wie­der über, bal­ler erst mal ’ne di­cke, fet­te Bahn. Die­ser Abend ist ge­lau­fen, das be­deu­tet: Ab­schuss, Ab­fahrt, Ab­haun.

Par­ty, gna­den­los. Se­bo & Ma­d­mo­tor­mi­quel am Turn­ta­ble, draußen wird es hell, der Horst leert sich, die Leu­te zie­hen wei­ter in die großen Clubs, ich zieh noch ’ne Bahn und ham­pel mit fünf an­de­ren Be­rufs­feie­rern al­lei­ne auf dem Floor rum, in der einen Hand Wod­ka-Club-Ma­te, in der an­de­ren die ob­li­ga­to­ri­sche Fei­er-Kip­pe. Ich bin die häss­lichs­te Prin­zes­sin auf dem Dan­ce­floor. Neh­scher Jens und die­se Da­nie­le (oder wie sie heißt) hocken während­des­sen im Chil­lout-Be­reich auf der Couch und kif­fen, die ver­ste­hen sich, quat­schen be­stimmt über mich, mir doch tit­te. Ich setz mich da­zu, erschöpft und durch­ge­schwitzt, hof­fent­lich stink ich so rich­tig gamm­lig, ich schlag die Bei­ne über­ein­an­der, schlag mir Da­nie­la aus dem Kopf, schlag den bei­den das Berg­hain vor, erst noch biss­chen bei mir zu Hau­se frühstücken, Kaf­fee, kurz du­schen und so wei­ter. Wir stol­pern dann raus aus dem Horst, rein in die U1, zurück in den Kiez, ich bin die gan­ze Zeit über sehr ge­sprächig und lus­tig, bin ein Vollidi­ot, aber ein ge­bil­de­ter.

*

Sonn­tag­mor­gen, Fried­richs­hain, übels­ter Tin­ni­tus. Al­le durch, al­le druff, al­le rum – bis auf die Bürger/Ver­brau­cher/Wähler, die wir un­ter­wegs an­ge­trof­fen ha­ben, die sind natürlich sehr nüchtern, sehr anständig und ver­nümpf­tig. Sie sind auch ru­hig, weil sie al­le vier Jah­re ih­re Stim­men ab­ge­ben, sie sind adipös, ob­wohl sie fett­ar­me Wurst fut­tern, sie wer­den häufig dia­gno­s­ti­ziert, weil sie kran­ken­ver­si­chert sind, und sie sind ängst­lich, weil sie je­den Abend 20 Uhr von der Ta­ges­schau und je­den Sonn­tag 20 Uhr 15 vom Tat­ort hyp­no­ti­siert wer­den. Die Bürger, das sind die mit den Au­tos, den Jobs, den Kre­di­ten, Le­bens­ver­si­che­run­gen, Kon­to­auszügen und Kin­dern. Kin­der. Jetzt? Nö. Ich mag die­se Kin­der sehr, wenn sie ge­sund und noch nicht er­zo­gen sind, al­so wenn sie noch nicht le­sen und schrei­ben können. Aber Va­ter­schaft … Nö. Nö und noch­mals nö. Nö! Die­se Art von Ver­ant­wor­tung lässt sich auf al­lerk­eins­ten mit mei­nem der­zeit sanft aus­ge­prägten Hang zum He­do­nis­mus ver­ein­ba­ren, mit mei­ner Ex­plo­ra­ti­on der Ab­gründe Ber­lins und der Ab­gründe in mir.

Ein Hauch von Mit­leid Da­nie­la ge­genüber streift mich nun, wo­bei es mir im­mer noch in den Klöten krib­belt, viel­leicht han­delt es sich al­so auch um Geil­heit. Aber ja doch, man, sie tut mir ge­die­gen leid, die net­te Da­nie­la, ich geb es zu. Im­mer­hin war sie sehr, sehr ehr­lich. Hätte es ja auch später an­brin­gen können. Willst du mich hei­ra­ten? Nö. Net? Och kumm, du Voo­chel. Man, man, man. Ganz großes ro­man­ti­sches Kopf­ki­no mit Un­ter­ti­teln in sächsi­schem Dia­lekt.

Ring, ring.

– Ja?

– Carl? Ich bins, dein Ge­wis­sen.

– Ach du. Sor­ry ey, hab hier voll den schlech­ten Emp­fang, Ak­ku is auch glei al­le. Was geht?

– Dei­ne Mud­der geht.

– Nö.

– Wie, nö? Hör ma gut zu, mein Freund­chen! Ich bin dein Ge­wis­sen, falls du es nich …

Tut, tut, tut.

Je­den­falls, wir sind bei mir zu Hau­se, ich zeig Jens und Da­nie­la Spi­der-Mikes Brief­mar­ken­samm­lung, man freut sich aufs Berg­hain, der Pie­phahn ist sehr klein, piep piep, klei­ner Sa­tel­lit, ge­ne­rell piepts bei mir, weil ich ’nen Voo­chel hab, mein Rech­ner fährt pie­pend hoch, ich öff­ne den Brow­ser, log­ge mich in mei­nen So­und­cloud-Ac­count ein, star­te das Mi­ra-Set vom Bar-Clo­sing.

Die Fümnzwan­zich, das Grand Clo­sing, es gibt ein Ge­sprächsthe­ma, wel­ches zwar un­an­ge­nehm für mich ist, aber doch an­ge­neh­mer, als zu schwei­gen oder ge­zwun­gen lus­tig zu sein. Hal­lo Jens, hal­lo Da­nie­la, hal­lo Welt, why so se­rious. Seid will­kom­men, neh­met Platz, fühlet euch wie zu Hau­se. Ich leg erst mal drei Bah­nen, ei­ne für die Ma­ma, ei­ne für den Klei­nen und ei­ne ganz be­son­ders große für den Pa­pa. Ich bin der Ba­ba, und ich bin or­dent­lich un­ter­wegs auf Pepp, schon seit ges­tern Abend, seit zwölf Stun­den. Geht doch noch. Drei Ta­ge wach sind an­ge­peilt, das ist Stan­dard in­ner­halb der Ber­li­ner Tech­no-Sze­ne, das muss so sein, al­les an­de­re wäre Wahn­sinn.

„Ich geh mal schnell du­schen, dann können wir ja gleich wei­ter­steu­ern in die Pan­ne­bar, be­vor wir hier noch ein­pen­nen.“

Und Käff­chen. Ich mach mal Kaf­fee, wa. Mach ma. Hab ich das grad laut ge­sagt oder hab ich das nur ge­dacht? Puh, die­se Am­phe, bal­la bal­la. Es ist al­les so psy­cho­tisch, so neu­ro­tisch, so ero­tisch.

„Auch ’n Kaf­fee?“ Ich schau Da­nie­la an. Ihr Ge­sicht ist mit sach­ten Li­ni­en und Fält­chen so­wohl von Östro­gen als auch vom Lauf der Zeit ge­zeich­net, was mir bis­her gar nicht auf­ge­fal­len ist. Ih­re hübschen re­gen Au­gen sind Li­ke-But­tons, ich klick drauf, strei­chel mir ver­le­gen über den Kopf. Kaf­fee? Was hat sie ge­sagt? Hab ih­re Ant­wort ver­ges­sen. Nee, ich hat­te noch gar nicht ge­fragt, oder? Häh?

Sie schaut mir auch in die Au­gen, mein Blick erschrickt wie ein scheu­es Reh, flitzt los, ein dop­pel­ter Jäger­meis­ter bal­lert es ab, der Blick ver­schwimmt, wird silb­rig, ich fang an, mir ’ne Kip­pe zu dre­hen.

„Klar“, sagt sie. „Du schaust Men­schen nicht so ger­ne in die Au­gen beim Re­den, oder? Ist mir ges­tern schon auf­ge­fal­len.“ Sie lacht und zwin­kert, hebt den Kopf leicht an, zieht die rech­te Au­gen­braue hoch, war­tet mei­ne Re­ak­ti­on ab.

Fräulein. Ist das ein Shit-Test? Nu gloar! Nur frei­lisch! Pah, nicht mit mir. Bist du Mann oder Maus, das ist nun die Shit-Test-Fra­ge, ich muss rea­gie­ren, muss do­mi­nie­ren und kon­trol­lie­ren. Ich bin ein Voll­hirst, so ein­fach ist das, ein Hirst mit o. Ein Trot­tel al­so, aber ein schlau­er, und ich möchte ein­fach nur aus dem Abend, aus dem Da­te hei­le raus, oh­ne Kin­der, oh­ne Haus­rat­ver­si­che­rung, oh­ne Ren­te und Pau­schal­ur­laub, al­so oh­ne all den Ab­fuck des bürger­li­chen Le­bens. Ich möchte ganz ge­pflegt wei­ter­fei­ern, nicht mir um ir­gend­was ’ne Plat­te ma­chen müssen, möchte auch nicht die­sen Tat­ort glot­zen oder Stamm­kun­de im Bor­dell wer­den. Ich bin kein Bürger/Ver­brau­cher/Wähler, ich bin ein Tech­naut, ein Be­rufs­feie­rer, viel­leicht so­gar ein Schrift­stel­ler, muss tan­zen, flir­ten, rum­steu­ern, druff sein. Und „Men­schen“ schau ich schon in die Au­gen. Es gibt nur so we­ni­ge von ih­nen da draußen.

Ca­putt­nik, du Stra­te­ge, man lässt wert­vol­le Se­kun­den ver­strei­chen, die­ser Ne­bel im Kopf ist sehr dicht, was nun, man steht da wie übelst das Hühn­chen, wie ein Broi­ler, man be­fin­det sich in­mit­ten ei­ner Si­tua­ti­on. Der Shit-Test ist in vol­lem Gan­ge, ich muss jetzt rea­gie­ren. Dann die Lösung: Ich stam­mel ein­fach ir­gend­was zu­sam­men, hab kurz dar­auf wie­der ver­ges­sen, was ge­nau. Tak­tisch sehr ge­schickt von mir – ich muss den An­griff nicht er­wi­dern, muss den Shit-Test nicht be­ste­hen, ich hab nichts zu ver­lie­ren, außer dem In­ter­es­se an die­ser Da­nie­la und ih­rem achtjähri­gen Sohn so­wie ih­rem Ex-Mann, der zukünf­ti­gen Schwie­ger­mut­ter und dem Schwie­ger­va­ter, der mein Le­ben si­cher als „sehr blu­mig“ be­zeich­nen würde.

Hab ich das grad laut ge­sagt, oder nur ge­dacht, und wenn ja, was hab ich ei­gent­lich ge­nau ge­sagt? Wo sind die ver­damm­ten Gänsefüße, wenn man sie braucht? Egal. Ich geh Kaf­fee für al­le ma­chen, geh mich du­schen, mein Männ­lich­keits-Sco­re aus Da­nie­las Per­spek­ti­ve ist in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten vom oran­ge­far­be­nen in den ro­ten, völlig ver­weich­lich­ten Be­reich un­ter­halb der Fri­end-Zo­ne ge­wan­dert.

Vier­tel­stun­de später steu­er ich al­so sehr fröhlich, frisch ge­duscht und neu ein­ge­klei­det zurück ins Zim­mer, mein Par­fum heißt übri­gens „Jil San­der Sport for Mem­men“, da sitzt Jens vor dem Rech­ner, Da­nie­la auf sei­nem Schoß, Ko­letz­ki läuft schon wie­der, „Hyp­no­ti­zed“. Seh ich das rich­tig? Ich gloob, mir fal­len gleich die Glüsen ausn Nüschel, wa. Sie zeigt dem Neh­scher ihr Port­fo­lio als Fo­to­gra­fin, sagt sie, der Neh­scher nickt eif­rig, zum Glück kann er nicht rot wer­den. Kieks­te. Schi­cke Bil­der, muss schon sa­gen. Worum gehts? Al­ter Schwe­de. Erst mal ei­ne rau­chen, rau­chend kanns­te nie was falsch ma­chen, denk an was Ase­xu­el­les, denk an Körsch­gen, an Ni­hil Bax­ter und 00 Schnei­der, schlürf dein Käff­chen, so­lan­ge man lebt, soll man rau­chen. Täss­chen Ku­chen? Ka­cke Tassé? Ich ver­schluck mich, der Kaf­fee ist sehr heiß, man muss hus­ten, es knis­tert und knat­tert, ich muss gleich fur­zen, wir dre­hen ’nen Por­no, ich leg noch ’ne Bahn, wie fin­det man noch mal auf die Schnel­le die­sen G-Punkt?

„Wo­her kennt ihr euch ei­gent­lich?“, fragt sie dann.

Der Neh­scher und ich, wir schau­en uns kurz in die Au­gen, sa­gen ir­gend­was, man kennt sich von klein auf, schönes Ding, Via­gra.

„Kann ich auch schnell du­schen?“

Die­se Da­nie­la hat ganz of­fen­bar das Zep­ter über­nom­men, den Dil­do, sie hat die Si­tua­ti­on un­ter ih­rer fe­mi­ni­nen Kon­trol­le, nee du, das geht gar nicht, zum Schluss will sie noch, dass ich un­ten lie­ge, da­mit sie mich mit ih­rem mütter­li­chen Na­tur­sekt voll­pin­keln kann. Nö.

„Mach doch. War­te.“ Ich hol ’n fri­sches Hand­tuch, zeig ihr al­les, kommt mir ge­le­gen, kann ich mal kurz mit Jens quat­schen. Bin al­so nun mit Jens al­lei­ne, man kann jetzt al­les Wei­te­re be­spre­chen.

„Dreh mal Mu­cke biss­chen auf, Al­ter“, sag ich zu ihm. „Dort, der Reg­ler ne­ben dem lin­ken Mo­ni­tor. Ge­nau der … Und, was denks­te?“

Jens surft Fa­ce­book, tut des­in­ter­es­siert. „Macht doch ’n an­ge­neh­men Ein­druck. Hübsches Ge­sicht, gu­te Sa­che.“

„Nur der Dia­lekt …“, sag ich, und sächs­le lei­se: „Nu gloar.“

„Nur frei­lisch.“

„Gof­for­raum auf!“

Wir grin­sen, schwei­gen. Gut, dass wir uns nie da­zu her­ab­ge­las­sen ha­ben, Punk­te auf ’ner Ska­la von eins bis zehn zu ver­tei­len, wie an­de­re Prol­los das ma­chen. Ich hätte ihr ’ne sechs ge­ge­ben. Vor der Sa­che mit dem Kind. Plus eins, we­gen der Tat­toos. Kind, acht oder neun Jah­re, al­lein­er­zie­hend, ab­haun. Null Punk­te. Ich seh mir schon im Son­nen­schein mit ’nem Kin­der­wa­gen in der Cas­tin­gal­lee vor ei­nem Fa­mi­li­en-Café bei ve­ga­nem Lat­te Mac­ch­ia­to sit­zen und ab­wech­selnd aufs Re­ti­na-Dis­plays mei­nes Mac­Books und mei­nes iPho­nes stie­ren, ma­che ir­gend­was mit Me­di­en, bin su­per krea­tiv, ein sehr mo­der­ner einfühl­sa­mer „Mann“, ein Fe­mi­nist und Östro­gen-End­la­ger mit hübschem Wohl­stands­bauch.

Mu­cke: Mo­de­rat, „A New Er­ror“, ei­ner der in­ten­sivs­ten Tracks, der mir in mei­ner bis­he­ri­gen Fei­er­kar­rie­re zu Oh­ren ge­kom­men ist, hef­ti­ges Krib­beln am gan­zen Körper. Ich setz grad zu ei­nem nächs­ten Satz an, will Jens die Sa­che mit dem Kind erzählen, da steht Da­nie­la in der Tür, fast nackt, nur mit ’nem ro­ten, ab­ge­ranz­ten Hand­tuch um den Oberkörper. Ständer? Jens starrt auf den Mo­ni­tor und muss ver­mut­lich auch ge­gen ein Grin­sen ankämp­fen.

„Hast du biss­chen Cre­me da?“

„Cre­me? Ja, weiß nich, Ni­vea oder so Zeug? Wart ma, lass ma ku­cken.“

Al­ter, die riecht aber auch gut … „Scheiße nee, hab ich nich, sor­ry. Ko­kos­fett?“

„Klar, geht auch, dan­ke. Bin gleich da.“ Sie ver­schwin­det sum­mend wie­der im Bad, trägt sich die­se kalt­ge­press­te Bio-Gleit­cre­me auf.

Jetzt grinst Jens mich an. Die Blut­ver­tei­lung im Körper, sie ändert sich in die­sem Mo­ment be­denk­li­cher­wei­se zu­guns­ten mei­nes Un­ter­leibs, ich spürs doch ganz ge­nau. Kopf­ki­no. Jens und ich, wir schau­en uns kurz an, es fin­det ei­ne Art te­le­pa­thi­sche Te­le­fon­kon­fe­renz statt. Nee oder, Jens, ich kenn dich doch. Jetzt ’n Drei­er, mit ’ner gei­len Ol­len und dei­nem al­ten Ho­mie, das wärs doch für dich, das denkst du doch ge­ra­de. Wa? Aber nicht mit mir, kanns­te dir ab­schmin­ken. Träum wei­ter. Kannst dir nach­her zu Hau­se einen drauf keu­len. Du glotzt ein­deu­tig zu vie­le Por­nos, du Nu­bi.

„Hör ma.“ Ich dämp­fe mei­ne Stim­me und beu­ge mich vor, sein Blick ist sehr er­war­tungs­voll, er grinst dämlich, Bitchs­lap. „Hat mir vor­hin im Horst erzählt, dass sie ’n Kind hat.“

Jens zieht die Stirn nach oben. „Ach nee. Und?“

„Na was ‚und‘, nischt is. Ich kann ja nix dafür, aber da hab ich gleich in­ner­lich auf Durch­zug ge­schal­tet. Was hättst du denn ge­macht?“

Jens schweigt und klickt sich wei­ter durch Fa­ce­book. Ich leg mir noch ’ne klei­ne Bahn Speed und hol den Wod­ka aus der Küche, dreh Kalk­bren­ners Re­mix von „Wir wer­den se­hen“ bis zum An­schlag auf. Da­nie­la ist dann end­lich fer­tig, die Kar­re will jetzt end­lich los, wir quar­zen noch paar Kip­pen, la­bern um den heißen Brei, rup­pen Bah­nen, süffeln Jägi, dip­pen MD­MA, vögeln in Ge­dan­ken à trois, stei­gen ein und he­ben ab, bre­chen end­lich auf ins Berg­hain.

*

Sonn­tag­mit­tag, die Straße be­ginnt, der Na­me der Straße lau­tet „Am Wrie­ze­ner Bahn­hof“, die Schlan­ge vorm Berg­hain ist ge­ra­de mal zehn Me­ter lang, Da­nie­la, Jens, Carl, Ca­putt­nik und ich tun war­ten, tun fei­ern wol­len, die Schlan­ge hat auch was mit Kun­da­li­ni zu tun, aber da­zu später mehr. Die an­geb­lich härtes­te Tür der Welt. Gähn. Wir la­bern, la­chen, ste­hen rum, die Welt­meis­ter­schaft im Ta­schen­bil­lard wird in­des aus­ge­tra­gen, die Bil­lard­ku­geln sind gleich­sam homöopa­thi­sche Glo­bu­li, ih­re Po­tenz be­trägt D25, das ent­spricht ei­ner Verdünnung von fast eins zu ei­ner Quin­til­li­on. Die Ur­tink­tur, das Tröpf­chen Männ­lich­keit, ver­mischt sich al­so mit ei­ner Was­ser­men­ge größer als al­les Was­ser des Pla­ne­ten Er­de, ist so­zu­sa­gen nicht mehr mess­bar, nicht exis­tent gemäß den Re­geln klas­si­scher Phy­sik.

Je­den­falls Berg­hain-Ein­lass, jetzt. Zwei me­tro­se­xu­el­le Mud­dersöhn­chen oh­ne Haa­re auf dem Kopf und am Sack, und die Mut­ti natürlich gleich da­bei, Farb­ver­tei­lung der Grup­pe schwarz-weiß, das er­gibt ein hübsches Nu­tel­la-Sand­wich. Zu­sam­men­ge­nom­men per­fek­tes Club­vieh, man wird uns mit großer Freu­de in den technösen Rei­gen auf­neh­men. Jens kennt außer­dem flüchtig die­sen Berg­hain-Sven­ni, hat ihn schon paar Mal ge­grüßt, wur­de zurück­ge­grüßt. Der Berg­hain-Sven ist im Ge­sicht täto­wiert, er spricht fast nie, es han­delt sich um den Höllen­hund Garm, er be­wacht den Zu­gang in die Un­ter­welt Hel­heim, den Zaun Hel­grind, wir be­fin­den uns am am un­te­ren En­de der Welte­sche Yggdra­sil, es wird kein Zurück ge­ben.

Fak­ten: Die Ost­Gut GmbH ist der Be­trei­ber der Un­ter­welt, die Par­ty heißt „Stro­bos­co­pic Ar­te­facts Nacht“, das Gebäude wur­de zwi­schen 1953 und 1954 im Stil des So­zia­lis­ti­schen Neo­klas­si­zis­mus ge­baut, es steht als Be­stand­teil des Gebäude­en­sem­bles Karl-Marx-Al­lee un­ter Denk­mal­schutz. Das Berg­hain ist Eu­ro­pas be­kann­tes­ter Club und ’ne übelst ari­sche Bu­de. Mein Blick klet­tert den Bau rauf, ich darf mich jetzt nicht einschüchtern las­sen von der mons­trösen Ar­chi­tek­tur, von die­sem wuch­ti­gen Qua­der, der von Ei­sen und Be­ton und Schweiß und Blut und Sper­ma zu­sam­men­ge­hal­ten wird. Er wum­mert, er vi­briert, er hämmert. Er ächzt und seufzt und stöhnt. Die Mu­cke bahnt sich ih­ren Weg nach draußen wie der süße Brei, der Bass war be­reits am Ost­bahn­hof zu hören, man sieht die Fens­ter der Pan­ne­bar, da­hin­ter geht die Lu­zi ab, schon seit Frei­tag­nacht. Ja­lou­si­en öff­nen und schließen sich im Takt, im­mer das­sel­be Ri­tu­al bei Ta­ges­licht, Ri­tua­le sind wich­tig, das Berg­hain ist der Tem­pel der To­tengöttin Hel, die Pan­ora­ma Bar das Wal­hall, ich kanns kaum er­war­ten, mich und al­le an­de­ren völlig zu ver­ges­sen, zu de­li­rie­ren, zu ra­sen, zu to­ben.

Und dann sind wir schon drin, wort­los vor­bei­ge­nickt von ei­nem Klum­pen aus Fleisch, Edel­stahl, grau­en Haa­ren und schwar­zer Tin­te, von Sven Mar­quardt höchst­persönlich, vom härtes­ten Türste­her der Welt. Ge­sichts­fa­sching. Al­so ich. Hal­lo!? Wir sind drin, im schöns­ten Am­phe-Thea­ter Ber­lins! Ab­fahrt. Ich steh im Foy­er, die Hit­ze und der Bass rau­ben mir be­reits hier un­ten den Atem. Wer braucht schon Luft, wenn er Schall­wel­len in­ha­lie­ren kann. Mei­ne Füße shuf­feln über den rau­en Bo­den, ich bin an­ge­kom­men, kann jetzt wie­der ganz ich selbst, al­so die­ser Ca­putt­nik sein.

Ich tu auf die an­de­ren war­ten, Jens kommt mir kurz dar­auf ent­ge­gen, sehr über­schwäng­lich, fröhlich, grin­send. Eh ich mich ver­se­he, klatscht mir sei­ne Hand vol­les Ka­ra­cho auf den Arsch.

„Du gei­le Sau!“

Man quiekt wie ’n Mädchen, lacht, gluckst. Bo­gaaak! Ei­ne Freu­de! Das ei­ne Mal Sil­ves­ter im Berg­hain auf dem Po­dest hin­ter uns zwei rie­si­ge nack­te Schwup­pen, der ei­ne wühlt im Takt zur Mu­cke mit der gan­zen Hand im End­darm des an­de­ren. Ei­ne Er­in­ne­rung, die ich so­fort wie­der ver­dränge, die mir die CIA im­plan­tiert ha­ben muss.

„Ihr glaubts nicht, aber ich muss­te mir grad vor dem Ein­lass bei der Ta­schen­kon­trol­le mein Na­sen­spray in die Na­se pum­pen.“ Ich il­ler Jens und Da­nie­la empört an. Hab das Zeug im­mer da­bei, weil die Na­sen­schleim­haut in letz­ter Zeit per­ma­nent ge­schwol­len ist und ich oh­ne Xy­lo­me­ta­zol­in­hy­dro­chlo­rid kaum mein ge­lieb­tes Phe­ny­li­so­pro­py­lamin rüsseln könn­te.

„Häh?“ Jens glotzt mit sei­nen auf­ge­ris­se­nen Glupschau­gen da­her wie ein Ko­bold­ma­ki.

„Häh?“ Ich äffe, ich la­che. „Kein Plan man, viel­leicht ham die ge­dacht, ich hätte da ir­gend­wel­chen Stuff drin, Ko­ka oder GHB, was weiß ich, zum Rein­schmug­geln.“ Ich deu­te auf mei­nen Schritt. „Hab mein Pepp hier gut ver­steckt. Dafür ist mein Näschen jetzt frei. Lasst uns al­so mal flink Kla­mot­ten ab­ge­ben und dann zup­peln ge­hen.“

Hin­ter der Gar­de­ro­benthe­ke wu­seln ge­pierc­te Zwer­ge und täto­wier­te Walküren, die Klei­der­stan­gen sind zu drei Vier­teln be­legt, man war­tet biss­chen, der Fei­er­beu­tel bau­melt dann an sei­nem Bügel, man op­fert Trink­geld in Höhe ei­ni­ger Wild­schwei­ne und Zie­gen. Ach ja. Sonntägli­che Tem­pe­l­ar­beit im Berg­hain, die Par­ty-Tou­ris­ten und Ein­tags-Feie­rer vom Sams­tag sind ver­schwun­den, ein Thing hat sie ver­jagt, die re­li­giösen Diens­te er­le­di­gen jetzt pro­fes­sio­nel­le Ra­ver, Be­rufs­feie­rer und ähn­lich spe­zia­li­sier­te Fa­bel­we­sen.

Al­so ab in die Fei­er-Fa­brik, es wird nun ei­ne Nacht­schicht bei hell­lich­tem Sonn­tag ab­sol­viert. Gleich ab in Dark­room oder erst später? Spießer. Den Schlüssel für mei­nen Keusch­heitsgürtel hab ich zum Glück ver­lo­ren, in den Klöten krib­belt es mir den­noch, ich bin ein Drui­de, aber ein gei­ler. Wir kra­xeln die Stahl­trep­pen hoch, vor­bei am Tu­cken-Floor, Schweiß tropft von der De­cke, Thor schleu­dert mächti­ge Schall­wel­len auf mein ver­d­ruff­tes Körper­chen, er­bar­mungs­lo­ser Bass hämmert wi­der un­se­re Ein­ge­wei­de, der brau­ne Ton liegt zwi­schen fünf und neun Hertz, man kann ihn nicht hören, nur spüren. Stro­bo. Es dampft, es leuch­tet und schmerzt. Ad­rena­lin. Ein Heer schwu­ler Asen stampft über den Floor durch den Ne­bel, die Rüstun­gen be­ste­hen aus Lack und Le­der, es wird das Sam­hain ge­fei­ert oh­ne Gna­de, es wird steil­ge­gan­gen mit nor­di­scher Ge­walt.

Ich schieb nun mei­nen Wirtskörper vor­bei an Schwup­pen, die auf Po­des­ten tan­zend die Mas­se an­hei­zen, an an­de­ren, die las­ziv am Rand leh­nen, knut­schen, gaf­fen, sich über fri­sche, schüchter­ne He­ten freu­en. Man kämpft sich durch, schaut sich im­mer wie­der um, der Auf­stieg ist be­schwer­lich, ein falscher Schritt könn­te einen die Un­schuld kos­ten. Sind Neh­scher Jens und Mud­der Da­nie­la noch da­bei oder schon in ’nen Dark­room ge­zerrt und durch­ge­pim­pert? Odin ste­he mir bei.

Oben dann die Pan­ne­bar, das vorläufi­ge Ziel der Rei­se, der Wal­hall der Ber­li­ner Tech­no-Sze­ne, wir ha­ben es ge­schafft, sind nun in der Ei­sen­zeit an­ge­kom­men. Die At­mo­sphäre setzt sich zu­sam­men aus Ta­bak­qualm, Schweißtrop­fen und Trieb­teil­chen, an Le­be­we­sen gibt es Nor­nen, Fyl­g­jen, Rie­sen und Walküren. Frau­en, Männer, He­ten, Tu­cken, Tran­sen, al­le am Start, al­le am Fei­ern, al­le geil. One love? One fuck! Es wird ge­ju­belt, ge­kreischt, ge­jauchzt. Der DJ ist ein Press­luft­ham­mer, macht mas­siv Druck, heizt den technösen Hoch­ofen ein, Hänsel und Gre­tel ver­lau­fen sich im Wald, es gibt köstli­ches Meth aus dem Eu­ter der Zie­ge Hei­drun.

Ich drängel mich nun vor­bei an der Bo­xen­wand, hier wum­mert der Bass der­maßen, dass ich kei­ne Beats mehr dif­fe­ren­zie­ren kann, ein Dau­er­ton nied­rigs­ter Fre­quenz. The Hum. Wei­ter gehts, ich schieb den Ca­putt­nik über den Floor, vor­bei an Fleisch­klum­pen aus durch­ge­schwit­zen und durch­ge­fick­ten Ra­vern; di­cke Brüste rei­ben sich an mei­nem Rücken, Hände kle­ben mir lie­be­voll am Po. Die­ses Berg­hain ist ein ein­zi­ges Pan­op­ti­kum aus Tit­ten, Ärschen, Schwänzen, Mu­schis und Zun­gen.

Las­sen Sie mich Arzt, ick bin durch, ick muss zur Bar. Er be­stellt drei Jägi, ich ver­steh dir nich, man muss es mit den Fin­gern zei­gen, bit­te/dan­ke/Trink­geld. Wo sind denn nur Da­nie­la und Jens? Ach da. Prost. Auf ’ne gei­le Par­ty. Ich glot­ze den bei­den in die Au­gen, ich kann das, bin ein gan­zer Mann, muss dia­bo­lisch grin­sen. Ab­fahrt, Ca­putt­nik will jetzt fei­ern, aber rich­tig. Noch schön ’ne Bahn rup­pen, dann bin ich da­bei. Auf dem Klo tref­fe ich ei­ne, die ich aus der Rit­ter Butz­ke ken­ne, Küss­chen links, Küss­chen rechts, ich geb ihr ’ne Bahn aus, bin wie­der drauf, hab Bock zu vögeln, der Dark­room wird auch Mus­pells­heim ge­nannt.

Dann ver­geht die Zeit. Ich tu tan­zen, die Stun­de ist ei­ne Ein­heit der Zeit, das Ein­hei­ten­zei­chen ist h (von la­tei­nisch ho­ra), die Stun­de gehört zwar nicht zum In­ter­na­tio­na­len Ein­hei­ten­sys­tem (SI), ist zum Ge­brauch mit dem SI aber zu­ge­las­sen, wes­halb sie ei­ne ge­setz­li­che Maßein­heit ist. Auf­grund der nicht­de­zi­ma­len Un­ter­tei­lung ist bei wis­sen­schaft­li­chen Be­rech­nun­gen zu­erst ei­ne Um­rech­nung in Se­kun­den er­for­der­lich, ist halt so. Die Quel­le die­ser In­for­ma­ti­on ist die Wi­ki­pe­dia, „Zeit“ ist nur ein Wort, ei­ne Idee.

Je­den­falls, man tut in all der Zeit flir­ten, und zwar mit­hil­fe von Bli­cken und Be­we­gung, es wird per zu­cken­dem Fleisch non­ver­bal kom­mu­ni­ziert. Ab und an schaut man nach Da­nie­la und Jens, die ha­ben of­fen­sicht­lich kei­ne Kraft mehr, hängen im Chil­lout-Be­reich ab, quat­schen. Mögen die sich? Man, was ’ne Nacht. Kin­der. Ver­dräng es, tanz du Spacko, grübel nicht! Nicht, dass Jens sie noch ab­schleppt. Nee, das würde der nicht ma­chen. Kein Stress we­gen Frau­en un­ter Freun­den. Na ja, „Freun­de“. Al­ter, plötz­lich voll der Abtörn. Es wird kei­nen Fei­er­or­gas­mus ge­ben, be­vor hier „Klar­heit“ herrscht. Ich muss mit dem Neh­scher la­bern. Jetzt.

*

Sonn­tagnach­mit­tag, Staf­felüber­ga­be, der Ort der La­ge­be­spre­chung ist die Welt­haupt­stadt Ger­ma­nia. Wie die Zeit ver­geht, es wird im Ge­schichts­buch nun ge­blättert von der glor­rei­chen Ei­sen­zeit der ol­len Ger­ma­nen und Wi­kin­ger und Kel­ten in die Ge­gen­wart zu den tol­len Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Zi­tat oh­ne Gänsefüßchen: Ein drit­tes Reich muß an­er­kannt wer­den. Was zu die­sem gehört, stimmt mit den Vor­stel­lun­gen dar­in übe­rein, daß es nicht mit den Sin­nen wahr­ge­nom­men wer­den kann, mit den Din­gen aber dar­in, daß es kei­nes Trägers be­darf, zu des­sen Be­wußtseins­in­hal­te es gehört. Die Quel­le des Zi­tats ist Gott­lob Fre­ge. Pla­gi­at: Der Sinn ei­nes Sat­zes ist nach Fre­ge der durch ihn aus­ge­drück­te „Ge­dan­ke“. Die­ser Ge­dan­ke ist als ob­jek­ti­ver In­halt zu ver­ste­hen; Fre­ge wehrt sich aus­drück­lich da­ge­gen, den Ge­dan­ken mit ei­ner bloßen „Vor­stel­lung“ gleich­zu­set­zen. Nach Frut­ten-Fre­ge er­fas­sen al­le, die einen Satz ver­ste­hen, den­sel­ben Ge­dan­ken, nichts­de­sto­we­ni­ger können sie doch un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen ha­ben. Abtörn?

Na ja. Reichs­pro­pa­gan­da­lei­ter Ca­putt­nik trifft je­den­falls nun Ge­ne­ral Raff­nix von Stauf­fen­berg in ei­ner Toi­let­te des Führer­haupt­quar­tiers im Ost­gut. Die Ka­bi­nen sind mit Ab­la­gen auf Brusthöhe aus­ge­stat­tet, Spe­zi­al­an­fer­ti­gun­gen auf be­son­de­ren Wunsch des Führers. Ich kni­cke ’nen Flyer und kip­pe ein we­nig vom Pepp rein. Man ist Dr. Theo­dor Gil­bert Mo­rell, man ver­ord­net Per­vi­tin in an­ge­mes­sen ho­her Do­sie­rung, dul­det kei­ne Wi­der­re­de, an­ders ist die­ser Krieg ge­gen den Schlaf, ge­gen die Bürger­lich­keit nicht zu ge­win­nen.

„Hör ma Keu­le“, sag ich.

Von draußen wum­mert gedämpft der Berg­hain-Bass in un­se­ren Lust­schutz­raum – so muss das ge­klun­gen ha­ben, als ’45 die Rus­sen vor Ber­lin, vorm Führ­er­bun­ker stan­den. Mein rech­ter Fuß stampft im Takt auf den ver­siff­ten Bo­den der Ka­bi­ne, auf Klo­pa­pier, Pis­se, Kon­do­me, wir sind die Moor­sol­da­ten, mei­ne Brust ein Seuf­zer deh­net, weil ich in mir selbst ge­fan­gen bin. Ich rei­che Jens ’nen zu­sam­men­ge­roll­ten Fünfer und den Flyer mit sei­ner zer­brösel­ten Pan­zer­scho­ko­la­de.

„Dan­ke“, sagt er. „Was geht. Was woll­tes­te denn so drin­gend los­wer­den?“

„Na ja. Zieh erst mal.“ Ich druck­se rum. Komm Ca­putt­nik, du Voo­chel, komm aufn Punkt, sonst ist die Ost­gut­front endgültig ver­lo­ren. Von draußen hämmert je­mand ge­gen die Bun­kertür. „Warts ab!“ schrei ich und wen­de mich Ka­me­rad Jens wie­der zu. „Al­so, du und Da­nie­la, ihr seid doch eh nich mehr so am Fei­ern. Ich wollt nur sa­gen … na ja … je­den­falls …“

Komm zur Sa­che man. Ich mach ja schon, ich mach ja schon.

„Hör zu Keu­le. Wenn du mit Da­nie­la ab­zie­hen willst, ich hab nix da­ge­gen Al­ter, oh­ne Scheiß. Al­so nicht falsch ver­ste­hen, aber so, wie ihr da die gan­ze Zeit rum­sitzt und nicht mehr fei­ert. Ich mein … ernst­haft. Sie is halt ein­fach nicht so mein Typ, ver­stehs­te.“

Jens gafft mich er­staunt an, Speed rie­selt aus sei­ner Na­se, er schniefts hoch, hus­tet und hält mir den Flyer hin. Ich leg die nächs­te Bahn zu­recht und la­ber wei­ter Scheiße. „Echt nich. Is mir im Horst schon klar­ge­wor­den. Nicht nur we­gen dem Kind, das hatt ich dir ja vor­hin schon erzählt. Ich mei­ne, ja auch we­gen dem Kind, klar … Aber nicht nur. Ein­fach nicht mein Typ Frau, nicht mein Beu­te­sche­ma. Ich bin kein MILF-Hun­ter, ver­stehs­te?“ Ich knuff ihn, la­che, er lacht nicht mit.

„Lass mich ma pis­sen“, sagt er.

Man glotzt an­ge­wi­dert nach un­ten, im Berg­hain gibts kei­ne Klo­de­ckel. Je­mand hat ’ne Rol­le Toi­let­ten­pa­pier in den Thron ge­hau­en, an­de­re ha­ben drauf­ge­pisst und rein­ge­schis­sen. Übels­te Ver­stop­fung. Jens will sei­nen schwarz-weißen Prügel aus­pa­cken und pin­keln.

„Al­ter, war­te ma, lass mich mal noch schnell mei­ne Bahn zie­hen. Ver­stehs­te, was ich mei­ne? Wär echt kein Pro­blem, von mei­ner Sei­te aus, wirk­lich.“

Was will ich Voll­horst ihm ei­gent­lich da­mit sa­gen? Kein Ding Al­ter, du darfst sie vögeln? Ich über­ge­be sie dir hier­mit fei­er­lich, von Freund zu Freund? Willst du ein Ge­schenk? Ca­putt­nik, man Al­ter, wie ar­cha­isch ist das denn? Raffst dus über­haupt noch? Schnau­ze. Ich will steil­ge­hen, und zwar rich­tig! Ich zie­he mei­ne Bahn, pa­cke mei­nen Stuff wie­der ein.

„Ich war­te draußen“, sag ich zu ihm. „Mach hin­ne.“

Die Sa­che ist die, dass ein ge­wis­sen­haf­ter SS-Of­fi­zier die Eh­re und die Pflicht hat, sein ari­sches Erb­gut an wa­cke­res Le­bens­born-Weib wei­ter­zu­ge­ben, um den Er­halt der nor­di­schen Ras­se zu si­chern. Die­ser blon­de, blauäugi­ge, rein­ras­si­ge Neh­scher Jens soll mir gefälligst mal dank­bar für mein Ge­schenk sein. Ist er si­cher auch. Denn hal­be Stun­de später, Küss­chen links, Küss­chen rechts, sind Jens und Da­nie­la tatsächlich ab­ge­dampft. Hof­fent­lich se­he ich die­se völki­sche Gebärma­schi­ne Da­nie­la so schnell nicht wie­der. Wich­tig ist jetzt nur eins: Ich bin end­lich al­lein auf die­ser technösen We­wels­burg, ich kann mich jetzt voll­kom­men ge­hen las­sen. Dark­room?

Nö, Gren­zer­fah­rung. Es wird im Fol­gen­den ge­ra­ckert, ge­schich­tet, ma­locht, das Berg­hain ist ein Kraft­werk, ei­ne Waf­fen-SS-Schmie­de, auf dem Am­boss liegt Ca­putt­nik. Er glüht, wird gehämmert und ge­formt, wird täto­wiert, ge­pierct, ver­heizt. Man fei­ert den Beat bis zur Ver­ga­sung, ein ok­kul­ter SS-Pries­ter legt krass, kei­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te, Tech­no oh­ne Gna­de. „Каждый по-своему сходит с ума“ raunt Väter­chen Frost, das fet­tes­te So­und­sys­tem der Welt drischt mir den letz­ten Rest Lie­be bei er­bar­mungs­lo­sen 140 bpm aus den Zel­len. Ich leh­ne an der Bo­xen­wand, mei­ne Oh­ren, mein Leib, al­les taub, al­les wund, al­les schwitzt und ei­tert und blu­tet.

Don’t for­get to go ho­me. Ich kann nicht, muss noch blei­ben, tu plan­los von ei­nem En­de des Clubs zum an­de­ren steu­ern, im­mer hin und her, von hier nach da, von oben nach un­ten. Ich tu Club Ma­te kau­fen, tu Kip­pe rau­chen, tu Bähn­chen zup­peln, tu wei­ter­steu­ern, tu End­los­schlei­fe. Mei­ne Kie­fer mal­men, Mun­dab­schiss, man muss trin­ken, trin­ken muss man, Was­ser, kal­tes, kla­res Was­ser, Was­ser mit Zu­cker, Was­ser mit Al­ko­hol, Was­ser mit Was­ser. Ich chil­le im hin­te­ren Teil der Pan­ora­ma Bar, be­ob­ach­te die Bar­kee­per, be­ob­ach­te die Leu­te, schau mir die Ro­set­te auf dem rie­sen Fo­to an der Wand an. Die Mu­schi hat mir bes­ser ge­fal­len. Ne­ben mir So­phia, die Wicked Witch of the West, sie flüstert drei­mal hin­ter­ein­an­der „Mu­schi“ in mein Ohr, hex hex, ich wer­de sehr rot, hof­fent­lich sieht es nie­mand. Es ist Sonn­tagnach­mit­tag, die Schlacht, mein Kampf ge­gen den Ra­ve, ist ver­lo­ren. Mein Amph.

Nur noch ’ne hal­be Stun­de, viel­leicht kommt dann die Ener­gie wie­der, ein neu­er Schub, der End­sieg. Ich steu­er rum wie Klump­fuß-Go­eb­bels, wie der Führer mit derb zit­tern­der Hand auf dem Rücken, das Pepp knallt nicht mehr, kann man rup­pen, so viel man will. Man hat es übert­rie­ben, mal wie­der, man soll­te sich end­lich auf den Weg nach Hau­se ma­chen. Der un­te­re Floor wird zer­stampft wie eh und je, die Schwup­pen gaf­fen und gie­ren, sie wol­len mich ver­na­schen, sie wol­len mich in den Dark­room zer­ren. Ich bin ängst­lich, bin in­ter­lek­tu­ell, mein Na­me ist Karl mit C, ich muss jetzt drin­gend in die Bi­blio­thek. Koh­le ist auch fast al­le, noch zehn Eu­ro am Start. Hun­ger. Ich rau­che, dann sind die Kip­pen aus, al­les Dreck, al­les scheiße, al­les al­le.

Ei­ne Stun­de später don­nert Sven Mar­quardt die Krupp­stahltür hin­ter mir zu, ich bin draußen. Es ist Sonn­tag­abend, die schwar­ze Son­ne geht un­ter, Vögel zwit­schern, übels­ter Tin­ni­tus. Ei­ne fünfköpfi­ge Fa­mi­lie auf Sonn­tags­spa­zier­gang steu­ert fröhlich an mir vor­bei. Ich bin nun ein­ge­ker­kert, ein­gebürgert in einen Spitz­weg. Die Stra­fe be­ginnt.

 

Das ganze Buch downloaden …